LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die drei Brüder und der Hüne

[von Josef Haltrich]

In der alten Zeit lebte einmal ein Schäfer, der hatte drei Söhne und eine große Herde Schafe. Jeder von den Söhnen musste abwechselnd einen Tag lang die Herde hüten. Wer gerade nicht auf die Weide musste, arbeitete daheim mit dem Vater.

Als der Alte dann im Sterben lag, ermahnte er seine Söhne, die Herde niemals zu teilen. Das versprachen sie und hielten es auch getreulich. Dann geschah es, dass in einem dürren Jahr die Herde nicht ausreichend Futter fand. Da sprach der jüngste und kleinste Bruder: "Lasst uns auf die andere Seite des großen Waldes ziehen. Dort soll es eine ungeheure Wiese geben, immer grün und unbeweidet." Die anderen war einverstanden, und so zogen sie sieben ganze Wochen lang durch den Wald.

Endlich kamen sie an den Waldrand und erblickten wirklich eine schöne Wiese. In weiter Ferne aber sahen sie ein Schloss. Hier wohnte ein mächtiger Hüne, der sich für den Herrn der ganzen Gegend hielt, so weit man alles übersehen konnte. Die drei Schäfer blieben einige Tage ungestört und freuten sich über die fette Weide.

Zwei Brüder bauten jetzt in der Nähe des Waldes an einer Hütte, während der dritte die Schafe hütete, sie melkte und Käse bereitete. So ging es Tag für Tag, reihum.

Eines Tages aber, als der Älteste wieder die Schafe hütete, sah er zu seinem Schrecken eine große Gestalt vom Schlosse her kommen. Es schien, als ob sich ein Berg bewege, dabei war es der mächtige Hüne. Dieser hatte schon seit einigen Tagen aus dem Fenster geschaut und gesehen, dass sich auf seiner Wiese kleine Tierchen wie Milben regten. Er hatte seinen Augen aber nicht recht getraut, und wollte es nun genauer ansehen.

Der Hüne machte nur ein paar Schritte, da stand er schon vor dem armen Schafhirten, der wie Espenlaub zitterte. "Ha, du kleiner Wicht!", fuhr der Hüne ihn an. "Bist du der Verwüster meiner Felder? Warte, das sollst du mir bezahlen!" Der Schäfer fiel von der gewaltigen Stimme zu Boden, denn es war, als wenn ein Sturmwind brauste. Endlich sprach er mit Zittern: "Herr, wir sind drei Brüder und sind erst vor einigen Tagen hierher gekommen. Wir wussten nicht, dass dieses Land jemandem gehört!" "So, drei Brüder seid ihr? Nun, ich will es gelten lassen. Gut, dass ich euch jetzt kenne, dann können wir ja Freundschaft schließen. Doch jetzt ist es Zeit für ein kleines Frühstück!"

Der arme Schafhirte musste sieben Schafe schlachten, die der Hüne sogleich verschlang. Dann trank der Hüne alle Milch, die in sieben Eimern dastand, und aß zuletzt noch sieben Käse. Als er satt war, sprach er zum Hirten: "Es hat mir wohl geschmeckt. Morgen sollst du mich zum Frühstück im meinem Schloss besuchen. Und wehe dir, wenn du nicht kommst!" Damit wandte er sich um, und war mit nur wenigen Schritten in seinem Schlosse verschwunden.

Kaum hatte sich der arme Hirte vom Schrecken erholt, trieb er die Herde zur Lagerstätte, wo seine Brüder waren. Diese waren nicht wenig entsetzt, als sie die Geschichte erfuhren. Aber was war zu tun ? Zurück konnten sie nicht, denn der Hüne hätte sie eingeholt. Am anderen Morgen sprachen die beiden jüngeren Brüder dem ältesten Mut zu. Sie sagten, er solle nur getrost zum Hünen gehen, denn auch diese Kerle hätten ja bisweilen ein warmes Herz. Vielleicht werde ihm ja nichts geschehen. Und so ging der älteste, obwohl es ihm nicht recht war.

