LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Dracula - Kapitel 21

Dr. Sewards Tagebuch - Fortsetzung
3. Oktober. Als ich Renfields Zimmer trat, lag er in einer großen Blutlache. Ich wollte ihn aufheben und bemerkte, wie schwer er verletzt war. Der Wärter, der neben mir kniete, sagte leise: "Ich glaube, sein Rückgrat ist gebrochen. Sehen Sie, die rechte Gesichtshälfte, der rechte Fuß und der rechte Arm sind gelähmt." Ich nickte und untersuchte seine Kopfverletzung. Es sah aus, als wäre er mit dem Kopf auf den Boden geschmettert worden. "Wie kann er sich so verletzten?", fragte der Wärter fassungslos. Ich antwortete nicht, sondern schickte nach Van Helsing.

Van Helsing kam und warf nur einen Blick auf Renfield. "Was für ein unglücklicher Zufall", sagte er ruhig, offenbar in Rücksicht auf den Pfleger. "Er wird intensive Pflege brauchen. Ich ziehe mich nur rasch um." Renfield atmete keuchend. Van Helsing kam zurück und trug seine Instrumententasche bei sich. Wir schickten den Wärter weg, da wir mit Renfield allein sein wollten und untersuchten ihn. Die Wunden im Gesicht waren oberflächlich, aber er hatte einen Schädelbruch. Der Knochen war eingedrückt und drückte auf die Stelle des Gehirns, die für den Bewegungsapparat zuständig ist. Während Van Helsing die Operation vorbereitete, in der er den Druck auf das Gehirn mindern wollte, klopfte es an der Tür. Quincey und Arthur standen draußen und sahen erschreckt auf die große Blutlache. "Wir hörten, dass Renfield einen Unfall hatte. Können wir etwas tun?"

Beide traten ein. Qiuncey setzte sich zu Renfield auf die Bettkante. Arthur nahm daneben Platz. "Wir müssen noch ein wenig warten", wies Van Helsing uns an. "Wir müssen den richtigen Zeitpunkt zum Trepanieren abwarten. Der Blutpfropf muss rasch und gründlich entfernt werden." Wir schwiegen und warteten. Jeder von uns fürchtete sich vor dem, was Renfield berichten könnte, wenn er noch Zeit dazu haben würde. Sein Atem ging pfeifend. Mich ergriff ein unsägliches Grauen, das sich von Sekunde zu Sekunde steigerte. Ein Blick in die Gesichter meiner Kameraden sagte mir, dass es ihnen ähnlich ging. Renfield ging es immer schlechter. Er konnte jeden Moment sterben. Van Helsing sah mich an und sagte: "Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, es kann eine Seele auf dem Spiel stehen. Gerade hier über dem Ohr müssen wir operieren."

Ohne ein weiteres Wort vollzog er die Operation. Renfield keuchte und riss plötzlich die Augen auf. Er hatte einen wilden Ausdruck in den Augen, der erst nach einigen Minuten dem der frohen Überraschung wich. Er bewegte sich krampfhaft und flüsterte: "Ich bin ganz ruhig, Dr. Bitte, sagen Sie den Leuten, Sie sollen mir die Zwangsjacke ausziehen. Ich habe furchtbar geträumt. Aber was ist mit meinem Gesicht? Es fühlt sich so geschwollen an?" Van Helsing beruhigte ihn und murmelte sanft: "Erzählen Sie uns Ihren Traum, Renfield." Renfield sah Van Helsing an und seine Augen leuchteten in dem schrecklich zerschmetterten Gesicht.

"Ich träumte", begann Renfield und schloss die Augen. Ich sah, dass er einer Ohnmacht nahe war und flüstere Quincey zu: "Rasch, den Brandy aus meinem Arbeitszimmer." Quincey eilte davon und bald schon netzten wir Renfields Lippen mit Brandy. Sein Atem wurde wieder ruhiger und er setzte erneut an: "Ich träumte nicht. Es war grausige Wirklichkeit. Und ich habe nur noch wenig Zeit, denn ich weiß, dass ich sterben muss. Es war in jener Nacht, in der ich Sie bat, mich frei zu lassen. Ich konnte nicht sprechen, ich fühlte mich gebunden. Aber ich war gesund, so gesund, wie ich jetzt bin, ohne die Verletzungen, die ich erlitt. Ich war in Verzweiflung und Todesangst. Dann hörte ich Hunde heulen. Aber sie heulten nicht, wo Er war. Nebel stieg auf. Und Er kam zu mir. In Menschengestalt. Seine Augen glühten und sein Mund lachte. Ich musste ihn einladen, auch wenn ich es nicht wollte. Er versprach mir alles Mögliche. Nicht mit Worten, sondern in dem er es mich sehen ließ."

