LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Dracula - Kapitel 16

Dr. Sewards Tagebuch - Fortsetzung
In der finsteren Nacht stiegen wir um dreiviertel zwölf über die Friedhofsmauer. Van Helsing ging voraus und führte uns. Der Professor öffnete die Gruft und trat zuerst ein. Ich sah zu Arthur hinüber, aber er hielt sich gut. Als wir in der Gruft standen, schloss der Professor die Tür und zündete eine Blendlampe an. Er zeigte auf Lucys Sarg und fragte mich, ob Lucy gestern in diesem Sarg gelegen habe. Ich bejahte die Frage und erinnerte mich an die liebliche Tote, die wir gesehen hatten. Van Helsing öffnete den Sarg wie auch schon zuvor. Arthur trat nervös näher. Er war sehr blass. Alle beugten sich über den Sarg und prallten erschrocken zurück. Der Sarg war leer!

Nach einigen Minuten des eisigen Schweigens sagte Quincey Morris: "Professor, entschuldigen Sie die ungehörige Frage, aber haben Sie das getan?" Van Helsing schüttelte den Kopf. "Ich habe Sie nicht berührt, das schwöre ich bei allen Heiligen. Vorgestern Nacht kamen John und ich her, da war ihr Sarg leer. Wir warteten draußen und sahen etwas Weißes sich durch die Bäume bewegen. Als wir bei Tage wieder kamen, da lag Lucy in ihrem Sarg. John, sage ich die Wahrheit?" Ich nickte. Van Helsing erzählte: "Wir kamen gerade noch zurecht. Ein kleines Kind wurde vermisst und wir fanden es hier zwischen den Gräbern. Gestern Abend kam ich dann noch einmal hierher. Ich legte Knoblauch und andere Dinge vor die Grabtür und hielt Wache. Ich sah niemanden. Heute entfernte ich die Dinge und den Knoblauch von der Tür. Darum ist sie nun fort. Wir müssen nur Geduld haben. Sie kommt zurück. Vertrauen sie mir. Warten Sie draußen mit mir." Er löschte seine Laterne und verließ die Gruft. Wir anderen folgten ihm mit einem mulmigen Gefühl.

An der frischen Luft ging es uns gleich viel besser. Die dumpfe Luft in der Gruft trug dazu bei, dass man ängstlich und gereizt war. Van Helsing ging sogleich an die Arbeit. Er nahm eine weiße Masse, die aussah wie Kitt aus der Tasche und verknetete sie mit einer waffelartigen Oblate. Die Masse stopfte er in die Ritzen zwischen Grabtür und Steinfassung. "Damit schließe ich die Tür und die Untote kann nicht hinein." "Was ist es denn für eine Masse?", fragte Arthur. Van Helsing nahm seinen Hut ab. "Es ist die Hostie. Ich habe einen kirchlichen Dispens." Diese Antwort bekehrte auch die ärgsten Zweifler unter uns und wir waren überzeugt, dass dem Professor unbedingtes Vertrauen zu schenken war. Wir sahen dem Professor in ehrfürchtigem Schweigen zu, bis er alles erledigt hatte. Dann nahmen wir unsere Posten auf dem Friedhof ein.

Wir warteten schweigend. Nach endloser Zeit hörte ich den Professor zischen und sah ihn mit dem Finger deuten. Eine schmale weiße Gestalt schwebte heran. Sie hielt einen dunklen Gegenstand an die Brust gedrückt. Als der Mond durch die Wolken brach, blieb die Gestalt einen Moment stehen. Ganz deutlich konnten wir eine dunkelhaarige Frau in Sterbekleidern sehen, die ein kleines Kind auf dem Arm hielt. Die Frau beugte sich über das Kind und wir hörten einen leisen Schmerzensschrei. Der Professor hinderte uns daran, sofort vorwärts zu stürmen. Er stand hinter seinem Baum und hob warnend die Hand. Die Frauengestalt ging weiter und hob dabei den Kopf. Arthur stöhnte auf, als wir Lucy Westenraa erkannten. Sie wirkte schrecklich verändert. Ihre Lieblichkeit war einer herzlosen Grausamkeit gewichen und ihre Reinheit von einer wollüstigen Ausgelassenheit verdrängt worden.

