LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die Geschichte von dem Schwarzen, der einen Apfel nahm

Vor langer Zeit, als der Kalif Harum al Raschid noch ein junger Mann war, ließ er seinen Wesir Dscha` afar zu sich rufen und sprach zu ihm: „Ich möchte in die Stadt gehen und alle Menschen befragen, wie sich meine Beamten ihnen gegenüber benehmen. Die Beamten, über die die Menschen schlecht reden, sollen entlassen werden, die aber, mit denen die Menschen zufrieden sind, sollen von uns belohnt werden.“

Dscha` afar nickte und antwortete: „Ich werde gehorchen.“ Und so zogen der Kalif, sein Wesir Dscha` afar und sein Diener Masrur in die Stadt. Sie wanderten durch die engen Straßen und Märkte, bis sie schließlich in eine kleine Gasse kamen. Ein alter Mann ging hier gerade mit einem Fischernetz in der Hand seiner Wege.

Da wandte sich der Kalif an Dscha` afar und sagte: „Diesem Mann ist anzusehen, dass er im Elend lebt. Wir wollen ihn darum befragen.“ Und er wandte sich dem alten Mann zu. „Ehrwürdiger alter Mann“, sagte er. „Was bist du von Beruf?“

Der alte Mann seufzte tief. „Ich bin Fischer“, sagte er. „Und ich habe eine ganze Familie zu ernähren. Doch denke, ich habe gleich am Morgen mit dem Fischen angefangen. Nun neigt sich der Tag dem Ende, aber bei Allah, ich habe nicht einen Fisch gefangen, mit dem ich meine Familie hätte ernähren können. Ach, ich hasse mein Leben und ich wünschte mir, ich würde sterben.“

Da antwortete der Kalif: „Höre. Ich rate dir, mit uns zum Ufer des Tigris zu gehen und dein Netz noch einmal auszuwerfen. Alles, was du dort fängst, will ich dir mit hundert Dinare abkaufen.“ Der Mann lachte und freute sich. „Bei Allah!“, rief er. „Ich komme mit!“

So gingen sie gemeinsam zum Ufer des Tigris. Der Fischer warf seine Netze aus. Sie sanken schnell auf den Grund des Flusses. Nach einer Weile band er die Schüre zusammen und zog das Netz ans Ufer des Flusses. Im Netz befand sich ein großer Kasten, der mit Metall beschlagen war. Er war sehr schwer.

Der Kalif nahm den Kasten an sich und gab dem Fischer zweihundert Golddinare dafür. Der Fischer lief freudig davon. Nun schleppte der Diener mit Hilfe von Dscha` afar die schwere Kiste zum Palast zurück. Dort stellten sie sie ab und entzündeten viele Kerzen, um den Inhalt genauer zu untersuchen.

Dscha` afar brach den Kasten auf und fand darin einen Korb, der aus Palmblättern geflochten und mit einem roten Fäden verknüpft war. In diesem Korb lagen ein Teppich und ein Frauenkleid, das ordentlich zusammengefaltet war.

Als sie das Frauenkleid aber zur Seite nahmen, erschraken sie zutiefst. Am Grunde des Korbes nämlich befand sich eine junge Frau. Sie war schön und rein wie ein Silberbarren, doch jemand hatte sie auf grässliche Art und Weise in neunzehn Stücke zerhackt.

Als der Kalif diese Leiche entdeckte, schlug er die Hand vor die Augen, und Tränen liefen zwischen seinen Fingern hindurch. „Wehe!“, rief er. „Wehe dem, der das getan hat.“ Dann wandte er sich Dscha` afar zu.

„Bist du in diesem Land nicht zum Schutz und zur Sicherheit eingesetzt?“, jammerte er. „Was tust du gegen diese Freveltaten? Sollen weitere unschuldige Menschen ermordet werden? Soll ihr Blut sich an uns rächen? Das ist doch kein Friede, der in diesem Land herrscht. Wehe, wenn du in diesem Land diesen Mördern gegenüber nicht Herr wirst, wird es weitere Morde geben.“

Und zitternd vor Wut klagte er weiter: „Höre, wenn du diesen Täter nicht findest, damit ihm die Strafe zuteil wird, die er verdient, will ich dich an seiner Stelle an den Toren meines Palastes aufhängen.“

Dscha` afar erschrak sehr. „Gebt mir drei Tage!“ bat er. „Ich gebe sie dir“, erwiderte der Kalif.

Dscha` afar machte sich sofort auf die Suche nach dem Mörder. Doch seine Nachforschungen hatten keinen Erfolg. Als der dritte Tag gekommen war, kehrte Dscha` afar ratlos zu sich nach Hause zurück, und sein Herz war voll Angst und Trauer.

Bei sich und seiner Seele sprach er: „Es ist unmöglich, den Schurken zu finden, der diese Frau umgebracht hat. Leicht wäre es allerdings, einen ganz anderen Mörder zu bringen und ihm die Tat in die Schuhe zu schieben. Wenn ich das aber tue, wird Allah Blut über mein Haupt kommen lassen. Also, was soll ich tun?“ Und ratlos blieb er zu Hause sitzen und wartete auf die Dinge, die sich nicht ändern ließen.

Als der vierte Morgen gekommen war, schickte der Kalif seinen Kämmerer zum Wesir und ließ ihn in den Palast des Kalifen führen. Dort fragte der Kalif voller Ungeduld: „Nun sag also, wer ist der Mörder der jungen Frau?“

Da erwiderte Dscha` afar: „Oh mein Kalif, bitte bedenkt, ich bin nicht allwissend. Ich bin doch für das lebende Volk da, nicht für die Toten. Wer weiß, wer diese Frau tötete. Und wenn man es weiß, wird sie davon auch nicht wieder lebendig.“ Da wurde der Kalif sehr sehr zornig. „Hängen sollst du!“, rief er wütend. „Vor den Toren des Palastes.“

Und er ließ einen öffentlichen Rufer durch die Straßen von Bagdad laufen, damit die Hinrichtung bei allen Menschen bekannt gemacht wurde. „Wer sehen möchte wie Dscha` afar, der Wesir des Kalifen, vor den Toren des Palastes gehängt wird, soll vorbei kommen und es sich anschauen“, rief er.

Da kamen aus allen Vierteln der Stadt Menschen, die sich Dscha` afars Hinrichtung sehen wollten. Allerdings wussten sie nicht, warum er hingerichtet werden sollte, und das ließ sie unwillig werden.

Vor den Toren des Palastes wurde ein Galgen errichtet. Dahin ließ man Dscha` afar bringen.

Nun schauten alle zum Kalifen hinüber, damit er das Zeichen für die Hinrichtung gab. Gleichzeitig aber waren die Menschen entsetzt über den Befehl des Kalifen und hatten Mitleid mit Dscha` afar.

Plötzlich aber bahnte sich ein junger Mann den Weg durch die Menge. Er war wunderschön anzusehen, mit seinen schwarzen funkelnden Augen und den rosigen Wangen, die aussahen, als wenn die Sonne hell und funkelnd am Morgen hinter den Bergen hervor schaut. An seinen vornehmen Kleidern war zu erkennen, dass er ein reicher Jüngling war.

Dieser Mann schritt durch die Menge, bis er vor dem Kalifen zum Stehen kam. Dann sprach er zu ihm: „Ich komme, um dich zu retten, erhabener Würdenträger. Denn siehe, ich bin der Mann, den du suchst. Ich bin es nämlich, der diese Frau getötet hat, die in dem Kasten lag. Lasst darum mich hängen, damit ihr Blut an mir gerächt wird.“

Als Dscha` afar das hörte, war er froh über seine Rettung, traurig aber über das Schicksal des jungen Mannes. Während sie weiter miteinander sprachen, drängte sich ein älterer Mann durch das Volk und bahnte sich mühsam einen Weg zu Dscha` afar und dem Wesir. Dann verneigte er sich vor dem Wesir und sprach:

„Oh erhabener Wesir, ich flehe dich an, schenke den Worten des jungen Mannes keine Aufmerksamkeit. Nicht er, sondern ich habe diese Frau getötet. So muss an mir Rache verübt werden.“

„Aber nein, großer Wesir“, rief nun der junge Mann verzweifelt. „Glaubt diesem alten Mann kein Wort. Er weiß nicht, was er spricht. Ich habe diese Frau ermordet und muss darum gehängt werden.“

Darauf flehte der alte Mann den jungen Mann an: „Mein Sohn, du bist jung und kannst dich noch am Leben freuen. Ich aber bin alt und gebrechlich, und freue mich, wenn das Ende des Lebens endlich für mich gekommen ist. Darum lass mich dem Wesir mein Leben für deins anbieten.“

Der Wesir aber wunderte sich sehr. Er nahm beide Männer und führte sie zu dem Kalifen. „Großer Kalif“, sagte er dann. „Hiermit bringe ich euch den Mörder der Frau.“ Der Kalif schaute erstaunt von einem zum anderen. „Wer von den beiden ist es denn?“ fragte er.

Dscha` afar aber erwiderte: „ Das müsst ihr entscheiden. Dieser junge Mann sagt, dass er der Mörder ist, doch der alte Mann behauptet ebenfalls, der Mörder zu sein.“

Der Kalif blickte kopfschüttelnd auf die beiden Männer. Dann fragte er: „Wer von euch hat das Mädchen getötet?“ „Ich allein war es!“, erwiderte der junge Mann. Doch der alte Mann sprach im gleichen Augenblick: „Ich tötete das Mädchen.“

Unwillig wandte sich der Kalif dem Wesir zu. „Hänge sie beide!“, befahl er. Doch Dscha` afar wiegte bedächtig den Kopf hin und her. „Nur einer von den beiden wird der Mörder gewesen sein“, gab er zu Bedenken. „So ist es eine große Ungerechtigkeit, den anderen auch zu hängen.“

Da rief der junge Mann laut: „Bei Allah, der die Welt wie einen Teppich erschaffen hat, bitte glaubt mir doch. Ich war es wirklich, der die Frau tötete.“ Und ganz ausführlich stellte er dar, wie er die Frau getötet hatte und sie mit dem Korb, dem Teppich und dem Umhang in den Kasten gelegt hatte.

So wurde dem Kalifen klar, dass er in dem jungen Mann tatsächlich den Mörder vor sich hatte. Entsetzt fragte er ihn: „Was bei Allah, war der Grund für diese schreckliche Tat. Und wie kommst du dazu, freiwillig das Verbrechen zu gestehen. Und warum bittest du mich, sie an dir zu rächen?“

Da begann der junge Mann zu erzählen: „Wisse, oh Herrscher der Gläubigen, diese junge schöne Frau war meine Frau, und die Tochter dieses alten Mannes. Allah hat mir durch sie drei schöne Knaben geschenkt, und ich liebte sie wie keinen anderen Menschen auf der Welt. Nie hörte sie auf, mich zu lieben, und ich fand nie etwas an ihr auszusetzen.

Dann aber eines Tages wurde sie von einer schweren Krankheit heimgesucht. Ich ließ die klügsten Ärzte kommen, und schon nach kurzer Zeit gelang es ihnen, sie zu heilen. Und da sie so lange Zeit über im Bett gelegen hatte, wünschte ich, sie würde ein Bad nehmen.

Doch sie sagte zu mir: „Bevor ich ins Badehaus gehe, habe ich einen Wunsch an dich.“ „Jeden Wunsch erfülle ich dir“, erwiderte ich. „Was ist es, das du dir wünschst.“ „Ich habe ein unstillbares Verlangen nach einem Apfel“, sagte sie. „Ich möchte seinen Duft einatmen und dann hinein beißen.“ Da sprach ich sofort: „Und hättest du tausend Wünsche, ich würde sie dir sofort erfüllen.“

So ging ich in die Stadt und suchte nach Äpfeln. Aber an diesem Tag hatte ich kein Glück. Ich fand keinen einzigen. Traurig kehrte ich nach Hause zurück. „Oh, meine geliebte Frau, Tochter meines Oheims“, sagte ich. „Bei Allah, es war mir nicht möglich, einen Apfel zu finden.“

Sie wurde sehr traurig und wurde auf`s Neue von einem Schwächeanfall heimgesucht. In der Nacht kehrte ihre Krankheit zurück. Als ich sah, wie ernst ihr Zustand war, bekam ich große Angst.

Dann kam der Morgen, und ich ging erneut zum Bazar und wanderten von einem Stand zum anderen, doch nirgends waren Äpfel zu finden. Schließlich traf ich einen alten Gärtner. Der sprach zu mir: „Mein Sohn, dieser Wunsch ist kaum zu erfüllen. Um diese Zeit gibt es nur an einer Stelle im Land Äpfel, nämlich im Garten des Kalifen von Bassora. Der Gärtner dort bewacht sie wie seinen Augapfel, denn sie sind für die Tafel des Herrschers bestimmt.“

Traurig über meinen Misserfolg kehrte ich nach Hause zurück. Meiner Frau ging es nicht besser, und weil meine Liebe zu ihr so groß war, beschloss ich, nach Bassora zu reiten, um die Äpfel zu besorgen.

Fünfzehn Tage und Nächte war ich unterwegs. In Bassora angekommen, gelang es mir, vom Hofgärtner drei Äpfel für drei Golddinare zu kaufen. So schnell ich konnte, ritt ich nach Hause zurück.

Doch kaum überbrachte ich meiner Frau die Äpfel, rührte sie keinen davon an. Ihr Fieber hatte zugenommen, und sie wurde von einem Schwächeanfall geschüttelt. Zehn Tage lang war ich in großer Angst um sie. Dann aber wurde sie allmählich wieder gesund.

Nun wagte ich es auch wieder, das Haus zu verlassen und zu meinem Geschäft zurück zu kehren. Ich begann wieder mit dem Handel. Als es Mittag war, kam ein schwarzer Sklave an meinem Geschäft vorbei. Er war sehr groß und nicht besonders gut aussehend. In der Hand hielt er einen Apfel, mit dem er spielte.

„Woher hast du diesen Apfel?“, fragte ich ihn. Da lachte er und sagte dann: „Oh, ich bekam ihn von einer schönen weißen Frau. Es ist schon einige Monde her, dass ich sie kennen gelernt habe. Ich brachte ihr einen Korb mit Fischen ins Haus, und sie verliebte sich in mich.

