LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Stapi

Das Dörfchen Stapi bestand aus etwa dreißig Hütten. Das ganze Dorf war auf Lava gebaut und lag an einem kleinen Fjord, der von einer Basaltmauer eingeschlossen war. Basalt ist ein braunschwarzes Gestein vulkanischen Ursprungs. Das Besondere an Basalt ist, dass die Natur hier regelmäßige Formen annimmt und geometrisch vorzugehen scheint.

Die Ufermauer bestand wie die ganze Küste der Halbinsel aus einer Reihe dreißig Fuß hoher Säulen. Diese trugen eine aus horizontalen Säulen bestehende Archievolte, die zur Hälfte ins Meer hineinragte. In Stapi endete unsere letzte Etappe der Reise zu Land. Hans hatte uns sicher bis hierher geführt und der Gedanke, dass er uns weiterhin begleiten sollte, beruhigte mich ein wenig.

Das Pfarrhaus in Stapi war eine schlichte niedrige Hütte. Vor der Hütte stand ein Mann mit einer Lederschürze und einem Hammer in der Hand. Er schickte sich gerade an, ein Pferd zu beschlagen. Es war tatsächlich der Pfarrer, der nach unserem Gruß einen Schrei ausstieß, der eine Frau aus der Hütte treten ließ. Sie war fast sechs Fuß groß und einen Moment hatte ich Sorge, dass sie uns mit dem isländischen Kuss begrüßen würde. Sie tat es nicht, sondern führte uns in das Gastzimmer, das wohl das schlechteste und schmutzigste Zimmer im ganzen Haus. Offensichtlich hielt der Pfarrer nicht viel von Gastfreundschaft. Wir bemerkten schnell, dass dieser Pfarrer kein würdiger Gelehrter sondern ein grober Bauer war, der seinen Lebensunterhalt mit Jagen, Fischen und anderen Dingen verdienen musste, da die dänische Regierung für ihre Gottesdiener so wenig zahlte. So kam es, dass mein Onkel auch hier zur raschen Weiterreise drängte.

Hans heuerte ein paar Isländer an, die unsere Pferde ersetzen sollten. Sie sollten uns bis in den Krater hinein begleiten und uns dann unserem Schicksal überlassen. Nun musste Professor Lidenbrock Hans das wahre Ziel der Expedition nennen. Hans nickte nur. Ihm war es egal, wohin die Reise ging. Mir aber war es nicht egal. Ich hatte durch die Erlebnisse auf der Reise hierher völlig verdrängt, was uns noch bevorstand. Nun wurde mir heiß und kalt und ich fragte mich, warum ich nicht mehr Widerstand geleistet hatte.

Besonders besorgte mich die Vorstellung, der erloschene Vulkan könne zu neuem leben erwachen und uns in einem Ausbruch zusammen mit glühender Lava herausschleudern. Ich konnte nicht mehr schlafen, ohne von Eruptionen zu träumen. Ich beschloss, meinem Onkel den fall in Form von einer Hypothese zu unterbreiten. Als ich meine Sorge ausgesprochen hatte, sah mein Onkel mich an. "Ich habe auch darüber nachgedacht, Axel. Glaube mir. Aber es gibt stets typische Zeichen, die einem Ausbruch vorausgehen. Darum habe ich die Isländer gefragt und selbst den Boden untersucht. Es wird keinen Ausbruch geben. Komm, ich zeige dir etwas."

Gemeinsam verließen wir das Pfarrhaus und mein Onkel zeigte mir aufsteigenden Rauch aus einem ‚Reykir'. Die weißen Dämpfe, in Island ‚Reykir' genannt, kamen aus Thermalquellen. Ihre Heftigkeit war ein Hinweis auf vulkanische Aktivität im Boden. "Sieh hin.", forderte mich mein Onkel auf. "Wenn ein Ausbruch bevorsteht, werden diese Dämpfe stärker. Dann verschwinden sie ganz, weil sie dann durch den Krater entweichen und nicht mehr durch die Spalten in der Erdoberfläche. Bleiben also die Dämpfe in ihrem gewöhnlichen Zustand und bleibt auch sonst alles normal, dann steht kein Ausbruch bevor."

Damit ließ mein Onkel mich stehen und ich war mit wissenschaftlichen Argumenten geschlagen. Es gab nur noch eine Hoffnung für mich. Vielleicht fänden wir keinen Gang zum Mittelpunkt der Erde, wenn wir erst einmal auf dem Boden des Kraters angekommen waren.

Am 23. Juni ging die Expedition weiter. Hans und die neuen Gehilfen hatten unser Gepäck bereitgestellt. Außerdem hatte Hans unserem Gepäck einen Wasserschlauch hinzugefügt, der uns acht Tage lang mit Wasser versorgen sollte. Bevor wir abreisten, präsentierte der unverschämte Pfarrer uns noch eine immense Rechnung. Die Höhe des Betrages war in keiner Weise gerechtfertigt, aber mein Onkel zahlte, ohne mit der Wimper zu zucken. Warum sollte er um ein paar Reichstaler feilschen? Er war schließlich auf dem Weg zum Mittelpunkt der Erde! Hans gab das Zeichen zum Aufbruch und gegen neun Uhr morgens kehrten wir Stapi den Rücken.





Der Klassiker DIE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE von Jules Verne (1828-1905) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Édouard Riou (1838-1900) hergestellt.

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