LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Passepartout barfuß

Die Mongolia begann um 4 Uhr 30 Minuten nachmittags mit der Ausschiffung der Passagiere. Der Zug nach Kalkutta ging erst um 8 Uhr abends ab. Indien ist ein riesiges auf der Spitze stehendes Dreieck, mit einer Gesamtfläche von 1 400 000 Quadratmeilen. Für die Bahnfahrt von Bombay nach Kalkutta brauchte man drei Tage.

Mr. Fogg verabschiedete sich von seinen Whist-Partnern und erteilte seinem Diener einige Aufträge. Wie stets ermahnte er den Burschen pünktlich am Bahnhof zu sein. Dann begab er sich mit auf den Millimeter genau bemessenen Schritten zum Passamt.

Den Sehenswürdigkeiten von Bombay schenkte er nicht einen Blick. Er hatte zwei Dinge im Sinn: den Stempel von Bombay und eine gute Mahlzeit.

Deswegen ging er vom Passamt direkt zum Bahnhof, wo er das Restaurant aufsuchte. Der Kellner empfahl ihm ein Kaninchen-Frikassee. Als das Essen serviert wurde, probierte Mr. Fogg vorsichtig. Es schmeckte abscheulich.

Mit strengen Worten wandte er sich an den Kellner: "Das Kaninchen hat nicht noch miaut, bevor es getötet wurde?"

"Miaut! Mylord, ich muss doch sehr bitten! Ich schwöre Ihnen, dass es sich um Kaninchenfleisch handelt."

"Früher einmal waren die Katzen in Indien heilige Tiere. Das waren noch gute Zeiten", sagte Mr. Fogg.

"Für die Katzen, Mylord?"

"Wohl eher für die Reisenden", und mit diesen Worten widmete er sich wieder seelenruhig seiner Mahlzeit.

Detektiv Fix hatte kurz nach Mr. Fogg die Mongolia verlassen und sich augenblicklich auf den Weg zum Polizeichef von Bombay gemacht. Seine erste Frage galt dem Haftbefehl, der noch nicht aus London eingetroffen war. Was auch nicht möglich war, da er auf jeden Fall erst nach Mr. Foggs Abreise losgeschickt worden war.

Sein Versuch bei den Behörden von Bombay einen Haftbefehl zu erhalten schlug ebenfalls fehl. Die Angelegenheit betraf die Londoner Kollegen, und nur die konnten den Haftbefehl ausstellen.

Fix blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Er beschloss aber, Phileas Fogg auf Schritt und Tritt in Bombay zu überwachen. Im Übrigen war der Detektiv, wie Passepartout, davon überzeugt, dass Mr. Fogg in Bombay bleiben werde.

Der Diener selbst erkannte nach den Anordnungen seines Herrn, dass sich die Spielchen von Paris und Suez wiederholen werden. Die Reise ging weiter - zunächst bis Kalkutta und wer weiß, wohin danach. Langsam begann er an diese verrückte Wette zu glauben. Sollte ihn, der nichts als Ruhe gesucht hatte, das Schicksal tatsächlich in 80 Tagen um den gesamten Erdball jagen?

Zunächst musste er aber wieder Hemden und Socken besorgen. Danach sah er sich ein bisschen in der Stadt um. Auf den Straßen herrschte ein unbeschreibliches Menschengewimmel. Passepartout machte sich bereits wieder auf den Weg zum Bahnhof, da stand er plötzlich vor der berühmten Pagode vom Malabar Hill. Dieses Gebäude wollte er unbedingt von Innen bestaunen.

Dazu hätte er zwei Dinge wissen müssen: Erstens dürfen Christen manche hinduistische Gebetshäuser überhaupt nicht betreten, und zweitens wenn, dann nur barfuß. Die britische Regierung respektiert diese religiösen Vorschriften nicht nur, es wird auch jeder Verstoß dagegen streng bestraft!

Passepartout hatte nichts ahnend das Gebetshaus betreten und bewunderte die prächtige Innenausstattung, bei der nicht mit Blattgold gespart worden war. Plötzlich stürzten sich drei Priester auf ihn, warfen ihn auf die geheiligten Fliesen und rissen ihm Socken und Schuhe von den Füßen. Dazu stießen sie wilde Schreie aus und bearbeiteten Passepartout mit den Fäusten.

Der kräftige und geschickte Franzose war aber gleich wieder auf den Beinen. Ein Fußtritt und ein Fausthieb, schon flogen zwei seiner Gegner zur Seite. Passepartout gab Fersengeld und entwischte so auch dem dritten Priester, der noch ein Stück hinter ihm her rannte und die Menge aufhetzte.

Barfüßig und natürlich ohne seine Einkäufe, stürzte der Unglückliche fünf Minuten vor 8 Uhr in die Bahnhofshalle.

Mr. Fix stand schon auf dem Bahnsteig. Er war Mr. Fogg hinterher geschlichen und hatte einsehen müssen, dass der Mann keineswegs in Bombay bleiben wollte. Es blieb dem Detektiv nichts anderes übrig, als bis Kalkutta mitzureisen. Er hielt sich abseits, sodass Passepartout ihn nicht sehen konnte und belauschte das Gespräch, in dem der Diener seinem Herrn von dessen Abenteuer in der Malabar-Hill-Pagode berichtete.

Der Kommentar von Mr. Fogg war denkbar kurz: "Ich hoffe, so etwas wird nicht noch einmal passieren." Mit diesen Worten bestieg er den Zug.

Der arme Bursche war noch so verwirrt, dass er kein Wort erwidern konnte. Also folgte er seinem Herrn barfüßig ins Abteil.

Fix hatte geplant in einem anderen Wagen zu reisen, da kam ihm eine glänzende Idee. Ich bleibe hier in Bombay, dachte er, jetzt habe ich endlich was ich brauche: Eine Straftat auf indischem Staatsgebiet; damit kriege ich den Kerl.

Im selben Augenblick hörte man das schrille Pfeifen der Lokomotive, und gleich darauf verschwand der Zug in der Dunkelheit.





Der Klassiker IN 80 TAGEN UM DIE WELT von Jules Verne (1828-1905) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Alphonse de Neuville (1836-1885) und Léon Benett (1839-1917) hergestellt.

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