Denkt euch, sie hat einen wirklich dummen Ehemann. Er ahnt nicht, dass sie mich lieber mag als ihn. Vor einiger Zeit spielte sie ihm vor, sie sei krank und bat um Äpfel. Und denkt euch, dieser Narr war so dumm, extra für diese Äpfel nach Bassora zu reisen. Drei Golddinare war er bereit, dafür zu zahlen. Ich blieb bei ihr und aß, trank und lachte mit ihr, bis sie mir zum Abschied diese Äpfel schenkte.“

Als ich diese Geschichte hörte, wurde mir schwarz vor Augen. Rasend vor Zorn schloss ich mein Geschäft und kehrte nach Hause zurück. Hier fand ich meine Frau vor. Ich blickte in die Schale mit den Äpfeln und sah nur zwei Äpfel dort liegen.

„Oh Tochter meines Oheims, sage mir, wo ich den dritten Apfel finden kann“, sagte ich. Und sie erwiderte mit freundlicher Stimme: „Oh Sohn meines Oheims, ich weiß es nicht.“

Da war ich überzeugt davon, dass der Sklave die Wahrheit gesagt hatte. In meiner rasenden Wut griff ich nach dem Schwert und stach auf sie ein. Ich hörte nicht eher wieder auf, als bis sie zerstückelt auf ihrem Bett lag.

Dann erst wurde mir bewusst, was ich getan hatte, und es ergriff mich eine große Verzweifelung. Ich nahm den zerstückelten Körper und legte ihn in den Korb. Dann deckte ich ihn mit dem Teppich und dem Gewand zu. Dies alles legte ich in einen Kasten und lud ihn auf ein Maultier, der es zum Tigris hinunter trug. Dort warf ich alles in den Fluss.

Darum bitte ich euch, mein Herr, tötet mich, damit ich für mein Verbrechen bestraft werde. Denn sonst werde ich am Tag des jüngsten Gerichtes bestraft, und in der Stunde des Sterbens erwartet mich Schlimmes.

Als ich den Körper meiner Frau in den Fluss geworfen habe, kehrte ich nach Hause zurück und fand dort meinen kleinen Sohn vor. Er weinte, obwohl er gar nicht wusste, was mit seiner Mutter geschehen war.

„Mein Sohn, warum weinst du?“, fragte ich ihn.

Da sagte er zu mir: „Ich nahm einen dieser Äpfel, die du meiner Mutter mitgebracht hattest und ging damit auf die Straße, um mit meinen Freunden zu spielen. Plötzlich kam ein schwarzer Sklave und fragte mich:

„Woher hast du diesen Apfel.“ Und ich erzählte ihm, dass du eine lange Reise nach Barossa gemacht hast, um diesen Apfel für meine kranke Mutter für drei Golddinare zu kaufen.“ Aber der Schwarze achtete nicht auf meine Worte. Er lachte nur, stieß mich weg und nahm mir den Apfel aus der Hand. Dann ging er einfach davon.

Ich aber hatte große Angst, dass Mutter mich ausschimpfen würde. Darum ging ich mit meinem Freund aus der Stadt heraus und blieb dort bis zum Abend.“

Oh, mein Herrscher, könnt ihr euch denken, wie mir nun zumute war? Als ich meinen Sohn erzählen hörte, begriff ich, dass ich den Prahlereien des schwarzen Mannes einfach geglaubt hatte und meine Frau ohne jeden Grund getötet hatte.

Da begann ich, schrecklich zu weinen. Und als dieser alte Mann, ihr Vater, bei mir vorbeikam, erzählte ich ihm alles, und wir weinten zusammen. Unser Weinen und Klagen dauerte bis zum nächsten Morgen.

Darum bitte ich euch nun, oh König der Zeiten, lasst mich töten. Ich kann mit diesem schlechten Gewissen nicht mehr weiter leben.

Aber der König schüttelte den Kopf. „Bei Allah!“, rief er aus. „Diesen Mann trifft nicht die Schuld allein. Ich muss überlegen, was ich mit ihm machen werde. Ich fordere aber, mir den Lügner zu bringen. Er allein soll gehängt werden.“

Und so wandte er sich an Dscha` afar und sprach zu ihm: „Dieser Schwarze ist die einzige Ursache des Unglücks. Suche ihn, und bringe ihn, so schnell du kannst. Sollte dir das nicht gelingen, sollst du an seiner Stelle sterben.“

Da sprach Dscha` afar: „Durch einen großen Zufall entging ich dem Tode. Aber nun bin ich ein zweites Mal in Gefahr.“ Und er ging nach Hause. Dort aber tat er gar nichts, um den Schwarzen zu suchen, sondern er blieb in seinem Haus und wartete.

Am Morgen des vierten Tages kam ein Bote des Kalifen zu ihm und sprach zu ihm: „Unser Herrscher ist in großem Zorn auf dich. Er schwört bei Allah, dass am Ende des Tages jemand hängen wird, entweder der Schwarze oder du.“

Als Dscha` afar diese Worte hörte, begann er zu weinen, und alle, die an seinem Hofe lebten, weinten mit ihm. Dann sagte er allen am Hofe Lebewohl, seinen Kindern und auch seinen Sklaven. Nur von seiner jüngsten Tochter konnte er sich nicht verabschieden, denn dieses Mädchen liebte er mehr als alles andere auf der Welt.

Aber er ging zu ihr, küsste sie und drückte sie fest an seine Brust. Plötzlich spürte er etwas Hartes in ihrem Kleid und fragte sie: „Mein kleines Mädchen, was hast du denn da unter deinem Kleid?“

„Oh mein Vater“, rief sie. „Es ist ein Apfel. Unser Sklave Rihan hat ihn mir vor einigen Tagen geschenkt.“ Als Dscha` afar das hörte, atmete er tief. Dann ließ er den Sklaven zu sich kommen.

„Rihan!“ sagte er. „Was hat das mit dem Apfel auf sich? Woher hast du ihn?“ Und der Schwarze erwiderte: „Oh mein Gebieter, ich bitte euch, glaubt mir. Ich habe diesen Apfel nicht aus eurem Palast und auch nicht aus den Gärten des Kalifen gestohlen.

Vor fünf Tagen ging ich durch die Straßen der Stadt. Dort spielten einige Kinder miteinander. Einer von ihnen hatte einen Apfel in der Hand. Ich fragte, woher er den Apfel habe, und er erzählte mir, er habe ihn seiner Mutter weggenommen. Ihr Mann sei extra wegen des Apfels nach Bassora gereist und habe dafür drei Golddinare bezahlt.

Da nahm ich dem Jungen den Apfel weg. Der Junge wurde sehr böse, schimpfte mich aus und trat nach mir. Dass ich den Apfel nahm, war nicht in Ordnung, das weiß ich selbst. Ich aber habe ihn nicht für mich genommen, sondern für eure kleine Tochter, meine Herrin. Ich habe ihr den Apfel geschenkt, und sie hat sich so sehr darüber gefreut, dass es mein Herz erwärmt hat.

Einem neugierigen Mann, der mich nach dem Apfel fragte, band ich einen Bären auf. Nur ein kleiner Schwindel, sonst nichts weiter. Und das, so schwöre ich euch, ist die ganze Geschichte.“

Als Dscha` afar von dieser Geschichte erfuhr, war er entsetzt, dass der Tod der jungen, schönen Frau und all das Elend zwar durch diesen Sklaven herbei geführt war, weil er den Apfel genommen hatte, er sich aber eigentlich nichts Böses dabei gedacht hatte und auch sonst ein freundlicher und zuverlässiger Bursche und allenfalls ein wenig angeberisch war.

Aber es half nichts. Er musste den Schwarzen festnehmen und brachte ihn zu dem Kalifen. Dann erzählte er ihm die Geschichte von Anfang bis Ende.

Der Kalif war sehr erstaunt. Er hatte so eifrig nach dem Mörder suchen lassen, dass er beinahe den Wesir dafür gehängt hatte. Nun sah er den braven Schwarzen, den beschwindelten Mörder und den verhängnisvollen Apfel vor sich, und allmählich verrauchte sein Zorn.

Da begann er zu lachen. „Wie wunderlich das Leben doch ist“, sagte er. Und Dscha` afar erwiderte: „Oh mein Herrscher, es ist nicht merkwürdiger als die Geschichte des Wesirs Nuraeddin von Ägypten und seines Bruders Schaesaeddin.“

„Die Geschichte möchte ich gerne hören“, rief der Kalif. „Gerne“, erwiderte Dscha` afar. „Aber nur unter der Bedingung, dass ihr den Schwarzen begnadigt, wenn euch die Geschichte gefällt.“ „Einverstanden“, sagte der Kalif. Da begann Dscha` afar mit seiner Geschichte.

Die Geschichte von dem Wesir Nuraeddin, von seinem Bruder, dem Wesir Schaemsaeddin, und von Hassan Baedraeddin

Vor langer Zeit lebte in Ägypten ein guter und gerechter König. Er hatte ein Herz für arme und fromme Menschen und liebte die Gesellschaft von klugen und weisen Männern. In seinem Dienst stand auch ein Wesir, der klug und erfahren war, und sich auf die Kunst des Regierens verstand.

Dieser Wesir war ein alter Mann. Er hatte zwei Söhne. Der ältere hieß Schaemsaeddin Muhammed, und er war so vollkommen in seiner Schönheit wie der Mond. Der Jüngere, Nuraeddin, übertraf seinen Bruder noch an Glanz und Anmut, und seine Schönheit war weit in ferne Gebiete bekannt.

Eines Tages starb der Wesir. Da ließ der König die beiden Söhne zu sich kommen. Er überreichte ihnen wunderschöne Ehrengewänder und sprach zu ihnen: „Jetzt, wo euer Vater heimgegangen ist in Allahs Reich, sollt ihr seinen Platz übernehmen und Wesire von Ägypten werden.“

Da freuten sich die beiden sehr. Und als das Trauerjahr vorbei war, traten sie ihre Dienste an. Mit dem Dienst erhielten sie eine große Macht. Und weil sie sich gut verstanden, übte jeder von ihnen den Dienst eine Woche lang aus, dann war der andere an der Reihe. Sie lebten zusammen in einem Haus und verstanden sich gut, und wenn ihre Meinungen bei den Regierungsgeschäften gefragt waren, waren sie sich immer einig.

Immer wenn der Sultan auf Reisen ging, begleiteten sie ihn abwechselnd. Als der König wieder einmal auf Reisen gehen wollte, war der Ältere der Brüder an der Reihe, ihn zu begleiten. In der Nacht zuvor saß er mit seinem Bruder zusammen, und sie aßen und tranken und redeten miteinander.

Da sagte der eine zu dem anderen: „Oh geliebter Bruder, wie wäre es schön, wenn wir beide zwei Schwestern zur Frau nehmen würden.“ Da antwortete Schaemsaeddin: „Das wäre wirklich wundervoll. Und wenn es Allahs Wille ist, mir ein Mädchen und dir einen Jungen als Kinder zu schenken, wollen wir die beiden miteinander verheiraten.“ Da erwiderte Nuraeddin: „Mein Bruder Schaemsaeddin, welchen Preis würdest du in dem Falle von meinem Sohn als Morgengabe für deine Tochter verlangen?“

Schaemsaeddin überlegte eine Weile: „Dreitausend Golddinare, drei Lustgärten und drei der schönsten Länder Ägyptens würde ich verlangen. Und wenn ich es mir recht überlege, ist das wirklich wenig für meine Tochter. Und wenn dein Sohn damit nicht einverstanden sein soll, bekommt er meine Tochter nicht.“

Nuraeddin schnappte empört nach Luft. „Schaemsaeddin, was fällt dir ein!“, rief er empört. „Hast du vergessen, dass wir Brüder sind und so Allah will als Wesire den gleichen Rang haben. Statt so viel Geld und Güter zu verlangen, solltest du meinem Sohn deine Tochter schenken, statt eine Morgengabe zu verlangen. Schließlich ist mein Sohn zehnmal mehr wert als du, und es wäre angemessener, wenn deine Tochter eine Morgengabe mitbringen würde, statt sie von meinem Sohn zu fordern.“

Nun geriet auch Schaemsaeddin in Zorn. „Bruder Nuraeddin, du glaubst doch nicht im Ernst, dass dein Sohn mehr wert ist als meine Tochter? Wenn du das meinst, zeigst du klar, dass dein Verstand sehr beschränkt ist und du außerdem sehr unhöflich bist.

Weißt du nicht, dass du es nur mir zu verdanken hast, dass du das Amt des Wesirs mit mir teilen durftest. Nur aus Mitleid habe ich dich daran teilnehmen lassen. Aber jetzt, wo du so gehässig redest, will ich deinem Sohn niemals meine Tochter zur Frau geben. Nicht einmal, wenn du sein Gewicht in Gold aufwiegen würdest.“

Als Nuraeddin die Worte seines Bruders hörte, wurde er rot vor Zorn und rief: „Auch ich werde um nichts in der Welt meinen Sohn mit deiner Tochter vermählen. Um keinen Preis der Welt! Behalte sie!“

Und Schaemsaeddin erwiderte: „Dein Sohn ist ein Nichts gegen meine Tochter. Wenn ich nicht ausgerechnet jetzt mit unserem König verreisen müsste, würde ich dich meine ganze Wut spüren lassen. Doch warte ab, bis ich zurück bin. Dann wirst du sehen, wie ich meine Würde wahren und meine Ehre rächen werde.“

Als Nuraeddin das hörte, erfüllte sich sein Herz mit Zorn, und er sann auf Rache. Doch es gelang ihm, seine Gefühle zu verbergen. Die beiden Brüder verbrachten die Nacht in unterschiedlichen Räumen und einer hatte gegen den anderen einen unbezähmbaren Zorn. Aus Zorn aber wurde Hass.

Am anderen Morgen machte sich Schaemsaeddin mit dem König auf den Weg von Kahira nach Gezira. Sie fuhren mit einer Barke über den Nil. Zur gleichen Zeit erhob sich Nuraeddin zum Morgengebet. Er hatte die Nacht wach auf seinem Bettlager verbracht, und die bösen Worte seines Bruders wanderten durch seinen Kopf und sein Herz.

Nach dem Gebet ging Nuraeddin in die Schatzkammer hinüber und füllte die Satteltaschen mit Goldstücken. Dann ließ er sein Maultier satteln und sprach zu seinem Sklaven: „Ich möchte einen Ausflug in die Stadt unternehmen. Dort möchte ich drei Nächte bleiben. Es ist aber mein ausdrücklicher Wunsch, allein zu reisen.“

Der Sklave nickte. Und so bestieg Nuraeddin sein Maultier und ritt los. Er ritt aus Kahira hinaus und schlug die Richtung ein, in der die Wüste lag. Dann reiste er Tage und Nächte, bis er nach Bassora kam.