Wir wechselten einen raschen Blick. "Ja, wie er mir die Fliegen geschickt hatte, oder die Schmetterlinge der Nacht. So ließ er mich alles sehen. Ratten, Millionen Ratten. Und Hunde und Katzen und alle voll mit rotem Blut, mit Jahren von Lebenskraft. Dann heulten wieder Hunde hinter seinem Haus. Er trat ans Fenster und hob die Hand. Er teilte den Nebel und Hunderte von Ratten kamen heran. Auf seinen Fingerzeig standen sie still. 'Fall nieder und bete mich an, dann schenke ich dir all diese Leben', sagte er. Ich öffnete das Fenster und ließ ihn herein." Ich wollte Renfield drängen, weiter zu sprechen, aber Van Helsing hielt mich zurück. "Lassen Sie ihn einfach reden. Vielleicht findet er nicht mehr zu seinen Gedanken zurück, wenn wir ihn unterbrechen."

"Ich wartete den ganzen Tag auf Ihn, aber Er ließ nichts von sich hören. Ich war recht erbost. In der Nacht glitt er herein zu mir und grinste mich nur an. Als er an mir vorbeikam, war es mir, als wäre Frau Harker eingetreten. Er roch nach ihr." Wir erschraken sehr aber Renfield bemerkte es nicht. "Frau Harker hat mich besucht. Sie ist blass und anders als sonst. Ich erkannte sie erst, als sie sprach. Ich mag die blassen Menschen nicht. Ich mag die, die ordentlich Blut in den Adern haben. Aber aus Frau Harkers Adern ist das Blut verschwunden. Er hat es ihr ausgesaugt! Das machte mich rasend!" Ich sah, dass nicht nur ich vor Entsetzen zitterte, trotzdem schwiegen wir eisern. "Als er dann heute zu mir kam, dachte ich daran, dass Wahnsinnige übernatürliche Kräfte haben. Und ich packte ihn, mit all' meinem Wahnsinn. Ich dachte schon, der Sieger zu sein. Dann sah ich seine Augen und meine Kräfte zerflossen wie Wasser. Er hob mich empor und schleuderte mich zu Boden. Blutrote Schleier legten sich um mich. Er verschwand ..." Renfield verstummte.

Van Helsing erhob sich. "Wir wissen nun, dass er hier ist und wir kennen sein Ziel. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Bewaffnet euch, liebe Freunde, gerade so wie in jener Nacht, da wir in sein Haus einstiegen. Macht schnell. Jeder Augenblick ist kostbar." Wir eilten davon, um die Gegenstände zu holen und trafen uns vor der Tür der Harkers wieder. "Sollen wir sie wirklich stören?", fragte Arthur zweifelnd. "Wir müssen. Und wenn wir sie zu Tode erschrecken. Notfalls müssen wir auch die Tür einschlagen." Van Helsing war sich so sicher, dass auch wir anderen wieder von unserem Tun überzeugt waren. Wir mussten uns tatsächlich mit den Schultern gegen die Tür stemmen, die schließlich unter lautem Krachen nachgab. Als wir in das vom Mondlicht beschienene Zimmer blickten, sträubten sich uns die Nackenhaare.

Jonathan Harker lag auf dem Bett, das dem Fenster näher stand. Sein Atem ging mühsam und sein Gesicht war gerötete. Hatte er einen Schlaganfall erlitten? Auf dem Rand des anderen Bettes kniete die weiße Gestalt seiner Frau, ein großer hagerer, ganz in schwarz gekleideter Mann stand neben ihr. Sein Gesicht war abgewandt. Als er sich umdrehte, erkannten wir den Grafen. Er hielt Minas Hände mit seiner Linken umklammert und mit seiner Rechten presste er ihren Kopf gegen seine entblößte Brust, über die ein leiser Blutfaden rann. Minas Haltung erinnerte an die eines Kätzchens, das von einem verzweifelten Kind dazu gezwungen werden soll, zu trinken, in dem man es mit der Nase in die Milch stößt. Der Graf richtete seinen furchtbaren glühenden Blick auf uns. Seine harten spitzen Zähne schlugen hinter den bluttriefenden Lippen heftig aufeinander. Er ließ von Mina ab, schleuderte sie auf das Bett und stürzte sich auf uns. Van Helsing war geistesgegenwärtig genug ihm den Umschlag mit der heiligen Hostie entgegen zu halten. Der Graf blieb sofort stehen. Nun hielten auch wir unsere Kruzifixe in die Höhe und bedrängten den Grafen. Der Mond verdunkelte sich.

