LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Das Duell

An diesem Abend gab es keine Zwischenfälle mehr. Seit San Francisco waren 1382 Meilen zurückgelegt worden, für die der Zug drei Tage gebraucht hatte. Vier weitere Tage mussten für die Reststrecke voraussichtlich genügen.

Mr. Fogg und seine Partner pflegten weiterhin ihr Whist-Spiel. Gerade als Phileas Fogg sich ein besonders gewagtes Manöver ausgedacht hatte, und schon Pik ausspielen wollte, sagte eine Stimme hinter ihm: "Warum denn nicht Karo?"

Die Spieler blickten erstaunt auf. Oberst Proctor stand vor ihnen. "Sie an, wieder dieser Engländer und will Pik ausspielen. Sie haben ja keine Ahnung vom Whist-Spiel."

"Vielleicht verstehe ich mich tatsächlich besser auf etwas anderes", erwiderte Mr. Fogg und erhob sich.

Mrs. Aouda wurde blass. Sie griff nach Mr. Foggs Arm, aber der schüttelte ihre Hand sanft ab. Inzwischen war Fix aufgestanden: "Sie vergessen wohl, dass Sie es mit mir zu tun haben. Mich haben Sie damals geschlagen. Das wiegt schwerer als eine Beleidigung!"

"Mr. Fix, überlassen Sie diesen Fall bitte mir. Durch seine Kritik an meinem Spiel hat mich der Oberst erneut beleidigt, und ich fordere Genugtuung."

"Wann sie wollen und wo sie wollen", antwortete der Amerikaner.

Mr. Fogg verließ das Abteil und der Oberst folgte ihm.

"Mein Herr", sagte Phileas Fogg zu seinem Gegner, "ich muss auf dem schnellsten Weg nach Europa reisen. Ich muss dort einige Dinge erledigen, danach kehre ich nach Amerika zurück und werde Sie aufsuchen."

"Eine faule Ausrede! Sie schlagen sich jetzt oder gar nicht!", brüllte der Oberst. "Plum Creek heißt die nächste Station. Dort halten wir für zehn Minuten. Diese Zeit sollte reichen, um ein paar Revolverkugeln abzufeuern."

Wieder zurück im Wagen, bat Phileas Fogg, Mr. Fix, sein Sekundant zu sein. Danach setzte er sich wieder hin und spielte die Pik-Karte aus, als wäre nichts geschehen.

Um 11 Uhr kamen sie in Plum Creek an. Doch der Zugführer, erklärte, dass sie zwanzig Minuten Verspätung hätten und deshalb keine Pause machen konnten. Er schlug den Herren jedoch vor ihr Duell im letzten Wagen auszuführen.

Bereitwillig räumten die Reisenden den Waggon frei. Keiner wunderte sich. Mr. Fogg und Oberst Proctor betraten den Wagen. Jeder hatte zwei Revolver mit insgesamt zwölf Schuss bei sich. Die Sekundanten blieben draußen und verschlossen die Tür. Beim nächsten Pfeifton der Lokomotive sollten die Herren losfeuern. Zwei Minuten später würde man nachschauen, was von ihnen übrig war.

Fix, Passepartout und Mrs. Aouda schlug das Herz bis zum Hals.

Jedermann lauschte auf das vereinbarte Signal. Plötzlich ertönte wildes Gebrüll und Schüsse krachten. Aber im Wagen der Duellanten war es ruhig. Der Lärm kam aus einem anderen Zugabschnitt. Die Reisenden brachen in Angstschreie aus.

Oberst Proctor und Mr. Fogg stürzten, den Revolver in der Hand, aus der Tür und eilten zur Spitze des Zuges. Beide hatten begriffen, dass Sioux-Indianer einen Anschlag auf den Zug verübten.

Bei voller Fahrt hatten sich mehr als 100 Mann auf die Trittbretter geschwungen und kletterten in die Wagen. Die Sioux besaßen Gewehre. Als erstes hatten die Indianer die Lokomotive erstürmt und Lokomotivführer und Heizer mit Äxten außer Gefecht gesetzt. Beim Versuch den Zug zum Stehen zu bringen, hatten die den Hebel falsch bedient und nun rasten sie mit wahnwitziger Geschwindigkeit über die Schienen.

Die Reisenden verteidigten sich tapfer. Mrs. Aouda erschoss jeden Sioux, der vor ihrem zerbrochenen Fenster auftauchte. Es wurde allerdings höchste Zeit, dass der Kampf zu Ende ging. Bis zur Station von Fort Kearny waren es nur noch knapp zwei Meilen. Dort befand sich ein amerikanischer Militärposten. Jagte der Zug aber daran vorbei, waren die Reisenden endgültig den Sioux ausgeliefert.

Der Zugführer, der neben Mr. Fogg kämpfte schrie: "Wir müssen den Zug zum Stehen bringen, sonst sind wir verloren."

Passepartout rief seinem Herrn zu: "Bleiben Sie hier, das übernehme ich."

Ohne dass ihn ein Indianer bemerkte, gelang es dem Diener eine Tür zu öffnen. Dann ließ er sich unter den Wagen gleiten. Geschmeidig, wie er einst in Jugendtagen als Akrobat war, schlüpfte er unter den Wagen hindurch. Er klammerte sich an Ketten, stützte sich auf Bremsklötze und erreichte die ersten Waggons. Passepartout verbrachte eine Meisterleistung.

Jetzt hing er zwischen dem Kohle- und dem Gepäckwagen. Mit der einen Hand hielt er sich fest, mit der anderen versuchte er, die Sicherheitsketten der Wagenkoppelung zu lösen. Aber der Pflock stand zu sehr unter Spannung. Da gab es einen Ruck, der Pflock schob sich hoch, und die abgehängten Reisewagen verlangsamten ihr Tempo, während die Lokomotive weiterraste.

Nach mehreren Minuten, gelang es jemandem die Bremsen zu ziehen und der Zug kam weniger als 100 Schritt vor der Station Kearny zum Stehen.

Die Soldaten des Forts hatten schon von ferne die Schießerei gehört und waren zur Bahnlinie geeilt. Doch die Indianer waren bereits geflüchtet.

Als sich die Zuginsassen auf dem Bahnsteig versammelten, stellten sie fest, dass einige der Reisenden fehlten. Unter anderem der mutige Franzose.





Der Klassiker IN 80 TAGEN UM DIE WELT von Jules Verne (1828-1905) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Alphonse de Neuville (1836-1885) und Léon Benett (1839-1917) hergestellt.

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