LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Ins Erdinnere

Ein schwacher Schimmer des Tageslichtes weckte uns morgens um acht Uhr. Die Facetten der Lava fingen das Licht auf und es war immerhin so hell, dass wir unsere Umgebung erkennen konnten. Mein Onkel erhob sich fröhlich. "Hast du je besser geschlafen, Axel? Was für eine himmlische Ruhe. Kein Geschrei, kein Wagenrumpeln, einfach nur Stille." Ich mochte ihm nicht zustimmen, da die Ruhe hier unten für mich etwas Erschreckendes und Bedrohliches hatte. "Mach nicht so ein Gesicht.", sagte mein Onkel. Wir sind noch keinen Zentimeter ins Erdinnere vorgedrungen. Wir haben bisher nur den Boden der Insel erreicht. Dazu muss man nur einmal auf das Thermometer schauen."

Und tatsächlich. Das Barometer, dessen Quecksilbersäule stetig gestiegen war, je tiefer wir kamen, war bei 29 Zoll stehen geblieben. Es würde in dem Moment unbrauchbar werden, da das Luftgewicht den für den Meeresspiegel berechneten Druck übersteigen würde. Ich wusste, dass mein Onkel darauf brannte, das Barometer gegen das Manometer einzutauschen.

"Wird der Druck uns nicht sehr zu schaffen machen, wenn er stetig steigt?", fragte ich vorsichtig. Mein Onkel schüttelte den Kopf. "Das glaube ich nicht. Unsere Lungen werden sich an die komprimierte Atmosphäre gewöhnen. Was den Luftschiffern in den höheren schichten an Luft fehlt, werden wir vielleicht zu viel haben. Aber besser zu viel als zu wenig. Aber nun rasch, wir haben keine Zeit zu verlieren."

Wir sahen uns nach dem Paket um, das wir am Abend zuvor in den Abgrund geworfen hatten. Hans entdeckte es schließlich in einer Höhe von ungefähr hundert Fuß an einem Felsvorsprung. Rasch kletterte er nach oben und barg das Paket. Danach frühstückten wir. Es gab Zwieback und getrocknetes Fleisch, dazu tranken wir mit Wasser vermischten Genever. Bevor wir aufbrachen, schrieb mein Onkel in sein Notizbuch:

Montag, 29.Juni

Chronometer: 8.17 Uhr morgens

Barometer: 29' 7''

Thermometer: 6 º

Richtung: Ost-Süd-Ost

Die Richtung bezog sich auf den dunklen Gang, den zu erforschen wir uns entschlossen hatten. "Auf jetzt!", rief der Professor begeistert. "Nun beginnt das Abenteuer." Und er griff nach dem Ruhmkorffschen Apparat, der ihm um den Hals hing, verband den Strom mit der Laterne und das helle Licht durchbrach die Finsternis. Auch Hans setzte seinen Apparat in Tätigkeit. Nun konnten wir bei künstlichem Tageslicht selbst inmitten leicht entzündlicher Gase weitergehen.

Jeder nahm sein Paket, Hans schob das mit den Kleidern und Seilen vor sich her und wir betraten den Gang. Ein letztes Mal hob ich den Kopf und sah durch die gewaltige Röhre ein Stück des Himmels über Island. Ich wusste nicht, dass ich diesen Himmel nie wieder sehen sollte.

Im Inneren des Tunnels bedeckte eine dicke, glänzende Schicht Lava die Wände. Sie reflektierte das Licht in hundertfacher Stärke. Der Weg ging steil bergab, etwa in einem fünfundvierzig Grad Winkel. Man musste sehr Acht geben, dass man nicht zu schnell hinab glitt. Wir gingen einfach vorsichtig immer weiter in den Gang hinein und zogen unser Gepäck an einem Seil hinter uns her.

Ich betrachtete die Umgebung aufmerksam, die an manchen Stellen ungewöhnlich schön erschien. Hier hatte die poröse Lava runde Blasen gebildet. Undurchsichtige Quarzkristalle hingen vom Gewölbe herunter und unser Licht wurde wie von vielen Kronleuchtern gespiegelt. Meinem Onkel entging meine Begeisterung nicht. "Es ist prächtig, mein Junge, nicht wahr? Aber ich hoffe, wir werden noch viel prächtigere Dinge sehen."

Wir marschierten den ganzen Tag. Die Wärme nahm kaum zu, was mich zu der Annahme brachte, dass wir eher waagerecht wanderten, als in die Tiefe vorzudringen. Als wir nach sieben Stunden Halt machten, sank ich erschöpft zu Boden. Wir waren in einer Art Höhle. Ein sanfter Luftzug erreichte uns ab uns zu. Woher kam er nur?

Hans hatte das Abendessen bereitet und wir aßen alle mit Appetit. Dass wir unseren Wasservorrat schon zur Hälfte verbraucht hatten, stimmte mich ein wenig besorgt. Mein Onkel hatte Wasser aus unterirdischen Quellen schöpfen wollen. Was, wenn wir keine fänden? Aber mein Onkel war zuversichtlich. "Wir finden Wasser, wenn wir aus diesem Lavagehäuse heraus sind. Wie soll das Wasser denn hierher vordringen?" Ich machte mir trotzdem Sorgen. "Was ist, wenn es auch so bleibt, wenn wir tiefer kommen? Bisher sind wir ja noch nicht sehr tief, oder?" Mein Onkel machte ein überraschtes Gesicht und wir beide begannen zu rechnen.

Das Thermometer stand auf fünfzehn Grad. Neun Grad mehr als zum Zeitpunkt unseres Aufbruchs. Die Temperatur stieg pro hundert Fuß um je ein Grad. Von diesem Wert gab es leichte Abweichungen, je nach örtlicher Beschaffenheit des Bodens. So hatte man in vulkanischen Gebieten festgestellt, dass die Temperatur erst bei hundertfünfundzwanzig Fuß um ein Grad anstieg. Ich rechnete wieder uns stellte fest, dass wir nach der Temperaturmessung elfhundertfünfundzwanzig Fuß unter dem Meeresspiegel sein mussten. Wir waren schon sechstausend Fuß tiefer, als es je einem Menschen gelungen war, beispielsweise in den Bergwerken in Kitzbühel oder in den Kuttenbergen in Böhmen. Die Temperatur hätte hier etwa 81 Grad betragen müssen. Es stimmte mich nachdenklich, dass sie kaum fünfzehn Grad betrug.





Der Klassiker DIE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE von Jules Verne (1828-1905) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Édouard Riou (1838-1900) hergestellt.

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