LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Passepartout alleine

Gleich nachdem der Detektiv die Opiumhöhle verlassen hatte, war der schlafende Passepartout von zwei Kellnern zu den anderen Schläfern auf das große Bett geschleppt worden. Doch sein Pflichtbewusstsein arbeitete so stark in ihm, dass er bereits nach drei Stunden wieder aufwachte. Er kämpfte sich zur Ausgangstür und jammerte: "Die Carnatic, die Carnatic!"

Da lag das Schiff vor ihm, abfahrtbereit. Passepartout taumelte an Bord und fiel auf dem Vordeck bewusstlos zusammen. Ein paar Matrosen trugen ihn in eine Kabine der zweiten Klasse, in der er erst am nächsten Morgen wieder aufwachte, als sie bereits 150 Meilen vom Festland entfernt waren.

Auf dem Deck atmete der Franzose die frische Meeresluft ein, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Nach und nach fielen ihm die Ereignisse vom Vorabend wieder ein. Was sollte Mr. Fogg von ihm denken? Nun, die Hauptsache war, dass er das Schiff nicht verpasst hatte. Und diesen Fix waren sie ein für alle Mal los.

Passepartout sah sich um. Wo wohl Mrs. Aouda und Mr. Fogg steckten? Nun ja, die junge Dame würde bestimmt noch schlafen und sein Herr vertrieb sich die Zeit sicherlich mit einer Partie Whist.

Der Franzose machte sich auf die Suche. Als er Phileas Fogg nirgendwo finden konnte, erkundigte er sich beim Zahlmeister nach der Kabinennummer. Dieser zeigte ihm die Passagierliste. Der Name seines Herrn war darauf nicht verzeichnet. Ihm wurde schwindlig und plötzlich dämmerte es ihm. Er wusste wieder, dass die Abfahrtszeit des Dampfers vorverlegt worden war und dass er seinen Herrn deswegen benachrichtigen sollte. Das hatte er aber nicht getan. Ihn allein traf die Schuld, wenn Mr. Fogg das Schiff verpasst hatte!

Oder doch vielmehr ein anderer. Nämlich dieser Schuft Fix. Wenn er den jemals zu fassen bekäme.

So reiste Passepartout ohne einen Schilling nach Japan. Immerhin waren die Überfahrt und die Verpflegung an Bord schon im Voraus bezahlt worden. Vor ihm lagen noch fünf oder sechs Tage an denen er genug zu Essen hatte und sich überlegen konnte, was zu tun war.

Am 13. November erreichte die Carnatic den Hafen von Yokohama. Unser Franzose betrat das geheimnisvolle Land ohne die geringste Begeisterung. Er lief durch die Straßen in denen ein Treiben wie im Ameisenhaufen herrschte.

Passepartout ging mehrere Stunden durch das buntscheckige Menschengetümmel. Vom vielen Umherwandern, begann sein Magen zu knurren. Doch es wurde dunkel und er musste sein Hungergefühl auf den nächsten Tag verschieben.

Als dieser anbrach war unser tapferer Held todmüde und halb verhungert. Irgendwie musste er zu Geld kommen. Er ging zu einem Trödler und verhökerte seinen guten europäischen Anzug gegen ein abgetragenes japanisches Gewand und ein paar Münzen.

Nachdem er in einem Teehaus Reis und Geflügelfleisch zu sich genommen hatte, machte er sich auf zum Hafen. Vielleicht konnte er als Koch oder Diener auf einem Schiff arbeiten, das nach Amerika fährt. Irgendwie musste er die 4 700 Meilen von Yokohama bis San Francisco hinter sich bringen.

Während er grübelte, fiel sein Blick auf ein großes Plakat, das von einem Clown durch die Straßen von Yokohama getragen wurde. Es war in Englisch geschrieben und Passepartout las, dass die japanischen Akrobatikkünstler um William Batulcar eine letzte Vorstellung vor ihrer Abreise in die Vereinigten Staaten von Amerika gaben.

Das ist doch genau das Richtige für mich, dachte Passepartout. Er lief dem Plakatträger nach und nur wenig später stand er vor William Batulcar persönlich: "Sie wünschen?"

"Können Sie einen Diener brauchen?", erkundigte sich der Franzose.

"Ich habe selbst zwei zuverlässige Diener, die sogar umsonst für mich arbeiten."

"Sie haben also keine Verwendung für mich?"

"Sind sie Franzose?", auf ein Nicken Passepartouts fuhr Batulcar fort, "dann müssten Sie gut Grimassen schneiden können?"

"Das kann ich wohl."

"Na schön. Dann werde ich Sie als Clown anstellen. Sind sie kräftig?"

"Ganz besonders nach dem Essen", erwiderte unser Held.

"Und singen können Sie auch? Auch im Kopfstand, wenn dabei ein Drehkreisel auf der rechten Fußsohle und ein Säbel auf der linken balanciert werden muss?"

"Donnerschlag", rief Passepartout. Er dachte an seine frühesten Versuche als Akrobat zurück.

Der Vertrag wurde geschlossen. Unser Franzose wurde als Mädchen für alles bei der japanischen Akrobatiktruppe aufgenommen. Nicht gerade sehr schmeichelhaft für ihn.

Die Vorstellung war für 3 Uhr angekündigt. Die Zuschauer strömten bereits früher herbei und das Orchester veranstaltete einen ohrenbetäubenden Lärm. Es wurde alles geboten, was man sich vorstellen kann. Ein Höhepunkt jagte den nächsten.

Als Krönung der Vorstellung stand eine menschliche Pyramide auf dem Programm. Normalerweise klettern Akrobaten dabei einander auf die Schultern. Doch die Männer von Batulcar bildeten die Pyramiden allein mit ihren langen Holznasen, sie sich wie Masken aufgesetzt hatten.

Passepartout ging hinaus auf die Bühne und legte sich als Untermann auf den Boden. Seine Nase ragte zum Himmel. Die Pyramide wuchs dem Dach des Theaters entgegen. Der Applaus schwoll an, das Orchester machte einen Höllenlärm, da geschah es: Der ganze Aufbau geriet ins Wanken, das Gleichgewicht ging verloren und der kunstvolle Bau stürzte in sich zusammen.

Der Franzose war Schuld. Er hatte seinen Posten einfach verlassen, sprang auf die Rampe und fiel einem der Zuschauer vor die Füße: "Mein Herr! Ich habe meinen Herrn gefunden!"

"Sie hier?"

"Ja, ich!"

"Dann können wir ja gleich zum Hafen gehen."

Um 6.30 Uhr, genau zur Abfahrtszeit, gingen Mr. Fogg und Mrs. Aouda an Bord des amerikanischen Postschiffes. Hinter ihnen drein schritt Passepartout mit seiner überlangen Nase, die er in der Eile noch nicht hatte ablegen können.





Der Klassiker IN 80 TAGEN UM DIE WELT von Jules Verne (1828-1905) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Alphonse de Neuville (1836-1885) und Léon Benett (1839-1917) hergestellt.

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