LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Dracula - Kapitel 19

Jonathan Harkers Tagebuch
1. Oktober. Da ich Mina in Sicherheit weiß, ist mir bei der Suche nach unserem Feind etwas leichter ums Herz. Die Begegnung mit dem Patienten Renfield allerdings setzte uns allen zu und wir verließen sein Zimmer in einem erregten Zustand. Van Helsing und auch Quincey fanden Renfield recht vernünftig und fragten Dr. Seward, warum er denn seinen Wünschen nicht entsprochen und ihn freigelassen hatte. Dr. Seward antwortete: "Ich stimme mit Ihnen überein, meine Herren, aber Renfield ist ein Wegweiser auf den Pfaden des Grafen. Ich fürchte, etwas Falsches zu tun, wenn ich ihm seinen Wunsch erfüllte. Vielleicht hat der Graf seine Hände im Spiel und so hoffe ich, das Richtige getan zu haben." Wir anderen nickten verständnisvoll. Lord Godalming kramte in seinen Taschen und brachte ein silbernes Pfeifchen zutage. "Wir wollen nun aufbrechen. Und wenn das Haus drüben voller Ratten ist, so habe ich hier das Gegenmittel." Das Pfeifchen blitzte im Licht auf und wir machten uns auf den Weg.

Wir überstiegen die Mauer und eilten auf das unheimliche dunkle Haus zu. Vor dem Tor hielt der Professor an: "Liebe Freunde, wir dürfen die Gefahr nicht unterschätzen. Der Graf ist kein Gespenst. Er hat riesige Kräfte und kann uns einfach zerquetschen, während wir ihm nichts anhaben können. Er darf uns nicht berühren, also tragen Sie alle dies." Er händigte uns zunächst kleine silberne Kruzifixe aus und danach ein Kranz aus Knoblauchblüten. "Für weltlichere Feinde nehmen Sie diese kleine Revolver und für jeden ein Messer. Ein elektrisches Licht, das Sie an der Brust befestigen können. Und falls es zum Äußersten kommen sollte, noch dies." Und er gab jedem von uns eine geweihte Hostie. Als wir alle gleichermaßen ausgerüstet waren, öffnete Dr. Seward mit einem Dietrich das Schloss des großen Tores. Kreischend schwang der Torflügel auf.

Van Helsing ging mutig voran und rief: "In manuas tuas Domine!", als er die Schwelle überschritt. Wir taten es ihm nach und schlossen dann die Tür hinter uns, da wir von der Straße aus nicht gesehen werden wollten. Wir achteten darauf, dass sich die Tür wieder öffnen ließ, falls wir rasch den Rückzug antreten mussten. Dann gingen wir auf die Suche. Unsere Lampen ließen unsere Schatten bizarr über die Wände huschen und ich hatte das Gefühl, dass wir nicht allein waren. Sicherlich war das nur eine Erinnerung an die schrecklichen Erlebnisse in Transsylvanien, aber ich glaubte nur wenig später zu bemerken, dass die anderen sich ähnlich fühlten. Bei jedem Geräusch und jeder Bewegung sahen wir uns ängstlich um.

Alles war mit dickem Staub überzogen, in allen Ecken hingen dichte Spinnenweben. Man sah einige Fußspuren und auf dem Tisch im Flur lag ein Schlüsselbund, das offensichtlich mehrfach benutzt worden war. Van Helsing nahm die Schlüssel an sich und sagte zu mir: "Jonathan, Sie kennen die Skizzen dieses Hauses. Wie kommt man am raschesten zur Kapelle?" Ich versuchte mich zu erinnern und führte die anderen so gut ich konnte. Schließlich standen wir vor einer niedrigen gotischen Eichentür. Van Helsing suchte den passenden Schlüssel und öffnete die Tür. Wir waren auf das Schlimmste vorbereitet. Ein ekelhafter Gestank schlug uns entgegen. Außer mir war noch keiner der anderen mit dem Grafen in einem geschlossenen Raum zusammen gewesen. Und ich hatte ihn in den ausgehungerten Stadien seiner Existenz kennen gelernt. Mit frischem Blut voll gesaugt hatte ich ihn nur in der halb verfallenen Kapelle gesehen, durch die ein frischer Wind fuhr.

