LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Wie's der Alte macht, ist's immer richtig

[von Hans Christian Andersen]

Eine Geschichte werde ich dir erzählen, die ich hörte, als ich noch ein kleiner Knabe war. Jedes Mal, wenn ich an die Geschichte dachte, kam es mir vor, als würde sie immer schöner. Denn es geht mit Geschichten wie mit vielen Menschen. Sie blühen mit zunehmendem Alter auf.

Gewiss warst du doch schon einmal auf dem Lande. Dort wirst du wohl auch ein altes Bauernhaus mit Strohdach gesehen haben. Moos und Kräuter wachsen von selber auf dem Dach. Ein Storchennest befindet sich auf dem First, denn der Storch ist unvermeidlich! Die Wände des Hauses sind schief, die Fenster niedrig, und nur ein einziges Fenster ist so eingerichtet, dass es geöffnet werden kann. Der Backofen springt aus der Wand hervor, gerade wie ein kleiner dicker Bauch. Der Fliederbaum hängt über den Zaun, und unter seinen Zweigen ist ein Wassertümpel, in dem eine oder mehrere Enten liegen. Ein Kettenhund, der alles und jeden anbellt, ist auch da.

Gerade so ein Bauernhaus stand draußen auf dem Lande. In diesem Hause wohnten zwei alte Leute, ein Bauer und eine Bäuerin. Sie hatten nur sehr wenig, doch ein Stück war darunter, das nicht entbehrlich war. Das war ein Pferd, das sich von dem Grase nährte, das es an den Einzäunungen der Landstraße fand. Der alte Bauer ritt auf diesem Pferd zur Stadt und seine Nachbarn liehen es sich oft aus und erwiesen den alten Leuten manch anderen Dienst dafür.

Doch dann schien es ihnen das Beste, das Pferd zu verkaufen oder es gegen irgendetwas wegzugeben, das ihnen mehr nützen könnte. Aber was konnte dies wohl sein? "Das wirst du, Alter, am besten wissen", sagte die Frau zu ihm. "Heute ist Jahrmarkt! Reite in die Stadt, gib das Pferd für Geld hin oder mache einen guten Tausch. Wie du es auch machst, mir ist's recht. Reite nur zum Jahrmarkt!"

Sie knüpfte ihm sein Halstuch mit einer Doppelschleife um, denn das konnte sie besser als er. "Das macht sich sehr hübsch!", rief sie, strich seinen Hut glatt und küsste ihn auf seinen warmen Mund. Dann ritt er fort auf dem Pferd, welches verkauft oder eingetauscht werden sollte. Ja, der Alte verstand dies schon!

Die Sonne brannte heiß, keine Wolke war am Himmel zu sehen. Auf dem Weg staubte es sehr, die vielen Leute, die den Jahrmarkt besuchen wollten, fuhren, ritten oder legten den Weg zu Fuß zurück. Nirgends gab es Schatten gegen den Brand der Sonne.

Auf dem Weg kam auch einer an, der seine Kuh zu Markte trieb. Die Kuh war so schön, wie eine Kuh nur sein kann. "Die gibt gewiss eine schöne Milch", dachte der Bauer. "Es wäre ein guter Tausch, die Kuh für das Pferd." "He du da!", rief der Bauer geschwind. "Ein Pferd, sollte ich meinen, kostet mehr als eine Kuh, aber mir ist das gleichgültig. Ich habe mehr Nutzen von der Kuh. Hast du Lust, so tauschen wir!" "Freilich will ich das", sagte der Mann, und nun tauschten sie.

Das war also abgemacht, und der Bauer hätte nun wieder umkehren können. Da er nun aber den Jahrmarkt im Kopfe hatte, wollte er auch hin, bloß um ihn anzusehen. Darum führte er seine Kuh eilig auf den Weg zur Stadt. Schon nach kurzer Zeit waren sie einem Manne zur Seite, der ein Schaf trieb. Es war ein gutes Schaf, fett und mit guter Wolle. "Das möchte ich haben", dachte unser Bauersmann. "Es könnte an unserem Zaun genug Gras finden, und im Winter würden wir es in der Stube halten. Eigentlich wäre es besser, ein Schaf statt einer Kuh zu besitzen." So sprach der Bauer den Schafbesitzer an und fragte: "Wollen wir nicht tauschen?" Der Mann freute sich über dieses Angebot, also war der Tausch eine beschlossene Sache. Nun ging der Bauer mit seinem Schaf auf der Landstraße weiter.