In dem Augenblick, als Nuraeddin am Fenster des Palastes vorbei kam, blickte der Wesir von Bassora auf die Straße und erblickte das Maultier. „Was für ein herrliches Maultier ist das!“, dachte er. „Und was für wunderschönes Sattelzeug es hat. Dieses Tier wird bestimmt einem fremden Wesir, vielleicht sogar einem König gehören.“

Und er folgte Nuraeddin zu seiner Herberge und begrüßte ihn herzlich. „Oh mein Sohn“, sagte er. „Woher kommst du und was tust du hier bei uns in Bassora?“

Da erzählte ihm Nuraeddin die ganze Geschichte vom Anfang bis zum Ende. „Und darum bin ich weg gegangen“, endete er. „Und ich werde nicht eher nach Ägypten zurück kehren, bis ich nicht alle Länder der Welt kennen gelernt habe.“ „Mein Sohn“, mahnte nun der Wesir. „Höre nicht auf die Stimme deiner Leidenschaft. Sie kann dich ins Verderben führen. In vielen Ländern der Welt lauern Gefahren auf dich.“

Dann lud er Nuraeddin in sein Haus ein und bot ihm eine schöne Bleibe und ein gutes Essen an, denn er mochte ihn sehr. Schon nach kurzer Zeit hatte er zu ihm Vertrauen gefasst und bat ihn zu einem Gespräch.

„Mein lieber Sohn“, sprach er. „Wie du siehst, bin ich alt, und die Bürde der Jahre lastet auf meinen Schultern. Leider aber habe ich keine männlichen Nachfolger, die mein Erbe übernehmen würden. Allah jedoch schenkte mir eine wunderschöne Tochter.

Alle Männer, die sie zur Frau haben wollten, habe ich fortgeschickt. Dich aber liebe und schätze ich wie meinen eigenen Sohn, und so frage ich dich: Möchtest du meine Tochter zur Frau haben?

Wenn du das möchtest, werde ich zum König gehen und ihm sagen, du wärst mein Neffe und wärst aus Ägypten gekommen, um um die Hand meiner Tochter anzuhalten. Wie ich den König kenne, wird er mich in den Ruhestand versetzen und dich als Wesir einsetzen. Und dann kann ich mich um mein Haus kümmern und dir die Regierungsgeschäfte überlassen.“

Als Nuraeddin diese Worte hörte, verbeugte er sich und sagte: „Ich höre und gehorche.“ Da freute sich der Wesir, und er bereitete ein großes Fest vor. Freunde und hohe Würdenträger des Landes kamen in sein Haus von Bassora, um mit ihm zu feiern. Und als sie alle gekommen waren, sprach er zu ihnen:

„Ich hatte einen Bruder, der Wesir in Ägypten war. Allah schenkte ihm zwei Söhne und mir eine Tochter. Mein Bruder aber hat mich vor seinem Tode gebeten, meine Tochter mit einem seiner Söhne zu vermählen, und ich habe ihm das Versprechen dafür gegeben.

Nun hat er mir diesen jungen Mann, seinen Sohn gesandt, damit ich ihn mit meiner Tochter verheiraten kann, denn ich liebe ihn wie meinen eigenen Sohn und er steht meinem Herzen nahe.“

Und alle Hochzeitsgäste nickten mit dem Kopf und sagten: „Das was du tust ist gut und richtig.“ So wurden die Hochzeitsvorbereitungen getan, und Nuraeddin strahlte vor Glück und Freude, denn er liebte die Tochter des Wesirs über alles.

So also war die Geschichte über Nuraeddin. Wie aber ging es seinem Bruder Schaemsaeddin? Lange Zeit über war er mit dem König fort gewesen. Nun, als er endlich in seine Heimat zurückkehrte, fand er seinen Bruder Nuraeddin nicht mehr vor.

Schaemsaeddin war zunächst sehr verwundert darüber, dann sorgte er sich und schließlich verfiel er in große Trauer. Und er dachte bei sich: „Ich bin schuld daran, dass mein Bruder weg gegangen ist. Warum nur musste ich so dumm und eigensinnig sein? Er war mein liebster Bruder und mein bester Freund. Ich will mich auf die Suche nach ihm machen, um mich wieder mit ihm zu versöhnen.“

Und er ging zum König und erzählte ihm, was vorgefallen war. Der König ließ Suchbriefe schreiben. Er setzte sein königliches Siegel darauf und ließ die Briefe von seinen Boten in alle Provinzen bringen.

Doch weil Nuraeddin weit fort in Bassora war, erreichten ihn die Suchbriefe nicht, und die Boten kehrten ohne Nachricht von ihm zum Hof zurück. Als Schaemsaeddin das sah, war er tief verzweifelt. „Alles geschah, weil wir uns über unsere Kinder stritten, die überhaupt noch nicht geboren sind“, rief er unglücklich. „Oh, was für Narren wir doch sind!“

Doch die Zeit heilt alle Wunden. Auch Schaemsaeddin tröstete sich irgendwann über den Verlust seinen Bruders hinweg. Er heiratete die Tochter eines reichen Kaufmanns von Kahira und feierte seine Hochzeit zur gleichen Zeit, an dem auch sein Bruder Nuraeddin die Tochter des Wesirs von Bassora heiratete.

Nach einiger Zeit wurde Schaemsaeddin, dem Wesir von Ägypten, eine Tochter geboren. Sie war so schön, dass man in Kahira nie ihresgleichen an Schönheit gesehen hatte. Und am selben Tage wurde Nuraeddin ein Sohn geboren, und er war das schönste Kind unter der Sonne.

Nuraeddins Sohn nannte man Baedraeddin Hassan, und er wurde besonders von seinem Großvater, dem Wesir von Bassora abgöttisch geliebt. Der Wesir ging mit Nuraeddin zum König und sprach:

„Ich habe eine große Bitte an euch, oh Herrscher. Dieser junge Mann ist der Sohn meines Bruders und der Mann meiner Tochter. Er ist jung und klug, ich dagegen werde alt und taub, und bin ein wenig zu müde für die Regierungsgeschäfte geworden.

Darum möchte ich meinen Herrn und Herrscher bitten, die Gnade zu haben, meinen Schwiegersohn als Nachfolger ins Amt zu heben. Er ist es wert und er ist mit Sicherheit der rechte Mann für diese Angelegenheiten.“

Der König mochte Nuraeddin. Er setzte ihn als Wesir von Bassora ein und teilte ihm eine Leibwache zu. Nuraeddin verwaltete sein Amt klug und der König schätze seine Arbeit so sehr, dass sie schon bald gute Freunde wurden.

So wurde er immer mächtiger und seit Ansehen stieg höher und höher. Er verwaltete die Regierungsgeschäfte klug, legte Wasserräder an und erschuf wunderschöne Gärten und Straßen, die die Stadt verschönerten. Auch den Armen gegenüber verhielt er sich freundlich und hatte für ihre Sorgen ein offenes Ohr.

Als sein Sohn Hassan sechzehn Jahre alt war und zu einem vollendeten gut erzogenen Jüngling heran gereift war, kleidete Nuraeddin ihn mit prachtvollen Kleidern und setzte ihn auf das schönste Maultier. Zusammen zogen sie zum Palast des Königs.

Als der König den jungen Hassan erblickte, war er erstaunt über sein liebenswürdiges Wesen, von dem ein Zauber ausging. Zu Nuraeddin sagte er: „Oh Wesir, diesen freundlichen Jüngling solltest du täglich in meinen Palast bringen.“

Nuraeddin nickte. „Ich höre und gehorche“, sagte er. Von diesem Tag an brachte er Hassan jeden Tag in den Palast zum König, bis er das Alter von achtzehn Jahren erreicht hatte.

Dann aber eines Tages wurde der Wesir sehr krank. Da erinnerte er sich an seinen Bruder und alle seine Freunde in Ägypten. Und er dachte an seine Heimat und alle lieben Menschen, die er dort in Kahira zurück gelassen hatte.

So ließ er seinen Sohn zu sich rufen und sprach zu ihm: „Mein Sohn, ich habe dir nie gesagt, dass ich einen Bruder habe, der als Wesir in Ägypten lebt. Er heißt Schaemsaeddin. Ich habe ihn vor langer Zeit verlassen, weil wir einen Streit miteinander hatten. Er weiß nicht, dass ich in Bassora lebe. Darum bitte ich dich, nimm ein Blatt Papier und schreibe etwas für ihn auf, das ich dir diktieren werde.“

Und Hassan schrieb die ganze Geschichte von Anfang bis Ende auf, die ihm sein Vater diktierte. Dazu gehörte seine Ankunft in Bassora, der Tag seiner Vermählung mit der Tochter des alten Wesirs, den Namen ihres Vaters und Großvaters, die Stunde von Hassans Geburt und schließlich das Datum des diktierten Briefes.

Danach faltete er den Brief zusammen und siegelte ihn. Dann sprach er: „Bewahre diesen Brief gut auf. Sollte dir einmal in deinem Leben ein Unglück zustoßen, kehre in das Land Ägypten nach Kahira zurück. Wenn du dort auf deinen Onkel, meinen Bruder triffst, dann grüße ihn von mir. Teile ihm mit, dass ich gestorben bin und sage ihm auch, dass ich traurig in der Fremde gestorben bin, in der ich so oft Sehnsucht nach ihm, meinem geliebten Bruder hatte.“

Und kurze Zeit später starb er und seine Seele kehrte heim zu Allah. Hassan trauerte lange um seinen Vater. Zwei Monate lang stieg er nicht auf sein Pferd, ging nicht in den Reichsrat und besuchte nicht einmal den König.

Der König dagegen ärgerte sich über Baedraeddin Hassans Verhalten und konnte es nicht verstehen. Er glaubte, er würde ihn nicht mehr mögen. Schließlich war er so ärgerlich, dass er nicht Baedraeddin Hassan, sondern einem anderen die Stelle als Wesir übergab.

Hassan kümmerte sich nicht darum. Tief in seiner Trauer versunken übersah er den König. Der wiederum fühlte sich missachtet und beschlagnahmte Baedraeddin Hassans Landgüter. Als Hassan sich immer noch nicht dazu äußerte, geriet der König vollends in Zorn. Er sah das Verhalten als Beleidigung gegen den Thron an.

„Schnappt euch diesen Mann, legt ihn in Ketten und bringt ihn vor den Thron“, rief der König außer sich. Da nahm der neue Wesir seine Leibwächter mit und machte sich auf den Weg zu Hassans Haus.

Unter den Sklaven des Königs aber gab es einen, der vorher im Dienste des verstorbenen Wesirs gestanden hatte. Als er hörte, welche Absichten der König gegen Hassan hatte, nahm er sich ein Pferd und ritt in aller Eile zu Baedraeddin Hassans Haus hinaus.

Er fand Hassan dort in der Mitte des Raumes auf einem Stuhl sitzend vor. Hassan hatte das Haupt gebeugt und war starr vor Kummer um seinen Vater. Kein anderer Gedanke hatte in seinem Kopf Platz.

Da rief der Sklave: “Oh mein Gebieter und Sohn meines Gebieters. Der König hat seinen Zorn auf dich gerichtet und er hat den Befehl gegeben, dich verhaften zu lassen. Darum beeilt euch und flieht, so schnell ihr könnt.“

Hassan erbleichte. „Habe ich noch Zeit, einige Sachen zu packen?“ fragte er. Doch der Sklave schüttelte energisch den Kopf. „Nein mein Gebieter. Es ist Zeit zur Eile. Verlasst das Haus auf der Stelle. Ich bitte euch!“

Da stand Hassan auf, warf einen Umhang über sein Haupt, damit ihn niemand erkennen konnte, und verließ das Haus so schnell er konnte. Als er in der Stadt war, hörte er, wie die Leute um ihn herum sprachen: „Unser König sendet den neuen Wesir zum Hause des alten Wesirs, um den Sohn zu ergreifen und töten zu lassen.“ Und alle riefen. „Oh weh, oh schrecklich!“

Als Hassan das hörte, eilte er noch schneller durch die Straßen der Stadt. Am Friedhof machte er Halt. Dann trat er ein und ging zum Grab seines Vaters. Er ließ seinen Umhang fallen und beugte sein Haupt. Trauer und Furcht waren in seinem Gesicht zu sehen.

Als er so Gedanken versunken dasaß, kam ein jüdischer Geldwechsler vorbei. Die Satteltaschen seines Pferdes waren voll mit purem Gold. Als er Hassan dort sitzen sah, wurde er ebenfalls sehr traurig.

„Oh Herr, es schmerzt mich, dich so bedrückt und unglücklich zu sehen. Bitte lass mich dir einen Vorschlag unterbreiten. Ich habe deinen geliebten Vater, der nun hier im Grabe ruht, sehr geschätzt und geachtet. Oft und gerne denke ich an seine weisen Worte und seinen Sinn für Gerechtigkeit.

Er hatte eine Warenladung mit dem Schiff erwartet. Und da sie bald ankommen soll, möchte ich dir diese Warenladung für tausend Golddinare abkaufen. Dein Vater hat mir so oft geholfen, und so wäre es mir eine große Freude, dir auch einmal helfen zu können. Selbst wenn das Schiff vielleicht nicht ankommen wird, es kümmert mich nicht. Ich kaufe es trotzdem.“

Erleichtert erwiderte Hassan: “Natürlich bin ich damit einverstanden und ich danke dir herzlich.“ Der Jude öffnete seine Satteltaschen und überreichte Hassan die tausend Golddinare. Hassan schrieb eine Empfangsbestätigung und setzte sein Siegel darunter.

Er überreichte sie dem Juden und behielt auch für sich eine Abschrift. Beide wünschten einander Friede und Glück, dann ging jeder seiner Wege. Hassan dachte einen kurzen Moment lang an die Reichtümer, die er zuvor besessen hatte, und Tränen stiegen in seine Augen.

Dann sprach er langsam einen Vers vor sich hin: „O heitere Nächte von einst! Kehren sie jemals zurück? Kehren die Freuden von einst je in mein Herz wieder ein?“

Dann wurde es dunkel. Hassan lehnte seinen Kopf an das Grab des Vaters und schlief ein. Der Mond stand über ihm und beleuchtete sein Haupt feierlich. Sein Gesicht schimmerte hell im Mondenschein.

