LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der Abbé

Inzwischen mochten ungefähr vier Jahre vergangen sein. Edmond hatte alle Stufen des Unglücks und der Verzweiflung durchlitten. Stundenlang sprach er mit sich selbst, nur um eine Stimme zu hören.

Eines Tages hörte Edmond in seiner Zelle Geräusche. Erst vernahm er sie nur dumpf, aber das Klopfen, Scharren und Schaben wurde immer lauter. Edmond richtete seine ganze Aufmerksamkeit darauf. Es war ein Kratzen wie von einer Kralle oder vom Druck eines kräftigen Werkzeugs.

Als kein Zweifel mehr möglich war, begann Edmond, dem Geräusch entgegenzuarbeiten. Er zerbrach seinen Wasserkrug und benutzte die größte Scherbe als Werkzeug, um damit die feuchte Mauer hinter seinem Bett aufzuritzen. Mit viel Ausdauer gelang es Edmond, der von seiner jahrelangen Gefangenschaft sehr geschwächt war, den ersten Stein zu lösen. Stein um Stein löste er so, dass er sie wieder einfügen konnte und sein Wächter nichts bemerkte.

Die Tage stiegen aus dem Meer und versanken wieder darin, um der Nacht zu weichen. Wieder verging die Zeit. Doch Edmond hatte eine Aufgabe, eine Hoffnung. "Es muss ein Gefangener sein, der ebenso wie ich, die Freiheit sucht."

Und dann kam der Tag, an dem Edmond zum ersten Mal Atemzüge hörte. Zitternd fragte er durch den Schlitz: "Wer sind Sie?"

"Ich bin die Nummer 27", war die zögernde Antwort. "Man hat mich im Jahr 1811 hierher verschleppt."

"Mein Gott, das war ja noch vor Napoleons Sturz und ganz vier Jahre vor meiner eigenen Verhaftung", stieß Edmond hervor.

"So gibt es den Kaiser nicht mehr?"

Edmond verneinte und die Stimme auf der anderen Seite schwieg lange. "Wenn Sie kein Verräter sind, worauf ich vertraue, so warten Sie auf mich. Ich werde zu Ihnen kommen. Es war ein großer Irrtum. Ich war mir sicher, dass diese Mauer die Außenmauer ist und ich damit ans Meer käme. Ich wollte mich hinabstürzen und zu irgendeiner Insel schwimmen."

"Verzweifeln Sie nicht", antwortete Edmond. "Der Himmel schickt Sie mir. Gemeinsam werden wir unser Ziel erreichen!"

Sie arbeiteten weiter. Sie passten die Stunden ab, in denen der Gefangenenwärter nicht erschien. Er kam ja nur einmal am Tag. Endlich erblickte Edmond im Hintergrund des düsteren Loches einen Kopf, danach Schultern und schließlich einen ganzen Menschen, der erstaunlich beweglich zu ihm herüber kroch.

Dantes schloss diesen neuen und so lange ungeduldig erwarteten Freund in seine Arme und zog ihn an sein Fenster, damit ihn das wenige Licht, beleuchtete. Er war ein mittelgroßer Mann, das Haar vom vielen Leid gebleicht, fast nackt und so mager, dass die Rippen hervortraten. Doch er hatte glühende durchdringende Augen.

"Ich bin der Abbé Faria", stellte er sich vor. "Bevor ich hierher kam, verbrachte ich drei Jahre auf einer anderen Festung. Man kerkerte mich ein, weil ich von einem vereinten, starken Italien träumte. Allein vier Jahre brauchte ich, um meine Werkzeuge herzustellen. Seit zwei Jahren kratze ich Erde aus, die so hart ist, wie Granit."

"Was hat Ihnen die Kraft gegeben, dies alles durchzustehen? Die Hoffnung auf Freiheit?"

"Ich schrieb und studierte."

"Man gab Ihnen also Papier, Feder und Tinte?"

"Nein", sagte der Abbé, "aber ich machte mir dies alles."

Dantes schaute diesen Mann mit Bewunderung an; nur hatte er Mühe, an das zu glauben. Faria bemerkte seinen Zweifel. "Wenn Sie zu mir kommen, werde ich Ihnen mein vollständiges Werk zeigen. Es ist das Ergebnis von Gedanken, Nachforschungen und Betrachtungen meines früheren Lebens. Ich habe eine Methode gefunden Stoff glatt und eben, wie Pergament zu machen. Kommen Sie zu mir herüber, wir haben genügend Zeit."

Gebückt schritt Edmond hinter dem Abbé durch den Gang. Im anderen Raum angekommen, zeigte ihm dieser eine Aushöhlung in der Wand. Sie enthielt mehrere Leinwandrollen.

"Um solch ein Werk aufzuschreiben, muss man geschichtliche Nachforschungen betreiben. Sie besaßen Bücher?"

"In Rom hatte ich in meiner Bibliothek ungefähr 5000 Bände. Es gibt ausgewählte Werke von Livius, Dante, Montaigne, Shakespeare und Machiavelli, die das Wissen der Menschheit umfassen, die ich Ihnen auswendig aufsagen kann, so oft habe ich sie in meinem früheren Leben gelesen."

"So sprechen Sie also mehrere Sprachen?", staunte Edmond.

"Ich spreche fünf lebende Sprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch und Spanisch."

Edmond betrachtete alles und sagte: "Herr Abbé, ich bewundere Sie. Wenn wir gemeinsam die Freiheit erringen wollen, brauchen wir Jahre, um die Mauern zu durchdringen. Sie haben den Verstand, ich die Kraft. Aber ich möchte auch meinen Verstand schärfen. Nutzen wir die Zeit, lehren Sie mich alles, was Sie wissen."

