LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die Errettung Fatmes

[von Wilhelm Hauff]

Mein Bruder Mustapha und meine Schwester Fatme waren beinahe in dem gleichem Alter. Sie liebten einander innig und taten alles, was unserem Vater die Last seines Alters erleichtern konnte.

Zum sechzehnten Geburtstag von Fatme veranstaltete Mustapha ein großes Fest. Als es dann Abend wurde, führte er die ganze Gesellschaft auf eine festlich geschmückte Barke, um ein wenig auf die See hinauszufahren. Fatme und ihre Gespielinnen willigten mit Freuden ein. Es gefiel ihnen so gut, dass sie weiter hinauszufahren wollten. Mustapha tat es aber nur ungern, weil vor einigen Tagen ein Korsar gesichtet worden war.

Als die Barke nun einen die Spitze eines Felsvorsprungs erreichte, sahen sie in geringer Entfernung ein Schiff, das mit Bewaffneten besetzt war. Mein Bruder Mustapha befahl den Ruderern, die Barke dem Lande zuzurudern, doch das Korsarenschiff kam immer näher. Die Mädchen auf der Barke schrieen vor Angst und stürzten sich alle auf die antere Seite, worauf die Barke umschlug. Dieses Unglück hatte man vom Lande aus beobachtet, und mehrere Boote stießen sogleich vom Lande ab, um den Schiffbrüchigen beizustehen.

In der Verwirrung war das feindliche Korsarenschiff entwischt. Auf den Rettungsbooten war man sich aber nicht sicher, ob wirklich alle gerettet seien. Man schaute herum und fand, dass meine Schwester Fatme und eine ihrer Gespielinnen fehlten. Dafür entdeckte man aber einen Fremden an Bord, den niemand kannte. Mustapha drohte ihm, worauf dieser gestand, dass er zu dem feindlichen Schiff gehöre. Seine Gefährten hätten ihn im Stich gelassen, als er die beiden Mädchen aus dem Wasser hob. Auch sagte er, dass die Mädchen jetzt auf dem Korsarenschiff seien.

Der Schmerz meines alten Vaters war grenzenlos, und mein Bruder Mustapha machte sich große Vorwürfe, denn jene Gespielin, die Fatmes Unglück teilte, war ihm als Braut bestimmt. Mein Vater ließ Mustapha zu sich kommen und sprach: "Deine Torheit hat mir die Freude meines Herzens geraubt. Dafür muss ich dich auf ewig verbannen. Ich verfluche dich und deine Nachkommen. Doch wenn du mir Fatme wiederbringst, soll dein Haupt rein gewaschen und der Fluch des Vaters nichtig sein."

So viel Hass hatte mein armer Bruder nicht erwartet. Er hatte sich ja schon entschlossen, die Schwester und ihre Freundin zu befreien. Darum ließ er sich zu dem gefangenen Seeräuber bringen und fragte ihn, wohin das Korsarenschiff fahre. So erfuhr er, das die Seeräuber ihre Sklaven gewöhnlich in Balsora auf dem großen Markt verkauften.

Als Mustapha dann wieder nach Hause kam, schien sich der Zorn des Vaters ein wenig gelegt zu haben, denn er gab ihm einen Beutel mit Gold für die Reise. Mein Bruder nahm weinend Abschied von den Eltern seiner geliebten Braut, die Zoraides hieß, und machte sich auf den Weg nach Balsora.

Am Abend des vierten Tages, als er ganz allein seiner Wege ritt, begegneten ihm plötzlich drei Männer. Mein Bruder merkte gleich, dass sie gut bewaffnet und stark waren und hielt es für gescheiter, sich zu ergeben. Die drei Räuber stiegen von ihren Pferden ab und banden ihm die Füße unter dem Bauch seines Pferdes zusammen. Dann nahmen sie ihn in die Mitte trieben ihre Pferde an.

Mustapha und seine Begleiter mochten wohl eine Stunde geritten sein, als sie in ein kleines Seitental einbogen. Dort sah er etwa zwanzig aufgeschlagene Zelte. An den Pflöcken der Zelte waren Kamele und schöne Pferde angebunden. Die drei Räuber banden ihn nun los und führten ihn in ein Zelt, das im Innern hübsch aufgeputzt war. Goldbestickte Polster, edle Fußteppiche und vergoldete Rauchpfannen ließen Reichtum und angenehmes Leben erahnen.

