LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Dracula - Kapitel 18

Dr. Sewards Tagebuch
30. September. Als ich zu Hause ankam, hatten Lord Godalming und Herr Morris die Tagebücher und Dokumente, die die prächtige Frau Harker angefertigt hatte, schon studiert. Herr Harker war von der Befragung des Fuhrunternehmers noch nicht zurückgekehrt. Frau Harker bereitete uns den Tee und ich schäme mich fast, zugeben zu müssen, dass ich mich zum ersten Mal in meinem eigenen Haus daheim fühlte. Nach dem Tee bat Frau Harker darum, Renfield kennen zu lernen. Ich hatte Zweifel, aber sie sah mich so süß und flehentlich an, dass ich ihr die Bitte nicht abschlagen konnte.

Wir betraten Renfields Zimmer und ich sagte ihm, dass eine Dame seine Bekanntschaft machen wolle. "Lassen Sie die Dame erst eintreten, wenn ich aufgeräumt hatte", sagte Renfield und aß sämtliche Fliegen und Spinnen auf, die er in seinen Schachtel aufbewahrte. Als er sein widerliches Tun beendet hatte, hieß er die Dame eintreten. Ich traute Renfield nicht und wählte daher einen Platz, von dem aus ich mich auf ihn stürzen konnte, falls er Frau Harker zu nahe kommen sollte. Frau Harker trat ein und ging unbefangen auf Renfield zu, was diesen verwirrte und ihm Respekt einflößte. Freundlich hielt sie ihm die Hand hin. "Guten Tag, Herr Renfield. Dr. Seward hat mir schon viel von Ihnen erzählt." Renfield antwortete nicht, sondern starrte Frau Harker finster an. Dann klärten sich seine Gesichtszüge auf und er fragte: "Sind Sie das Mädchen, das der Doktor heiraten wollte? Ach nein, Sie können es nicht sein. Das Mädchen ist tot." Frau Harker antwortete: "Nein, ich war schon verheiratet, ehe ich Dr.Seward kennen lernte. Ich bin Frau Harker."

"Was wollen Sie hier?" Renfield war unfreundlich aber Frau Harker blieb liebenswürdig. "Mein Mann und ich besuchen Dr. Seward." "Sehen Sie zu, dass Sie wieder fortkommen." Renfield war bemerkenswert unhöflich und ich fürchtete, dass Frau Harker das Gespräch nicht sehr unterhaltsam fand. Also mischte ich mich ein: "Wie kommen Sie darauf, dass ich jemand heiraten wollte?" Renfield sah mich nur an. "Herr Doktor, hier entgeht niemandem etwas. Sie sind gleichermaßen beliebt beim Personal, Ihren Freunden und den Patienten, die Ursache und Wirkung zu verwechseln pflegen, weil es ihnen an geistigem Gleichgewicht mangelt. Ich bemerke sehr wohl, dass die sophistischen Tendenzen einiger von ihnen die Irrtümer des 'non causae' und der 'ignoratio elenchi' hart streifen."

Ich traute meinen Ohren kaum, als ich Renfield dabei zuhörte, wie er elementare Philosophie zum Besten gab. Ob es wohl Frau Harkers Einfluss zu zuschreiben war, dass diese neue Seite bei meinem Lieblingsnarr zutage trat? Sollte es so sein, muss Frau Harker über eine beträchtliche geistige Kraft verfügen. So plauderten wir einige Zeit mit Renfield, bis wir auf sein Lieblingsthema zu sprechen kamen und er so vernünftig wie Frau Harker und ich darüber sprach. "Liebe Dame, ich bin ein Mann, der von einer seltsamen Idee in Bann gehalten wird. Es ist nicht verwunderlich, dass meine Freunde es mit der Angst zu tun bekamen und mich in dieses Irrenasyl bringen ließen. Das Leben ist eine positive und ununterbrochene Wesenheit - so bilde ich es mir jedenfalls ein. Durch das Verzehren lebender Wesen - ganz gleich auf welcher Stufe der Schöpfung diese Wesen stehen - kann ich mein eigenes Leben bis ins Unermessliche verlängern, das glaube ich zumindest. Manchmal ist der Glaube daran so stark, dass ich den Wunsch verspüre, mir ein Menschenleben einzuverleiben. Herr Dr. Seward wird Ihnen bestätigen, dass ich versuchte ihn zu töten, in der Absicht, mir durch das Medium seines Blutes die Kraft seines Leibes zu eigen zu machen.'Das Blut ist das Leben.' Das sagt schon die Bibel. Nur hat ein Verkäufer eines gewissen Geheimmittels die ganze Sache ins Lächerliche gezogen, nicht wahr, Doktor?"