Als er ankam, stieg er im Schloss die ungeheure Treppe hinauf und fand den Hünen im Bette liegen. Er war gerade aufgewacht und sprach: "Geh hinaus, mache Feuer unter den großen Kessel und sage es mir, wenn das Wasser kocht." Der Arme tat, was ihm befohlen wurde. Als das Wasser kochte, stand der Hüne auf, hob den Kessel vom Feuer und sprach zum Hirten: "Fühle mal, ob es auch heiß genug ist!" Und als der Hirte sich bückte, riss der Hüne ihm den Kopf ab und warf diesen auf den Hausboden. Den Körper aber tat er in den Kessel und hängte diesen wieder über das Feuer. Kaum hatte er den Hirten verspeist, nahm der Hüne seinen baumgroßen Stab und ging wieder zur Schafherde.

Dieses Mal war der mittlere Bruder bei der Herde. Der Hüne fragte: "Bist du ein Bruder von dem, der heute zu mir gekommen ist?" "Ja", stammelte der Hirte ängstlich. "Wohlan, schlachte mir sieben Schafe und sorge für sieben Eimer Milch und sieben Käse, denn ich habe schlecht gefrühstückt." Heißhungrig verschlang der Hüne wieder sieben Schafe, trank die Milch in sieben Zügen und ließ die sieben Käse wie Haselnüsse in seinem Mund verschwinden. "Dein Frühstück hat mir geschmeckt", sagte der Hüne. "Komme morgen auch zu mir, aber wehe dir, wenn du nicht erscheinst!" Damit entfernte er sich wieder, und der Hirte trieb die Schafe schnell zur Lagerstätte zurück.

"Wehe uns", sagte er zum jüngsten Bruder, "der Hüne hat gewiss unseren Bruder umgebracht, und jetzt bin ich an der Reihe." Der Jüngste musste dem Bruder am anderen Morgen sehr zureden, bis er sich entschloss, zum Hünen zu gehen. Er tat es mit Zittern und Zagen, und es sollte ihm dort gerade so wie ältesten Bruder ergehen.

Der Jüngste war mit den Schafen schon lange auf der Weide, da erschien auf einmal der fürchterliche Hüne und sprach mit seiner Polterstimme: "Na, du kleiner Zwerg, bist du auch ein Bruder von denen, die zu mir gekommen sind?" Der kleine Hirte flog durch das stürmische Gebrüll bis zu einer Dornhecke, wo er sich mühsam festhalten konnte. Dort rief er: "Ja, ich bin der Jüngste, aber brülle nicht so laut, sonst fallen mir noch die Ohren ab!" Der Hüne hielt sich den Bauch vor Lachen und sprach: "Du armer Wicht! Aber nun schlachte mir auf der Stelle sieben Schafe und versorge mich mit Milch und Käse, denn ich bin verteufelt hungrig!" "Muss das gerade jetzt sein, Herr Fleischberg?", erwiderte der Hirte. "Sofort, du kleiner Knirps", drohte der Hüne, "sonst zerquetsche ich dich zwischen meinen Fingern und presse dir den Saft aus."

Der Junge sah, dass der Kerl keinen Spaß verstand, und schlachtete die Schafe, ohne sich zu beeilen, und stellte sieben Eimer Milch und sieben Käse hin. Als der Hüne alles verschlungen hatte, sprach er: "Morgen früh bist du zum Frühstück bei mir auf dem Schlosse, und wehe dir, wenn du ausbleibst!" "Keine Sorge, ich komme!", rief der Junge trotzig. "Warte nur, du einfältiger Hüne", dachte er, "deine Stärke soll dir nicht helfen!"

Bei der Herde waren auch drei starke Hunde, die es mit jedem Wolf aufnehmen konnten. Der eine hieß Siehegut, der andere Höregut, der dritte Packegut. Sie waren so abgerichtet, dass sie jeden Wink befolgten. Der junge Hirte nahm nun sieben Schafsfelle, befreite sie von der Wolle und nähte sie zu einen Trichter mit zwei Löchern zusammen. Als er fertig war, rief er seine Hunde und ging ganz früh ins Schloss. Der Hüne schlief noch ganz fest und schnarchte so gewaltig, dass zwei Pappeln, die vor dem Fenster standen, sich mächtig bogen. Der Junge ließ die Hunde draußen vor dem Schloss und ging leise hinein.