Auf einem der Polster saß ein alter kleiner Mann. Sein Gesicht war hässlich, seine Haut schwarzbraun und glänzend, und eine tückische Schlauheit blitzte aus seinen Augen. "Wo ist der Starke?", fragten die drei Räuber. "Er ist auf der Jagd", antwortete der kleine Mann, "aber er hat mir aufgetragen, seine Stelle einzunehmen."

"Das ist nicht gut", erwiderte die Räuber, "Der Starke muss sich bald entscheiden, ob er diesen fremden Hund hier sterben lassen will. Das kann nur der Starke entscheiden." Der kleine Mann stand auf und holte mit seiner Hand weit aus. Er schien große Lust zu haben, sich mit einen Schlag zu rächen. Als er aber sah, dass es ihm an Körpergröße mangelte, fing er wie ein Rohrspatz an zu schimpfen.

Da tat sich auf einmal die Türe des Zeltes auf, und ein hoher, stattlicher Mann trat herein. Er war jung und schön wie ein Perserprinz. "Wer wagt es, in meinem Zelt Streit anzufangen?", rief er den Erschrockenen zu. Eine Zeit lang herrschte Stille. Doch dann erzählte einer von Mustaphas Begleitern, was sich zugetragen hatte. Da wurde das Gesicht des Starken, wie sie ihn nannten, rot vor Zorn. "Wann habe ich dich je an meine Stelle gesetzt, Hassan?", schrie er den kleinen Mann mit furchtbarer Stimme an. Dieser zuckte zusammen und schlich sich zur Zelttüre. Ein mächtiger Tritt des Starken machte, dass er im hohen Bogen zur Zelttüre hinausflog.

Als der Kleine verschwunden war, musterte der Starke den Gefangenen und sprach: "Bassa von Sulieika! Dein Gewissen wird dir schon sagen, warum du nun vor Orbasan stehst." Als mein Bruder dies hörte, warf er sich nieder und antwortete: "Oh Herr! Du bist im Irrtum. Ich bin nicht der Bassa!"

Alle im Zelt waren über diese Rede erstaunt. Der Herr des Zeltes aber sprach: "Es kann dir wenig helfen, dich zu verstellen. Ich will dir die Leute vorführen, die dich wohl kennen." Da befahl Orbasan, die alte Zuleima vorzuführen, und man brachte ein altes Weib in das Zelt. Sie sah meinen Bruder und sagte: "Jawohl, das ist der Bassa von Sulieika. Ich schwöre es beim Grab des Propheten."

Nun sank meinem armen Bruder der Mut. "Das ist der Fluch meines harten Vaters, der mich zum schmachvollen Tode treibt", rief er weinend, "Was soll nur aus meiner Schwester und meiner geliebten Zoraide werden?" "Deine Verstellung hilft dir nichts", sprach einer der Räuber und band ihm die Hände auf den Rücken. "Mach schon, dass du hier aus dem Zelte kommst! Der Starke beißt sich schon auf die Lippen und blickt nach seinem Dolch. Wenn du noch eine Nacht leben willst, so komm!"

Als man meinen Bruder aus dem Zelt führen wollte, kamen aber andere Räuber, die einen Gefangenen vor sich hertrieben. "Wir bringen den Bassa, wie du uns befohlen hast", sprachen sie und führten den Gefangenen vor das Polster von Orbasan. Der Gefangene sah meinem Bruder täuschend ähnlich. Nur im Gesicht war er viel dunkler.

Orbasan zeigte sich sehr erstaunt. "Wer von euch ist denn jetzt der wahre Bassa?", sprach er, indem er bald meinen Bruder, bald den anderen Mann ansah. "Wenn du den Bassa von Sulieika meinst, dann bin ich es", antwortete der zweite Gefangene in stolzem Ton. Orbasan sah ihn lange grimmig an. Dann winkte er schweigend, den Bassa wegzuführen.

Orbasan ging nun auf meinen Bruder zu, zerschnitt seine Fesseln mit dem Dolch und winkte ihm, sich auf ein Polster zu setzen. "Es tut mir Leid, Fremdling", sagte er, "dass ich dich für den grässlichen Bassa hielt." Daraufhin erzählte er meinem Bruder alles und überredete ihn, die Nacht über als Gast in seinem Zelte zu bleiben. Mein Bruder schlug ein, wurde vortrefflich bewirtet und schlief bis zum Morgen im Zelt des Räubers.