Ich nickte, zu verblüfft, Renfield zu antworten. Gerade hatte noch hatte dieser Mann Spinnen und Fliegen verzehrt! Mein Blick fiel auf die Uhr und ich sah, dass es höchste Zeit war, Van Helsing vom Bahnhof abzuholen. So verabschiedeten wir uns von Renfield, der zu Frau Harker sagte: "Ich flehe zu Gott, dass ich ihr süßes Antlitz nicht mehr erblicken muss. Er segne und behüte Sie!" Wir eilten hinüber und ich fand Arthur gefasster als er seit Lucys Erkrankung gewesen war und auch Herr Morris war wieder etwas heiterer. Ich ließ die Freunde zurück, um Van Helsing abzuholen.

Die Begrüßung war herzlich und auf der Fahrt berichtete ich Van Helsing alles, was sich in seiner Abwesenheit zugetragen hatte. Ich erzählte auch, dass Lord Godalming und Herr Morris die Tagebücher gelesen hätten, die Frau Harker kopiert hatte. Da brach der Professor in Lobgesänge auf Frau Mina aus und beschwor mich im gleichen Augenblick, Frau Harker von nun an von allem fernzuhalten. "John, was wir vorhaben, ist Männerarbeit. Wir können Frau Mina nicht dieser Gefahr aussetzen, auch wenn der Herrgott ihr ein Männergehirn und das Herz eines Weibes gegeben hat. Sicherlich hat er noch Großes vor mit ihr. Wir dürfen sie nicht in Gefahr bringen. Da sie alles niedergeschrieben hat, muss sie sich heute noch mit uns beraten und ab morgen gehen wir unsere eigenen Wege."

Ich war ganz seiner Meinung und erzählte gleich darauf, dass wir herausgefunden hatten, welches Haus der Graf in London gekauft hatte. Nämlich das Haus, das meinem Haus direkt benachbart war. Diese Nachricht schien Van Helsing zu beunruhigen. "Hätten wir das doch vorher gewusst. Wir hätten Lucy retten können. Aber dazu ist es jetzt zu spät. Wir wollen nun nur noch nach vorne schauen und unseren Weg bis zum Ende gehen." Zu Hause angekommen, sollten wir uns für das Diner frisch machen. Van Helsing aber wollte zuvor mit Frau Harker sprechen. "Sie und Ihr Mann haben also alle Ereignisse bis zu diesem Augenblick aufgezeichnet und chronologisch geordnet?" Frau Harker schüttelte den Kopf. "Nicht bis zu diesem Augenblick. Nur bis heute früh. Sehen Sie, hier habe ich eine Notiz von heute. Soll auch sie in die Akten kommen?" Sie errötete und übergab dem Professor ein Blatt Papier. Van Helsing las es mit ernster Mine. "Liebe Frau Harker, es muss nicht hinein, wenn es Ihnen nicht angenehm ist. Aber ich bitte Sie trotzdem, fügen Sie es ein. Die Liebe Ihres Gatten wird es erhöhen und auch wir werden Sie nur noch mehr achten und verehren." Er gab ihr das Blatt zurück worauf hin sie erneut errötete. So haben wir nun alle Ereignisse und Informationen bis zum gegenwärtigen Augenblick vollständig und sortiert. Heute Abend ist um neun Uhr eine Besprechung angesetzt, wie wir unserem geheimnisvollen und entsetzlichen Feind das Handwerk legen können.

Mina Harkers Tagebuch
30.September. Zwei Stunden nach Tisch trafen wir uns in Dr. Sewards Arbeitszimmer. Van Helsing nahm den Platz am Kopf des Tisches ein, ich saß als seine Sekretärin zu seiner Rechten. Jonathan nahm neben mir Platz, während sich auf der anderen Seite Lord Godalming, Dr. Seward und Herr Mooris niederließen. Mit einem Blick in die Runde stellte der Professor sicher, dass wir alle die Aufzeichnungen gelesen hatten und im Bilde waren.