Viele Geister, aber auch Feen lebten auf dem Friedhof. So kam es, dass eine Fee an Hassan vorbei ging. Sie war berührt von der Schönheit des jungen Mannes. Als sie sich wieder in die Lüfte hob, begegnete sie einem Geist. Er kreiste um sie herum und sie fragte ihn:

„Woher kommst du?“ „Von Kahira“, entgegnete der Geist. „Sieh dir mal den schlafenden Jüngling an“, sagte die Fee und zeigte auf Hassan, der immer noch im Schlaf versunken war. „Ist er nicht wunderschön?“

Beide ließen sich auf die Erde sinken und sahen den schlafenden Hassan an. Der Geist sprach: “Wahrhaftig. Ich habe noch nie in meinem Leben einen schöneren Menschen gesehen.“ Aber dann fügte er hinzu: „Obwohl, so ganz stimmt es nicht. Heute habe ich einen Menschen gesehen, den man mit der Schönheit dieses Jünglings durchaus vergleichen kann. Es ist die Tochter des Wesirs von Ägypten. Sie ist vollkommen in ihrer Anmut.

Als sie achtzehn Jahre alt wurde, hörte der König von Ägypten von ihrer Schönheit und ließ den Wesir, ihren Vater, zu sich kommen. Zu ihm sprach er: “Höre, o Wesir, ich habe gehört, deine Tochter ist schön und ansehnlich. Darum ist es mein Wunsch, sie zur Frau zu nehmen.“

Da erwiderte der Wesir: „Oh, mein Herr, bitte höret euch in Ruhe an, was ich dazu zu sagen habe und spüret auch meine tiefe Trauer. Wie ihr wisst hat mein Bruder, der wie ich Wesir in diesem Land war, seine Heimat verlassen. Niemand weiß, wo er geblieben ist.

Der Grund, dass er verschwunden aber ist der, dass wir in einer Nacht zusammen saßen und über unsere Zukunft sprachen. Wir redeten über unsere Frauen und unsere Kinder, die wir haben wollten. Dabei gerieten wir in einen heftigen Streit.

Ich aber leistete einen Eid, dass ich meine Tochter nur mit dem Sohn meines Bruders vermählen würde. Und um das Andenken meines Bruders zu ehren, will ich mein Versprechen halten.

Nun sagten mir die Sterne, dass mein Bruder gestorben ist und einen Sohn hinterlassen hat, der zum gleichen Zeitpunkt wie meine Tochter geboren wurde. Ich erkannte durch das Horoskop, dass unserer beiden Kinder in ihrem Schicksal fest miteinander verbunden sind.

Oh Herr, verzeiht mir diesen Eid und diese Entscheidung. Für euch gibt es unzählige schöne Mädchen auf der Welt. Darum bitte ich euch, wählt eine andere zur Frau, und nicht meine Tochter.“

Als der König das hörte, war er außer sich vor Zorn über diese Ablehnung. „Wenn ein Herrscher wie ich ein Mädchen zur Frau begehrt, ist das eine hohe Ehre“, sagte er. „Du aber weißt mich mit einem dummen Geschwätz ab. Was interessieren mich deine albernen Familienverhältnisse. Jetzt aber, wo du mich so abgewiesen hast, will ich sie mit dem niedrigsten meiner Knechte verheiraten.“

Im königlichen Palast gab es einen Pferdewärter. Er hatte einen großen Buckel auf seinem Rücken. Das war eigentlich sehr traurig, aber es gab niemanden im Palast, der den Pferdewärter dafür bedauerte. Er war nämlich ein unangenehmer Mann. Ständig suchte er Streit und zankte sich mit jedem, der in seiner Nähe war.

Den bestimmte der König zum Ehemann der Tochter. Obwohl der Wesir wieder und wieder bettelte, ließ der König den Ehevertrag aufsetzen. Dann ordnete er den Termin und die Festlichkeiten für die Hochzeit an.

Gerade in dem Moment, als die jungen Sklavinnen den Pferdewärter umstanden und ihm freche Scherze zuriefen, bin ich davon geflogen“, fuhr der Geist mit seiner Erzählung fort. „Aber eins muss ich sagen, Schwester, dieser bucklige Pferdewärter ist in der Tat nicht nur hässlich, sondern auch dreist und dumm.“ Und der Geist schüttelte sich. „Puh!“, sagte er. Dann lächelte er verzückt. „Aber das junge Mädchen ist wirklich das schönste Geschöpf auf der Welt, das ich je gesehen habe.“

Da rief die Fee: „Das kann nicht sein. Denn dieser Jüngling ist schöner als alles auf der Welt. Du selbst hast zugegeben, dass du nie jemand Schöneren sahst.“ Und der Geist erwiderte: „ Das sagte ich nur, weil ich in dem Moment das Mädchen vergessen hatte. Er ist wirklich schön, aber das Mädchen ist schöner. Wenngleich sie auch Bruder und Schwester sein könnten, so ähnlich sind sie sich.“

Da sprach die Fee: “Mein Bruder, lass uns den jungen Mann nehmen und nach Kahira tragen. Wir wollen ihn neben das Mädchen stellen und dann entscheiden, wer von den beiden schöner ist.“ Der Geist entgegnete: „So soll es sein.“

Und er flog zu Hassan hinunter und umfasste ihn. Wie ein Vogel flog er mit ihm durch die Luft, während die Fee neben ihnen her schwebte. So erreichten sie Kahira. Vorsichtig legten sie ihn an einer Steinbank nieder und weckten ihn.

Als Hassan erwachte, erschrak er sehr. Er saß nicht mehr neben dem Grab seines Vaters, sondern befand sich in einer Gegend, die er nie zuvor gesehen hatte. Vor lauter Schrecken wollte er anfangen, zu schreien, doch da gab ihm der Geist einen vorsichtigen Schubs.

„Sei still!“, flüsterte er. Hassan schwieg erschrocken und wartete auf die Dinge, die da kommen sollten. Der Geist brachte ihm reiche Kleider, kleidete ihn damit an und überreichte ihm eine brennende Kerze. Dann sprach er zu ihm:

„Sei ruhig und habe keine Angst. Glaub mir, ich habe dich hier her gebracht, weil ich dir etwas Gutes tun wollte. Nimm dieses Licht, misch dich unter das Volk und geh hinunter bis zum Badehaus. Dort wirst du einen Buckligen sehen, der heraus kommt.

Dieser Bucklige wird zum Palast gebracht. Folge diesem Zug und gesell dich einfach an die Seite des Buckligen, gerade so, als wenn du zur Familie gehörst. Auch wenn du ihn nicht leiden magst, lass dich nicht von deinen Plänen abhalten. Geh mit ihm in den Palast hinein und lass dich an seiner Seite nieder.

Und jedes Mal, wenn ein Sklave, eine Sängerin oder eine Tänzerin vor euch tritt, greifst du tief in deine Tasche. Immer wirst du Gold darin finden. Nimm eine Handvoll heraus und wirf ihnen reichliche Goldmünzen zu. Hab keine Angst und sei guten Mutes.“

Und Hassan dachte bei sich: „Was hat das alles zu bedeuten? Was will dieser merkwürdige Geist von mir?“ Und es erschien ihm alles sehr sonderbar.

Trotzdem tat er, wie es ihm der Geist geraten hatte. Er ging zum Badehaus und kam genau in dem Moment an, als der Bucklige das Badehaus verließ und auf sein Pferd stieg. Hassan verhielt sich sehr geschickt, und es gelang ihm, die Spitze des Hochzeitszuges zu erreichen und genau an der Seite des Buckligen zu schreiten.

Und jedes Mal, wenn sich Tänzerinnen oder Musikantinnen dem Zug näherten oder wenn sich Bettler oder Arme in den Weg setzten, griff er in seine Tasche und warf ihnen Goldmünzen zu. Das Tamburin einer hübschen jungen Tänzerin füllte er sogar bis zum Rand mit Goldmünzen.

Als sie nun alle am Haus des Wesirs angekommen waren, traten die Torhüter zurück und wollten niemanden als den Buckligen und die Tänzerinnen und Musikerinnen hinein lassen. Doch die Musikerinnen und Tänzerinnen riefen:

„Nein! Wir weigern uns einzutreten, wenn dieser junge Mann nicht mit uns gehen darf, der uns so mit Wohltaten überhäuft hat. Und wir werden uns auch weigern, die junge Braut mit prächtigen Gewändern zu bekleiden, wie es bei uns Sitte ist, wenn dieser junge Mann nicht dabei sein darf.“

Und so nahmen die Künstlerinnen den jungen Mann mit und führten ihn ebenfalls in den Empfangsraum. Der einzige Mann, der sich noch hier befand, war der bucklige Pferdewärter. Er warf Hassan böse Blicke zu und flüsterte ihm ungehörige Schimpfworte zu. Doch Hassan tat, als hörte und sah er nichts davon.

Im Empfangssaal hatten sich alle vornehmen Damen der Stadt versammelt, die Frauen der Wesire, der Kämmerer und Würdenträger des Palastes. Wegen der beiden Männer, die sich in dem Raum befanden, hatten sie ihr Gesicht verschleiert.

Aber als sie Hassan anschauten, waren sie von seiner Schönheit so bewegt, dass sie ihn immer wieder betrachten mussten. Und sie redeten gehässig über den Buckligen und liebevoll über Hassan. „Allah, das ist ein schöner Jüngling! Der wäre der ideale Mann für unsere Herrin. Aber sie muss diesen abscheulichen Pferdeknecht heiraten. Was für eine Schande für sie!“

Nun ertönten Trommeln und Tamburine. Die Tür zum Zimmer der Braut tat sich auf, und die Braut trat in den Festsaal. Sie war von ihren Sklavinnen umringt, die neben ihrem strahlenden Antlitz wie Monde und Sterne in einer hellen Sommernacht leuchteten.

Hassan saß ganz ruhig da und schaute sie an. Da trat die Braut langsam näher, in anmutigen sanften Bewegungen. Der Buckelige stand auf, um sie zu umarmen, doch sie wich aus und trat mit einem großen Schritt zur Seite. Nun stand sie unmittelbar vor Hassan, dem Sohn ihres Onkels, so als gehöre sie zu ihm und nicht zu ihrem eigentlichen Bräutigam.

Da lachten die Zuschauer aus dem Volk und klatschten Beifall. Die Sängerinnen schlugen ihre Tamburine. Nun griff Hassan in seine Tasche und warf ihnen gelassen Goldstücke zu. Die Mädchen freuten sich und riefen: “Wahrlich, wenn es nach uns ginge, gehörte diese Braut dir.“ Hassan lächelte. Der Bucklige aber betrachtete verärgert, dass niemand ihn beachtete.

Nun wurde die Braut von den Dienerinnen entschleiert und zeigte sich in ihrem ersten Brautgewand. Es bestand aus fließender roter Seide, und Hassan war entzückt von ihrer Schönheit.

Danach schritt die Braut durch den Festsaal und zeigte sich in ihren andern Gewändern. Goldfarben, orange, violett, silberblau, nilgrün oder purpurfarben waren sie. Und während sie sich in den verschiedenen Farben zeigte, begleitete Flötenmusik ihre Schritte und die Sängerinnen sangen Lieder der Liebe, wie sie niemals jemand schöner gesungen hatte.

Tamburine und Schellen begleiteten die Tänzerinnen bei jedem Schritt, und sie tanzten wundervolle Figuren. Leicht wie Vögel schwebten sie durch den Raum.

Immer aber, wenn eine Pause eintrat, warf ihnen Hassan Goldstücke zu. Nicht nur sie, auch mancher Gast bückte sich danach, denn man sehnte sich danach, etwas in der Hand zu halten, was Hassan zuvor gehört hatte.

Der Buckeligen stieß einen wütenden Laut aus, und für einen kurzen Augenblick richtete sich die Aufmerksamkeit auf ihn. Dann aber geriet er wieder in Vergessenheit. Hassans Blick war unablässig auf die Braut gerichtet.

Dann zeigte sich die Braut im siebten Gewand, dem Hochzeitskleid. Es war in strahlendes Weiß getaucht und mit türkisen Edelsteinen und roten Korallenketten besetzt. Danach war die Hochzeitsfeier beendet. Die Gäste gingen. Nur Hassan und der Bucklige blieben im Festsaal sitzen.

Die Dienerinnen führten die Braut ins Entkleidungszimmer und entkleideten sie, wie es der Brauch vorsah. Dann gingen auch sie. Nur die alte Amme blieb bei der Braut. Sie führte sie nun ins Brautzimmer, das nur der Bräutigam betreten durfte.

Zur gleichen Zeit stand der Buckelige auf und sah Hassan böse an. „Nun Verehrtester, ist es Zeit für dich, zu verschwinden“, sagte er verärgert. „Du hast uns mit deiner Anwesenheit und deiner Großzügigkeit hoch erfreut. Doch wenn du jetzt nicht gehst, werde ich dich fort jagen müssen.“

Unsicher stand Hassan auf. Er wusste nicht, was er tun sollte. Schließlich verließ er den Saal. Draußen traf er auf den Geist. Der sagte zu ihm: „Wohin willst du, Baedraeddin Hassan? Höre, was ich dir zu sagen habe und achte genau auf meine Anweisungen.

Der Bucklige muss nämlich noch auf ein gewisses Örtchen. Wenn er dort angekommen ist, werde ich mich um ihn kümmern. Du aber gehst direkt in das Brautgemach. Und wenn du dort angekommen bist, sagst du zu deiner Braut:

„Ich bin dein wahrer Ehemann. Dein Vater hat nur eine Komödie mit dir gespielt, damit der Blick des Neides nicht auf dich gerichtet wird. Nun aber ist das Spiel vorbei. Der Buckelige aber bekommt von mir einen großen Krug süßen Wein, den er auf die Gesundheit seiner Braut trinken wird.“ Und der Geist verschwand.

Der Buckelige aber musste wirklich auf das stille Örtchen. Der Geist wartete einen Moment lang, dann verwandelte er sich in eine fette Ratte. Schaurig ahmte er den Schrei des Tieres nach. „Ziig, ziig“, rief er. Der Stallknecht klatschte in die Hände, um die Ratte zu verscheuchen. „Kusch! Verschwinde!“, rief er.

Doch der Geist ließ seinen Rattenkörper wachsen und immer größer werden. Er entwickelte sich zu einer großen schwarzen Katze mit leuchtenden Augen. „Miau, miahu!“ rief er. Und die Katze wuchs weiter und wurde zu einem riesigen Hund. „Wau, wau“, bellte er.