Dieser Raum hier aber war klein und eng. Es war stickig und roch erdig, ein Miasma schien in der übel riechenden Atmosphäre zu schweben. Der Geruch aber war nicht der von Leichen oder der von warmem Blute sondern der Geruch von Fäulnis, die wieder in Fäulnis übergeht. Schrecklich! Unter normalen Umständen hätte wohl keiner von uns den Geruch ertragen, aber wir befanden uns in einer Ausnahmesituation. Nach dem ersten Zurückprallen, fassten wir Mut und durchsuchten den Raum. Von den fünfzig Kisten befanden sich nur noch neunundzwanzig hier. Ich schauderte und als ich sah, wie Lord Godalming aus der Tür einen Blick in den dunklen Flur warf, blieb mein Herz fast stehen. War dort nicht das scheußliche Gesicht des Grafen zu erkennen, mit seiner hohen Nase und den rot glühenden Augen? Lord Godalming blickte angestrengt in das Dunkel und wendete sich dann ab. "Ich dachte, ich hätte ein Gesicht gesehen. Aber es waren wohl nur Schatten."

Mit klopfendem Herzen richtete ich meine Lampe nach vorn und trat in den dunklen Gang hinaus. Ich konnte nichts entdecken. Nirgends war eine Nische, in der er sich hätte verstecken können. So glaubte ich, die Mauersteine hätten unserer Phantasie einen Streich gespielt und schwieg. Als ich wieder in den Raum trat, sah ich Morris vor etwas zurück schrecken. Die ganze Ecke, in der er stand, war voll phosphorizierenden Lichts. Wir zogen uns unwillkürlich zurück und plötzlich füllte sich der Raum mit Ratten.

Wie gelähmt standen wir da, nur Lord Godalming schien Herr seiner Sinne zu sein. Er sprang auf das Tor der Kapelle zu, das wir von außen kannten, drehte den Schlüssel im Schloss und stieß die Tür mit aller Kraft auf. Dann zog er das silberne Pfeifchen aus der Tasche und ließ einen schrillen Pfiff ertönen. Dem Pfiff antwortete Hundegebell und nach kaum einer Minute kamen drei Terrier angerannt. Wir drängten uns in der Nähe des Tores zusammen und ich konnte die Fußspuren im dicken Staub erkennen. So waren die Kisten also fortgeschafft worden. Es wurden immer mehr Ratten und die Hunde sprangen herzu. An der Schwelle aber blieben sie stehen und hoben die Nasen. Sie begannen jämmerlich zu heulen und taten nichts gegen die Ratten. Wir beeilten uns, aus der Kapelle heraus zu kommen. Lord Godalming griff einen der Hunde und warf ihn in das Kapelleninnere. Jetzt tat der Hund das, was er vorher verweigert hatte. Er bekämpfte seine natürlichen Feinde, die nun genauso schnell verschwanden, wie sie erschienen waren. Die anderen Hunde, die ebenfalls in die Kapelle geworfen wurden, konnten kaum noch Beute machen.

Die Ratten waren fort und mit ihnen der Druck, der auf uns gelastet hatte. Die Hunde bellten fröhlich und unsere Laune hob sich. In der frischen Luft verschwand das Gefühl, eingeschlossen zu sein und wir verriegelten das äußere Tor wieder und legten die Ketten vor. Mit unseren Hunden setzten wir die Suche fort. Wir fanden nichts als Staub und als wir das Haus durch die Haupttür verließen, erwachte im Osten schon der Morgen. Van Helsing nahm den großen Schlüssel vom Bund und schloss die Tür sorgfältig ab. "Diese nächtliche Expedition ist soweit ganz erfolgreich verlaufen. Uns ist nichts geschehen und wir wissen nun, wie viele Kisten fehlen. Ich bin froh, dass wir Mina nicht dabei hatten, so muss sie nun keine schrecklichen Träume fürchten. Gut zu wissen ist auch, dass die Freunde des Grafen nicht mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet sind. So konnte er zwar die Ratten herbeirufen, sie flüchteten aber vor den Hunden unseres Freundes Arthur. Wir wollen diese Nacht als Erfolg ansehen und nun schlafen gehen. Es werden noch andere Tage und Nächte kommen. Wir müssen vorwärts und dürfen nicht zurückschrecken."

Als wir in das Haus traten, was alles still. Aus Renfields Zimmer kamen leise klagende Laute. Mina lag im Bett und schlief. Sie atmete so leise, dass ich mein Ohr auf ihre Brust legen musste. Sie sieht blasser aus als sonst. Hoffentlich hat die nächtliche Besprechung sie nicht zu sehr angegriffen. Ich bin froh, dass sie in Sicherheit ist. Auch wenn der Preis dafür ist, dass ich mich ihr nicht anvertrauen und nichts von unseren Expeditionen berichten darf. Ich lege mich auf das Sofa, denn ich will sie nicht stören.

