LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der Lavagang

Wir setzten unseren Weg am 30. Juni um sechs Uhr morgens fort. Der Lavagang, dem wir folgten, fiel sanft ab und genau um 12 Uhr siebzehn erreichten wir das Ende des Kamins. Wir standen an einer Art Kreuzung. Die beiden Wege, die sich hier trafen waren beide dunkel und schmal. Welcher Weg war der Richtige?

Mein Onkel wollte sich offensichtlich weder vor Hans noch wir mir eine Blöße geben. Mit entschlossenem Schritt eilte er in den östlichen Tunnel und uns blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Wir gingen nicht mehr länger bergab und der Gang war mal schmal und mal breiter. Wir durchschritten Gewölbebogen, die wie die Seitenschiffe einer gotischen Kathedrale anmuteten, dann wieder mussten wir beinahe kriechen, um weiter zu kommen. Die Temperatur blieb erträglich und ich musste unwillkürlich an den Vulkansausbruch denken, der diese Gänge hier geschaffen hatte. Würde der Vulkan etwa wieder Feuer speien? Dann wären wir verloren.

Der Professor machte sich über diese Dinge keine Gedanken. Er wollte nur eines: weitergehen. Um sechs Uhr abends waren wir zwei Meilen in südlicher Richtung vorangekommen. Wir waren aber nur wenig weiter ins Erdinnere vorgedrungen und mein Onkel gab das Zeichen zur Rast. Ohne viel zu denken oder zu reden aßen und schliefen wir.

Am nächsten Morgen erwachten wir erfrischt und setzten unseren Weg fort. Wir gingen durch den Lavatunnel weiter, der immer horizontaler verlief und schließlich sogar anzusteigen schien. Das Gehen wurde ermüdend und mein Onkel sah mich ungeduldig an. Er war schlechter Laune und trieb uns an, weiterzugehen. Ich folgte ihm und Hans so schnell ich konnte. Ich wollte nämlich nicht in diesem Labyrinth unterirdischer Gänge allein zurückbleiben. Der Gedanke, dass wir an die Erdoberfläche zurückkehrten, tröstete mich.

Es war fast Mittag, als das Aussehen der Wände des Tunnels sich änderte. Die Lavaschicht wich zurück und der Blick auf das nackte Gestein wurde frei. Wir befanden uns mitten in der Übergangsperiode, der silurischen Periode. "Wir kehren den Granitmassen den Rücken.", rief ich. "Wir machen es wie die Hamburger, die über Hannover nach Lübeck reisen. Schau nur Onkel, wir sind in der Periode angelangt, in der die ersten Tiere und Pflanzen erschienen." Der Professor musterte mich. "Meinst du?" Ich nickte und zwang den Professor, den Schein seiner Lampe über die Wände gleiten zu lassen. Hatte er mich nicht verstanden? Wollte er aus gekränkter Eitelkeit nicht zugeben, dass er sich mit der Wahl des östlichen Tunnels geirrt hatte? Wollte er etwa diesen Weg bis zu Ende gehen? Der Professor setzte seinen Weg unbeirrt fort und mir war klar, dass dieser Weg nie in den Sneffels hinunter führen würde. Oder irrte ich mich vielleicht?

Ich hielt nach den Überresten einer Urpflanze Ausschau, um meine Überlegungen zu untermauern. Ich hatte kaum hundert Schritte getan, da traten meine Füße plötzlich nicht mehr auf harten Lavaboden sondern auf Staub, der aus Pflanzenresten und Muscheln bestand. Deutlich konnte man die Abdrücke von Algen und Lycopodien an den Wänden sehen. Ich konnte nicht anders, hob eine Muschel auf, die einem Tier gehört hatte, das der heutigen Kellerassel geglichen hatte und sagte zu meinem Onkel: "Sieh mal!" Mein Onkel warf einen Blick darauf und antwortete: "Was willst du Axel? Ja, wir haben die Lava- und Granitschicht verlassen. Vielleicht irre ich mich. Aber wir können erst sicher sein, wenn wir das Ende dieses Ganges erreicht haben." "Du hast Recht!" Ich sah meinen Onkel nachdenklich an. "Es wäre auch nicht so schlimm, wenn wir nicht eine immer größer werdende Gefahr befürchten müssten." "Und die wäre?" "Wassermangel." Der Professor schwieg einen Moment, dann seufzte er: "Wir werden es rationieren müssen!"





Der Klassiker DIE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE von Jules Verne (1828-1905) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Édouard Riou (1838-1900) hergestellt.

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