LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der silberne Schilling

[von Hans Christian Andersen]

Es war einmal ein kleiner Schilling. Ganz blank ging er aus der Münze hervor, und hüpfte vor lauter Freude. "Hurra! Jetzt geht's in die weite Welt hinaus!", rief er, und es sollte wirklich so kommen.

Das Kind hielt ihn mit warmen Händen, und der Geizige mit kalten, krampfhaften Händen. Der Ältere drehte und wendete ihn Gott weiß wie viele Male, während die Jugend ihn gleich wieder rollen ließ. Der Schilling war aus Silber, hatte sehr wenig Kupfer an sich und befand sich bereits ein ganzes Jahr in der Welt, das heißt in dem Land, in dem er geprägt worden war.

Eines Tages aber ging er auf Reisen ins Ausland. Er war die letzte Münze in dem Geldbeutel, der in der Tasche eines Reisenden steckte. Der Herr wusste selber nicht, dass er den Schilling noch hatte, bis er ihn in die Finger bekam. "Hier habe ich ja noch einen Schilling aus meiner Heimat" sagte er. "Nun, der kann die Reise mitmachen." Der Schilling klang und sprang vor Freude, als er wieder in den Beutel steckte. Hier lag er nun bei fremden Kameraden, die nur so kamen und gingen. Einer machte dem anderen Platz, aber der Schilling aus der Heimat blieb immer im Beutel, das war eine Auszeichnung.

Mehrere Wochen waren schon vergangen. Der Schilling war weit in die Welt hinausgelangt, doch eigentlich wusste er nicht, wo er sich befand. Zwar erfuhr er von den anderen Münzen, dass sie französische und italienische seien. Eine sagte, sie seien jetzt in dieser Stadt, eine andere sprach von jener Stadt. Von alledem konnte sich der Schilling aber keine Vorstellung machen. Man sieht ja nichts von der Welt, wenn man immer nur im Sack steckt, und das war sein Los.

Doch eines Tages, als er so da lag, bemerkte er, dass der Geldbeutel nicht zugemacht war. Der Schilling schlich sich bis an die Öffnung vor, um ein wenig hinauszuschauen. Das hätte er nun freilich nicht tun sollen, denn er war zu neugierig. Und das rächte sich, denn er glitt hinaus in die Hosentasche. Als der Geldbeutel am Abend herausgenommen wurde, lag der Schilling noch da, wo er hingerutscht war. Er kam mit den Kleidern in die Vorkammer hinaus. Dort fiel er sogleich auf den Fußboden, was niemand hörte und niemand sah.

Am anderen Morgen wurden die Kleider wieder in das Zimmer getragen. Der Herr zog sie an, reiste weiter, und der Schilling blieb zurück. Er wurde gefunden und sollte wieder Dienste tun, so ging er mit drei anderen Münzen aus. "Es ist doch angenehm, sich in der Welt umzuschauen", dachte der Schilling, "und dabei andere Menschen und andere Sitten kennen zu lernen." "Was ist das für ein Schilling!", tönte es in diesem Augenblick. "Das ist keine Landesmünze! Der ist falsch! Der taugt nichts!"

Ja, nun beginnt die Geschichte des Schillings, wie er sie später selber erzählte. "Falsch! Taugt nichts! - Dies ging mir durch und durch", erzählte der Schilling. "Ich wusste, ich war von gutem Klang und hatte eine echte Prägung. Die Leute mussten sich jedenfalls irren, aber sie meinten mich doch! Ich war es, den sie falsch nannten. Ich taugte nichts."

"Den muss ich im Dunkeln ausgeben", sagte der Mann, der mich erhalten hatte. Dann wurde ich im Dunkeln ausgegeben und am hellen Tage wieder ausgeschimpft. "Falsch, taugt nichts! Wir müssen machen, dass wir ihn los werden!"

Oh, ich armer Schilling zitterte jedes Mal zwischen den Fingern der Leute, wenn ich heimlich fortgeschafft wurde und als Landesmünze gelten sollte. Was hilft mir mein Silber, mein Wert, meine Prägung, wenn das alles keine Geltung hat! In den Augen der Welt ist man eben das, was die Welt von einem hält! Es muss entsetzlich sein, ein böses Gewissen zu haben und sich auf bösen Wegen umherzuschleichen. Wenn mir, der ich doch unschuldig bin, schon so zumute ist, wie mag es da dem Schuldigen ergehen! Jedes Mal, wenn man mich hervorsuchte, schauderte ich vor den Augen, die mich ansehen würden. Ich wusste doch, dass ich zurückgestoßen auf den Tisch fallen würde, als sei ich Lug und Trug.

Einmal kam ich zu einer alten, armen Frau. Sie erhielt mich als Tagelohn für harte Arbeit, doch sie konnte mich nun gar nicht wieder los werden. Niemand wollte mich annehmen, und ich war der Frau ein wahres Unglück. "Ich bin wahrhaftig gezwungen, den Schilling jemandem anzudrehen", sagte sie. "Ich kann einen falschen Schilling beim besten Willen nicht aufheben. Der reiche Bäcker soll ihn haben, er kann es leicht verschmerzen. Aber unrecht ist es trotzdem, dass ich's tue." Oh, ich armer Schilling! So muss ich auch noch das Gewissen der Frau belasten. Habe ich mich denn auf meine alten Tage wirklich so verändert?