Später. Wir haben alle lange geschlafen, denn der Tag war geschäftig und die Nacht ereignisreich. Auch Mina war wohl sehr erschöpft, denn ich war vor ihr wach und musste sie einige Male rufen, ehe sie zu sich kam. Sie war schlaftrunken und starrte mich erschreckt an. Sie klagte über Müdigkeit und so ließ ich sie noch ein wenig schlafen. Einundzwanzig Kisten sind fort. Sie zu suchen, wird die nächste Aufgabe sein. Ich muss noch heute Thomas Snelling aufsuchen.

Dr. Sewards Tagebuch
1. Oktober. Als der Professor mich weckte, war es kurz vor Mittag. Van Helsing wirkte gelassener und fröhlicher, das Werk der letzten Nacht hat eine drückende Last von seiner Seele genommen. Er bat mich, mit ihm zusammen Renfield zu besuchen, da dieser ihn sehr interessierte. "Ich möchte mit ihm über die Idee, lebende Wesen zu verzehren, plaudern. In Frau Minas Tagebuch wird darüber berichtet, dass er unter dieser Idee gelitten hat." Ich lächelte nur und erklärte Van Helsing, dass Renfield noch Spinnenbeine an den Lippen kleben hatte, als er Frau Mina erzählte, diese Idee sei vorüber. Da ich einige unaufschiebbare Dinge zu erledigen hatte, ging Van Helsing allein zu Renfield und erschien nach bemerkenswerter kurzer Zeit wieder. Renfield habe kaum mit ihm gesprochen, berichtete der Professor. Er habe lediglich gesagt, Van Helsing sei alt und verrückt und solle sich mit seinen Gehirntheorien zum Teufel scheren.

Van Helsing schien etwas enttäuscht von Renfields Verhalten und wollte nun Frau Harker einen Besuch abstatten. Arthur und Quincey forschen nach dem Verbleib der Erdkisten. Heute Abend wollen wir uns wieder treffen.

Mina Harkers Tagebuch
1. Oktober. Wie seltsam, dass Jonathan mit mir nicht über die Dinge sprechen darf, nachdem wir nun jahrelang keine Geheimnisse voreinander hatten. Ich brenne darauf zu erfahren, was die Männer gestern entdeckt haben, aber niemand sagt ein Wort. Wir waren beide sehr erschöpft und haben lange geschlafen. Wahrscheinlich bin ich deshalb heute so niedergeschlagen und traurig. Gestern ging ich wie befohlen zu Bett, konnte aber nicht schlafen. Ich war voll Angst und dachte immerzu an Jonathan und an das, was in der Vergangenheit war. Wäre ich nicht nach Whitby gegangen, wäre Lucy vielleicht noch am Leben, denn sie wäre allein nie auf den Friedhof gegangen. Ich grämte mich also den ganzen Abend und kann mich nicht erinnern, wie ich eigentlich einschlief. Ich hörte eine Bellen und seltsame Laute aus Renfields Zimmer, das unter meinem liegt. Betete Renfield etwa? Dann wurde es plötzlich sehr still. Ich stand auf und sah aus dem Fenster. Alles war dunkel und still, nur ein feiner Nebelstreifen stieg aus dem Rasen und kroch auf das Haus zu.

Ich beschloss, wieder ins Bett zu gehen, denn ich fühlte mich lethargisch und müde. Aber ich konnte nicht schlafen und stand wieder auf. Der Nebel war dichter geworden und schien sich an das Haus anzuschmiegen als wolle er sich durch das Fenster hineinstehlen. Der Irre unter mir war sehr laut. So laut hatte ich ihn noch nie gehört. Er bat um irgendetwas. Er flehte geradezu. Leider verstand ich nicht, was er sagte. Dann hörte ich Kampfgeräusche und wusste, dass er mit den Wärtern rang. Das erschreckte mich zutiefst und ich ging wieder zu Bett. Ich zog die Decke über den Kopf und steckte beide Finger in die Ohren. Obwohl ich nicht mehr schläfrig war, muss ich eingeschlafen sein, denn ich erwachte erst, als Jonathan mich am Morgen weckte. Er hatte Mühe, mich wach zu bekommen. Ich hatte seltsam geträumt denn meine Gedanken mussten sich in meine Träume gemischt haben.