Van Helsing trat vor und auch wir anderen stellten uns in einer Linie vor dem Grabe auf. Van Helsing entfachte das Licht in seiner Laterne und als das Licht aufflammte, sahen wir Lucys Lippen von frischem Blut befleckt. Ein schmales Rinnsal lief ihr über das Kinn und färbte ihr Totenhemd rot. Wir waren starr vor Entsetzen und Arthur war einer Ohnmacht nahe. Als das Gespenst - ich wage kaum es Lucy zu nennen - unser ansichtig wurde, knurrte es, wie eine wilde Katze und sein Blick glitt über uns hinweg. Ich sah in teuflisch glühende Augen, in denen nichts mehr von der Lucy war, die ich geliebt hatte. Hass und Abscheu überfluteten mich. Ich hätte sie auf der Stelle töten können. Lucy begann wollüstig zu lächeln und schleuderte das Kind, das sie in den Armen gehalten hatte, achtlos zur Seite. Das Kind schrie erschrocken auf und blieb weinend liegen.

Lucy lächelte Arthur verführerisch an und öffnete die Arme. "Komm zu mir, Arthur. Lass die anderen und komm. Mein Busen lechzt nach dir. Wir wollen zusammen ruhen, mein Gatte!" Etwas teuflisch Süßes lag in ihrer Stimme und fuhr uns heiß in die Glieder. Arthur, der zurückgewichen war, als Lucy das Kind so kaltblütig von sich geschleudert hatte, nahm die Hände vom Gesicht und öffnete ebenfalls die Arme. Da sprang Lucy auf ihn los, aber Van Helsing warf sich dazwischen und hielt sein goldenes Kruzifix hoch. Lucy zuckte zurück und eilte mit verzerrtem Gesicht an uns vorbei der Gruft zu. Zwei Schritte vor der Tür blieb sie wie gebannt stehen. Sie drehte sich zu uns um und wir sahen, was sie war. Die Haut aschfahl, die Lippen mit Blut befleckt, die Augen von dämonischer Glut und das Gesicht voll spöttischer Bosheit.

Keiner rührte sich. Lucy stand vor der Grabtür, durch die sie nicht gehen konnte, auf der anderen Seite in Bann gehalten durch Van Helsings Kruzifix. Van Helsing rief Arthur zu: "Was sagen Sie nun, mein Freund? Lassen Sie mich tun, was ich tun muss?" Arthur fiel auf die Knie und weinte: "Tun Sie, was Sie für nötig halten. Es kann nichts Entsetzlicheres geben als das." Quincey und ich hoben ihn auf. Van Helsing löschte das Licht und entfernte die weiße Masse aus den Ritzen der Grabtür. Entsetzt sahen wir, wie die weiße Gestalt auf die Tür zuging und ohne sie öffnen im Inneren verschwand. Kaum war sie fort, machte sich Van Helsing daran, die Ritzen wieder zu verstopfen. Wir waren darüber sehr erleichtert. Das Kind weinte immer noch leise, als wir es aufhoben.

"Wir werden uns morgen Mittag hier wieder treffen, meine Freunde. Vorher können wir nichts tun. Dieses Kind legen wir dort ab, wo es gefunden wird, wie auch beim letzten Mal. Arthur, für Sie war das alles besonders schwer. Sie sind nun mitten in den bitteren Wassern. Wenn alles gut geht, können Sie morgen schon von den süßen Wassern kosten. Ich denke, Sie sehen ein, dass es sein muss. Verzeihen Sie mir, mein Freund." Wir brachten das Kind in Sicherheit und gingen dann nach Hause, wobei wir versuchten uns gegenseitig aufz muntern so gut es eben ging. Wir waren sehr müde und schliefen alle sofort ein.

29. September. Nachts. Kurz vor zwölf holten Quincey, Arthur und ich den Professor ab. Als hätten wir uns abgesprochen, trugen wir alle schwarze Anzüge. Gemeinsam gingen wir zum Friedhof. Es war halb zwei als wir dort ankamen und wir spazierten auf dem Friedhof umher, wobei wir uns allmählich aus der Sichtweite der Anwesenden entfernten. Als dann der Totengräber sein Amt versehen und der Friedhofswärter das große Tor verschlossen hatte, konnten wir endlich ans Werk gehen. Van Helsing trug eine kleine braune Ledertasche, die einer Krickettasche ähnelte und sehr schwer zu sein schien.