Als Mustapha aufwachte, war er ganz alleine im Zelt. Vor dem Zelt hörte er aber zwei Stimmen. Es waren Orbasan und der kleine Mann. Mein Bruder lauschte ein wenig und hörte zu seinem Schrecken, dass der Kleine immer wieder forderte, den fremden Gast zu töten. Er könne das Räuberlager ja verraten. "Nein", sprach Orbasan, "er ist mein Gast, und das Gastrecht ist mir heilig. Auch sieht er mir nicht aus, als wolle er uns verraten."

Als Orbasan so gesprochen hatte, schlug er den Vorhang des Zeltes zurück und trat ein. "Friede sei mit dir, Mustapha!", sprach er, "lass uns den Morgentrunk kosten, und rüste dich zum Aufbruch!" Er reichte meinem Bruder einen Becher Sorbet. Dann schwangen sie sich auf ihre Pferde. Orbasan erzählte nun, dass der gefangene Bassa einst versprochen habe, die Räuber auf seinem Gebiete zu dulden. Vor wenigen Wochen habe er aber einen ihrer tapfersten Männer aufhängen lassen.

Am Ausgang des Seitentales zügelte Orbasan sein Pferd, und beschrieb meinem Bruder den Weg nach Balsora. Zum Abschied sprach er: "Mustapha, du bist auf sonderbare Weise der Gastfreund des Räubers Orbasan gewesen. Du hast ungerechterweise Todesangst ausgestanden, und ich bin dir etwas schuldig. Nimm diesen Dolch hier als Andenken. Wenn du Hilfe brauchst, so sende ihn mir zurück. Ich werde eilen, um dir beizustehen."

Mein Bruder dankte ihm für seinen Edelmut und nahm den Dolch. Jetzt sprengte Orbasan wie ein Wirbelwind davon und warf noch einen Beutel im hohen Bogen auf die Erde. Mustapha ging hin und nahm den Beutel auf. Er war mit Goldstücken reich gefüllt.

Am Mittag des siebenten Tages zog Mustapha in die Tore von Balsora ein. Kaum war er in einer Karawanserei abgestiegen, fragte er nach dem Sklavenmarkt. Er bekam die Schreckensantwort, dass der Markt schon gewesen sei. Man bedauerte seine Verspätung und erzählte ihm, dass er viel verloren habe. Noch am letzten Tage des Marktes seien zwei besonders schöne Sklavinnen angekommen. Man habe sich ordentlich um sie gerissen und geschlagen, und sie seien auch zu einem hohen Preise verkauft worden. Mein Bruder erkundigte sich nun weiter, und erfuhr, dass der Mann, der die beiden Sklavinnen gekauft hatte, Thiuli heiße. Dieser sei früher Kapudan-Bassa des Großherrn gewesen. Jetzt habe er sich aber mit seinen gesammelten Reichtümern zur Ruhe gesetzt.

Mustapha wollte sich gleich wieder auf sein Pferd setzen, um dem Thiuli nachzueilen. Als er es aber recht bedachte, hatte er einen schlauen Einfall. Die Verwechslung mit dem Bassa von Sulieika, die ihm beinahe das Leben gekostet hatte, brachte ihn auf den Gedanken, unter diesem Namen in das Haus des Thiuli zu gehen. So konnte er dann unerkannt einen Versuch zur Rettung der beiden Mädchen wagen.

Er mietete einige Diener und Pferde, wobei ihm Orbasans Geld sehr zustatten kam, und machte sich fein herausgeputzt auf den Weg. Nach fünf Tagen näherte sich der Zug dem Schloss von Thiuli. Man lagerte in der Nähe, und Mustapha bestrich sein Gesicht mit dem Saft einer Pflanze, die ihm eine bräunliche Farbe gab. Nun sah er ganz wie der echte Bassa aus.

Er schickte einen seiner Diener in das Schloss und ließ im Namen des Bassa von Sulieika um ein Nachtlager bitten. Der Diener kam bald wieder, und mit ihm vier schön gekleidete Sklaven, die Mustaphas Pferd am Zügel nahmen und in den Schlosshof führten. Dort halfen sie ihm selbst vom Pferd, und vier andere geleiteten ihn hinauf zu Thiuli.