Ich wollte schlafen aber auch auf Jonathan warten. Meine Hände und Füße, ja selbst mein Gehirn waren schwer. Ich schlief unruhig. Die Luft wurde plötzlich feucht, schwer und kalt. Ich zog meine Decke zurück und bemerkte, dass es im Zimmer ganz dunkel war. Das Licht war heruntergeschraubt und glühte nur noch als schwacher roter Punkt. Selbst in meinem Zimmer schien der Nebel nun zu sein. Hatte ich das Fenster nicht geschlossen? Ich wollte aufstehen, aber meine Glieder waren schwer und so schloss ich die Augen und wartete. Der Nebel wurde dichter (was für einen Unsinn man zuweilen träumt, Nebel im Schlafzimmer) und er drang nicht durch das Fenster sondern durch die Türritzen herein. Er wurde immer dicker und stand schließlich wie eine Wolkensäule in meinem Zimmer. Oben glühte das Gaslicht wie ein rotes Auge.

In meinem Kopf hallte ein Bibelwort wieder. "Eine Säule aus Rauch bei Tage und aus Feuer in der Nacht." Kam da ein überirdischer Meister zu mir? Auch wenn die Säule aus Feuer und Rauch war. Ich sah genauer hin und der Nebel teilte sich. Zwei glühende Augen starrten mich an. Von solchen Augen hatte Lucy erzählt, als wir auf dem Cliff spazieren gingen. Mich packte die Panik als mir einfiel, dass Jonathan gesehen hatte, wie die entsetzlichen Weiber sich aus wirbelndem Nebel materialisierten. Ich muss ohnmächtig geworden sein, denn Dunkelheit umfing mich. Das Letzte, was ich zu sehen glaubte, war ein fahles Antlitz, das sich über mich beugte.

Ich muss mich vor solchen Träumen in Acht nehmen. Sie können einen verrückt machen, wenn sie sich wiederholen. Gern würde ich den Professor oder Dr. Seward um ein Schlafmittel bitten, aber ich möchte sie nicht beunruhigen. Heute Nacht will ich mich bemühen, einfach zu schlafen. Wenn es nicht geht, werde ich sie morgen um ein Mittel bitten. Vielleicht geben sie mir etwas Chloral, damit ich schlafen kann. Die letzte Nacht hat mich müder gemacht, als wenn ich überhaupt nicht geschlafen hätte.

2. Oktober. In der letzten Nacht habe ich fest geschlafen und nichts geträumt. Ich habe nicht gehört, dass Jonathan sich zu Bett begab. Aber der Schlaf hat mich nicht erfrischt. Ich fühle mich heute sehr elend, schwach und mutlos. Den ganzen Tag über habe ich versucht, zu lesen, aber eigentlich habe ich nur träumend herumgelegen. Am Nachmittag ließ Renfield mich rufen. Er war sehr nett und als ich mich von ihm verabschiedete, küsste er meine Hände und segnete mich. Das hat mich sehr aufgeregt und ich muss weinen, wenn ich ihn denke. Wenn Jonathan wüsste, dass ich geweint habe, würde er sich Sorgen machen, also darf er von meiner neuen Schwäche nichts erfahren. Er und die anderen waren bis kurz vor dem Abendessen unterwegs und kamen sehr ermüdet heim. Ich tat mein Möglichstes, um sie aufzuheitern und ich vergaß, wie müde ich war. Nach Tisch schickten die Männer mich zu Bett, weil sie angeblich noch gemeinsam rauchen wollten. Ich aber weiß, dass sie sich erzählen wollen, was sie an diesem Tag alles in Erfahrung bringen konnten.

Ich wollte den Männern nicht im Weg sein, denn ich hatte bemerkt, dass Jonathan eine wichtige Entdeckung gemacht hatte. Also bat ich Dr. Seward um ein kleines Schlafmittel, da ich in der letzten Nacht so schlecht geschlafen hatte. Er bereitete mir ein mildes Tränkchen. Ich habe es genommen, aber der Schlaf stellt sich nicht ein. Habe vielleicht eine Dummheit gemacht? Wäre es vielleicht wichtiger, wach zu bleiben? Zu spät, der Schlaf kommt. Gute Nacht.





Der Klassiker DRACULA von Bram Stoker (1847-1912) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt.

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