LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die Verhandlung

Phileas Fogg hatte beschlossen Mrs. Aouda nicht mehr von der Seite zu weichen, bis sie in Hongkong außer Gefahr war. Die kleine Reisegesellschaft wollte gerade das Bahnhofsgebäude verlassen, als ein Polizist herantrat: "Mister Fogg?", fragte der Beamte.

"Sie wünschen?"

"Ist dieser junge Mann ihr Diener?" Der Polizist zeigte auf Passepartout.

"Ja."

"Ich muss die Herren bitten, mir zu folgen."

Mr. Fogg blieb ruhig und gab Passepartout ein Zeichen, dass er gehorchen solle. "Darf uns die junge Dame begleiten?", fragte er.

"Bitte", antwortete der Polizist.

Während der zwanzigminütigen Kutschfahrt fiel kein einziges Wort.

Der Polizist brachte seine Gefangenen in einen vergitterten Raum und sagte lediglich: "Um halb neun ist Ihre Verhandlung vor Richter Obadiah." Damit ging er hinaus und verschloss die Tür.

"Jetzt sitzen wir fest", jammerte Passepartout.

"Sie werden bestimmt verfolgt, weil Sie mich entführt haben. Bitte, Mr. Fogg, reisen sie alleine weiter", sagte Mrs. Aouda traurig.

"Wegen der Suttee? Ausgeschlossen, das kann nur ein Missverständnis sein. Ich werde Sie auf keinen Fall alleine lassen."

Pünktlich wurden unsere Reisenden vor den Richter geführt. Dieser war ein großer, dicker Mann. Nachdem er sich die passende Perücke aufgesetzt hatte, rief er: "Den ersten Fall - Phileas Fogg!"

"Hier", antwortete Mr. Fogg.

"Passepartout?"

"Anwesend", bestätigte der Franzose.

"Dann können wir anfangen. Die Klägerpartei soll eintreten."

Eine Tür ging auf und drei indische Priester wurden von einem Saaldiener hereingeführt.

"Also doch. Die Schurken, die unsere junge Dame verbrennen wollten…", flüsterte Passepartout.

Die Anklage wurde verlesen. Mr. Fogg und sein Diener hätten ein brahmanisches Heiligtum geschändet.

"Herr Richter, ich bekenne mich schuldig und verlange, dass diese drei Priester gestehen, was sie im Tempel von Pillaji vorhatten."

Es gab einen Tumult, die Priester verstanden nicht, wovon die Rede war. Erst als Richter Obadiah das Wort "Bombay" erwähnte, kam Klarheit in die Sache.

"Und hier ist das Beweisstück", sagte der Gerichtsschreiber und stellte ein Paar Schuhe auf den Schreibtisch.

"Meine Schuhe!", entfuhr es Passepartout, der damit überführt war.

An diesen Zwischenfall in Bombay hatten sie nicht mehr gedacht. Detektiv Fix hatte sich diesen Vorfall zunutzen gemacht. Er hatte die Priester der Malabar-Hill-Pagode überredet, mit ihm nach Kalkutta zu reisen.

In einer Ecke des Gerichtssaales verfolgte Fix die Verhandlung mit großer Anteilnahme. Sein ersehnter Haftbefehl war immer noch nicht angekommen.

"Sie geben die Tat also zu?", fragte der Richter.

"Wir geben die Tat zu", antwortete Mr. Fogg, ohne die Miene zu verziehen.

Der Richter setzte zur Urteilsverkündung an, wobei er alle Fakten nochmals erwähnte: "…wird der Beklagte Passepartout zu zwei Wochen Haft und einer Geldbuße in Höhe von 300 Pfund Sterling verurteilt."

"300 Pfund!", stöhnte der Franzose.

"Da es keine Gegenbeweise gibt, dass der Diener nicht im Auftrag seines Herrn gehandelt hat, wird Mr. Fogg zu einer Woche Haft und einer Geldbuße von 150 Pfund Sterling verurteilt.

Nach diesen Worten wandte sich der Richter an den Saaldiener: "Den nächsten Fall!"

Passepartout war völlig niedergeschlagen. Sein Herr dagegen blieb gewohnt gelassen. Er erhob sich und sagte: "Ich biete eine Kaution an."

"Das ist Ihr gutes Recht", antwortete der Richter. "Da Sie nicht in Indien leben, setze ich die Kaution auf 1000 Pfund pro Person an."

"Ich zahle", sagte der Gentleman und ließ sich von seinem Diener die Reisetasche mit den Banknoten geben.

"Wenn Sie die Gefängnisstrafe verbüßt haben, erhalten Sie das Geld zurück", sagte der Richter. "Im Augenblick sind sie gegen Kaution fei."

Mr. Fogg reichte Mrs. Aouda den Arm und schritt mit ihr hinaus auf die Straße. Passepartout folgte mit hängenden Schultern.

Mr. Fix konnte sich zwar nicht vorstellen, dass Mr. Fogg die Haft nicht antreten würde, aber vorsichtshalber blieb er ihm auf den Fersen.

Phileas Fogg mietete sich eine Kutsche und Fix musste mit ansehen, wie sein Dieb um 11 Uhr vormittags mit einem kleinen Boot zu dem Dampfer "Rangoon" übersetzte.

"Ich lasse den Burschen nicht mehr aus den Augen und wenn es ans Ende der Welt geht. Wenn er so weiter macht, ist das gestohlene Geld bald futsch", schimpfte der Detektiv.

So Unrecht hatte Fix gar nicht. Mr. Fogg hatte inzwischen bereits mehr als 5000 Pfund ausgegeben. Und die Belohnung sollte sich nach der Höhe der sichergestellten Summe richten.





Der Klassiker IN 80 TAGEN UM DIE WELT von Jules Verne (1828-1905) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Alphonse de Neuville (1836-1885) und Léon Benett (1839-1917) hergestellt.

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