Der Bucklige erschrak sehr. „Verschwinde, du böser Geist“, schrie er.Doch der Hund wuchs weiter und verwandelte sich zu einem Esel, danach zu einem Büffel. Dann sprach der Geist mit tiefer Menschenstimme: „Verschwinde, du stinkender Stänker. Fort mit dir, bevor ich dir etwas antue.“

Den Buckligen packte das Entsetzen. Er warf sich auf den Boden des Raumes und zitterte am ganzen Körper. Da rief der Büffel: „Wahrlich, du bist ein Scheusal. Ausgerechnet die Frau suchst du für dich aus, die unter meinem Schutze steht.“

Der Pferdeknecht war so geschockt, dass er kein Wort heraus brachte. „Antworte mir!“, brüllte der Geist. „Oder ich stecke dich in die Toilettenschüssel und spüle dich hinunter.“

Da warf sich der Bucklige auf die Knie. „Oh, geliebter Herrscher, freundlichster Büffel“, rief er zitternd. „Ich kann für diese ganze Sache überhaupt nichts. Ich bin zu dieser Hochzeit gezwungen worden. Zugegeben, ich hatte nichts dagegen einzuwenden, aber ich schwöre, dass mir meine Tat jetzt sehr Leid tut.“

Da sprach der Geist: „Die ganze Nacht wirst du hier bleiben müssen. Erst dann kannst du fortgehen, wohin du willst. Doch ich warne dich, niemandem sagst du ein Wort. Und wenn du Anstalten machst, dich der Braut zu nähern, ist es mit deinem jämmerlichen Leben vorbei. Überhaupt wird es dringend Zeit, dass du dich besserst. Jahr für Jahr hast du alle mit deiner Bosheit vor den Kopf gestoßen.

Solltest du mir nicht gehorchen, werde ich dir den Kopf zerquetschen. Und um sicher zu gehen, dass du diesen Raum nicht verlässt, werde ich vor der Tür ausharren, bis der Morgen anbricht.“ Und er fasste den Buckligen mit den Zähnen und hielt ihn auf der Toilette fest. “Rühr dich nicht, bis die Sonne aufgeht!“, sagte er noch.

Hassan schlich in den Harem hinein und ließ sich im Zimmer der Braut nieder. Im selben Moment trat auch schon die Braut ein. Als sie ihn sah, stieß sie einen leisen freudigen Schrei aus. Dann flüsterte sie: „Wie bist du hier hinein gekommen? Das darfst du nicht.“

„Ich bin dein wahrer Ehemann“, sagte Hassan nun, wie es ihm der Geist aufgetragen hatte. „Diese Sache mit dem Buckligen war nur eine Idee von deinem Vater. Er wollte ein bisschen Spaß machen und vor allem den bösen Blick von dir fern halten, wie es Sitte bei euch ist.

Dein Vater hat diese Buckligen für zehn Dinare gemietet, und nun sitzt er in seinem Stall und trinkt einen Krug Wein auf deine Gesundheit.“ Die Tochter des Wesirs war zutiefst erleichtert, als sie diese Worte hörte. „Bei Allah“, rief sie. „Ich bin von einem großen Schmerz erlöst worden.“ Und sie ging zu ihm, umarmte ihn und schmiegte sich an ihn.

So viel über Hassan und die Tochter des Wesirs

Der Geist versuchte zur gleichen Zeit, seine Gefährtin, die Fee zu suchen. Sie kam durchs Fenster geschwebt. Für andere unsichtbar ließen sie sich im Gemach der Brautleute nieder und bewunderten die Schönheit des schlafenden Paares. „Siehst du“, sagte der Geist leise zur Fee. „Ich hatte Recht. Sie ist schöner als er.“ „Aber nein“, rief die Fee. „Ich finde, dass er viel schöner aussieht.“

Jetzt lachten sie beide. „Einigen wir uns“, sagte er Geist. „Sie sind beide gleich schön.“ Sie betrachteten das Paar lächelnd. „Welch ein Paar“, sagte die Fee.

„Nun ist es dein Wille, ihn zu dem Ort zurück zu bringen, an dem wir ihn aufgelesen haben. In Bassora auf dem Friedhof“, sagte der Geist. „Du solltest diese Tat ausführen, bevor der Tag anbricht. Ich werde dir dabei helfen.“

Die Fee nickte. Dann nahm sie den schlafenden Hassan und hob ihn auf. Er war nur mit einem seidenen Hemd bekleidet. Schnell hob sie sich mit ihm in die Lüfte und flog davon. Der Geist folgte ihnen.

Plötzlich kam der Geist auf die Idee, Hassan nicht nach Bassora zu bringen, sondern ihn in eine andere Gegend zu entführen. Doch die Fee fand diese Idee nicht gut. Eine lange Zeit stritten die beiden miteinander. Mit aller Gewalt versuchte der Geist, Hassan an sich zu ziehen. Doch die Fee hielt ihn fest. Verbissen kämpften die beiden miteinander, und beinahe wäre Hassan dabei auf die Erde gestürzt.

Da kam ein Engel über den Himmel geflogen. Er bemerkte die böse Absicht des Geistes und warf einen Feuerstein nach ihm. Im Land der Geister gibt es die Regel, dass die Geister die Aufgabe haben, Gutes zu tun. Werden sie böse, bestrafen die Himmelsherscharen sie.

Der Geist wurde von dem Feuerstein am Kopf getroffen und verschwand wir ein Meteor im himmlischen Rauch. Die Fee war sehr verstört, ihren Freund plötzlich nicht mehr neben sich zu sehen. Verwirrt ließ sie Hassan zu Boden gleiten und flog davon.

Es war allein Allahs Wille, dass er vor den Toren der Stadt Damaskus abgesetzt wurde. Als es Tag wurde, und die Stadttore geöffnet wurden, wunderte man sich, dort einen schlafenden Jüngling vorzufinden. Besonders verwundert waren die Menschen, die aus den Stadttoren heraus kamen über die Bekleidung des jungen Mannes. Er war nur mit einem Hemd bekleidet, die Hosen fehlten, und statt eines Turbans trug er eine Nachtmütze auf dem Kopf.

Nun erwachte Hassan. Erschrocken stellte er fest, dass er von vielen Menschen umringt war. So sprang er auf und rief: „Bei Allah, ihr lieben Leute, sagt mir, wo ich bin?“ Und die Menschen antworteten: „Wo hast du denn die Nacht verbracht, dass du nicht weißt, dass du vor den Toren Damaskus stehst.“

„Das ist nicht möglich“, rief Hassan. „Ich habe die Nacht in Kahira verbracht. Nie im Leben bin ich jetzt in Damaskus.“ Da begannen die Umstehenden zu lachen. „Glaubst du, du kannst uns einen Bären aufbinden, du Hosenloser“, sagten sie.

Hassan war ganz aufgeregt. „Ich versichere euch, dass ich diese Nacht in Kahira und die Nacht davor in Bassora verbracht habe“, rief er.

Einer rief: „Was ist das für ein Verrückter.“ Und die anderen klatschten in die Hände und lachten laut. Und wieder einer sagte: „Wie schade, dieser wunderschöne Mann hat tatsächlich den Verstand verloren.“ Und noch einer sprach zu Hassan: „Mein Sohn, wache auf und werde vernünftig. Rede nicht so einen Unsinn.“

„Aber es stimmt“, erwiderte Hassan. Dann sah er an sich herunter. „Bei Allah!“, rief er erschrocken. „Wie sehe ich aus? Wo ist mein Turban, wo ist mein Hose und wo sind meine Schuhe? Auch einen Beutel mit Geld besaß ich.“ Er stand auf, um nach den Sachen zu suchen. Da lachten die Leute noch lauter.

Hassan überlegte einen Moment lang. Dann entschloss er sich, in die Stadt einzutreten. Nur mit seinem Nachtgewand bekleidet schritt er durch die Straßen. Kinder und Erwachsene folgten ihm. „Ein Verrückter!“, riefen sie immer wieder. „Ein Verrückter ohne Hosen!“

Da hatte Allah ein Einsehen mit dem armen Hassan. Er lenkte seine Schritte in einen Bäckerladen, der gerade geöffnet wurde. Dort hinein stürzte Hassan und versteckte sich. Nach und nach ging das Volk weiter.

Da kam der Bäcker auf Hassan zu. Er war ein alter Mann, der Ael-Hadschi Abdallah hieß. Freundlich ging er auf Hassan zu und lächelte ihn an. „Sei ohne Furcht, mein Sohn“, sagte er. „Man sieht auf den ersten Blick, dass du ein guter und freundlicher Jüngling bist, den man sich als Sohn wünscht. Darum sage mir, woher kommst du und was hast du erlebt?“ Und Hassan erzählte dem Bäcker Abdallah die ganze Geschichte.

Als Hassan beendet hatte, wiegte der Bäcker den Kopf. „Deine Geschichte ist seltsam und wunderbar“, sagte er. „Du solltest sie nur nicht zu vielen Menschen anvertrauen, denn man weiß nie, ob andere Geheimnisse hüten können. Ich lade dich ein, in meinem Haus so lange zu bleiben, bis Allah entscheidet, dem ein Ende zu machen. Siehe, ich habe keine Kinder, und es würde mich sehr glücklich machen, wenn du an Sohnes Stelle bei mir bleiben und mich als Vater ansehen würdest.“ „Oh mein Oheim“, rief Hassan. „Es möge sein, wie du sagst.“

Da ging der Bäcker auf den Markt und kaufte schöne Gewänder für Hassan. Dann kleidete er ihn schön ein und nahm ihn an Sohnes Stelle an.

Hassan blieb in dem Bäckerladen. Er verkaufte Backwaren, Zuckerzeug, Töpfe mit eingemachten Früchten, kunstvolle Torten, Schalen mit köstlichem Mus und all die erlesenen Süßigkeiten, für die die Stadt Damaskus berühmt ist.

Er lernte auch, Zuckerbackwaren herzustellen und zeigte darin eine besondere Begabung. Seine Mutter hatte früher in Bassora köstliche Zuckerbäckereien herzustellen gewusst, und dabei hatte er ihr oft zugeschaut. Nun erinnerte er sich ihrer Künste und stellte ebenfalls diese Köstlichkeiten her.

Bald wurde der Laden in Damaskus bekannt. Der Laden Ael-Hadschi Abdallahs gehörte zu den bekanntesten Konditoreien der ganzen Stadt.

Die jungvermählte schöne Herrin und Tochter des Wesirs von Ägypten Schaemsaeddin Muhammed aber erwachte am frühen Morgen. Verwundert bemerkte sie, dass Baedraeddin Hassan nicht mehr neben ihr lag.

Da dachte sie, er wäre kurz eben mal hinausgegangen und wartete auf seine Rückkehr. In der Zwischenzeit kam ihr Vater zu ihr. Er war in großer Angst um sie und sein Zorn hatte sich immer noch auf die Ungerechtigkeit des Königs gerichtet, der ihn gezwungen hatte, seine schöne Tochter mit einem Stallknecht zu vermählen.

Als er aber an das Brautzimmer klopfte, kam ihm seine Tochter fröhlich entgegen, nahm seine Hände und küsste sie. Das überraschte den Wesir und machte ihn nur noch wütender. „Oh, meine schöne Tochter, wie kannst du es wagen, mich anzulächeln, wo du doch gerade mit einem stinkenden Stallknecht vermählt worden bist.“

Da lachte die Tochter laut. „Genug mit den Scherzen, mein Vater“, rief sie. „Bei Allah, auf so einen Scherz falle ich nicht mehr rein. Lange genug habt ihr mich damit zur Verzweiflung getrieben. Vor allen Gästen habt ihr mich lächerlich gemacht, die sich über meinen angeblichen Ehemann mit dem Buckel auf dem Rücken lustig machten.

Mein wirklicher Ehemann aber ist wunderschön. Ich danke euch dafür, mein Vater. Und nun redet nicht mehr über diesen stinkenden Stallknecht. Es war schlimm genug, und auch seltsam, dass ihr mir diesen üblen Scherz angetan habt, damit sich der böse Blick nicht auf mich richtet. Wirklich, ich fand das nicht besonders komisch.“

Da rief der Wesir: „Von welch einem Ehemann sprichst du, mein Kind? Bist du verrückt geworden? Wo ist der Mann, den du Ehemann nennst?“ „Er ist auf die Toilette gegangen“, erwiderte die Tochter.

Da stürzte ihr Vater zum stillen Örtchen und fand dort den Stallknecht vor. Er steckte tief in der Toilette und sah ziemlich unglücklich aus. „Was machst du da?“, fragte der Wesir ratlos.

Der Stallknecht gab eine unverständliche Antwort, denn er dachte, es wäre schon wieder ein Geist, der zu ihm sprach. Da wurde der Wesir sehr wütend. „Antworte, wenn ich mit dir rede!“, fuhr er ihn an.

Da antwortete der Stallknecht mit erstickender Stimme: „Oh großer Geist, Vater der Stiere. Ich bitte dich um Gnade. Ich schwöre dir, dass ich mich die ganze Nacht über nicht vom Fleck gerührt habe. Ich habe dir wirklich gehorcht, obwohl es nicht so leicht war, hier zu schlafen.“

Als der Wesir diese Worte hörte, runzelte er die Stirn. „Was redest du denn für Unsinn“, sagte er. „Ich bin doch kein Geist, schon gar nicht bin ich der Vater der Stiere. Ich bin kein anderer als der Vater der Braut.“

„Oh, wie gut du es hast!“, rief der Buckelige. „Dann kannst du doch weglaufen. Darum rate ich dir, mein Freund, lauf weg. Fliehe, bevor dieser böse Geist kommt. Im Übrigen will ich dich nie wieder sehen. Du allein bist schuld daran, dass ich so viel Unglück hatte. Der König und du habt euch verbündet und mir die Tochter eines Geistes zur Frau gegeben. Verflucht sollst du sein, Wesir! Du, deine Tochter und der ganze Palast.“

Da rief der Wesir: „Du musst verrückt geworden sein. Das liegt daran, dass du sie ganze Zeit über auf diesem Örtchen sitzt. Also darum heraus mit dir!“ „Meinst du, ich bin verrückt geworden!“, schrie der Bucklige ängstlich. „Der Geist hat mir befohlen, bis zum Sonnenaufgang hier sitzen zu bleiben und mich nicht zu rühren. Darum will ich von dir wissen, ob die Sonne aufgegangen ist. Wenn nicht, bewege ich mich nämlich keinen Fingerbreit.“

„Ich will unbedingt die ganze Geschichte hören, die du zu erzählen hast“, sagte der Wesir. Und da erzählte der Stallknecht ihm, was sich in der Nacht zugetragen hatte. „Und darum soll der Teufel diese Braut holen, samt dem Brautvater und dem ganzen Palast“, endete er mit einem tiefen Seufzer.

Da trat der Wesir zu ihm, fasst ihn und zog ihn mit einem Ruck aus der Toilette heraus. Ziemlich fertig sah der Stallmeister nun aus. Aber als er bemerkte, dass die Sonne in der Tat am Himmel stand, lief er so schnell er konnte zu seinem Stall zurück und warf sich auf das schöne trockne warme Stroh. Dort beschloss er, in Zukunft bei seinen Pferden zu bleiben und ein besserer Mensch zu werden.