"Zuerst möchte ich Ihnen etwas über den Feind mitteilen, mit dem wir es zu tun haben werden. Ich werde Sie mit der Geschichte des Mannes bekannt manchen, den wir verfolgen. Im Anschluss daran können wir in die Diskussion eintreten, wenn Ihnen dieses Vorgehen zu sagt." Van Helsing sah uns fragend an. Wir nickten stumm und er fuhr fort: "Einige von uns haben handgreifliche Beweise dafür, dass es Wesen gibt, die man Vampire nennt. Daneben gibt es auch Berichte und Lehren unserer Vorfahren über diese Wesen, die für deren Existenz Beweis genug bilden müssten. Aber ich gebe zu, dass auch ich zunächst skeptisch war, obwohl ich geschult daran bin, die Augen offen zu halten. Hätte ich zu Beginn gewusst, was ich heute weiß, so hätte ein kostbares Leben vielleicht gerettet werden können." Er unterbrach sich und wischte sich über die Augen.

"Aber das ist vorbei und wir müssen nach vorn blicken. Unsere Aufgabe muss sein, weitere Seelen vor diesem Schicksal zu bewahren. Der 'Nosferatu' stirbt nicht wie die Biene, wenn er sticht. Im Gegenteil. Er wird immer stärker und erlangt immer mehr Kraft, Böses zu tun. Der Vampir, den zu finden wir uns zur Aufgabe machen, hat die Kraft von zwanzig Männern. Er ist schlau, denn seine Schlauheit wächst im Laufe der Zeit. Er besitzt die Gabe der Nekromantie, die Sehergabe der Toten. Und er hat Macht über alle Toten in seiner Nähe. Wir wissen, dass er grausam ist, die Gefühllosigkeit in Person. Mit gewissen Einschränkungen kann er erscheinen, wann, wo und wie er will. Sturm, Nebel und Donner kann er gebieten und er hat Macht über Ratten, Wölfe, Fledermäuse, Fliegen und Füchse. Er kann sich zeitweilig unsichtbar machen, kann groß und klein werden und er geht und kommt ungesehen." Ich dachte an die arme Lucy und musste einen Schauder unterdrücken.

Der Professor aber sprach unbeirrt weiter: "Sie sehen, meine Freunde, was wir uns vorgenommen haben, ist nicht einfach. Wie wollen wir ihn unschädlich machen? Wie wollen wir vorgehen, wenn wir ihn gefunden haben? Und was geschieht, wenn unser Plan misslingt? Ich hänge nicht am Leben, aber wenn wir unterliegen geht es um mehr als Leben oder Tod. Wir werden vielleicht wie er; schreckliche, kalte Nachtgespenster. Ohne Herz und Mitleid werden wir jene zu vernichten suchen, die wir im Leben am meisten liebten. Die Pforten des Himmels sind uns auf ewig verschlossen, denn wer sollte sie für uns öffnen? Wir werden ein Schandfleck im Angesicht Gottes sein, aber dürfen wir zögern, wenn wir durch unser Tun auch nur eine Seele retten können? Ich für meine Person habe mich entschieden. Ich bin alt und mein Leben liegt hinter mir. Ich habe Sonnenschein und Musik und Liebe gekannt. Aber wie ist es mit euch, die ihr jung seid und noch am Anfang steht?"

Ich fühlte Jonathans Hand auf meiner Hand und befürchtete schon, dass ihn der Schrecken überwältigt habe, aber dann sah ich seinen entschlossenen Blick und hörte ihn sagen: "Ich bürge für Mina und mich." Auch Quincey Morris nickte und gab seine Zustimmung. "Schon um Lucys Willen gehöre ich Ihnen", sagte Dr. Godalming. Dr. Seward nickte nur. So stand der Professor auf und legte sein goldenes Kruzifix auf den Tisch. Auch wir anderen erhoben uns und reichten uns im Angesicht des Kreuzes feierlich die Hände. Wir schlossen einen ernsten Bund und ich fürchtete mich, wäre aber nie auf die Idee gekommen, mich zurück zu ziehen. Nach diesem feierlichen Moment nahmen wir wieder Platz und Van Helsing fuhr fort. Mir wurde klar, dass unser ernstes Werk schon begonnen hatte.

