LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die Insel

Mittwoch, 19. August: Der Wind frischt auf und wir können uns rasch vom Kampfplatz entfernen. Hans steht am Steuer und der Professor schaut wieder ungeduldig über das Meer. Die Fahrt ist wieder eintönig und ich scheine der Einzige zu sein, der darüber froh ist.

Donnerstag, 20. August: Die Temperatur ist unverändert, der Wind weht ungleichmäßig aus Nordnordost. Die Fahrt verläuft erst ruhig. Dann hören wir plötzlich gegen Mittag ein merkwürdiges Geräusch, das wie ein Heulen klingt. "Vielleicht ein Felsen an dem sich das Wasser bricht. Oder eine kleine Insel."

Hans klettert auf den Mast, kann aber nichts entdecken. Wir halten alle gespannt Ausschau aber das Meer ist spiegelglatt. Die Stunden vergehen und das Heulen ist immer noch zu hören. Kommt es von einem Wasserfall? Mein Onkel schüttelt den Kopf. Kein Wasserfall! Ich bin von seiner Antwort nicht beruhigt, denn ich weiß, dass ihm so ein fast vertikaler Abstieg gefallen würde, mir aber nicht!

Wir fahren weiter und das Heulen steigert sich zu einem Tosen. Was ist das? Kommt es aus dem Himmel oder vom Meer?

In der Atmosphäre hängen Dunstwolken, der Himmel ist ruhig. Das Tosen scheint also nicht von dort zu kommen. Aber auch am Horizont ist nichts Beunruhigendes zu entdecken. Sollte es wirklich einen Wasserfall geben, dann müsste die Strömung lebhafter werden, aber es gibt keine Strömung. Eine Flasche, die ich ins Meer werfe, wird nicht fortgespült.

Es ist vier Uhr, als Hans wieder auf den Mast klettert. Er starrt auf das Meer hinaus und fixiert einen Punkt. "Er hat etwas gesehen.", sagt der Professor. Hans steigt vom Mast herunter. "Da nere." Er streckt seinen Arm nach Süden aus. Mein Onkel nimmt das Fernglas. "Ich sehe eine riesige Wassersäule, die aus den Fluten aufsteigt." "Ein weiteres Meerungeheuer?", frage ich bang. "Warten wir es ab.", sagt der Professor.

Hans steht am Steuer. Wenn wirklich ein Tier diese Wassersäule ausstößt, muss es gigantisch groß sein. Wir sind ungefähr noch zwölf Meilen entfernt und können doch die Wassersäule sehen. Eine Flucht wäre vielleicht das Sicherste. Ein Blick auf meinen Onkel zeigt mir, dass es nicht um Sicherheit geht. Wir sind nicht hierher gekommen, um vorsichtig zu sein. Hans hält genau auf die Wassersäule zu. Je näher wir kommen, desto höher wird die Wassersäule. Welches Tier kann permanent eine so große Menge Wasser ausstoßen?

Abends um acht Uhr sind wir vielleicht noch zwei Meilen entfernt. Wir können einen enormen, schwärzlichen Körper sehen, der wie eine Insel im Meer liegt. Er scheint länger als tausend Klafter zu sein, oder führt uns unsere Angst an der Nase herum? Ist das ein Wal? Er liegt da, als schliefe er. Unbeweglich. Die Wellen umspülen ihn und die fünfhundert Fuß hohe Wassersäule umtost ihn. Ich habe Angst. Wieso halten wir genau auf diese Bestie zu? Plötzlich steht Hans auf. "Holme." Mein Onkel starrt ihn an. "Bist du sicher? Und das Wasser?" "Geysir." Hans hat gesprochen. Wir haben keinen Wal sondern eine Insel mit einem Geysir vor uns. Zunächst kann ich nicht glauben, mich so getäuscht zu haben. Ich kann doch eine Insel von einem Wal unterscheiden. Aber je näher wir kommen desto sicher sind wir. Wir haben eine Insel entdeckt.

Das Anlegemanöver ist schwierig, da wir der Wassersäule ausweichen müssen. Hans manövriert uns geschickt ans Ufer. Ich springe vom Floß und bin froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Wir wandern über den mit Granit vermischten Tuffstein. Der Boden ist glühend heiß und das Wasser, das aus dem Geysir aufsteigt hat eine Temperatur von hundertdreiundsechzig Grad. Mein Onkel ist starrsinnig, als ich ihn darauf hinweise, dass dies seiner Theorie widerspricht. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir bald in Regionen vorstoßen werden, in denen sich die Temperatur nicht mehr mit einem Thermometer messen lassen kann. Mein Onkel gibt sich kühl. "Wir werden sehen." Das ist sein einziger Kommentar. Er tauft die Insel auf den Namen seines Neffen. Hans hat das Floß überholt. Bevor wir wieder in See stechen, notiere ich einige Zahlen im Bordbuch. Seit unserer Abfahrt aus dem Gretehafen haben wir zweihundertsiebzig Meilen zurückgelegt. Wir sind also sechshundertzwanzig Meilen von Island entfernt. Wir befinden uns unter England.





Der Klassiker DIE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE von Jules Verne (1828-1905) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Édouard Riou (1838-1900) hergestellt.

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