Wir folgten dem Professor zum Grab der Westenraa, er ließ uns ein und wir schlossen sorgfältig die Tür hinter uns. Aus seiner Tasche nahm der Professor eine Laterne und zwei weitere Kerzen, die ihm als Lichtquelle dienen sollten. Als Van Helsing den Deckel des Sarges öffnete, zitterte Arthur wie Espenlaub. Wir blickten schweigend auf Lucy, die in toter Schönheit in dem Sarg lag. Ich durchforschte mein Herz, aber ich fand keine liebevolle Regung mehr darin. Ich hasste dieses Wesen in dem Sarg geradezu und auch aus Arthurs Mine konnte ich kein Mitleid lesen. Er wandte sich an Van Helsing: "Ist das wirklich Lucys Leib oder ist es ein Dämon, der ihre Gestalt angenommen hat?" "Es ihr Körper und doch wieder nicht. Haben Sie noch ein wenig Geduld Arthur. Dann werden wir sehen, was sie war und was sie ist." Unsere Blicke glitten wieder über die Gestalt im Sarg, deren spitze Zähne und deren blutiger wollüstiger Mund uns Schauer über den Rücken jagten. Van Helsing bereitete in seiner betont sachlichen Art die Gerätschaften vor, die er benötigen würde.

Er legte einen Lötkolben und etwas Lötmasse heraus und eine helle Öllampe. Darauf folgten seine Operationsmesser und ein runder Holzpfahl; etwa drei Zoll dick und drei Fuß lang. Eines der Enden war angespitzt und offensichtlich im Feuer gehärtet worden. Zuletzt legte Van Helsing einen schweren Hammer zu seinen Instrumenten, dessen Anblick mir ein wenig den Atem verschlug. Aber wir bewahrten alle Haltung und schwiegen. Schließlich ergriff der Professor das Wort. "Bevor ich beginne, lassen Sie mich einiges erklären. Alles, was ich tue, beruht auf dem Wissen der Alten und dem Wissen derer, die sich dem Studium der Untoten gewidmet haben. Wird jemand ein Untoter, trifft ihn der Fluch der Unsterblichkeit. Er muss von Jahrhundert zu Jahrhundert wandern, immer neue Opfer suchend. So mehrt er das Übel auf der Welt, denn wer als Opfer eines Untoten stirbt, wird selbst zu einem. Arthur, wenn ich erlaubt hätte, dass Lucy Sie vor ihrem Tode küsst, so hätten Sie nach Ihrem Tode 'nosferatu' werden müssen. Auch Sie hätten Opfer zu Untoten gemacht und die Welt mit Grauen erfüllt. Wir wollen Lucy von diesem Schicksal erlösen. Sie hat eben erst begonnen, unschuldige Kinder in ihren Bann zu ziehen. Noch sind diese Kinder nicht verloren. Aber wenn sie länger bei Lucy bleiben, wird deren Macht über sie immer größer.

Wir müssen Lucy beistehen, damit die Wunden an den Kehlen der Kleinen heilen und sie ihren Platz unter den Engeln einnehmen kann. Ich bin bereit, das zu tun, was getan werden muss. Lucy wird die Hand segnen, die dem Grauen ein Ende bereitet. Deshalb frage ich, ob nicht einer unter uns ist, der diesen Streich führen will, einer, der sie geliebt hat - mehr als ich es tat." Wir begriffen, dass der Professor Arthur meinte. Wir sahen ihn an und bemerkten die Entschlossenheit in seinem schneeweißen Gesicht. "Ich danke Ihnen, Professor. Sagen Sie mir, was ich tun soll und ich werde mein Bestes geben." Van Helsing trat dicht an Arthur heran und erklärte: "Was Sie tun müssen ist schrecklich, aber einige Augenblicke des Grauens werden Ihnen mit einer Ewigkeit des Glücks vergolten. Sie müssen diesen Pfahl durch ihr Herz treiben und es wird furchtbar sein. Sie dürfen nicht mehr zögern, wenn Sie einmal begonnen haben. Egal, was geschieht, egal, was Sie glauben zu sehen. Wir sind bei Ihnen und wir werden die ganze Zeit für Sie beten."

Arthur ergriff den Pfahl und nahm den Hammer zur Hand. Er trat an den Sarg heran, während Van Helsing begann aus dem Messbuch zu lesen und Quincey und ich so gut wie wir konnten respondierten. Arthur setzte langsam den Pfahl über dem Herzen des Leichnams an. Voll Entsetzen sah ich den Eindruck in dem weichen, weißen, kalten Fleisch. Dann schlug Arthur mit aller Kraft zu. Ein schriller Schrei hallte durch die Gruft und das Wesen im Sarg bäumte sich auf. Blutiger Schaum tropfte von den roten Lippen. Der Körper wand sich wie in Krämpfen. Die scharfen Zähne schnappten nach Arthur und zerbissen die eigenen Lippen. Blut rann das Kinn hinab. Arthur aber zögerte nicht. Erneut hob er den Arm und trieb den Pfahl weiter in das Herz. Blut quoll nun auch aus dem Herzen der furchtbaren Gestalt und besudelte alles. Arthurs Unerschütterlichkeit gab uns neuen Mut und unsere Stimmen hallten nun fester durch die Gruft. Die Bewegungen im Sarg ließen nach und hörten schließlich auf. Arthur hatte das Entsetzliche hinter sich gebracht.