Der Wesir Schaemsarddin aber lief verwirrt und aufgeregt zu seiner Tochter zurück. „Oh meine Tochter, bitte erklär mir doch, was diese Sache zu bedeuten hat“, rief er unglücklich. Die Tochter antwortete:

„Mein Vater, die Sache ist wirklich einfach. Ich bin mit einem wunderschönen jungen Mann verheiratet worden. Ich wurde vor ihm entschleiert und nun ist er mein Gemahl. Wenn ihr mir keinen Glauben schenken wollt, kann ich es doch beweisen. Hier liegt nämlich noch seine Hose und sein Turban.“

Die Tochter nahm den Turban in die Hand und betrachtete ihn. „Oh“, rief sie dann. „Hier in diesen Turban ist etwas eingenäht. Ich werde mal nachsehen, was es ist.“ Nun trat der Vater näher und betrachtete den Turban ebenfalls. „Das ist ein Turban, wie nur Wesire ihn tragen“, sagte er. „Ein prachtvolles Stück.“

Dann wickelte er das Stück Papier aus, das in den Turban eingenäht war. Anschließend durchsuchte er auch die Hose und fand darin den Beutel mit den tausend Dinaren. In dem Beutel befand sich noch ein weiteres Blatt Papier, das er nun öffnete und las. Es war die Zahlungsbestätigung, die ihm der Jude geschrieben hatte. Darauf befand sich auch der Name des Kunden Baedraeddin Hassan, Sohn Nuraeddin Alis aus Ägypten.“

Kaum hatte Schaemsaeddin das gelesen, brach er ohnmächtig neben seiner Tochter zusammen. Sofort kniete sich seine Tochter zu ihm und kümmerte sich um ihn. Als er wieder zu sich gekommen war, rief er aus: „Allah ist groß! Weißt du, meine geliebte Tochter, wen du da geheiratet hast? Weißt du Näheres über diesen Mann?“

„Nein“, sagte sie. „Ich weiß nur wenig über ihn. Und wo er herkommt, weiß ich auch nicht.“Da sprach der Wesir: „Er ist der Sohn meines Bruders, den ich Zeit meines Lebens gesucht habe. Die tausend Dinare sind deine Morgengabe. Allah sei Dank für seine großen Taten. Aber nun will ich wissen, wie sich das alles zugetragen hat.“

Dann öffnete er den Brief, der in den Turban eingenäht war. Sogleich erkannte er die Handschrift seines Bruders Nuraeddin, dem Vater von Baedraeddin Hassan, und er begann zu weinen und küsste den Brief.

Dann las er den Brief. Er beschrieb den Tag, an dem sich sein Bruder mit der Tochter des Wesirs von Bassora vermählt hatte. Schließlich war der Tag der Geburt Baedraeddin Hassans darin verzeichnet, bis zum Tag, an dem der Bruder gestorben war.

Schaemraeddin verglich die Daten mit den Daten seiner Vermählung und der Geburt seiner Tochter, und er bemerkte, wie geheimnisvoll sie übereinstimmten. Dann nahm er den Brief und machte sich damit auf den Weg zum König. Dem erzählte er die ganze Geschichte.

Der König war höchst verwundert über diese Geschichte und ordnete an, dass sie in allen Chroniken erscheinen sollte. Dann rief er: „Allahs Wege sind wunderbar.“

Der Wesir dagegen wartete auf den Sohn seines Bruders. Er wartete einen Tag lang, danach einen zweiten, schließlich noch einen dritten Tag lang. Und er wartete weiter bis zum siebten Tag, aber es gab keine Nachricht über ihn.

Dann nahm er Feder und Schreibzeug und malte einen genauen Plan des Hauses auf. Hier war zu sehen, wo sich das Schlafgemach befand, wo der Vorhang war und wo das Ruhebett stand. Er vermerkte auch jede Kleinigkeit, die sich in dem Raum befand. Dann nahm er die Beinkleider seines Neffen und auch seinen Turban und schloss alles zusammen ein. Warum er das tat, verriet er niemandem.

Seine Tochter aber war schwanger, und als die Zeit der Geburt kam, schenkte Allah ihr einen Sohn, den sie Adschib nannte. Adschib bedeutet „Der Wunderbare“, und wunderbar war der Junge wirklich. Er war schön wie Sonne und Mond und vollendet an Anmut.

Adschib wuchs heran. Die Zeit verging und es erschien allen ein Monat wie ein Tag und ein Jahr wie ein Monat. Als er sieben Jahre alt war, schickte ihn Schaerraeddin zur Schule. Hier hin ging er vier Jahre lang.

Eines Tages begann Adschib einen Streit mit seinen Mitschülern. Er stieß sie hin und her und sagte: „Niemand von euch ist vom so edlem Blute wie ich. Seht mich an! Ich bin der Sohn des Wesirs von Ägypten.“

Doch die anderen ärgerten sich über ihn. „Was ist das für ein dummer Angeber“, riefen sie. Sie taten sich zusammen und wollten ihn verprügeln, aber Adschib war sehr stark, und er schlug zurück. Da beschwerten sich seine Mitschüler beim Lehrer.

Auch der Lehrer ärgerte sich über Adschib. „Wir werden sein schlechtes Benehmen nicht länger erdulden“, sagte er. „Ich sage euch, was wir morgen tun werden. Wir werden ein Spiel spielen, und dabei darf nur der mitspielen, der den Namen seines Vaters und seiner Mutter sagen kann. Bei diesem Spiel wird ihm der Hochmut vergehen.“

Als der nächste Tag kam, warteten die Kinder auf Adschib. Als er zu ihnen in den Kreis kam, sprachen sie zu ihm: „Wir wollen ein Spiel spielen, bei dem nur der teilnehmen darf, der den Namen seiner Mutter und seines Vaters sagen darf.“ „Das ist ein dummes Spiel“, sagte Adschib. Doch die anderen Kinder meinten: „Oh, welch ein lustiges Spiel. Ja, das wollen wir spielen.“

Ein Mädchen begann: „Mein Name ist Madschi und meine Mutter heißt Alawija und mein Vater Izzaeddin.“ Und einer nach dem anderen war an der Reihe und sagte die Namen seiner Eltern. Dann war die Reihe an Adschib. „Mein Name ist Adschib und meine Mutter heißt Sitt und mein Vater heißt Schaemsaeddin und ist der Wesir von Kahira.“

Da riefen die Kinder: „Das stimmt nicht! Dein Vater ist doch nicht der Wesir von Kahira.“ „Doch!“ sagte Adschib, doch die anderen lachten ihn aus. „Er weiß nicht, wer sein Vater ist“, riefen sie und lachten. „Mach dich davon, Adschib. Niemand darf mit uns spielen, der nicht den Namen seines Vaters nenne kann.“

Und sie liefen lachend davon. Adschib aber wurde sehr traurig und begann, zu weinen. Da ging der Lehrer zu ihm. „Höre Adschib“, sagte er. „Wir wissen, dass dein Großvater der Wesir von Kahira ist. Er ist der Vater deiner Mutter. Deinen Vater kennen wir nicht. Niemand kennt ihn. Alles was wir wissen, ist, dass der König deine Mutter mit einem Stallknecht verheiratet hat.

Du bist jetzt groß genug, dass du nicht mehr Vater und Großvater verwechseln musst. Also merke dir, dein Großvater ist der Wesir, dein Vater aber ist allen unbekannt. Und so ist es wichtig, dass du ein bisschen bescheidener wirst und nicht mit deinem unbekannten Vater angeben musst. Lerne endlich mal, dass Angeberei eine üble Angelegenheit ist.“

Als Adschib diese Worte hörte, liefen ihm die Tränen. Weinend lief er zu seiner Mutter und warf sich ihr in die Arme. Lange weinte er und war gar nicht in der Lage, mit ihr zu sprechen. Die Mutter war sehr mitleidig und sagte: „Mein Sohn, warum weinst du so? Bitte erzähle mir, was dir passiert ist.“

Da erzählte ihr Adschib, was geschehen war. „Mutter“, rief er. „Ich bitte dich, sage mir, wer mein Vater ist.“ Sie aber antwortete: „Dein Vater ist Wesir von Ägypten.“

Da weinte Adschib erneut. „Nein, Mutter, nein“, rief er. „Ich will das nicht mehr hören. Der Wesir ist dein Vater, nicht meiner. Er ist mein Großvater. Wer aber ist mein Vater? Wenn du mir jetzt nicht die Wahrheit sagst, kann ich nie in meinem Leben wieder froh werden. Dann kann ich meinen Freunden und meinen Lehrern nie wieder in die Augen sehen und möchte am liebsten sterben.“

Als die Mutter ihn so sprechen hörte, war es ihr weh ums Herz und sie weinte. All die Erinnerungen an ihren Gemahl kamen wieder. Und plötzlich kam ihr ein alter Vers in den Sinn: Er ging – und nahm alle meine Freude mit sich. Ich wartete getreu – doch finster war mein Herz. Und sie wusste nicht, wie sie ihrem Sohn die ganze Geschichte erklären sollte.

Da trat der Wesir in den Raum. Verwundert sah er die beiden an. „Warum weint ihr denn, ihr Trauerweiden?“, fragte er. Da berichtete ihm seine schöne Tochter, was vorgefallen war.

Traurig schüttelte der Wesir den Kopf und ihm fielen all die seltsamen Dinge wieder ein, die bei der Hochzeit seiner Tochter vorgefallen waren. Betrübt wurde ihm bewusst, dass er damals nicht imstande gewesen war, das Geheimnis um seinen Neffen zu ergründen.

Und plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er stand auf und ging geradewegs zum Audienzsaal des Königs hinüber. Ihn bat er, noch einmal nach Bassora reiten zu dürfen, um weitere Erkundigungen nach seinem Neffen einzuholen.

Der König erklärte sich bereit, ihm alle erdenklichen Geleitschreiben und Vollmachten mitzugeben. Er erstellte ihm sogar ein persönliches Handschreiben aus, dass die Statthalter der nächsten Provinzen und Herrscher der benachbarten Länder bat, sich Schaemsaeddin anzunehmen.

Der Wesir war überglücklich über diese Gnade und wünschte seinem König von ganzem Herzen den Segen Allahs. Dann kehrte er zu sich nach Hause zurück. Zu Hause begann er mit den Reisevorbereitungen. Dann nahm er den kleinen Adschib mit und brach auf.

Sie ritten viele Tage, bis sie schließlich nach Damaskus kamen. Hier hielt der Wesir an einem Platz an, der Ael-Hasa hieß und ließ seine Zelte aufschlagen. Dann sprach er zu seinem Gefolge: „Hier machen wir für zwei Tage Rast.“

Alle machten sich auf, in die Stadt zu gehen. Der eine wollte etwas kaufen, der andere ein Bad nehmen, der nächste wollte sich etwas umschauen und wieder einer wollte die Große Moschee besuchen, die als die schönste und größte der Welt gilt.

Auch Adschib machte sich auf, in die Stadt zu gehen. Er war neugierig auf die Stadt und wollte sich gerne ein wenig umsehen. Ein Sklave begleitete ihn dabei. Seit jenem Spiel in der Schule war Adschib stiller und trauriger geworden, und sein Hochmut war verflogen. Jedermann hatte ihn lieb gewonnen.

Als der Junge so durch die Stadt ging, folgte ihm der Sklave dicht auf den Fersen. Er hatte einen dicken Knüppel in der Hand, bereit, jeden zu erschlagen, der sich anmaßte, dem Jungen zu nahe zu kommen. Er kannte die Stadt Damaskus gut und wusste, dass es hier lebhaft zuging.

Und er hatte sich nicht geirrt. Adschib fiel vielen Menschen auf. Er war ungewöhnlich liebreizend, klar wie der Nordwind, süß wie sprudelndes Wasser und fremdartig schön wie ein Traum.

Und obwohl der Sklave mit einem Knüppel hinter ihm hermarschierte, gab es viele Menschen, die dem Jungen folgten. Und es war Allahs Wille, das Adschib an der Konditorei vorbei kam und davor stehen blieb.

In den vielen Jahren, die ins Land gegangen waren, gehörte das Geschäft nun Baedraeddin Hassan, der Vater des Adschib. Der alte Konditor war gestorben und hatte Hassan die Bäckerei als Erbe überlassen.

Als der Knabe nun mit dem Sklaven vor dem Laden stand, blickte Hassan von seinen Geschäften auf und etwas Seltsames ging in ihm vor. Sein Blut rauschte, als spräche das Blut zum Blute, und sein Herz rührte sich.

Gerührt blickte er den Knaben an und rief ihm zu: „Oh, geliebter Knabe, du bist wohl fremd in dieser Stadt und doch ist mein Herz ganz von dir erfüllt. Willst du nicht näher kommen? Nimm dir von dem Kuchen, der dir gefällt. Nicht zum Verkauf, sondern ich will dich bewirten, wie meinen Gast.“

Und während er sprach, wurde sein Herz ganz von Liebe ergriffen. Plötzlich erinnerte er sich, was er einst gewesen ist und was er jetzt war. Und Adschib, der die Worte seines Vaters vernahm, spürte ebenfalls eine große Sehnsucht zu diesem Manne, den er doch gar nicht kannte.