Wie er die Türe öffnete, schöpfte der Hüne eben Atem und zog damit den Kleinen wie eine Flaumfeder an. Dann stieß er wieder den Atem aus und schleuderte ihn bis zur Türe zurück. Da hielt sich der Junge am Türpfosten fest und schrie aus voller Kraft: "Herr Faulpelz, ist das Frühstück fertig? Ich bin schon da!" Der Hüne rieb sich die Augen und wusste nicht, was los war. Da erblickter er den Jungen an der Türe und sprach: "Weckt man so einen alten Freund? - Nun ja, wenn du schon mal hier bist, dann mache Feuer unter dem großen Kessel und rufe mich, wenn das Wasser kocht!" "Schon gut, schon gut", erwiderte der Junge und ging hinaus. Der Hüne schlief aber gleich wieder ein.

Schnell brachte der Junge das Wasser zum Kochen. Dann nahm er seinen Felltrichter und einen großen Topf mit siedendem Wasser, und schlich ganz leise und gebückt zum Hünen, damit er ihn nicht zurückschnaufen konnte. Nun hielt der Junge rasch den Trichter über die beiden Augen des Hünen und goss das siedende Wasser auf einmal hinein. Hui, wie der Hüne gleich aufsprang und entsetzlich raste, denn sein Augenlicht war dahin.

Der Junge war schnell zur Türe geeilt und rief: "Na, wie schmeckt dir dieses Frühstück, du übler Geselle? Ganz schön heiß, nicht wahr?" Der Hüne fasste gleich in die Richtung, aus der die Stimme kam, doch der Junge war schon die Treppe hinunter. Der Hüne torkelte blindlings hinterher und plumpste die Treppe hinunter, dass es wie bei einem Bergsturz krachte.

Unten im Schloss war aber ein großes Zimmer, worin viele Nüsse aufgehäuft waren. Der Junge ging hinein, wühlte in den Nüssen und warf sie mal hierhin und mal dorthin an die Wand. Der Hüne griff mit seinen langen Armen nach jedem Gepolter, doch der Junge wusste sich zu hüten und lachte nur über den Hünen. Danach schlich der Junge ins Freie hinaus und lockte den Hünen wieder mit Schmähungen zu sich. Dann sprang er wie ein Grashüpfer von einer Stelle zur anderen und rief: "Hier bin ich! Nein, hier bin ich!" Der Hüne mühte sich scheinbar hilflos ab, doch er war listiger als gedacht. "Siehe", sprach der Hüne, "ich habe hier einen goldenen Ring. Den schenke ich dir, wenn du mich endlich in Frieden lässt." Der Hüne nahm den Ring vom kleinen Finger und warf ihn auf den Boden. Der Junge sah den Ring im Gras liegen, schlich heran, und schob den Ring über seine Hand. Kaum hatte er das getan, konnte er sich nicht von der Stelle rühren und rief: "Oh weh!" Der Hüne hörte es und hatte den Jungen nun schnell am Kragen.

Der Hüne schüttelte den Jungen jetzt zornig hin und her, worauf der goldene Ring von der Hand des Jungen abglitt und im hohen Bogen in einen See fiel, der nicht weit weg war. Der Hüne merkte es nicht und warf den Jungen unbedacht zu Boden. Geschwind rappelte sich der Junge auf, schlich sich um den See herum und rief: "Hier bin ich! Hier bin ich, du Rübennase!" Der Hüne hörte die Stimme in der Ferne und lief mitten in den See hinein. Schon bald reichte ihm das Wasser bis an den Mund, da blieb er auch noch stecken. "Jetzt habe ich dich!", rief der Junge. "Wenn du mir nicht gleich meine Brüder gibst, bleibst du bis zum Jüngsten Tag hier stecken!"

Diese Aussicht schmeckte dem Hünen ganz und gar nicht, und er sprach: "Deine Brüder habe ich gefrühstückt. Ihre Häupter liegen aber noch auf dem Hausboden. Nimm das Ei, das neben den Häuptern liegt, und auch die Rute. Berühre die beiden Häupter am Halse dreimal mit dem Ei und schlage mit der Rute dreimal darüber, so werden sie wieder lebendig sein!" "Ich werde gleich sehen, ob du die Wahrheit sprichst", erwiderte der Junge und lief zum Schlosse.