"Warum nicht", meinte der Abbé. "Die Wissenschaft ist recht begrenzt, wenn Sie Mathematik, Physik und die lebenden Sprachen gelernt haben, dann wissen Sie alles. Dazu werden wir nicht einmal zwei Jahre brauchen. Doch nun erzählen Sie mir Ihre Geschichte."

Dantes erzählte das, was er seine Geschichte nannte. Als die Erzählung zu Ende war, versank der Abbé in Gedanken. "Wem konnte Ihre Verhaftung nützen?"

"Mein Gott! Niemand, wer bin ich schon."

"Antworten Sie nicht so, denn Ihrer Antwort mangelt die Logik. Sie sollten der Kapitän der Pharao werden und ein hübsches junges Mädchen heiraten? Gab es jemanden der nicht wollte, dass Sie Kapitän werden und Mercedes heiraten?"

"Nein; ich war an Bord sehr beliebt. Nur ein einziger Mensch hatte einen Grund neidisch zu sein. Danglars, der Rechnungsführer der Pharao. Er wäre wohl selbst gerne Kapitän der Pharao geworden."

"Gut. Konnte jemand Ihre Unterhaltung mit Leclère, kurz vor dessen Tod hören?"

"Ja, die Türen waren immer offen… warten Sie… ja, Danglars ging gerade in dem Augenblick vorüber, wo mir der Kapitän das für den Großmarschall bestimmte Paket übergab."

"Und auf Elba waren Sie alleine und man hat Ihnen einen Brief übergeben. Konnte den jemand sehen?"

"Ich hielt ihn in der Hand, als ich zum Schiff zurückging. Jedermann, auch Danglars, konnte ihn sehen."

"Nun denken Sie genau nach. Erinnern Sie sich noch an den genauen Wortlaut des Schreibens an den Staatsanwalt von Marseille?"

Edmond hatte noch jedes einzelne Wort in seinem Kopf. Als er geendet hatte, gab es für den Abbé keinen Zweifel, dass nur Danglars in Frage kam.

"Was war die gewöhnliche Handschrift von Danglars?"

"Eine schöne Kursivschrift."

Der Abbé lächelte, nahm seine Feder und schrieb mit der linken Hand ein Stück des Textes, das ihm Edmond gerade erzählt hatte.

Edmond erschrak und rief: "Mein Gott, wie sehr diese Schrift jener gleicht, wie ist das möglich?"

"Nun, ich habe beobachtet, dass alle Schriften, die mit der linken Hand geschrieben wurden, sich gleichen. Aber fahren wir fort: Gibt es jemanden, der ein Interesse daran hat, dass Sie Mercedes nicht heiraten?"

"Ja, Fernand, ein junger Katalonier, er ist ihr Vetter und liebte sie."

"Glauben Sie, dass er fähig war, den Brief zu schreiben?"

"Nein, er hätte mich eher mit einem Messer niedergestochen."

"Kannten sich Danglars und Fernand?"

"Nein, oder doch? Einen Tag vor meiner Hochzeit sah ich sie miteinander in einer Laubenwirtschaft im Dorf von Mercedes sitzen. Es war nur kurz nachdem ich Mercedes endlich wieder in meine Arme geschlossen hatte. Bei Ihnen saß noch Caderousse, ein Nachbar von mir, er war sehr betrunken. Doch halt, warum konnte ich mich daran bis jetzt nicht erinnern? Auf dem Tisch waren Papier, Tinte und Federn. Oh nein, dort wurde der Brief geschrieben! Diese Verbrecher!" Edmond sprang auf und ging umher.

"Wollen Sie noch andere Dinge wissen?", fragte der Abbé.

"Ja, ich will völlige Klarheit. Warum wurde ich nur einmal verhört. Warum hatte ich keinen Richter?"

"Wer hat Sie denn verhört?"

"Der zweite Staatsanwalt, ein junger Mann von 27 oder 28 Jahren."

"Ihm haben Sie alles erzählt. Hat sich sein Verhalten während der Vernehmung verändert?"

Edmonds Augen verengten sich: "Warten Sie, in dem Augenblick, als er den Brief gelesen hatte, schien er wie niedergeschmettert. Ich dachte durch mein Unglück."

"An wen war denn dieser Brief adressiert?", wollte der Abbé wissen.

"An Herrn Noirtier, in Paris."

"Noirtier?", erwiderte der Abbé, "Noirtier? Ich kannte einen Noirtier am Hof der ehemaligen Königin von Etrurien, er war während der Revolution Girondist gewesen. Wie hieß Ihr Zweiter Staatsanwalt?"

"Villefort."

Der Abbé brach in finsteres Gelächter aus: "Sie armer junger Mann! Wissen Sie, wer dieser Noirtier war? Er war sein Vater - sein voller Name lautet Noirtier de Villefort."

Hätte der Blitz vor Dantes Füßen eingeschlagen, wäre er nicht weniger niedergeschmettert worden, als durch diese Wahrheit. Alles, was bis jetzt dunkel geblieben war, wurde in diesem Augenblick klar wie der Tag. Und er fasste einen furchtbaren Entschluss.

Der Abbé unterbrach seine wilden Gedanken: "Es tut mir Leid, dass ich Sie in ihren Nachforschungen unterstützt habe. Es wäre für Ihr Seelenheil besser gewesen, Sie hätten die Wahrheit nie erfahren. Ich habe in ihr Herz eine Leidenschaft gebracht, die dort zuvor nicht war: die der Rache."

Der kluge alte Mann hatte aus Edmonds Gesicht lesen können, was in seinem Kopf vorgeht.





Der Klassiker DER GRAF VON MONTE CHRISTO von Alexander Dumas (1802-1870) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Coppin & Paul Gavarni (1804-1866)hergestellt.

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