So sagte er zu dem Sklaven: „Mein guter Wächter, lass uns zu dem Mann hingehen. Ich weiß nicht, warum ich mich zu ihm hingezogen fühle. Vielleicht bin ich seinem Kind ähnlich, von dem er fern sein muss. Komm, lass uns in diesen Laden eintreten.“

Als der Sklave die Worte hörte, wurde er sehr aufgeregt. „Bei Allah, mein junger Gebieter, das ist nicht möglich“, rief er. „Ihr seid der Enkel eines Wesirs, und es ist nicht möglich, wie das normale Volk in einen Konditorladen einzutreten und in aller Öffentlichkeit zu speisen. Wenn ihr in den Laden treten wollte, weil ihr vor den Gaffern, die uns die ganze Zeit über verfolgen, weglauft, so sagt es mir. Dann werde ich meinen Knüppel nehmen und sie vertreiben.“

Adschib fühlte sich völlig missverstanden. „Aber nein, das ist es doch nicht“, rief er. „Mein Herz liebt diesen Mann.“ Der Sklave schüttelte den Kopf. „Was soll das heißen“, tadelte er den jungen Mann. „Für einen jungen Mann wie ihr es seid, gehört es sich nicht, in eine Zuckerbäckerei zu gehen und mit diesem Mann zu reden.“

Doch Adschib wusste seinen Sklaven zu überreden. „Sei lieb zu mir und mach mir diese Freude“, sagte er. „Ich will gar nicht so fein sein, wie du von mir wünschst. Darum lass uns zusammen in diese Konditorei gehen und gemeinsam das leckere Zuckerwerk essen. Komm, gib deinem Herzen einen Stoß. Ich wünsche es mir so sehr.“

Da willigte der Schwarze schließlich ein, nahm Adschib an der Hand und betrat das Geschäft. Hassan nahm eine Schale mit Apfelmus von feinsten Granatäpfeln, streute Mandeln und Zucker darüber und reichte sie seinen Gästen. „Ich freue mich und weiß eure Ehre zu schätzen“, sagte er und verbeugte sich. „Nehmt dieses Mus und lasst es euch schmecken. Dann wird Glück und Gesundheit über euch kommen.“

Da erwiderte Adschib: „Setz dich zu uns und speise mit uns. Wir sollten freundlich zueinander sein, vielleicht gibt uns Allah dann das, wonach wir uns sehnen.“ Hassan sah den jungen Mann erstaunt an. „Oh mein Sohn“, sagte er dann. „Gibt es denn schon in deinen jungen Jahren so großen Kummer, dass du dich nach irgendetwas sehnst?“

Adschib nickte. „Ich sehne mich nach meinem Vater“, sagte er. „Mein Großvater ist mit mir in die Welt hinaus gezogen, damit wir ihn finden.“ Kaum hatte er das gesagt, kamen ihm die Tränen, und er begann, laut zu schluchzen.

Da weinte sein Vater mit ihm, einmal, weil er Mitleid mit ihm hatte, zum anderen, weil er an sein eigenes trauriges Schicksal, die Trennung von seiner Mutter und von seinen Freunden denken musste. Und dann wurde auch der Sklave angesteckt und weinte mit ihnen.

So saßen sie alle drei da, aßen das köstliche Mus und weinten dabei. Schließlich erhob sich der Sklave, fasste Abschib an die Hand und verließ das Geschäft. Es gehörte sich nicht, draußen auf der Straße zu weinen, und so trocknete Adschib schnell seine Tränen.

Doch kaum waren sie aus dem Laden gegangen, hatte Hassan das Gefühl, nicht mehr länger ohne diesen Knaben leben zu können. Er schloss seinen Laden und folgte ihnen zum westlichen Tor der Stadt hinaus.

Als der Sklave bemerkte, dass Hassan ihnen gefolgt war und drehte sich verärgert zu ihm um. „Wieso folgst du uns?“ fragte er misstrauisch. Hassan antwortete: „Als ihr meinen Laden verließt, hatte ich das Gefühl, ihr nehmt meine Seele mit. So bin ich hinter euch her gegangen. Und da ich sowieso Geschäfte außerhalb der Stadt erledigen muss, begleite ich euch ein Stück.“

„Seht ihr“, wandte sich der Sklave verärgert an Adschib. „Das habe ich gleich befürchtet. Kaum lässt man sich einladen, folgt einem der Bursche, als wäre er ein alter Freund. Dabei ist er mit seinem Zuckerbäckergeschwätz genau so aufdringlich, wie die anderen aus dem Volke auch.“ Und er schwenkte seinen Knüppel.

Auch Adschib war ein bisschen unsicher geworden. „Du hast recht“, murmelte er. „Ich weiß auch nicht, was ich von ihm halten soll. Wenn wir zu unserem Lager abbiegen und er folgt uns weiter, wollen wir ihm dafür einen kräftigen Denkzettel verpassen.“

So schritt Adschib weiter. Sein Sklave folgte ihm in einem würdigen Abstand, danach aber ging Hassan. Als sie sich dem Platz Ael-Hasa näherten, auf dem die Zelte standen, drehte sich Adschib um und sah, dass ihm Hassan immer noch folgte.

Nun sorgte er sich doch, dass ihm sein Großvater Vorwürfe machen würde, weil er diese Konditorei besucht hatte und sich auf ein Gespräch mit einem Zuckerbäcker eingelassen hatte, der vielleicht wirklich ein übler Mensch war.

Als er Hassan ansah, stellte er fest, dass Hassan seinen Blick unablässig auf ihn gerichtet hatte. Er wirkte dabei wie ein seelenloser Körper. Das war Adschib unheimlich und er bekam es mit der Angst zu tun.

Er bückte sich, hob einen kleinen Stein auf und schleuderte ihn nach Hassan. Er traf ihn mitten zwischen die Augenbraun. Hassan blieb erschrocken stehen und Blut floss aus seiner Stirn.

Diese Zeit nutzten Adschib und der Sklave, so schnell wie sie konnten zu den Zelten zu eilen. Adschib hatte zwar nicht gesehen, dass er Hassan verletzt hatte, doch er spürte eine große Unruhe und bereute sofort, diesen Stein geworfen zu haben.

Doch an diesem Tag verknüpfte sich alles äußerst seltsam, als wenn gute Geister die Schritte und böse Geister die Hände lenken würden.

Nun aber erwachte Hassan. Er nahm einen Zipfel seines Turbans und wischte das Blut von der Stirn. Dann verband er sich die Wunde. „Was ist nur über mich gekommen“, dachte er dann. „Wieso folgte ich so dumm und unüberlegt dem jungen Mann. Es ist ja nur verständlich, dass er Angst bekam. Kein Wunder, dass er mit einem Stein nach mir warf.“

Und er kehrte in seinen Laden zurück und beschäftigte sich weiterhin mit seiner Zuckerbäckerei. Und irgendwie kam er sich dabei einsam und traurig vor.

Der Wesir aber blieb drei Tage lang in Damaskus. Dann wanderte er weiter nach Amesa und zog auch dort Erkundigungen ein, dann zog er weiter und weiter von Ort zu Ort. Er wanderte über Hanna und Alep durch Maridin und Aossul und suchte überall vergeblich, bis er schließlich nach Bassora kam. Er suchte sich eine Herberge und zog zum König, der ihn ehrenvoll empfing.

„Was ist der Grund deines Kommens?“ fragte er ihn. Und der Wesir erzählte ihm von Nueraeddin, seinem Bruder. „Allah möge mit ihm sein“, rief der König. „Er war fünfzehn Jahre lang mein Wesir, und ich liebte ihn sehr. Er hinterließ einen Sohn, der Baedraeddin Hassan heißt. Er war mein Günstling, und ich liebte ihn fast mehr als seinen Vater selbst. Doch als sein Vater gestorben war, verhielt er sich sehr seltsam, und dann auf einmal war er verschwunden. Wir haben nie erfahren, wo er ist. Aber seine Mutter lebt noch in dieser Stadt.“

Als Schaemsaeddin hörte, dass die Frau seines Bruders noch lebte, freute er sich sehr. „Ich wünsche sie zu sprechen“, sagte er. Der König erlaubte es ihm. Als der Wesir Nuraeddins Haus betrat, sah er all die Dinge, die ihn an seinen Bruder erinnerten, und er wurde sehr traurig, dass er ihn nun für immer verloren hatte.

Dann ging er weiter durch`s Haus, bis er zu den Räumen kam, in denen sich die Witwe seines Bruders aufhielt. Seit dem Verschwinden ihres Sohnes hatte sich ihr Leben verdunkelt, und sie verbrachte die hellen und die dunklen Stunden teilnahmslos im Raum.

In der Mitte des Raumes hatte sie ein Grabmal in Erinnerung an ihren Sohn errichten lassen, und sie verbrachte viel Zeit damit, hier zu sitzen und zu weinen und zu klagen. Als sich der Wesir ihren Räumen näherte, hörte er ihre Stimme, die sprach: „Du bist, oh Grab, weder Erde noch Himmel! Und dennoch – Für mich sind Sonne und Mond und die Erde versunken in dir.“

Da ging der Wesir zu ihr und begrüßte sie und sagte ihr, dass er der Bruder ihres Mannes sei. Und er erzählte ihr alles, was sich in den Jahren der Kindheit und Jugend zwischen seinem Bruder und ihm zugetragen hatte. Auch die Geschichte von Baedraeddin Hassan, der vor zwölf Jahren die Hochzeitsnacht mit seiner Tochter verbracht hatte und am Morgen verschwunden war, erzählte er ihr.

Dann endete er mit den Worten: „Und meine Tochter gebar einen Sohn, der ist auch der Sohn deines Sohnes. Er ist mit mir gekommen.“ Als die Frau hörte, dass ihr Sohn noch lebte uns sie sogar einen Enkel besaß, weinte sie vor Freude.

Doch Schaemsaeddin sprach: „Es ist jetzt keine Zeit, zu weinen. Mach dich bereit, mit uns nach Ägypten zu reisen. Es ist möglich, dass Allah uns alle zusammenbringen will, dich und mich und deinen Sohn und meinen Neffen.“ „Ich höre und gehorche“, erwiderte sie.

Und sie packte alles Notwenige zusammen und kleidete sich und ihre Sklavinnen für die weite Reise an. Während dessen ging der Wesir zum König von Bassora, um sich von ihm zu verabschieden und ihm ein kostbares Geschenk zu überreichen.

Dann brachen alle zusammen auf und reisten unermüdlich, bis sie wieder in Damaskus waren. Hier schlugen sie erneut ihr Lager auf und beschlossen, sieben Tage zu verweilen. Da erinnerte sich Adschib an den Zuckerbäcker, der so freundlich zu ihm gewesen war, und den er mit Steinen beworfen hatte.

„Lass uns zu dem großen Bazar von Damaskus gehen und sehen, was aus dem Bäcker geworden ist“, sagte er zu seinem Diener. „Er war doch eigentlich ein freundlicher Mann, und wir haben uns ihm gegenüber nicht gut verhalten.“ „Wie Ihr wünscht“, erwiderte der Diener.

Er liebte Süßigkeiten über alles. So zogen sie durch die Stadt und über den Bazar, bis sie zu dem Laden kamen. Hassan lehnte zufällig in der Ladentür. Er hatte gerade wieder seinen süßen Brei aus Granatäpfeln hergestellt, genau wie an dem Tag des ersten Besuches.

Als die beiden näher kamen, fühlte sich Adschib wieder seltsam von dem Mann angezogen. „Friede sei mit dir! Meine Seele ist bei dir“, sagte er und verneigte sich. Und auch Hassan blickte auf seinen Sohn und sein Herz erzitterte, und er fand keine Worte für seine Gefühle.

„Bleib einen Moment hier und iss von meinen Süßigkeiten“, bat er ihn. „Allah, ich konnte dich nicht vergessen. Es tut mir Leid, dass ich dir an dem einen Tag gefolgt bin. Ich hätte das nicht tun sollen, doch ich war wie von Sinnen.“

„Versprich uns, dass du so etwas nie wieder machst“, sagte Adschib. „Schwöre es, bevor wir hier bei dir essen. Denn sonst kann ich dich nie wieder besuchen. Und wir verweilen eine Woche in dieser Stadt.“ „Ich verspreche es“, gelobte Hassan feierlich.

Da traten Adschib und der Diener ein und ließen sich erneut eine Schale guten Brei vorsetzen. Und Adschib sagte zu Hassan. „Setze dich zu uns, damit Allah die Trauer von uns nehmen kann.“

Hassan setzte sich zu ihnen und sie aßen gemeinsam, bis sie nicht mehr konnten. Dann stand Hassan auf und goss Rosenwasser über die Hände seiner Gäste. Danach brachte er einen Krug mit Scherbet, der war mit Moschus parfümiert und gekühlt. Sie nahmen große Schlucke aus dem Krug und reichten ihn dann zum nächsten weiter.

Dann verabschiedeten sie sich und gingen. Als sie die Zelte erreichten, ging Adschib auf seine Großmutter zu und küsste ihre Hände. „Wo bist du die ganze Zeit über gewesen, mein Sohn?“, fragte sie. „In der Stadt“, erwiderte Adschib abweisend.

Da stand sie auf und reichte ihm eine Schale mit Apfelmus von feinsten Granatäpfeln, doch längst nicht so süß, wie der von Hassan. „Setzt euch und esst“, sagte sie. „Bei Allah“, flüsterte der Sklave verzweifelt. „Ich kann unmöglich noch eine Schale Apfelmus ertragen.“

Doch er setzte sich gehorsam neben Adschib. Adschib nahm ein wenig Gebäck und tauchte es in die Schüssel ein. Er versuchte, zu essen, doch es war nicht so süß und schmeckte im Vergleich zu Hassans Mus richtig sauer. „Nein“, rief er dann. „Das schmeckt mir nicht.“

Erstaunt und verärgert rief die Großmutter: „Mein Kleiner, findest du etwa mein Essen schlecht? Das hat noch nie jemand zu mir gesagt. Und ich sage dir, niemand ist in der Lage, dieses Mus so gut herzustellen, wie ich, allenfalls dein Vater, Baedraeddin Hassan, der immer so gerne backte und kochte.“

„Oh Großmütterchen, ich will dich nicht kränken“, sagte Adschib, „doch eben waren wir bei einem Bäcker, der schmeckte so gut, dass er einen Trauernden fröhlich und einen Satten wieder hungrig machen konnte. Nein, wirklich, dein Mus ist nicht schlecht, aber im Vergleich zu dem ist es wenig wert. Verzeih mir, es tut mir Leid, aber es ist die Wahrheit.“

Da wurde die Großmutter sehr zornig. „Oh du schwarzes Kamel“, fuhr sie den Diener an. „Hast du es etwa gewagt, meinen Enkel in eine gewöhnliche Konditorei zu führen?“ „Nein, nein“, rief der Diener erschrocken. „Wir gingen nicht hinein, sondern nur daran vorbei.“

Aber Adschib rief: „Vorbei gegangen? An so einer Konditorei konnte man gar nicht vorbei gehen. Wir mussten hinein gehen. Wir haben so viel von diesem gezuckerten Brei gegessen, bis er uns fast aus den Nasenlöchern heraus kam. Und wahrhaftig war er besser als dieser hier. Viel besser sogar.“

Da ging die Großmutter wütend zum Wesir und erzählte ihm die Geschichte. Auch der wurde sehr zornig und ließ den Sklaven holen. „Was fällt dir ein, meinen Enkelsohn in eine anrüchige Bäckerei zu führen“, rief er. „Das gehört sich für den Enkel eines Wesirs nicht, und ich habe es dir ausdrücklich verboten.“

„Nein, nein, wir taten das auch nicht“, rief der Sklave ängstlich. „Natürlich taten wir das“, sprach Adschib. „Wir gingen hinein und aßen Granatapfelmus bis wir bis oben hin satt waren. Und Scherbet tranken wir auch.“

Da wurde der Zorn des Wesirs noch größer. Er hielt dem Sklaven ein Schälchen mit Mus unter die Nase. „Wenn du die Wahrheit sprichst, wirst du ja wohl dieses Mus aufessen können“, rief er.

