LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Ödipus, die Strafe

In ganz Theben [1] wurde darüber geredet, dass König Ödipus seinen Vater getötet und seine Mutter Iokaste geheiratet hatte. Das Entsetzliche war nun enthüllt und kein Zweifel stand dagegen.

Als Ödipus dieses hörte, stürzte er mit wahnsinnigem Schrei davon, irrte im Palast umher und verlangte nach einem Schwert. So wollte er seine Mutter und Gattin, die im wie ein Ungeheuer vorkam, von der Erde vertilgen. Doch jeder im Palast beeilte sich nur, dem Rasenden aus dem Wege zu gehen. Da lief Ödipus grässlich schluchzend zu sein Schlafgemach und warf das Tor auf.

Ein grauenhafter Anblick hemmte plötzlich seine schnellen Schritte. Hoch über dem Lager erblickte er schwebend, Iokaste, die sich mit einem Strang erhängt hatte. Ödipus stand wie versteinert mit zerrauften Haar da und konnte seinen Blick nicht von ihr wenden. Dann aber näherte er sich zaghaft, mit erstickenden Worten, ließ das aufgezogene Seil herab und senkte die Leiche langsam zu Boden.

Wie sie nun vor ihm lag, riss Ödipus vom Irrsinn getrieben die goldenen Brustspangen aus dem Gewand seiner Frau und trieb sich das spitze Gold tief in seine Augenhöhlen. Mit einem Aufschrei sank Ödipus blutüberströmt auf die Knie und weinte bitterlich.

Dann verlangte er, der sich selbst geblendet hatte, aus dem Tor geführt zu werden. Sein Wille war, dass er als Fluch des Himmels und als Scheusal der Erde dem Volke von Theben vorgestellt werde.

Die Diener erfüllten sein Verlangen, aber das Volk empfing den einst so geliebten und verehrten Herrscher nicht mit Abscheu, sondern mit wahrem Mitleid. Auch sein Schwager Kreon, der im Streit von Ödipus gegangen war, eilte nun herbei. Er wollte den gestraften Mann in die Obhut seiner Kinder geben.

Solches Mitgefühl hatte der gebeugte Ödipus nicht erwartet. Um so leichter fügte er sich in sein Schicksal und übergab den Thron an seinen Schwager. Dieser sollte ihn für die Söhne von Ödipus in Verwahrung behalten. Weiterhin erbat er sich für seine tote Gemahlin und Mutter ein Grab und für seine verwaisten Töchter den Schutz des neuen Herrschers. Für sich selbst aber wünschte er die Ausstoßung aus dem Lande, und die Verbannung auf den Berg Kithairon. Dort wollte er jetzt leben oder sterben, nach dem Willen der Götter.

Bevor Ödipus nun seine Verbannung antrat, verlangte er nach seinen Töchtern, deren Stimme er noch einmal hören wollte. Auch legte er seine Hände auf ihre unschuldigen Häupter und segnete sie. Dann richtete er ein letztes Wort an Kreon und dankte ihm für alle Liebe, die dieser ihm erwiesen hatte.

Darauf führte Kreon den Ödipus in das Haus zurück, in dem er jüngst noch als mächtiger Herrscher und als Retter von Theben gelebt hatte. Nur eine kurze Frist sollte ihm noch gegeben sein, bevor er als blinden Bettler die Tore der Stadt und die Grenzen seines Königreiches zu verlassen hatte.

 

Erklärungen:

[1] Theben ist eine griechische Stadt, die rund 50 Kilometer nordwestlich von Athen liegt.

 





Diese Sage von Gustav Schwab (1792-1850) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von John Flaxman (1755-1826) hergestellt.

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