"Sie wissen jetzt also, mit wem wir es zu tun haben. Unser Gegner ist stark aber auch wir sind nicht ganz machtlos. Wir haben den Vampiren die Kraft der Überlegung voraus, wir haben wissenschaftliche Erfahrungen und können frei denken und handeln. Wir können die Stunden des Tages und der Nacht gleichermaßen nutzen. Und unser Ziel ist selbstlos, dass ist nicht unwichtig, liebe Freunde. Wir müssen uns nun über die allgemeine Natur der uns entgegentretenden Kräfte und auch über das individuelle Nichtkönnen klar werden. Sprechen wir also über die Fähigkeiten der Vampire im Allgemeinen und über die unseres speziellen Gegners im Besonderen.

Unser Wissen fußt auf Tradition und Aberglaube. Das ist zwar nicht viel, aber wir müssen damit zufrieden sein. Außerdem beruht der Glaube an Vampire allein auf diesen beiden. Wer von uns hätte angesichts unseres nüchternen, wissenschaftlichen neunzehnten Jahrhunderts an die Existenz von Vampiren geglaubt? Überall auf der Welt war der Vampir bekannt. Im alten Griechenland, im alten Rom, in Germanien und Frankreich, auf der Krim genauso wie in Indien. Manches, was das eine oder andere Volk von ihm glaubt, ist durch das erwiesen, was wir mit eigenen Augen gesehen haben, liebe Freunde. Ein Vampir kann nicht sterben, nur weil die Zeit vergeht. Nein! Solange er sich vom Blut lebender Wesen ernähren kann, gedeiht er weiter, ja er erscheint sogar jünger und kräftiger.

Ohne das Blut lebender Wesen aber kann der Vampir nicht sein. Er isst nicht - wie unser Freund Jonathan Harker selbst beobachten konnte. Vampire werfen keinen Schatten und haben kein Spiegelbild. Dass er die Stärke vieler Männer hat, kann Jonathan ebenfalls bezeugen, der seinen eisernen Griff selbst spürte. Er befiehlt den Wölfen und kann selbst zum Wolf werden, wie wir seit der Ankunft des schrecklichen Schiffes in Whitby wissen. Dass er auch eine Fledermaus sein kann, hat Frau Mina gesehen, denn sie sah ihn als solche am Fenster unserer armen Lucy. Auch John und Quincey haben ihn zu verschiedenen Zeiten in dieser Gestalt beobachtet. Er schafft sich den Nebel, um ungesehen zu erscheinen, davon hat der Kapitän berichtet. Und er kommt auf den Strahlen des Mondes als elementarer Staub. Jonathan sah, wie die unheimlichen Schwestern im Schlosse des Grafen auf diese Weise Gestalt annahmen. Er kann sich klein machen, wie Lucy, die durch eine kleine Türspalte in ihre Gruft ging. Wenn er einmal seinen Weg gefunden hat, kann man ihn nicht ein- oder aussperren. Er sieht im Dunklen."

Van Helsing sah uns der Reihe nach an und nahm einen Schluck Tee. Wir schwiegen, denn es war klar, dass er noch nicht geendet hatte. "Alles, was ich eben aufzählte, liebe Freunde, kann ein Vampir. Und doch ist er nicht frei. Er ist ein Gefangener und kann nicht überall dort hingehen, wohin es ihn gelüstet. Auch er, der außerhalb der Natur steht, muss sich einigen Gesetzen beugen. So darf er nirgendwo eintreten, es sei denn, ein Bewohner lädt ihn ein. Danach allerdings kann er sich uneingeschränkt Zutritt verschaffen. Wenn der Tag kommt, ist seine Macht am Ende. Und es gibt noch mehr Dinge, die zu wissen sich lohnt. Ist der Vampir nicht an dem Platz, an den er gebunden ist, kann er sich nur genau am Mittag und bei Sonnenauf- oder -untergang verwandeln. Innerhalb der ihm gezogenen Grenzen kann er tun und lassen, was er will, wenn er sich in seiner Heimaterde, einem Sarg oder einem anderen verrufenen Platz befindet. An anderen Orten ist er - wie erwähnt - an bestimmte Zeiten gebunden, wenn er sich verwandeln will.

