LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Eine Befürchtung wird wahr

Gerade noch hatte ich Zeit, die Dokumente wieder auf den Tisch zu legen. Professor Lidenbrock wirkte abwesen und schien sich nur auf einen einzigen Gedanken zu konzentrieren. Der Spaziergang hatte seine Phantasie angeregt und nun wollte er wieder versuchen, dass Pergament zu entschlüsseln.

Wortlos setzte er sich an den Tisch und begann zu schreiben. Er schrieb Formeln nieder, die an eine Algebraaufgabe erinnerten. Drei Stunden arbeitete er, ohne den Kopf zu heben. Er schrieb, strich aus, verbesserte, begann von Neuem. Ich sah ihm zu und hoffte, dass er den Schlüssel niemals fände. Immerhin lassen sich aus zwanzig Buchstaben zwei Quintillionen vierhundertzweiunddreißig Quadrillionen neunhundertzwei Trillionen acht Milliarden hundertsechsundsiebzig Millionen sechshundertvierzehntausend Kombinationen bilden. Und der Satz des Saknussemm bestand aus hundertzweiunddreißig Buchstaben.

Die Zeit verging und es wurde Abend. Noch immer saß mein Onkel am Tisch und brütete verzweifelt. Ich hätte mit einem Wort seine Qualen beenden können, aber ich tat es nicht. Ich war der Meinung, dass man ihn und mich vor dem Inhalt dieses Satzes schützen müsse. Er würde dorthin reisen wollen. Ich war mir sicher. Das wäre sein Tod und meiner gleich mit dazu. Nein, ich schwieg, kreuzte die Arme und wartete.

Die Nacht verging und ich war in meinem Sessel eingeschlafen. Als ich erwachte sah ich, dass mein Onkel immer noch am Schreibtisch saß. Seine roten Augen und seine blassen Gesichtsfarbe deuteten auf eine durchwachte Nacht hin. Plötzlich klopfte es zaghaft an die Tür und Martha schaute ins Zimmer. "Verzeihung, ich möchte auf den Markt gehen, aber die Tür ist verschlossen." Hatte mein Onkel die Tür verschlossen? Ich war empört. Mussten Martha und ich jetzt wirklich hungern, nur weil er dieses Pergament nicht entschlüsseln konnte? Ich wusste, dass es so war, da wir schon einmal eine wissenschaftliche Diät hatten mitmachen müssen. Damals arbeitete mein Onkel an einer großen mineralogischen Klassifikation und aß achtundvierzig Stunden nichts und wir bekamen auch nichts zu essen.

Martha und ich warfen uns einen betrübten Blick zu, bevor sie ging. Mein Onkel arbeitete unentwegt. Gegen Mittag setzte mir der Hunger immer mehr zu. Schließlich stand mein Onkel auf und griff nach seinem Hute. Würde er gehen und uns im Haus einschließen? "Onkel!", sagte ich, obwohl er mich gar nicht zu hören schien. "Der Schlüssel..." Mein Onkel sah mich durchdringend an. "Der Schlüssel von der Haustür?", fragte er dann. "Nein, der Schlüssel zu dem Dokument.", erwiderte ich und versuchte, seinen bohrenden Augen auszuweichen. Er sagte kein Wort, aber er starrte mich an und nie wurde eine Frage deutlich ausgesprochen. Ich nickte schließlich und reichte ihm das Blatt, auf das ich den lateinischen Satz geschrieben hatte. "Es war ein Zufall.", fügte ich schuldbewusst hinzu.

Der Professor stieß einen Schrei aus und war in Sekunden wie verwandelt. Er stürzte sich auf das Papier und las:

In Sneffels Yoculis craterem kem delibat
Umbra Scartaris Julii intra calendas descende,
audas viator, et terrestre centrum attinges.
Kod feci. Arne Saknussemm.

Dieser Satz ließ sich ungefähr wie folgt übersetzen: Steig hinab in den Krater des Sneffels Yocul, den der Schatten des Scartaris vor dem ersten Juli liebkost, kühner Wanderer, und du wirst zum Mittelpunkt der Erde gelangen. Was ich getan habe, Arne Saknussemm. Im Gesicht meines Onkels spiegelte sich Kühnheit, Freude und Überzeugung. Er sprang auf und wanderte im Zimmer herum, bevor er schließlich erschöpft in einen Sessel sank. "Wie spät ist es?", fragte er. "Drei Uhr.", antwortete ich. "Die Zeit ist schnell vergangen. Ich sterbe vor Hunger. Zu Tisch. Und nach dem Essen wirst du meinen Koffer packen.", strahlte mein Onkel. Und bevor ich etwas sagen konnte, ergänzter er: "Und deinen auch!"





Der Klassiker DIE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE von Jules Verne (1828-1905) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Édouard Riou (1838-1900) hergestellt.

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