LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Ödipus heiratet seine Mutter

Vor den Toren der Stadt Theben [1] erschien einst ein geflügeltes Ungeheuer, die Sphinx [2]. Sie war eine Tochter von Typhon [3] und von Echidna [4], der fruchtbaren Mutter vieler Ungeheuer.

Die Sphinx lagerte auf einem Felsen und legte den Bewohnern von Theben allerlei Rätsel vor, die sie von den Musen [5] erlernt hatte. War die Antwort falsch, so zerriss und fraß die Sphinx denjenigen, der es übernommen hatte, das Rätsel zu lösen.

Das alles geschah, als die Stadt gerade um ihren alten König Laios trauerte, der auf einer Reise erschlagen worden war. Und niemand wusste, wer es gewesen war.

Nun hatte Kreon, der Bruder der Königswitwe Iokaste, die Herrschaft ergriffen. Aber der Sohn von Kreon war von Sphinx ergriffen und verschlungen worden, als er das aufgegebene Rätsel nicht lösen konnte. In seiner Not befahl Kreon, dass derjenige, welcher die Stadt von der Würgerin befreien könnte, das Reich und seine Schwester als Gemahlin erhalten sollte.

Kaum war die Bekanntmachung öffentlich kund getan, da betrat Ödipus an seinem Wanderstabe die Stadt Theben. Die Gefahr und der Lohn reizten ihn, zumal er den Wert seines Lebens wegen einer drohenden Weissagung gering einschätzte.

Ödipus begab sich daher zu dem Felsen, auf dem die Sphinx ihren Sitz genommen hatte, und ließ sich von ihr ein Rätsel geben. Das Ungeheuer gedachte, es dem kühnen Fremdling nicht leicht zu machen und sprach: "Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein die Zahl seiner Füße. Aber wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder am geringsten."

Ödipus lächelte, als er dieses Rätsel vernahm. "Dein Rätsel ist der Mensch!", rief er. "Am Morgen seines Lebens, solang er ein schwaches und kraftloses Kind ist, steht und geht er auf seinen beiden Füßen und auf seinen Händen. Ist er erstarkt, so geht er am Mittage seines Lebens nur auf zwei Füßen. Ist er endlich zum Greis geworden, bedarf er der Stütze, und nimmt einen Stab als dritten Fuß zur Hand."

Das Rätsel war glücklich gelöst, und die Sphinx stürzte sich aus Scham und Verzweiflung vom Felsen in den Tod. Ödipus aber bekam zum Lohne das Königreich von Theben und die Hand der königlichen Witwe Iokaste. Noch wusste Ödipus nicht, dass sie seine eigene Mutter war.

So entsprangen aus dieser Verbindung nach und nach vier Kinder. Zuerst waren es die männlichen Zwillinge Eteokles und Polyneikes, dann zwei Töchter, Antigone und Ismene. Diese vier Kinder waren zugleich die Kinder von Ödipus und auch seine Geschwister.

 

Erklärungen:

[1] Theben ist eine griechische Stadt, die rund 50 Kilometer nordwestlich von Athen liegt.

[2] Die Sphinx ist ein Ungeheuer, halb Frau, halb geflügelte Löwin. Eine riesige Sphinx aus Stein steht in Ägypten in der Nähe der Cheopspyramide.

[3] Typhon ist ein Drache mit hundert feuerspeienden Köpfen und hundert verschiedenen Stimmen.

[4] Echidna ist ein Ungeheuer, halb schönäugiges Mädchen, halb grausige Riesenschlange.

[5] Die Musen sind neun Töchter des Zeus. Ihre Namen lauten: Klio, Euterpe, Thaleia, Melpomene, Terpsichore, Erato, Polyhymnia, Urania und Kalliope.

 





Diese Sage von Gustav Schwab (1792-1850) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von John Flaxman (1755-1826) hergestellt.

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