Es gibt aber auch Dinge, die seine Macht angreifen. Knoblauch gehört dazu wie wir wissen und auch das Kruzifix hier auf unserem Tisch ist mächtiger als er. Ein Zweig wilder Rosen auf seinem Grab hindert ihn am Herauskommen. Eine geweihte Kugel, die man in den Sarg schießt, tötet ihn endgültig und die friedbringende Wirkung des Pfahles haben wir an Lucy gesehen. Auch das Abschneiden des Kopfes bringt ihn zur Ruhe. Finden wir das Versteck des Grafen, können wir in dort festhalten und ihn vernichten. Aber Dracula ist schlau. Arminius, ein Freund von mir, teilte mir einiges über den Grafen mit. Er scheint wirklich jener Wojwode Dracula gewesen zu sein, der sich während der Türkenkriege einen Namen machte. Er war kein gewöhnlicher Mann. Er war mutig, stark, geschickt, tapfer und klug. Seine Denkkraft und seine mutige Entschlossenheit hat er mit ins Grab genommen. Die Dracula waren ein edles Geschlecht, aber einige von ihnen gingen Bündnisse mit den dunklen Mächten ein. Sie lernten diese Künste an einem Ort in den Bergen, wo der Teufel jeden Zehnten seiner Schüler als Tribut forderte. Es gibt Akten, in denen die Rede von Hexen und anderen dunklen Gestalten ist. In einem Manuskript wird Dracula sogar als Vampir bezeichnet."

"Man weiß davon?", fragte Dr. Seward entgeistert. Van Helsing nickte. Herr Morris dagegen schaute unverwandt aus dem Fenster, stand schließlich auf und verließ den Raum. Der Professor wartete eine Weile, dann sagte er: "Wir müssen uns überlegen, was wir tun und einen Plan entwickeln. Wir wissen, dass vom Schiff in Whitby fünfzig Kisten Erde transportiert und nach Carfax geliefert wurden. Einige von diesen Kisten wurden später wieder entfernt. Wir müssen also zunächst in Erfahrung bringen, wie viele Kisten noch in Carfax sind und wo ..." Bevor der Professor weiter sprechen konnte, hallte ein Pistolenschuss und das Fenster zerbarst in tausend Scherben. Ich muss zugeben, dass ich laut aufschrie. Lord Godalming eilte ans Fenster. "Ich wollte Sie nicht erschrecken", hörten wir Herrn Morris draußen sagen. "Ich komme gleich und erzähle Ihnen alles." Eine Minute später trat er ein. "Verzeihen Sie nochmals. Sicher war es dumm von mir, zu schießen. Aber während der Professor sprach, kam eine große Fledermaus an das Fenster und setzte sich auf die Brüstung. Ich habe inzwischen eine große Abneigung gegen diese Tiere und sah ging ich, um die Fledermaus zu erschießen. Ich habe sie wohl nicht getroffen, denn sie flatterte davon."

Herr Morris setzte sich. Van Helsing nahm seine Überlegungen wieder auf. "Wir müssen herausfinden, wo die anderen Kisten hingekommen sind. Wir müssen das Ungeheuer auf seinem Lager fangen und töten und wir müssen die Erde in den Kisten sozusagen sterilisieren. Dann findet er keine Sicherheit mehr in ihr und wir kämpfen mit ihm, wenn er eine Menschengestalt hat und am schwächsten ist. An diesem Punkt ist es nun an der Zeit, Frau Harker aus der Gefahr zu entfernen. Sie nehmen jetzt zum letzten Mal an unseren Besprechungen teil. Ich kann Sie dieser Gefahr einfach nicht aussetzten, liebe Freundin. Wir ziehen in den Kampf und Sie werden unser guter Stern sein. Je sicherer wir Sie wissen, desto freier können wir handeln."

Die Männer atmeten erleichtert auf. Ich empfand die Entscheidung des Professors als bittere Pille, hatte ich doch auch viel zur Entwirrung der Fakten beigetragen, aber ich sah ein, dass mir nichts anderes blieb, als das ritterliche Anerbieten der Herren anzunehmen. Herr Morris ließ uns auch keine Zeit zu weiteren Diskussionen, denn er schlug vor, auf der Stelle das Nachbarhaus zu besichtigen. Die Männer brachen auf und ich blieb schweren Herzens zurück in der Hoffnung, dass sie mir wenigstens von den Ereignissen berichten würden. Sie haben mir geraten ins Bett zu gehen. Aber wie soll ich schlafen, wenn die, die mir lieb und teuer sind, sich in Gefahr begeben? Nur damit Jonathan sich um mich keine Sorgen macht, werde ich mich hinlegen und ein wenig ruhen.