Als Quincey endlich das Gaslicht angezündet hatte, sahen wir nicht mehr als ein wenig dünnen Dampf vom Grafen. Ehe wir uns fassen konnten, verschwand der Dampf durch den Spalt unter der Tür mit einem so heftigen Schwung, dass die Tür, die wir vorher mit Gewalt geöffnet hatten, ins Schloss fiel. Frau Harker hatte das Bewusstsein wieder erlangt und stieß einen wilden schrecklichen Schrei aus. Dieser Schrei fuhr ins in alle Glieder. Nie werde ich diesen Schrei vergessen, der voll von Verzweiflung und Trauer war. Frau Harker fiel in die Kissen zurück. Sie war entsetzlich blass und das Blut, das ihr Kinn und ihre Lippen verschmierte, unterstrich ihre Blässe noch. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und weinte herzzerreißend. Arthur warf einen Blick auf das gequälte Menschenkind und verließ fluchtartig das Zimmer.

Van Helsing behielt einen klaren Kopf. "Jonathan liegt in der Lethargie, die ein Vampir hervorrufen kann. Ich werde ihn wecken, denn für Mina können wir im Augenblick nichts tun." Während Van Helsing Jonathan weckte, zog ich die Vorhänge zurück und sah auf den Garten der im Mondenschein lag. Ich konnte Quincey sehen, der über den Rasen lief und sich hinter einem Eibenbaum versteckte. Was tat er da? Im nächsten Moment hörte ich Harker schreien, der zu Bewusstsein gekommen war und seine Frau entdeckt hatte. "Was ist passiert? Was ist los? Was ist das für Blut? Mein Gott! Ist es so weit gekommen? Guter Gott, hilf uns! Hilf ihr!" Er warf sich auf die Knie und rang die Hände. Van Helsing versuchte, ihn zu beruhigen. Aber Jonathan war sehr aufgebracht. "Bleiben Sie bei ihr, Van Helsing. Ich werde zu Ihm gehen." Nun wurde Mina sehr erregt und klammerte sich an Jonathan. "Du darfst nicht gehen! Ich habe heute Nacht schon so viel erlitten. Ich will nicht auch noch fürchten müssen, dass er dir etwas antut!" Sie steigerte sich in ein hysterisches Weinen, das Jonathan zwang, sich zu ihr zu setzen und sie zu trösten.

"Wir müssen uns vor allem beruhigen. Heute Nacht wird nichts mehr geschehen. Wir sind in Sicherheit. Wir müssen ruhig werden und uns beraten." Das waren Van Helsings kluge Worte. Mina, die sich Jonathans Arm schmiegte, schluchzte: "Ich bin unrein. Unrein! Nie wieder darf ich dich küssen. Oh, dass du ausgerechnet vor mir nun Angst haben musst." Jonathan unterbrach sie. "Mina, ich möchte solche Dinge nicht hören. Nie wird sich etwas zwischen uns stellen." Er barg ihren Kopf an seiner Brust und sie weinte lange. Nach einer Weile wurden ihre Schluchzer ruhiger und seltener. Jonathan sagte mit einer gespielten Ruhe, die seine Nerven zum Zerreißen anspannen musste: "Dr. Seward, berichten Sie mir nun, was geschehen ist. Die Hauptsachen weiß ich, aber ich würde auch gern die Einzelheiten kennen."

Ich berichtete ihm alles, so gut ich konnte und hatte Mitleid mit ihm, als ich schildern musste, was der Graf mit seiner Frau getan hatte. Jonathan war von weiß glühender Wut, konnte aber nichts tun, als seine Frau festzuhalten und zärtlich ihr Haar zu liebkosen. Als ich geendet hatte, klopfte es an der Tür und Quincey und Arthur traten ein. Sie berichteten, dass sie den Vampir vergeblich gesucht hätten. Allerdings hatte der Graf noch Zeit gehabt, die Tagebuchnotizen und auch meinen Fonografen zu zerstören. "Wie gut, dass wir eine Kopie im Geldschrank haben", warf ich ein. Arthur berichtete weiter: "Ich sah auch in Renfields Zimmer. Er ist tot." Ich fühlte, dass Arthur noch etwas wusste, aber absichtlich schwieg. Also drang ich nicht weiter in ihn und Van Helsing fragte Quincey: "Haben Sie noch mehr zu berichten?" "Nun, wir sahen eine Fledermaus von Renfields Zimmer aus gen Westen fliegen. Er ist also nicht hier in Carfax und er wird auch heute Nacht nicht mehr kommen. Der Himmel rötet sich schon. Wir müssen morgen ans Werk!"