Das setzte sich der Sklave nieder und versuchte, das Mus zu essen. Doch es gelang ihm nicht. „Mein Herr und Gebieter, ich kann nichts mehr essen. Ich bin furchtbar übersättigt“, rief er. Da wusste der Wesir, dass der Sklave gelogen hatte. Er ließ ein Bambusrohr holen und hielt es dem Sklaven hin. „Wenn du nicht die Wahrheit sprichst, lasse ich sie aus dir heraus prügeln“, schrie er.

Da bekam es der Sklave mit der Angst zu tun, denn er wusste, die anderen Diener mochten ihn nicht so gerne, und so würden sie ihn sicherlich kräftig prügeln. „Bei Allah, ich will die Wahrheit sagen“, sprach er. Da ließ der Wesir von ihm ab.

„Wir waren wirklich in einer Konditorei“, erzählte der Sklave. „Es war aber gar nicht anrüchig, sondern sehr fein. Und dann aßen wir diesen Granatapfelmus, und ich muss sagen, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie so einen feinen Mus gegessen habe.“ Und verlegen schaute er zu der Großmutter hinüber. „Obwohl dieses Mus von euch auch nicht schlecht ist“, fügte er schnell hinzu.

Nun wurde Hassans Mutter doch sehr böse. „Hier hast du ein halbes Dinar“, sagte sie. „Lauf in den Laden und besorge das Mus. Ich werde entscheiden, welches Mus besser schmeckt.“

Das ließ sich der Diener nicht zweimal sagen. Schnell lief er davon. Als er in Hassans Laden ankam, sagte er: „Oh König der Konditoren, wir haben eine Wette abgeschlossen, ob deine Kochkunst wohl die meines Gebieters übersteigt. Denn auch mein Gebieter versteht es, Mus zuzubereiten. Also gib mir schnell von deinem Mus. Ich habe so davon geschwärmt, dass ich beinahe Hiebe dafür bekommen hätte. Also enttäusche mich nicht.“

Da lachte Hassan und sagte: „Ich bin der einzige, der das machen kann. Außer eben meine Mutter, aber die wohnt weit weg von hier.“ Und er füllte die Schale mit Mus und gab noch Rosenwasser und Moschus dazu. Dann schützte er die Schale mit einem Tuch.

Eilig kehrte der Diener zurück. Kaum hatte Hassans Mutter davon gekostet, wusste sie, dass nur ein Mensch auf der Welt so ein ausgezeichnetes Mus zu kochen vermochte. „Niemand anderes als mein Sohn hat das gekocht“, rief sie. „Der Besitzer dieser Konditorei ist Baedraeddin Hassan. Nur er und ich kennen dieses Rezept, ich habe es ihm beigebracht, aber er kocht es in Vollendung.“

Der Wesir freute sich über alle Maßen, als er das hörte. Dann sprach er zu seinen Dienern: „Ich habe einen Plan, wie wir diesen Konditor holen können. Nehmt Stöcke und Prügel und schlagt alles, was ihr in der Konditorei sehen könnt, zusammen. Dann fesselt den Konditor und verbindet ihm die Augen und sagt zu ihm: „Da ist ja der Koch, der das üble Gericht mit den Granatäpfeln hergestellt hat.“ Und dann bringt ihn hier her. Aber passt auf, dass ihm nicht wirklich ein Leid geschieht.“

Dann stieg der Wesir auf sein Pferd und ritt zum Statthalter von Damaskus. Als er vorgelassen wurde, zeigte er die Begleitschreiben des Königs vor. „Was willst du von mir?“, fragte ihn der Statthalter. „Ich bin gekommen, um einen Zuckerbäcker zu verhaften“, erklärte der Wesir.

„Wenn es weiter nichts ist, nimm ihn mit“, sagte der Statthalter. „Es ist aber der beste Zuckerbäcker am Ort“, meinte der Wesir, doch der Statthalter schüttelte den Kopf. „Damaskus ist voller Zuckerbäcker“, sagte er. „Was schert mich das. Es gibt so viele von ihnen, dass jeder Mensch in der Stadt sich durch sie den Magen verderben kann. Nimm ihn und verhafte ihn. Und wenn du willst, kannst du auch noch einen Koch oder einen Fleischer mitnehmen.“ „Aber nein“, sagte der Wesir.

So kam es, dass seine Leute in Hassans Laden vordrangen und ihn plünderten. Dann banden sie Hassan fest und führten ihn zu dem Wesir. „Bist du der Mann, der den Apfelmus zubereitet hat“, wollte der Wesir wissen. Hassan hatte keine Angst. „Ja, das bin ich“, sagte er. „Und ich möchte wissen, was es daran auszusetzen gibt. Oder willst du mir wegen einer Schale Mus den Kopf abschlagen lassen?“

„Vielleicht schon“, erwiderte der Wesir. „Es war jedenfalls das letzte Mus, das du zubereitet hast.“ „Und trotzdem möchte ich wissen, was es daran auszusetzen gab“, sagte Hassan verärgert.

Doch der Wesir antwortete nicht. Er ließ seine Diener mit den Kamelen vortreten. Dann brachen die Diener das Lager ab und banden einen großen Kasten auf das Kamel. In diesen Kasten wurde Hassan gesperrt.

So ritten sie den ganzen Tag über, und als die Nacht einfiel, hielten sie an und aßen gemeinsam. Dafür ließen sie auch Hassan aus dem Kasten holen und gaben ihm zu essen. Da rief Hassan dem Wesir zu: „Ich weiß immer noch nicht, was an dem Mus gefehlt haben soll. „Zucker“, erwiderte der Wesir.

“Das kann doch nicht sein“, rief Hassan. „Soll ich es wirklich noch mehr zuckern? Und selbst wenn es so wäre, das ist doch kein Grund, mich gleich einsperren zu lassen.“ „Doch“, erwiderte der Wesir. „Bei Apfelmus ist das ein Verbrechen.“ Und er ließ Hassan wieder in den Kasten sperren.

So ging die Reise weiter, bis man nach Kahira gelangte. Der Wesir ließ direkt vor seinem Haus anhalten. Dort ging er zu seiner Tochter und sagte: „Lob und Ehre sei Allah. Er vereint dich wieder mit deinem Mann, dem Sohn deines Onkels. Darum laufe ins Haus und ordne alle Dinge so, wie sie in der Nacht deiner Vermählung gestanden haben.“

Und die Sklaven erhoben sich und zündeten die Kerzen an und stellten alle Dinge so, wie sie in der Brautnacht gestanden hatten. Dann legte der Wesir selbst die Gewänder Baedraeddin Hassans an den Platz, an denen sie gelegen hatten, die Hose, die Unterhose, der Mantel, der Turban und nicht zuletzt der Beutel mit dem Gold.

Nun legte sich die Tochter des Wesirs ins Bett, wie sie in der Brautnacht gelegen hatte. „Ich bin bereit“, rief sie ihrem Vater zu. „Sobald der Mann eintritt rufe ihm zu: Du warst aber lange draußen“, sagte ihr Vater ihr. Die Tochter nickte und lächelte.

Als der Wesir in den Kasten schaute, schlief Baedraeddin Hassan immer noch. Da entkleidete ihn der Wesir, bis er nichts weiter am Leibe hatte, als ein dünnes Hemdchen, gerade so wie zu der Stunde, als er fort gegangen war. Hassan schlief so fest, dass er dies alles nicht merkte.

Und als er erwachte, erkannte er sofort, dass er an diesem Ort war. „Das kann doch nicht wahr sein“, sprach er zu sich. „Ich träume doch wohl!“ Er stand auf und ging auf den Flur und von dort in den Vorraum. Dann blickte er in das Schlafgemach.

Und nun sah er alles vor sich, die Nische mit dem Brautlager, die Unordnung der Kleidungsstücke, seine Hose und seinen Turban. Als er die Sachen erblickte, war er vollständig verwirrt. Er ging einen Schritt vorwärts und einen wieder zurück. „Träum ich oder wache ich“, sprach er leise.

In diesem Moment schob die wunderschöne Tochter des Wesirs ein wenig den Vorhang zur Seite und sagte: „Oh, mein Gebieter, du warst wirklich lange fort. Willst du nicht endlich zu mir herein kommen?“

Nun ging Hassan vorsichtig zwei Schritte voran und zwei zurück und schnappte mit der Hand durch die Luft, als sei er betrunken. Dann setzte er sich auf den Teppich und versuchte, nachzudenken. Plötzlich erblickte er die Hose und den Turban, daneben den Beutel mit dem Gold. Und wieder schüttelte er den Kopf und sagte: „Ich träume, das ist völlig klar!“

Die schöne Tochter sprach lachend: „Was ist mit dir, mein Liebster. Du siehst ja ganz verschüchtert aus. Da warst du am Anfang der Nacht aber anders.“ Nun lachte Hassan ebenfalls. „Wie lange war ich eigentlich von dir fort?“, wollte er wissen. „Eine Stunde bestimmt“, erwiderte die Schöne. „Sehr lange hat das gedauert.“

Hassan sah sehr nachdenklich aus. „Ich muss wohl auf dem stillen Örtchen eingeschlafen sein“, überlegte er. „Jedenfalls habe ich eine seltsame Geschichte geträumt. Ich träumte, ich sei Konditor in Damaskus. Zehn Jahre hätte ich dort verbracht. Dann kam dieser Knabe…“

Wie angewurzelt blieb Hassan stehen und berührte seine Narbe. „Bei Allah, es ist doch wahr“, rief er dann. „Hier, wo diese Narbe ist, traf mich der Knabe mit dem Stein. So muss ich doch wach gewesen sein. Oder hatte ich die Narbe schon früher? Oder habe ich überhaupt keine Narbe.“

Er überlegte weiter. „Ich träumte von Granatapfelmus“, sagte er dann. Da rief seine Frau: „Von Granatapfelmus? Warum ausgerechnet davon?“ „Ich träumte, ich hätte zu wenig Zucker hinein gegeben“, sagte Hassan Gedanken verloren. „Aber bei Allah, das ist ja alles nicht wahr.“

„Ach Hassan, das sagt doch auch niemand“, erwiderte die Schöne. „Aber“, überlegte Hassan weiter, „mich hat ja auch jemand in diesen Kasten gesperrt. Und mein Laden wurde auch geplündert. Oder etwa nicht? Allah, sei Lob und Dank, es war doch alles nur ein Traum.“

Da lachte sie und stand auf und ging zu ihm hinüber. Sie umarmte ihn zärtlich und zog ihn zu sich in das Schlafgemach. Er küsste sie liebevoll, aber dann kamen auch schon die verwirrenden Gedanken wieder. „Ich war wach“, sagte er und dann nach einer Weile wieder „Ich habe doch nur geträumt.“

So verging die Nacht. Als der Morgen kam, betrat sein Onkel Schaemsraeddin das Schlafgemach und begrüßte ihn lächelnd. Als Hassan ihn erblickte, rief er laut: „Bei Allah, du bist doch der Mensch, der mich in diesen Kasten gesteckt hat. Und du warst es auch, der meinen Granatapfelmus nicht mochte.“

Da erwiderte der Wesir: „Oh, mein Sohn, wisse, die Wahrheit ist eine ganz andere. Du bist der Sohn meines Bruders. Und du warst es auch, der damals durch verschiedene Umstände in das Schlafgemach meiner Tochter gelangtest.

Ich tat das alles nur, um mich zu überzeugen, ob du wirklich die Person warst, die damals meine Tochter heiratete. Aber jetzt bin ich sicher: Es ist dein Turban und deine Hose, und bei dir trugst du ein Schriftstück meines Bruders. Nun, ich gebe zu, dass das alles ein etwas großer Scherz war, aber nun ist es genug gespielt.

Deine Mutter ist hier bei uns, oh Hassan. Ich habe darauf bestanden, dass sie mit uns zieht. Und die wirkliche Geschichte ist noch eine ganz andere. Sie hat damit zu tun, dass mein Bruder von Bassora weg gezogen ist, weil wir uns wegen der Kinder gestritten haben. Wegen Kindern, die wir noch gar nicht besaßen.“

Dann ließ er Adschib rufen, und als Hassan ihn erblickte, rief er: „Da ist ja der Knabe, der mich mit dem Stein beworfen hat.“ „Er ist dein Sohn“, erwiderte der Wesir.

Da umarmte Hassan den Knaben herzlich. Dann trat auch seine Mutter ein, die er innig umarmte. Und dann umarmte er auch den Wesir. Es begann ein herzliches Umarmen und Lachen und Weinen und Erzählen. Dann dankten sie alle Allah dem Allmächtigen und feierten ihm zu Ehren ein großes Fest.

Baedraeddin Hassan aber gelangte zu großen Ehren und sein Ruf drang auch bis in die entlegendsten Gegenden der Welt. Er verbrachte die vielen Tage, die ihm und seiner Familie noch geschenkt waren in Ruhe und Glück, bis der Tod sie von dieser Erde hinweg nahm und in Allahs Reich führte.

Als nun der Kalif Harun al Radschid diese Erzählung von seinem Wesir Dscha`afar vernommen hatte, sagte er: „Diese Geschichte ist wahrlich wunderschön. Sie soll mit Buchstaben aus reinstem Gold aufgezeichnet werden.“

Dann ordnete er an, dem Sklaven die Freiheit zu schenken. Der reumütige Übeltäter wurde begnadigt, und der Kalif ließ Gnade über alle die walten, die um ihn waren. Für die Zukunft nahm er sich vor, milder und großzügiger zu werden, um ein weiser und gerechter Herrscher zu sein.

So erzählte Scheherazade und hoffte, auf den König Schahrirar Eindruck zu machen. Sie hoffte, wenn sie von Herrschern erzählte, die zunächst ungerecht und böse, später dann aber weise und freundlich wurden, auch den König umzustimmen. Doch der König sagte nichts dazu.

Allerdings gab er zu, dass ihm die Geschichten gefielen. Besonders diese, die er so abenteuerlich und lustig zugleich fand. „Ich kenne noch andere dieser Geschichten“, sagte Scheherazade. „Kennt Ihr, oh großer König, die Geschichte vom Buckligen Zwerg und den Abenteuern, die ein Schneider, ein Arzt, ein Koch und ein Kaufmann erlebten?“

„Erzähle!“, sprach der König. Und Scheherazade erzählte.





Die MÄRCHEN AUS TAUSEND UND EINE NACHT wurden von Annette Weber für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen aus der deutschen Erstausgabe hergestellt.

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