Dieser empfing meinen Bruder ehrerbietig und ließ ihm das Beste vorsetzen, was der Koch zubereiten konnte. Nach dem Essen brachte Mustapha das Gespräch auf die neuen Sklavinnen. Thiuli rühmte ihre Schönheit und beklagte nur, dass sie immer so traurig seien. Mein Bruder war sehr vergnügt über diesen Empfang und legte sich mit den schönsten Hoffnungen zur Ruhe nieder.

Er mochte ungefähr eine Stunde geschlafen haben, da weckte ihn der Schein einer Lampe. Als er sich aufrichtete, glaubte er noch zu träumen, denn vor ihm stand jener kleine Mann aus Orbasans Zelt. Er hatte eine Lampe in der Hand und sein breites Maul verzog sich zu einem widrigen Grinsen. Mustapha zwickte sich in den Arm, um sich zu überzeugen, dass er wach war. Der kleine Mann war immer noch da. "Was willst du an meinem Bette?", rief Mustapha, als er sich von dem Schreck erholt hatte. "Gib dir keine Mühe!", sprach der Kleine. "Ich habe wohl erraten, warum du gekommen bist." "Was hast du hier zu suchen?", fragte Mustapha voll Wut, weil sein Plan missraten war. "Das will ich dir sagen", antwortete der Kleine. "Ich konnte mich mit Orbasan nicht länger vertragen, und die Ursache warst du, Mustapha. Doch ich will dir zur Flucht verhelfen, wenn du mir deine Schwester zur Frau gibst. Tust du es nicht, gehe ich zu Thiuli und erzähle ihm etwas von dem neuen Bassa."

Mustapha war außer sich. Er musste das kleine Ungeheuer töten. Mit einem Sprung fuhr er aus dem Bette, um den Kleinen zu packen. Dieser ließ die Lampe schnell fallen und entwischte mit lauten Hilferufen in der Dunkelheit. Jetzt war guter Rat teuer. Die Mädchen musste er für den Augenblick aufgeben und nur an die eigene Rettung denken. Er fasste seinen Dolch und seine Kleider und schwang sich zum Fenster hinaus. Der Fall war hart, aber er fühlte, dass er sich nichts gebrochen hatte. Schnell sprang er auf, stieg über die Schlossmauer und floh in einen kleinen Wald.

Mein Bruder überlegte die ganze Nacht, was zu tun sei, und fand schließlich einen neuen Weg zur Rettung. Er ging in die nächste Stadt und forschte dort nach einem Arzt. Man riet ihm zu einem alten, erfahrenen Mann. Mustapha kaufte bei ihm ein Mittel, das einen todesähnlichen Schlaf herbeiführen konnte. Dieser Zustand ließ sich aber durch ein anderes Mittel wieder aufheben. Außerdem kaufte sich mein Bruder einen langen falschen Bart, einen schwarzen Talar und allerlei Büchsen und Kolben. Er wollte sich als reisender Arzt ausgeben und kehrte so zum Schloss des Thiuli zurück.

Dort ließ er sich als Arzt mit dem Namen Chakamanduba melden. Der prachtvolle Name klang sehr gelehrt, darum lud Thiuli ihn gleich ein, mit ihm zu speisen. Als sie sich besprochen hatten, beschloss der Alte, seine Sklavinnen von dem weisen Arzt untersuchen zu lassen. Dieser konnte seine Freude kaum verbergen, dass er jetzt seine geliebte Schwester wiedersehen sollte. Mit klopfendem Herzen folgte er Thiuli zum Serail.

Sie kamen in ein Zimmer, das schön ausgeschmückt war, worin sich aber niemand befand. "Chamballa, oder wie du heißt,", sprach Thiuli, "betrachte jenes Loch dort in der Mauer. Dort wird jede meiner Sklavinnen ihren Arm herausstrecken. Du kannst dann untersuchen, ob der Puls krank oder gesund ist." Mustapha mochte einwenden, was er wollte, zu sehen bekam er die Frauen nicht.

Thiuli zog nun einen langen Zettel aus dem Gürtel und begann mit lauter Stimme seine Sklavinnen einzeln beim Namen zu rufen. Jedes Mal kam ein Arm aus der Mauer und der Arzt untersuchte den Puls. Sechs waren schon abgelesen und sämtlich für gesund erklärt, da las Thiuli den Namen Fatme vor, und eine kleine weiße Hand schlüpfte aus der Mauer. Zitternd vor Freude, nahm Mustapha diese Hand und erklärte sie mit wichtiger Miene für krank. Thiuli war sehr besorgt und befahl, schnell eine Arznei für sie zu bereiten.