Es legte sich eine Stille über das Zimmer, die schließlich von Van Helsing unterbrochen wurde. "Liebe Mina, sagen Sie uns nun, wie es Ihnen ergangen ist. Wir werden nun keine Geheimnisse mehr voreinander haben. Unsere Rettung ist jetzt die schonungslose Offenheit." Frau Harker zitterte, aber sie hob den Kopf und sah uns an. "Ich nahm den Schlaftrunk, aber der Schlaf ließ auf sich warten. Ich begann zu fantasieren und meine Gedanken drehten sich um Vampire, Tod, Leid, Schmerz und Blut. Dann bin ich aber wohl doch eingeschlafen, denn ich weiß nichts mehr. Auch Jonathan weckte mich nicht. Er lag neben mir, als ich erwachte und den Nebel im Zimmer bemerkte. Ich fühlte ein unbestimmtes Entsetzen und hatte das Gefühl, jemand ungebeten bei mir zu haben. Ich wollte Jonathan wecken, aber schlief fest. Eine fürchterliche Angst überkam mich, aber Jonathan wurde einfach nicht wach. Und plötzlich stand ein großer schlanker Mann neben meinem Bett. Als hätte der Nebel Gestalt angenommen. Ich erkannte ihn sofort. Es war der Graf, ich habe Jonathans Beschreibung oft genug gelesen." Sie atmete tief ein und sah uns an.

"Der Graf zischte: 'Schweig, oder ich zerschmettere deinen Ehemann. Und halte jetzt schön still, es ist schließlich nicht das erste oder zweite Mal, dass ich meinen Durst an dir stille.' Ich war so entsetzt! Er entblößte meinen Hals. Ich konnte keinen Widerstand leisten. Als wäre es ein Teil des Zaubers! Er presste seine Lippen auf meinen Hals. Ich weiß nicht wie lange es dauerte. Halb ohnmächtig sah ich nur seinen blutbefleckten Mund. Er sagte höhnisch: 'Auch du wolltest deinen Verstand gegen mich ausspielen und den Männern helfen, Jagd auf mich zu machen. Du weißt nun schon und die anderen werden es bald wissen, was es heißt, meine Wege zu kreuzen und meine Pläne zu vereiteln. Ich untergrub ihre Stellung während sie kombinierten. Ich habe über Nationen geboten und für sie gekämpft, Jahrhunderte bevor ihr geboren wart! Aber du bist nun mein, Fleisch von meinem Fleisch, Blut von meinem Blut, du, die sie alle lieb haben und die sie beschützen wollten'." Frau Harker zitterte immer heftiger.

"Er sagt, dass ich nun seine Genossin und Gehilfin sei und dass er mich strafen müsse für das, was ich getan hätte. Mit seinem spitzen Nagel öffnete er eine Ader an seiner Brust und packte mich im Genick. Mit der anderen Hand hielt er meine Hände fest. Dann presste er mein Gesicht an seine Brust. Es hieß ersticken oder ... trinken." Sie würgte. "Was habe ich getan? Womit habe ich das verdient? Ich habe immer nur in Bescheidenheit und Rechtschaffenheit zu leben gewünscht. Gott sei mir gnädig!" Sie rieb sich über die Lippen, als ob sie den Schmutz abwischen könne, der sie befleckt hatte. Der Himmel begann sich von Osten her zu röten, es wurde immer heller. Harker war während der Erzählung seiner Frau schweigsam und ruhig gewesen. Bei dem steigenden Licht konnten wir ganz deutlich sein weiß gewordenes Haar sehen.

Heute bleibt immer einer in Rufweite der Harkers, bis wir uns wieder treffen und über das weitere Vorgehen beraten. Sicher aber ist, dass die Sonne heute kein unglücklicheres Haus als das unsere bescheinen wird.





Der Klassiker DRACULA von Bram Stoker (1847-1912) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt.

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