Bald gewahrte er abermals einen Mann, der vom Feld her die Landstraße betrat und eine große Gans unter dem Arm trug. "Das ist wahrlich ein schweres Federvieh", sagte der Bauer. "Es hat Federn und Fett, dass es eine Lust ist. Meine Alte könnte sie mit allerlei Abfall mästen, denn sie hat schon oft davon gesprochen, dass wir eine Gans haben sollten. Wollen wir also tauschen? Ich gebe dir das Schaf für die Gans und schönen Dank dazu." Dagegen hatte der Andere nichts einzuwenden, und so tauschten sie.

Jetzt befand sich der Bauer mit seiner Gans schon ganz nahe bei der Stadt. Das Gedränge auf der Landstraße nahm immer mehr zu. Menschen und Vieh liefen durcheinander. Sie gingen auf der Straße und längs der Zäune, ja, sogar über das Kartoffelfeld des Einnehmers, wo dessen einziges Huhn an einer Schnur umherspazierte. Das Huhn hatte kurze Schwanzfedern, es blinzelte mit einem Auge und sah sehr klug aus. "Kluck, Kluck", sagte es. Was es sich dabei dachte, weiß ich nicht zu sagen, aber unser Bauersmann dachte sogleich: "Das ist das schönste Huhn, das ich je gesehen habe. Es ist sogar schöner als des Pfarrers Bruthenne. Potztausend! Das Huhn möchte ich haben! Ein Huhn findet immer ein Körnchen. Es kann sich auch fast selber ernähren, und ich glaube, es wäre ein guter Tausch, wenn ich es für die Gans hier kriege." Da fragte er den Einnehmer, der den Schlagbaum bewachte: "Wollen wir tauschen?" "Tauschen", erwiderte dieser, "das wäre nicht übel!" Und so tauschten sie. Der Einnehmer bekam die Gans, und der Bauer das Huhn.

Es war gar viel, was er auf der Reise zur Stadt erledigt hatte. Heiß war es auch, und er war müde. Ein Schnaps und ein Imbiss kamen ihm da gerade recht. Er wollte gerade in ein Wirtshaus gehen, als der Hausknecht heraustrat und sie sich daher in der Tür begegneten. Der Knecht trug einen Sack. "Was hast du denn in dem Sack?", fragte der Bauer. "Verschrumpelte Äpfel!", antwortete der Knecht. "Ich habe einen ganzen Sack voll, genug für die Schweine." "Das ist doch eine große Verschwendung", erwiderte der Bauer. "Meiner Alten würde ich diesen Anblick aber schon gönnen. Voriges Jahr trug der alte Baum am Torfstall nur einen einzigen Apfel. Der wurde aufgehoben und lag auf dem Schrank, bis er ganz verdarb und zerfiel. Meine Alte meinte, das sei doch immerhin Wohlstand. Hier könnte sie nun aber einen ganzen Sack voll Wohlstand sehen. Ja, den Anblick würde ich ihr gönnen!" "Was gebt ihr für den Sack?", fragte der Knecht. "Was ich gebe? Ich gebe mein Huhn zum Tausch."

So gab der Bauer das Huhn, bekam die Äpfel und trat mit diesen in die Gaststube ein. Den Sack lehnte er behutsam an den Ofen, er selber trat an den Schanktisch. Im Ofen war aber eingeheizt, das bedachte er nicht. Es waren viele Gäste anwesend: Pferdehändler, Ochsentreiber und zwei Engländer. Diese Engländer waren so reich, dass ihre Taschen von Goldstücken strotzten und fast platzten. Und wetten, dass sie es taten! Das sollst du aber ein anderes Mal erfahren.

"Susss! Susss!" Was war denn das am Ofen? - Die Äpfel begannen zu braten. "Was ist das denn?", fragte jemand. "Ja, wissen sie", sagte unser Bauersmann, und erzählte die ganze Geschichte von dem Pferd, der Kuh bis zu den Äpfeln. "Na, da wird dich deine Alte derb knuffen, wenn du nach Hause kommst. Da setzt es was!", sagten die Engländer. "Was? Knuffen?" erwiderte der Bauer, "Küssen wird sie mich und sagen: 'Wie's der Alte macht, ist's immer richtig.'" "Wollen wir wetten?", fragten die Engländer. "Um gemünztes Gold, tonnenweise! Hundert Pfund machen ein Schiffspfund!" "Ein Scheffel genügt schon", entgegnete der Bauer. "Ich kann ja nur einen Scheffel mit Äpfeln dagegen setzen und mich selber und meine alte Frau dazu. Das, scheint mir, wäre doch auch ein gehäuftes Maß!" "Topp! Angenommen!", und die Wette war gemacht.