Der Arzt gehorchte und ging hinaus. Er nutze diese Gelegenheit und schrieb auf einen kleinen Zettel: "Fatme! Ich will dich retten. Du musst bereit sein, eine Arznei zu nehmen, die dich auf zwei Tage tot macht. Ich besitze aber das Mittel, das dich wieder zum Leben bringen wird. Willst du es, so sage nur, dass du den Trank nehmen wirst. Das soll mir ein Zeichen sein, dass du einwilligst."

Thiuli wartete schon ungeduldig auf den Arzt. Dieser fühlte der Kranken noch einmal den Puls und schob ihr dabei heimlich den Zettel zu. Thiuli schien in großer Sorge zu sein und fragte, wie es denn nun um den Trank stehe. Mein Bruder antwortete, die Kranke müsse sehr tapfer sein, um die übel schmeckende Medizin zu nehmen. Da hörten sie die Stimme von Fatme, wie sie sagte: "Wenn die Arznei mir helfen kann, will ich sie gerne nehmen." Und so geschah es.

Thiuli führte meinen Bruder nun in ein anderes Gemach. Er aber gab vor, draußen am See noch frische Kräuter sammeln zu müssen. Das wurde ihm gestattet und er eilte zum Tor hinaus. An dem See, der nicht weit entfernt war, zog mein Bruder seine falschen Kleider aus und warf sie ins Wasser. Er selbst aber versteckte sich.

Mustapha war kaum eine Stunde lang aus dem Schloss weggeblieben, da brachte man Thiuli die Nachricht, dass seine Sklavin Fatme im Sterben liege. Verzweifelt schickte er Boten an den See, um schnell den Chakamanduba zu holen. Die Boten kehrten aber bald zurück und erzählten, dass der arme Arzt im Wasser ertrunken sei. Sein schwarzer Talar schwimme im See, und hier und da gucke auch sein stattlicher Bart aus den Wellen hervor.

Thiuli sah keine Rettung mehr und verwünschte sich und die ganze Welt. Das half aber nichts, denn Fatme tat bald den letzten Atemzug. Nun befahl Thiuli, einen Sarg zu machen, damit man den Leichnam in das Begräbnishaus bringen könne, das abseits vom Schlosse stand. Die Träger folgten diesen Weisungen und beeilten sich, den unheimlichen Ort wieder zu verlassen.

Mein Bruder, der sich im Begräbnishaus versteckt hatte, kam hervor und zündete sich eine Lampe an. Dann zog er ein Glas hervor, das die erweckende Arznei enthielt, und hob den Deckel von Fatmes Sarg. Doch welches Entsetzen erfasste ihn, als sich beim Scheine der Lampe ganz fremde Züge zeigten! Weder seine Schwester Fatme, noch ihre Gespielin Zoraide, sondern eine ganz Andere lag in dem Sarg. Mein Bruder brauchte lange, um sich von dem neuen Schlag des Schicksals zu erholen. Er öffnete sein Glas und flößte der Fremden die Arznei ein. Sie atmete und öffnete langsam ihrer Augen.

Es dauerte eine Weile, bis sie sich an alles erinnern konnte. Dann stand sie auf und warf sich Mustapha zu Füßen. "Wie kann ich dir danken, gütiger Herr?", rief sie. "Du hast mich aus meiner schrecklichen Gefangenschaft befreit!" Mustapha unterbrach ihre Danksagungen mit der Frage, wie es denn geschehen sei, dass sie gerettet worden sei? Die Fremde sah ihn staunend an. "Jetzt wird mir meine Rettung erst klar, die mir vorher unbegreiflich war", antwortete sie. "Wisse, man nannte mich im Schloss Fatme, darum hast du mir den Zettel und den Rettungstrank gegeben."

Mustapha forderte nun die Gerettete auf, ihm von seiner Schwester und Zoraide Nachricht zu geben. So erfuhr er, dass beide noch im Schloss seien, aber nach der Gewohnheit von Thiuli neue Namen bekommen hätten. Sie hießen jetzt Mirza und Nurmahal.