Nun, da alles vorbei war, entglitt ihm der Hammer und er schwankte so sehr, dass wir ihn stützen mussten. Sein Atem ging stoßweise und seine Stirn war schweißbedeckt. Was er hatte durchmachen müssen, war von mehr als nur menschlicher Erwägung getragen gewesen. Wir setzten Arthur auf den Boden und kümmerten uns einige Minuten nur um ihn. Niemand warf einen Blick in den Sarg. Als es ihm besser ging, trat Van Helsing an den Sarg heran. Quincey und ich taten es ihm nach. Was wir sahen, erstaunte uns so sehr, dass sich auch Arthur vom Boden erhob, um zu sehen, was wir sahen.

Im Sarg lag nicht mehr das teuflische Wesen, das ich am Schluss so sehr gehasst hatte. Nein, dort lag Lucy, wie wir sie im Leben gekannt hatten. Ihr Gesicht war verklärt von überirdischer Schönheit. Auch wenn es gezeichnet war von Krankheit, von Leid und Verwüstung, war es doch Lucys reines Gesicht, das nun davon zeugte, dass sie für immer in Gottes Frieden eingegangen war. Van Helsing legte Arthur den Arm um die Schultern. "Können Sie mir nun verzeihen, lieber Freund?" Arthur drehte sich zu dem Professor um. "Gott segne Sie. Sie haben meiner lieben Braut die Seele und mir meinen Frieden zurückgegeben." Er lehnte sich an Van Helsings Schulter und weinte leise. Wir standen tief ergriffen und schweigend in der Gruft. Schließlich hob Arthur den Kopf und wischte sich die Tränen ab. Van Helsing schob ihn an den Sarg heran. "Nun können Sie sie küssen, soviel, wie Sie wollen. Sie ist nun wieder unsere Lucy und nicht länger ein grinsender Teufel." Arthur beugte sich über Lucy und küsste ihre toten Lippen. Wir schickten ihn mit Quincey an die frische Luft und brachten unser Werk zu Ende.

Zuerst sägten wir den Pfahl knapp über dem Körper ab. Anschließend schnitten wir Lucy das Haupt ab und füllten ihren Mund mit Knoblauch. Zuletzt verlöteten wir den Bleisarg, schraubten den Deckel wieder fest und entfernten uns. Van Helsing verschloss die Gruft sorgfältig und übergab Arthur den Schlüssel. Die Sonne strahlte vom Himmel und wir hörten die Vögel zwitschern. Unseren Herzen tat diese frische und fröhliche Stimmung gut und wir waren froh, das gesteckte Ziel erreicht zu haben. Bevor wir uns trennten wurde Van Helsing noch einmal sehr ernst. "Liebe Freunde, der erste Schritt ist getan und es war sicherlich die schmerzhafteste Aufgabe. Aber eine weit schwierigere Aufgabe liegt noch vor uns. Wir müssen den Urheber allen Übels ausfindig machen und vernichten. Ich bin mir sicher, das Gefahr und furchtbarer Schrecken auf uns zukommen. Will mir trotzdem jemand behilflich sein? Wir haben doch alle glauben gelernt, oder? Ist dann das, was jetzt vor uns liegt, nicht eine heilige Pflicht? Wollen wir uns versprechen, bis zum Äußersten zusammenzuhalten? Wollen wir das?" Wir sahen uns schweigend an. Einer nach dem anderen besiegelte den Bund mit einem Handschlag.

Der Professor fuhr fort: "Wir werden in zwei Tagen wieder zusammenkommen und gemeinsam bei unserem Freund John speisen. Ich werde noch zwei andere mitbringen. Bisher kennen Sie sie noch nicht. Aber an diesem Abend werde ich das Werk darlegen und meine Pläne vor Ihnen entwickeln. John, kommen Sie bitte heute schon mit mir, denn es gibt viel zu bedenken und vorzubereiten. Ich brauche Ihre Hilfe. Ich fahre nach Amsterdam, bin aber morgen wieder zurück. Die große Suche beginnt. Hören Sie gut zu, damit Sie wissen, was wir tun werden und was wir fürchten müssen. Wenn Sie darüber Klarheit haben, werden wir unser Versprechen erneuern. Wenn wir einmal angefangen haben, können wir nicht mehr zurück."





Der Klassiker DRACULA von Bram Stoker (1847-1912) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt.

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