"Auf, auf, Siehegut, genug gewartet. Jetzt suche meine beiden Brüder!" Der Hund lief gleich voran, durchstöberte alle Winkel auf dem Schlossboden und kam zu den Häuptern, wo auch das Ei und die Rute lagen. Der Junge tat, wie ihm der Hüne gesagt hatte, und alsbald standen seine Brüder verwundert vor ihm und wussten nicht, wie ihnen geschehen war. Sie fühlten nur einen kleinen Schmerz im Nacken, sonst waren sie gesund. "Freut euch", sprach der Jüngste, "ihr seid erlöst. Nun kommt mit mir!" Da gingen sie hinaus, und er zeigte ihnen den Hünen, wie er im Seesumpf steckte.

"Du hast für dieses Mal wahr gesprochen", rief der Junge. "Aber jetzt sage mir, lebt denn keine weitere Seele im Schlosse?" Da log der Hüne, ohne mit der Wimper zu zucken, und sprach: "Nein!" Denn er hatte im tiefen Keller viele Gesellen, die er unter Schloss und Riegel hielt, weil sie so bösartig waren. Der Hüne dachte bei sich: "Wenn du hier aus dem See heraus bist, wirst du die Tür zum Keller schon finden, auf dass die bösen Gesellen herauskommen und diese kleinen Wichtel erschlagen." Aber seine Lüge half ihm nichts, denn der Junge sprach: "Erst will ich mich überzeugen, ob du die Wahrheit sprichst. Siehegut, Höregut, Packegut, auf zum Schloss!"

Siehegut lief überall umher, fand aber nichts. Nur einmal sahen sie, wie Höregut an einer kleinen Fensteröffnung horchte. Die Brüder eilten hin und legten sich aufs Ohr und vernahmen ein dumpfes Toben und Fluchen. Nun zündeten sie Fackeln an und stiegen eine Treppe hinab, die Hunde voran. Auf einmal kamen sie an eine mächtige Türe, an der ein gewaltiges Schloss hing. Vom Aufmachen konnte keine Rede sein, aber da dachte der Jüngste an die Rute, mit der er seine Brüder lebendig gemacht hatte. Siehegut musste gleich laufen und die Rute bringen.

Kaum hatte der Junge damit das Schloss berührt, sprang die Türe auf. Was für ein Entsetzen! - Sie erblickten grässliche Hünengestalten, die miteinander zankten, wen sie als Nächsten umbringen sollten, denn sie konnten den Hunger nicht mehr ertragen. Als sie nun die Menschen erblickten, sprangen sie zur Türe: "Ha", rief der Vorderste, "ihr kommt gerade recht. Das wird ein feiner Happen!" Da rief der Junge: "Packegut!" Der Hund warf sich auf den ersten Hünen, worauf sich die anderen zurückhielten. Da rief der Junge wieder: "Packegut, zurück!" Der Hund sprang hinaus und die drei Brüder warfen die mächtige Türe schnell wieder zu. Dann gingen sie zu dem Hünen im See.

"Oh, du schändlicher Lügner!", rief der Junge. "Wir wissen wohl, dass deine Gesellen im Schlosskeller sind. Da sollen sie für immer bleiben! Wenn du aber dein Leben retten willst, so sage mir, wo der Schatz im Schloss verborgen ist!" Der Hüne sah ein, dass seine Macht gebrochen war und sprach: "Nie und nimmer sollt ihr erfahren, wo der Schatz ist. Da bleibe ich doch lieber auf ewig hier stecken!" Und so geschah es auch.

Die drei Schafhirten waren nun die Herren auf dem Hünenschloss und lebten dort in bester Geselligkeit. Ihre Herden mehrten sich, und ihr Reichtum und ihre Macht waren bald so groß, dass auch ferne Kaiser und Könige gerne zu Besuch kamen. Den verborgenen Schatz haben sie im Schlosse aber nie gefunden. Wie es aber dem Hünen im See und den Gesellen im Schlosskeller ergangen ist, das ist eine andere Frage. Darauf weiß ich beim besten Willen nicht zu antworten.

Dieses Volksmärchen von Josef Haltrich (1822-1886) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt.

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