LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Ödipus, seine Jugend und der Vatermord

König Laios von Theben [1] lebte mit seiner Gemahlin Iokaste schon lange in kinderloser Ehe. Da sich der König aber sehnlichst einem Erben wünschte, ließ er in Delphi den Apollon [2] befragen. So wurde dem König ein Orakelspruch zu Teil, der da lautete:

"Laios, du begehrest Kindersegen. Ein Sohn soll dir gegeben werden. Aber bedenke, dass du durch die Hand deines Kindes den Tod finden wirst. Dies ist das Gebot von Zeus [3], der dich erhört hat."

Der König vernahm die Warnung mit ernster Mine, doch nahm er dieses Schicksal wohl in Kauf. So kam es, dass die Königin Iokaste ihrem Gemahl endlich einen Sohn schenkte.

Kaum war das Kind geboren, da erinnerten sich die Eltern an das Orakel. Mit List gedachten sie aber dem Spruch der Götter zu umgehen. Das Königspaar befahl, den neugeborenen Knaben gefesselt, mit  durchbohrten Fersen, am Berge Kithairon auszusetzen.

Doch der Hirte, welcher den grausamen Auftrag erhalten hatte, empfand Mitleid mit dem unschuldigen Kinde. Er übergab es einem anderen Hirten, der die Herden vom König Polybos aus Korinth [4] am Kitharion weidete. Der erste Hirte kehrte wieder heim und tat so, als hätte er den Auftrag erfüllt. König Laios und Iokaste glaubten daraufhin, das Kind sei tot oder von wilden Tieren zerrissen. Und sie beruhigten ihr Gewissen mit dem Gedanken, dass sie ihr Kind vor dem Vatermord behütet hätten.

Der Hirte des korinthischen Königs wusste von all diesen Dingen nichts und löste dem Knaben die Fesseln. Auch sah er die verletzten Fersen und die geschwollenen Füße und nannte den Knaben Ödipus, was nichts anderes als Schwellfuß heißt.

So brachte der Hirte den Knaben nach Korinth zu seinem Herrn. König Polybos erbarmte sich und übergab den Kleinen seiner kinderlosen Gemahlin Merope. Fortan ging am Hofe und im ganzen Lande die Rede um, der König habe einen eigenen, rechtmäßigen Sohn.

Als der Knabe dann zum Jüngling heranreifte, lebte er selbst in der Überzeugung, Sohn und Erbe von König Polybos zu sein. Doch der Schatten des Zweifels legte sich plötzlich über ihn.

Ein Korinther war aus Neid dem Ödipus feindlich gesonnen. Bei einem Festmahle floss der Wein in Strömen, und der Korinther rief plötzlich in die Runde, Ödipus wäre nicht der rechtmäßige Sohn von König Polybos. Von diesem Vorwurfe schwer getroffen, konnte der Jüngling das Ende des Mahles kaum erwarten. Der Zweifel war nun auch in ihm gesät.

Am anderen Morgen trat Ödipus vor seine vermeintlichen Eltern, und verlangte Auskunft. König Polybos und seine Gattin waren sehr aufgebracht und suchten zu besänftigen. Doch die wahre Antwort blieb auch weiterhin im Verborgenen, was das Misstrauen im Herzen von Ödipus nur weiter schürte.

Da wusste sich Ödipus nicht anders zu helfen, nahm heimlich den Wanderstab, und suchte das Orakel zu Delphi auf. Dort hoffte er Antwort auf seine quälende Frage zu finden. Apollon [2] aber deckte ihm ein neues Unglück auf. "Du wirst", sprach das Orakel, "deinen eigenen Vater ermorden, deine Mutter heiraten und Nachkommen haben, die den Makel der Verachtung tragen."

Als Ödipus dieses vernommen hatte, ergriff ihn entsetzliche Angst, sah er sich doch als tödliche Gefahr für seine Eltern. Nun wagte er nicht mehr, in seine Heimat zurückzukehren.

Von Delphi aus schlug Ödipus den Weg nach Böotien [5] ein. Er war noch auf der Straße zwischen Delphi und der Stadt Daulia. Die Straße führte durch einen engen Hohlweg, wo Ödipus plötzlich ein Wagen auf sich zukommen sah. Auf dem Wagen saß ein alter Mann, der einem Wagenlenker und drei Diener bei sich hatte. Der alte Mann trieb den Fußgänger ungestüm beiseite, worauf heftiger Zorn in Ödipus erwachte. Mutig versetzte er dem Wagenlenker einen ersten Schlag, doch der alte Mann hatte einen gestachelten Stab zur Hand, den er auf Ödipus niederfahren ließ.

Jetzt war Ödipus außer sich. Zum ersten Male nutzte er seine Heldenstärke, die ihm die Götter verliehen hatten. Er packte seinen Wanderstab und stieß den Alten rücklings vom Wagensitz herab. Es folgte ein Handgemenge mit den Gefährten und dem alten Mann, doch Ödipus blieb siegreich. Er erschlug sie alle, bis auf einen Diener, der sich im Eifer des Gefechtes davonstehlen konnte.

Ödipus ahnte noch nicht, wenn er da zu Tode gebracht hatte, denn der Greis trug keine Erkennungszeichen. Der alte Mann war König Laios von Theben [1], in Wahrheit der Vater von Ödipus. So erfüllte sich, was das Orakel von Delphi geweissagt hatte. Der Sohn hatte seinen Vater gemordet.

 

Erklärungen:

[1] Theben ist eine griechische Stadt, die rund 50 Kilometer nordwestlich von Athen liegt.

[2] Apollon, ein Sohn von Zeus, ist der Gott der Weissagung. Sein berühmtestes Orakel stand im griechischen Delphi.

[3] Zeus ist der oberste Gott der Griechen, der Vater der Götterfamilie.

[4] Korinth ist eine griechische Stadt am Meeresgolf von Korinth gewesen.

[5] Böotien ist eine Landschaft im mittleren Griechenland, nordwestlich von Athen.

 





Diese Sage von Gustav Schwab (1792-1850) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von John Flaxman (1755-1826) hergestellt.

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