LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Dracula - Kapitel 13

Mina Harkers Tagebuch
22. September. Ich sitze im Zug nach Exeter. Jonathan schläft tief. Zwischen heute und meinem letzten Eintrag in Whitby scheinen Jahrhunderte zu liegen. Damals wusste ich nicht, wo Jonathan ist. Heute ist er mein Gemahl, wir sind reich und er ist Chef seines Geschäftes, nun, wo Herr Hawkins tot ist. Die Trauerfeier war einfach, aber sehr schön. Es waren nur wenige Menschen da; Jonathan und ich, die Dienerschaft, einige alte Freunde aus Exeter und noch einige andere Honoratioren. Jonathan und ich standen am Grab, um unserem längsten und treuesten Freund das letzte Geleit zu geben.

Nach der Beerdigung kehrten wir in die Stadt zurück und besuchten Hyde Park Corner. Wir gingen erst zu "The Rows" und wandelten anschließend Picadilly hinunter. Wir liefen nebeneinander und Jonathan hatte sich bei mir eingehakt, was ich eher unpassend fand, aber ich ließ ihn gewähren. Mit einem Mal drückte Jonathan meinen Arm so stark, dass ich vor Schreck und Schmerz beinah laut aufgeschrieen hätte. Ich wandte mich zu ihm und sah, dass er totenbleich geworden war. Seine Augen traten hervor und er starrte auf einen großen, hageren Mann mit einer hässlichen Adlernase. Der Mann betrachtete ein junges Mädchen und bemerkte uns gar nicht. Sein Gesicht war grausam und hart. Die Lippen waren sehr rot und die Zähne wirkten dagegen spitz und scharf.

Jonathan starrte den Mann immer noch an. Ich befürchtete, der Mann könne es merken. Ich befürchtete auch, dass Jonathan einen Rückfall erleiden könnte, denn er wirkte sehr verstört auf mich. "Weißt du, wer das ist?" Jonathan stand das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben. "Mein, Liebster", antwortete ich. "Ich kenne ihn nicht. Wer ist es denn?" Jonathan antwortete tonlos: "Er ist es selbst!" Obwohl ich seine Antwort nicht verstand, durchschauerte mich eisiger Schreck. Jonathan hatte Angst. Wäre ich nicht gewesen, wäre er umgesunken. Aber er ließ den seltsamen Fremden nicht aus den Augen.

"Ich glaube fast, der Graf ist jünger geworden. Wie schrecklich! Oh, mein Gott. Wenn ich es doch nur wüsste!" Ich verstand kein Wort von dem, was Jonathan da flüsterte und versuchte nur, ihn ruhig fort zu ziehen. Er folgte mir bereitwillig und so kamen wir in den Green Park, wo wir uns auf eine hübsche Bank setzten. Jonathan setzte sich und starrte einige Minuten in die Luft. Seine Augen schlossen sich. Er sank in einen unruhigen Schlummer. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, so saß ich still und hielt sein Haupt an meiner Schulter. Nach zwanzig Minuten bewegte er sich und sagte: "Ich bin wohl eingeschlafen. Verzeih mir, Mina. Lass uns irgendwo ein Glas Tee trinken."

Hatte er den fremden Mann vergessen, so wie er während seiner Krankheit alles vergessen hatte? Konnte dieses Versinken und Vergessen seinem Gehirn schaden? Ich traue mich nicht, ihn zu fragen, da ich ihn nicht aufregen wollte. Ich war mir aber sicher, dass ich nun das Paket öffnen muss, in dem sein Tagebuch verwahrt liegt. Jonathan mein Liebster, es geschieht nur zu deinem Besten.

Später. - Oh, was für ein trauriger Tag ist heute! Nicht nur, dass wir unseren lieben Herrn Hawkins zu Grabe tragen mussten und Jonathan diesen schrecklichen Rückfall hatte, nein, als wir nach Hause kamen - in ein schrecklich leeres Haus - fanden wir ein Telegramm von einem Van Helsing vor. "Ich gestatte mir, Ihnen die traurige Mitteilung zu machen, dass Frau Westenraa vor fünf Tagen, Fräulein Lucy vorgestern gestorben ist. Beide sind heute beerdigt worden." Meine liebe, arme Lucy. Und die liebe Frau Westenraa! Sie werden niemals wieder mit mir lachen. So viel Elend in den wenigen Zeilen. Und der arme Arthur. Wie sehr muss er wohl leiden.

Dr. Sewards Tagebuch
22. September. Es ist alles vorüber. Arthur ist abgereist und Quincey Morris begleitete ihn. Van Helsing aber ist unten und ruht sich aus. Er fährt heute Nacht nach Amsterdam, will aber morgen Abend schon wieder zurückkehren. Er hat vor, bei mir zu bleiben, weil er, wie er sagt, in London noch einiges zu erledigen hat. Der arme, alte Mann. Die Aufregung in den letzten Wochen hat wohl seine Kraft aufgezehrt. Wohl deshalb erlitt er vorhin im Wagen, nachdem wir Arthur und Quincey Morris beim Bahnhof abgeliefert hatten, einen hysterischen Anfall, obwohl er behauptet, es sei kein hysterischer Anfall gewesen. Jedenfalls weinte und lachte der Professor zur gleichen Zeit, so dass es ihn schüttelte. Ich war sehr streng zu ihm, wie man es auch bei hysterischen Frauen ist, aber er lachte und weinte immer weiter.