Die Frau begab sich also zu dem reichen Bäcker, aber der kannte die gängigen Schillinge, sodass er mich nicht behalten wollte. Er warf mich der Frau geradewegs ins Gesicht. Brot bekam sie für mich nicht, und mein Herz war so betrübt, dass ich mir eine andere Prägung wünschte, als diejenige, auf welche in meinen jungen Tagen so stolz gewesen war! So wurde ich recht traurig, wie es ein armer Schilling werden kann, wenn niemand ihn haben will.

Die Frau nahm mich aber wieder mit nach Hause. Sie betrachtete mich mit einem herrlichen, freundlichen Blick und sagte: "Nein, ich will dich niemandem andrehen! Ich will ein Loch durch dich schlagen, damit jeder sehen kann, dass du ein falsches Ding bist. Und doch - das fällt mir jetzt so ein - bist du vielleicht sogar ein Glücksschilling! Ich werde ein Loch durch den Schilling schlagen, eine Schnur hindurchziehen und ihn dem Kleinen der Nachbarsfrau als Glücksschilling um den Hals hängen."

Und sie schlug ein Loch durch mich. Angenehm ist es freilich nicht, wenn ein Loch durch einen geschlagen wird, doch wenn es in guter Absicht geschieht, lässt sich vieles ertragen! Eine Schnur wurde auch durchgezogen, und ich wurde eine Art Medaillon zum Tragen. Man hängte mich um den Hals des kleinen Kindes, und das Kind lächelte mich an, küsste mich, und ich ruhte eine ganze Nacht an der warmen, unschuldigen Brust des Kindes.

Als es Morgen ward, nahm die Mutter mich zwischen ihre Finger und sah mich an. Sie war in ihre eigenen Gedanken versunken, das fühlte ich bald heraus. Sie suchte eine Schere hervor und schnitt die Schnur entzwei. "Glücksschilling", sagte sie, "das werden wir jetzt erfahren!" Und sie legte mich in Essig, bis ich ganz grün wurde. Darauf kittete sie das Loch zu, rieb mich ein wenig und ging in der Dämmerstunde zum Lotterieeinnehmer, um sich ein Los zu kaufen, das Glück bringen sollte.

Wie war mir übel zumute! Es zwickte in mir, als müsste ich zerknicken. Ich wusste, dass ich falsch genannt und hingeworfen werden würde, und zwar gerade vor die Menge von Schillingen und Münzen, die auf ihre Inschrift stolz sein konnten. Aber ich entging der Schande. Beim Einnehmer waren viele Menschen, und er hatte gar viel zu tun. Ich fuhr klingend in den Kasten unter die anderen Münzen, ob später das Los gewann, weiß ich nicht. Das aber weiß ich, dass ich schon am anderen Morgen als falscher Schilling entdeckt, auf die Seite gelegt und ausgesandt wurde, um zu betrügen und immer wieder zu betrügen. Es ist nicht auszuhalten, wenn man einen redlichen Charakter hat. Den kann und will ich mir selber nicht absprechen.

Jahr und Tag ging ich in solcher Weise von Hand zu Hand, von Haus zu Haus, immer ausgeschimpft, immer ungern gesehen. Niemand traute mir, und ich traute mir selber nicht. Es war eine schwere Zeit! Da kam eines Tages ein Reisender, ein Fremder an, und man drehte mich ihm an. Er war treuherzig genug, mich als gängige Münze anzunehmen. Dann wollte er mich abermals ausgeben, und ich vernahm wieder die Ausrufe: "Taugt nichts! Falsch!"

"Ich habe ihn für echt erhalten", sagte der Mann und betrachtete mich dabei recht genau. Plötzlich lächelte er über sein ganzes Gesicht. Das geschah sonst bei keinem anderen Gesicht, wenn man mich betrachtete. "Nein, was ist denn das?", sagte er. "Das ist ja eine unserer Landesmünzen, ein guter, ehrlicher Schilling aus der Heimat, durch den man ein Loch geschlagen hat. Das ist in der Tat kurios! Dich werde ich mit nach Hause nehmen!"

Die Freude durchrieselte mich. Man nannte mich einen guten, ehrlichen Schilling, und in die Heimat sollte ich zurückkehren. Jedermann würde mich erkennen und wissen, dass ich aus gutem Silber bin und eine echte Prägung habe. Ich hätte vor Freude Funken schlagen können, aber es liegt nun einmal nicht in meiner Natur, zu sprühen. Das kann wohl der Stahl, nicht aber das Silber.

Ich wurde in feines, weißes Papier gewickelt, damit ich nicht mit den anderen Münzen verwechselt werden konnte. Bei festlichen Gelegenheiten, wenn Landsleute sich begegneten, wurde ich vorgezeigt, und es wurde sehr gut von mir gesprochen. Sie sagten, ich sei interessant! Es ist freilich merkwürdig, dass man interessant sein kann, ohne ein einziges Wort zu sagen.

Und endlich kam ich in der Heimat an, wo all meine Not ein Ende hatte! Die Freude kehrte wieder bei mir ein, war ich doch aus gutem Silber mit der richtigen Prägung. Und gar keine Beschimpfungen hatte ich zu erleiden, obgleich man das Loch durch mich geschlagen hatte. Doch das tut nichts! Man muss ausharren, dann kommt alles schließlich mit der Zeit zu seinem Recht! Das ist mein Glaube als ehrlicher Schilling.

Dieses Märchen von Hans Christian Andersen (1805-1875) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Vilhelm Pedersen (1820-1859) und anderen Illustratoren hergestellt.

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