LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Im Krater

Nach dem Essen richteten wir uns für die Nacht ein. Wir befanden uns fünftausend Fuß über dem Meeresspiegel, das Lager war hart und wenig komfortabel. Trotzdem schlief ich in dieser Nacht besonders ruhig und träumte nicht einmal.

Am anderen Morgen waren wir halb erfroren und erhoben uns von unserem Granitlager. Die Sonne schien strahlend und aus dieser Höhe wirkte die Insel, die unter uns lag, wie eine Reliefkarte. Ich stand auf dem Gipfel und genoss die Höhe, ohne dass Schwindel mich erfasste. Ich berauschte mich an dem Anblick und vergaß die Abgründe, in die mein Schicksal mich bald führen würde. Erst als der Professor und Hans sich zu mir gesellten, kehrte ich gedanklich wieder in die Wirklichkeit zurück.

Mein Onkel drehte sich nach Westen, deutete mit der Hand und sagte: "Grönland." Ich war erstaunt. "Grönland?" Mein Onkel nickte. "Es sind nur fünfunddreißig Meilen. Bei Tauwetter kommen sogar Eisbären auf Eisschollen bis nach Island. Aber das ist jetzt nicht so wichtig. Wir sind auf dem Gipfel des Sneffels und stehen auf der einen Spitze, die Scataris genannt wird." Mein Onkel blickte mich triumphierend an. "Auf zum Krater."

Der Krater glich einem umgekehrten Kegel. Seine Öffnung hatte einen Durchmesser von ungefähr einer halben Meile. Er war ungefähr zweitausend Fuß tief, wobei sein Boden einen Umfang von sicher nicht mehr als tausend Fuß hatte. Ein Abstieg würde nicht zu beschwerlich werden.

Hans ging voran. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Im Innern des Kegels beschrieb Hans lang gezogene Ellipsen, um den Abstieg zu erleichtern. Kamen wir einen Gletscher, wurde Hans sehr vorsichtig und suchte mit seinem eisenbeschlagenen Stock nach Spalten. An besonders gefährlichen stellen seilten wir uns aneinander an. Wir kamen schließlich heil unten an. Es war genau zwölf. Als ich hinauf blickte, sah ich die Öffnung des Kegels, die ein kleines Stück Himmel einrahmte. An einem Punkt war die Spitze des Scartaris zu sehen.

Unten im Kegel öffneten sich drei Kamine. Hier hatte der Sneffels seine Dämpfe und seine Lava ausgestoßen. Die Kamine hatten einen Durchmesser von ungefähr hundert Fuß. Während ich nicht wagte, in die Öffnungen zu blicken, eilte der Professor von einem zum anderen und verschaffte sich einen genauen Überblick. Dabei redete er laut und gestikulierte heftig. Hans und die drei Isländer saßen auf Lavastücken und schwiegen. Offensichtlich hielten sie meinen Onkel für einen Verrückten.

Plötzlich stieß mein Onkel einen Schrei aus und ich befürchtete, er sei in einen der Kamine hineingestürzt. Aber so war es nicht. Er stand vor einem Granitblock, der mitten im Krater lag. "Axel, komm. Axel, sieh doch!", rief meine Onkel aufgeregt. Ich eilte zu ihm und sah mit Bestürzung aber auch mit Freude, was mein Onkel gesehen hatte. Auf der westlichen Seite des Felsens stand in Runenschrift der tausendmal verfluchte Name:

Arne Saknussemm

"Wer will jetzt noch zweifeln?", triumphierte mein Onkel. Ich war sehr betroffen und setzte mich benommen auf eine Lavabank. Das war zuviel. Als ich wieder aufsah, waren mein Onkel, Hans und ich allein. Die drei Isländer waren verabschiedet worden und stiegen wieder zur Oberfläche auf, um nach Stapi zurückzukehren. Hans schlief am Fuß eines Felsblockes auf einem improvisierten Bett. Mein Onkel eilte ruhelos im Krater umher. Ich hatte nicht die Kraft aufzustehen, und machte es Hans nach. Ich fiel in einen unruhigen Schlaf. So verging die erste Nacht im Krater.

Der nächste Morgen war grau und mein Onkel war voller Zorn. Ich verstand den Grund, der mich mit Hoffnung erfüllte: Wir hatten drei Wege zur Auswahl aber nur einer war der richtige. Um herauszufinden, welcher Kamin zum Mittelpunkt der Erde führte, musste die Sonne scheinen, damit der Scataris einen Schatten werfen konnte. Keine Sonne bedeutete kein Schatten und das wiederum bedeutete, dass die Expedition aufgegeben werden musste.

Ich frohlockte. Es war der 25. Juni. Wenn der Himmel jetzt sechs Tage bedeckt bleiben würde, würden wir unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren. Der 26. und 27. Juni vergingen, ohne dass sich das Wetter besserte. Am 28. Juni aber änderte es sich mit dem Mondwechsel. Die Sonne leuchtete hell in den Krater und der Schatten des Scataris zeichnete sich wie eine spitze Gräte am Boden des Kraters ab. Mein Onkel folgte dem wandernden Schatten. Um zwölf Uhr war der Schatten am kürzesten. Sanft berührte er den mittleren Kamin. "Da ist es! Dort geht es zum Mittelpunkt der Erde.", rief mein Onkel aufgeregt. Ich sah zu Hans hinüber. Der sagte nur ein Wort: "Forüt." Mein Onkel strahlte. "Vorwärts!" Es war ein Uhr dreizehn nachmittags.





Der Klassiker DIE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE von Jules Verne (1828-1905) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Édouard Riou (1838-1900) hergestellt.

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