Dr. Sewards Tagebuch
1. Oktober. Es ist vier Uhr morgens, aber ich will der Reihe nach berichten. Wir wollten gerade aufbrechen, als mich die Nachricht erreichte, Renfield wünsche mich zu sehen. Da man einen neuerlichen Tobsuchtsanfall fürchtete, eilte ich sofort zu ihm hin. Der Professor, Lord Godalming und Herr Morris begleiteten mich. Renfield war sehr erregt, aber recht vernünftig. Er trug seine Bitte vor, sofort entlassen und nach Hause geschickt zu werden. Er sei vollständig wieder hergestellt und könne nun gehen. Dann bat er darum, meinen Freunden vorgestellt zu werden und perplex wie ich war, tat ich ihm den Gefallen. Er schüttelte allen die Hände. "Lord Godalming, ich hatte die Ehre, Sekundant Ihres Vaters zu sein. Ich entnehme Ihrem Titel, dass Ihr lieber Herr Vater nicht mehr unter uns weilt. Ach und Herr Morris, seien Sie stolz auf Ihr Vaterland, dessen Aufnahme in die Union ein großer Schritt war. Und wie stolz bin ich, Van Helsing kennen zu lernen. Sehen Sie doch, meine Herren, die Sie Ihren Platz in der Welt gefunden haben, dass ich so vernünftig bin, wie einer von Ihnen. Ich rufe Sie als Zeugen dafür. Und ich weiß, dass Dr. Seward als Menschfreund, Jurist, Mediziner und Wissenschaftler mit mir verhandeln wird, wie mit einem, der unter außergewöhnlichen Umständen zu sehen ist."

Wir waren alle sehr verwirrt und fast hätte ich mich hinreißen lassen zu glauben, Renfield sei wirklich vollständig gesunder, aber dann hielt ich es doch für besser, abzuwarten. Ihn zu entlassen wäre eine schwerwiegende Entscheidung und wir alle kannten die unglaublich raschen Veränderungen im Verhaltend des Patienten. Ich nickte ihm also freundlich zu und bestätigte, dass es ihm schon viel besser gehen. Das reichte Renfield aber offensichtlich nicht, denn er drang erneut in mich, ihn sofort, noch in dieser Stunde zu entlassen. Als ich mich erneut unentschlossen zeigte, sagte er: "Ich bitte um die Erlaubnis, zu gehen. Es sind persönliche Motive, die mich bewegen, nein, es geschieht um anderer willen. Vertrauen Sie mir. Es sind gute Gründe." Ich sah Renfield scharf an, während Van Helsing ihn fragte, warum er denn ausgerechnet in dieser Nacht gehen müsse. Renfield schüttelte nur den Kopf und sagte, er sei nicht frei und dürfe nicht sprechen, es ruhe aber Verantwortung auf ihm. Mir wurde das alles zu viel und ich erhob mich. "Kommen Sie, meine Freunde, wir haben noch anderes zu tun." Ich wandte mich zu gehen.

Da ging eine rasche Veränderung in Renfield vor und einen Augenblick lang dachte ich, er wolle abermals einen Mordanschlag auf mich begehen. Aber er warf sich mir vor die Füße und flehte mit erhobenen Händen gehen zu dürfen. "Hören Sie mir zu. Ich bin nicht mehr der Narr, der ich war. Ich bin vollständig vernünftig. Glauben Sie mir. Ich rede im vollsten Ernst und kämpfe um meine Seele. Lasst mich fort von hier! Egal wohin, legen Sie mir eine Zwangsjacke an. Legen Sie mich in Ketten. Bringen Sie mich ins Gefängnis, aber lassen Sie mich fort von hier! Lassen Sie mich fort." Ich hob ihn auf und schickte ihn ins Bett, da ich mir auf sein Verhalten keinen Reim machen konnte. Als ich ihn verließ, sagte er zu mir: "Wenn Sie sich später erinnern, werden Sie mir Recht geben, Herr Doktor. Ich habe in dieser Nacht mein Möglichstes gegeben, Sie zu überzeugen."





Der Klassiker DRACULA von Bram Stoker (1847-1912) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt.

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