Der Wagen des Wirtes fuhr vor, die Engländer stiegen ein, und der Bauersmann stieg ein. Vorwärts ging es, und bald hielten sie vor dem Häuschen des Bauern an. "Guten Abend, Alte!", rief der Bauer. Der Tausch ist gemacht!" "Ja, du verstehst schon deine Sache", sagte die Frau, umarmte ihn und beachtete weder den Sack noch die fremden Gäste.

"Ich habe eine Kuh für das Pferd eingetauscht." "Gott sei Lob!", freute sich die Frau. "Die schöne Milch, die wir nun haben werden, und Butter und Käse auf dem Tisch! Das ist ein herrlicher Tausch!" "Ja, aber die Kuh tauschte ich wieder gegen ein Schaf ein." "Ach, das ist umso besser", erwiderte die Frau. "Du denkst immer an alles. Für ein Schaf haben wir Grasweide genug. Schafsmilch, Schafskäse, wollene Strümpfe und wollene Jacken werden wir bekommen. Das gibt uns die Kuh nicht, sie verliert ja die Haare. Wie du doch alles bedenkst!" "Aber das Schaf habe ich wieder gegen eine Gans getauscht!" Die Frau winkte nur ab und sagte: "Dieses Jahr werden wir also wirklich Gänsebraten haben, mein lieber Alter! Du denkst immer daran, mir eine Freude zu machen. Wie herrlich das ist! Die Gans kann man an einen Strick binden und sie noch fetter werden lassen, bevor wir sie braten!" "Aber die Gans habe ich gegen ein Huhn eingetauscht!", rief der Bauer. "Ein Huhn? Das war ein guter Tausch!", entgegnete die Frau. "Das Huhn legt Eier. Die brütet es aus, und wir kriegen Küken und einen ganzen Hühnerhof! Ei, den habe ich mir gerade erst recht gewünscht!" "Ja! Aber das Huhn gab ich wieder für einen Sack voll verschrumpelter Äpfel hin!" "Was? Nein, jetzt muss ich dich erst recht küssen", sprach die Alte. "Mein liebes, gutes Männchen! Ich werde dir etwas erzählen. Siehst du, als du heute Morgen kaum fort warst, dachte ich darüber nach, wie ich dir heute Abend einen guten Bissen machen könnte. Speckeierkuchen mit Schnittlauch, dachte ich dann. Die Eier hatte ich, den Speck auch, nur der Schnittlauch fehlte mir. So ging ich denn hinüber zu Schulmeisters, denn die haben Schnittlauch, das weiß ich wohl. Aber die Frau des Schulmeisters ist geizig, so süß sie auch tut. Ich bat sie, mir eine Hand voll Schnittlauch zu leihen. "Leihen?", gab sie zur Antwort. "Nichts, gar nichts wächst in unserm Garten, nicht einmal ein verschrumpelter Apfel. Nicht einmal einen solchen kann ich dir leihen, liebe Frau!" "Jetzt kann ich Frau Schulmeister aber zehn, ja, einen ganzen Sack voll Schrumpfäpfel leihen. Das freut mich doch sehr, das ist zum Totlachen!" Und dabei küsste sie ihn, dass es schmatzte.

"Das gefällt uns!", riefen die Engländer wie aus einem Mund. "Immer bergab und immer lustig. Du hast die Wette gewonnen!" Und nun zahlten sie ein Schiffspfund Goldmünzen an den Bauersmann, der nicht geknufft, sondern geküsst wurde. Ja, das lohnt sich immer, wenn die Frau einsieht und auch immer sagt, dass der Mann der Klügste und sein Tun das Richtige ist.

Seht, das ist meine Geschichte. Ich habe sie schon als Kind gehört, und jetzt hast du sie auch gehört und weißt: "Wie's der Alte macht, ist's immer richtig!"

Dieses Märchen von Hans Christian Andersen (1805-1875) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Vilhelm Pedersen (1820-1859) und anderen Illustratoren hergestellt.

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