Als er etwas ruhiger wurde, versuchte er sich zu erklären: "Ach, John, glauben Sie nur nicht, ich sei nicht traurig, weil ich lache. Und glauben Sie nicht, dass ich traurig bin, wenn ich weine, denn ich lache ja zur gleichen Zeit. Und das echte Lachen, das kommt wie ein König. Es kommt, wann es will, auch wenn die Zeiten ungeeignet sind. Dieses Lachen ist wie Sonnenschein, die Spannungen lassen nach und wir können wieder von vorne beginnen. Ach John, um Arthur blutet mir das Herz. Er ist im gleichen Alter wie mein Sohn, der leider nicht mehr am Leben ist. Deshalb mag ich Arthur so. Es ist die Ähnlichkeit. Und das Lachen macht, das ich weitermachen kann."

Ich muss zugeben, dass ich seinen Ausführungen nicht folgen konnte. Ich wollte ihn nicht verletzen, musste ihn aber trotzdem fragen, was sein Lachen zu bedeuten habe. Der Professor wurde sehr ernst als er mir antwortete: "Ach, die grausame Ironie. Sie haben doch gesehen, wie blühend Lucy aussah, da in ihrem Sarg, umgeben von Blumen. Nun liegt sie in dem Marmorhaus, bei ihrer Mutter, dort draußen auf dem Friedhof. Alles war so traurig und feierlich. Lucy ist tot. Oder ist sie es vielleicht nicht?"

Ich starrte Van Helsing entsetzt an. "Professor! Was reden Sie denn da? Ich kann nichts Lächerliches an all dem finden. Arthur war nicht wirklich im Zweifel!" "Ich weiß. Sagte er nicht, dass die Bluttransfusionen sie zu seinem Weibe gemacht haben?" Ich zuckte mit den Schultern. "Das mag sein. Ich weiß es nicht mehr genau." Van Helsing sah mich an. "Und wenn es so ist, was ist dann mit den anderen Männern? Bin ich, dessen Weib schon lange tot ist, nun ein Bigamist? Auch wenn ich meinem Weibe immer die Treue gehalten habe?" Ich verstand den Professor nicht und auch nicht seine seltsam anmutenden Scherze. "Verzeihen Sie mir, John. Ich offenbare mich Ihnen nur, weil ich Ihnen trauen kann. Das Lachen kommt und das Lachen geht. Manchmal für eine lange Zeit, John. Ich weiß es!"

Nun kann ich also mein Tagebuch beschließen. Alles ist vorbei. Lucy ist tot, wir sind in alle Winde zerstreut. Werde ich je ein neues Tagebuch beginnen? Ich bin traurig und ohne Hoffnung, wenn ich nun schreibe "FINIS".

The Westminster Gazette am 25. September
Das Geheimnis von Hampstead
Eine Reihe von seltsamen Begebenheiten spielen sich zur Zeit in der Nachbarschaft von Hampstead ab. Mehrere Kinder liefen während der letzten Tage von zu Hause fort oder kamen nach dem Spielen nicht mehr nach Hause zurück. Alle Kinder waren so klein, dass sie nicht zuverlässig darüber Auskunft geben konnten, wo sie gewesen waren. Alle aber berichteten, sie hätten mit einer "blutigen Dame" gespielt. Man vermisste die Kinder immer spät abends und in zwei Fällen fand man die Kinder erst am nächsten Morgen. Es ist durchaus möglich, das alle Kinder die später verschwanden, das Kind, das als erstes verschwand und von der "blutigen Dame" berichtete, nur nachahmen. Inzwischen spielen die Kinder sogar untereinander "blutige Dame" und versuchen sich mit verschiedenen Listen wegzulocken.

Auf der anderen Seite haben diese Geschichten vielleicht aber doch einen ernsten Hintergrund. Es ist auffällig, dass die Kinder, die in der Nacht vermisst wurden, an der Kehle leichte Verletzungen haben. Die Wunden sehen aus wie kleine Bisswundes eines Tieres, etwa einer Ratte oder eines kleinen Hundes. Die Polizei hat nun in dieser Gegend ein besonders wachsames Auge auf herumirrende kleine Kinder und auch auf Hunde, die in dieser Gegend herumlaufen.

The Westminster Gazette am 25. September
Der Schrecken von Hampstead - Extrablatt
Heute morgen wurde wieder ein Kind, das in der letzten Nacht vermisst wurde, unter einem Ginsterbusch in der Nähe des Schießhügels, einem weniger bekannten Teil der Hampsteader Heide gefunden worden. Wie bei einigen Fällen zuvor, weist auch dieses Kind am Hals kleine, punktförmige Bisswunden auf. Es ist schrecklich schwach und abgezehrt. Wiederhergestellt berichtete auch dieses Kind von der "blutigen Dame", die es zu sich gelockt habe.





Der Klassiker DRACULA von Bram Stoker (1847-1912) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt.

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