Die gerettete Sklavin sah, dass mein Bruder durch diese unglückliche Fügung sehr niedergeschlagen war. Sie sprach ihm Mut zu und versprach, ihm einen Weg zu zeigen, wie er die beiden Mädchen doch noch retten konnte. Sie sprach: "Ich bin zwar erst seit fünf Monaten die Sklavin von Thiuli, aber ich habe mir das Schloss genau angesehen. Im inneren Hof des Schlosses wirst du einen großen Brunnen bemerkt haben, der aus zehn Röhren Wasser speit. Ich erinnerte mich, im Hause meines Vaters einen ähnlichen Brunnen gesehen zu haben, dessen Wasser durch eine Wasserleitung herbeiströmt. Um nun zu erfahren, ob dieser Brunnen auch so gebaut ist, fragte ich Thiuli nach dem Baumeister. ‚Ich selbst habe ihn gebaut', antwortete er. Und das Wasser kommt von einem Bach, der tausend Schritte weit weg ist. Die Wasserleitung ist so hoch wie ein Mann. Die will ich dir nun zeigen. Durch sie kannst du nachts in das Schloss gelangen und die Mädchen befreien. Aber du brauchst noch zwei Männer, um die Wachen zu überwinden."

Mein Bruder Mustapha sah sich den Bach und die Wasserleitung an und überlegte, woher er zwei oder drei treue Gehilfen bekommen könnte. Da fiel ihm Orbasans Dolch und sein Versprechen ein. Er brachte die fremde Fatme in eine sichere Stadt und eilte zu dem Ort, wo er Orbasan das erste Mal getroffen hatte. Der Räuber nahm ihn freundlich auf und Mustapha erzählte von seinen misslungenen Versuchen. Orbasan versprach sogleich Hilfe und nahm noch drei seiner tapfersten Männer mit. Sie ritten bis zu einem kleinen Wald, von wo aus man das Schloss gut sehen konnte. Dort lagerten sie, um die kommende Nacht zu erwarten.

Sobald es dunkel war, schlichen sie sich an den Bach, wo die Wasserleitung anfing. Mit Waffen und Brecheisen wohl versehen, stiegen Mustapha, Orbasan und zwei Männer hinab in die Wasserleitung. Sie sanken bis an den Gürtel ins Wasser, aber es ging gut vorwärts. Nach einer halben Stunde kamen sie an den Brunnen im Schloss und setzten ihre Brecheisen an. Die Mauer war dick und fest, doch mitvereinten Kräften hatten sie bald eine Öffnung geschaffen, um durchzuschlüpfen.

Orbasan ging voran und öffnete in einem mächtigen Turm die Türe. Dort sah er sechs schwarze Sklaven schlafend auf dem Boden liegen. Schon wollte sich Orbasan wieder leise zurückziehen, als sich in der Ecke eine Gestalt aufrichtete und um Hilfe rief. Es war der Kleine. Noch ehe die Schwarzen recht wussten, was geschah, stürzte Orbasan auf den Kleinen zu, verstopfte ihm den Mund und band ihm die Hände auf den Rücken. Dann half er, die schwarzen Sklaven zu überwältigen. Mustapha setzte einem Sklaven den Dolch auf die Brust und fragte, wo Mirza und Nurmahal wären, und der gestand, dass sie gleich nebenan seien. Mustapha stürzte in das Gemach und fiel seiner Schwester Fatme und seiner geliebten Zoraide mit Freudentränen in die Arme.

Schnell rafften die beiden Mädchen ihren Schmuck und ihre Kleider zusammen und folgten Mustapha. Sie schlüpften in die Wasserleitung, wohin ihnen Orbasan mit seinen Männern zu folgen versprach. Die Räuber packten den Kleinen, legten ihm ein Seil um den Hals und hängten ihn an der Spitze des Brunnens auf. Danach stiegen auch sie in die Wasserleitung.

Die Freude war riesig, als mein Bruder mit den Geretteten heimkehrte. Unser Vater veranstaltete am Tag darauf ein großes Fest, und Mustapha erzählte, was geschehen war. Mein Vater stand auf und führte Zoraide zu ihm. Er sprach: "So löse ich denn den väterlichen Fluch von deinem Haupte. Nimm dieses zarte Geschöpf zu deiner Braut. Du hast es dir redlich verdient. Möge es in unserer Stadt immer Männer geben, die dir in brüderlicher Liebe, Klugheit und Eifer nachfolgen!"

Dieses Märchen von Wilhelm Hauff (1802-1827) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Originalillustrationen hergestellt.

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