LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die Feuerkugel

Freitag, 21. August: Bei frischem Wind haben wir uns von der Insel Axel entfernt und den tosenden Geysir hinter uns gelassen. Ich bin sicher, dass sich das Wetter bald ändern wird, wenn man hier unten überhaupt von Wetter sprechen darf. Schwere Feuchtigkeit hängt in der Atmosphäre, die elektrisch aufgeladen scheint. Die Wolken hängen tief und alles deutet auf ein drohendes Unwetter hin.

Um zehn Uhr flaut der Wind ab, als wolle er Atem holen. Unsere Haare sträuben sich in der elektrischen Atmosphäre. Ich bin sicher, dass wir einen Schlag erhalten würden, wenn wir uns jetzt berührten. Der Professor ist sehr schlecht gelaunt, da sich das Meer immer noch endlos vor unseren Augen dehnt. "Sollen wir nicht den Mast fällen, bevor der Sturm über uns hereinbricht?" Ich sehe meinen Onkel fragend an. Der schüttelt den Kopf. "Nein! Ich muss endlich ans andere Ufer. Koste es, was es wolle." Mir wird bang, als ich am Mast ein leichtes Sankt-Elms-Feuer entdecke, aber ich schweige.

Plötzlich löst sich der im Süden zusammengeballte Nebel in Wasser auf und Luft strömt nach. Es entsteht ein Orkan und es wird dunkel. Kaum, dass ich meine Notizen zu Papier bringen kann.

Unser Floß tanzt auf den Wellen und mein Onkel sieht dem Wüten der Elemente mit offensichtlicher Euphorie zu. Er liegt an ein Tau geklammert auf dem Floß und starrt in die Wellen. Hans steht am Steuer. Seine Haare scheinen Funken zu sprühen. Der Wind fährt in unser Segel und das Floß fliegt nahezu dahin. Mein Onkel genießt die Geschwindigkeit und weigert sich standhaft, das Segel zu reffen.

Es beginnt zu regnen. Der Himmel reißt auf und Blitze fahren auf uns hernieder. Geblendet von dem grellen Licht macht mich der nachfolgende Donner fast taub. Ich klammere mich an den Mast, der unter den Stößen des Orkans zu brechen droht.

An dieser Stelle werden meine Notizen leider unvollständig.

Sonntag, 23. August: Wir haben eine furchtbare Nacht hinter uns gebracht. Das Unwetter tobt immer noch und wir wissen nicht mehr, wo wir sind. Die Blitze blenden uns. Wir sind von tosendem Sturm umgeben. Unsere Ohren bluten und man kein Wort miteinander wechseln. Selbst wenn wir uns in die Ohren schreien, kann man kein Wort verstehen. Stürzt vielleicht das Gewölbe ein? Wo werden wir landen? Ich kann den Professor sehen, der am Ende des Floßes liegt. Es wird wärmer. Die Temperatur beträgt... Leider ist die Zahl verwischt.

Montag, 24. August: Ich bin sicher, dass wir hier sterben werden. Immer noch tobt der Sturm und warum sollte sich der Zustand dieser Atmosphäre je wieder ändern? Ich bin am Ende meiner Kräfte und dem Professor geht es ebenso. Nur Hans steht aufrecht wie immer. Seit wir die Insel Axel verlassen haben, haben wir mehr als zweihundert Meilen zurückgelegt und fahren unverändert in südöstlicher Richtung.

Da sich gegen Mittag der Sturm noch steigert, binden wir unsere Ladung und uns selbst am Floß fest. Wir können nicht miteinander sprechen, so laut tost der Orkan über uns. Ich bedeute meinem Onkel, endlich das Segel zu reffen. Völlig erschöpft gibt er das Zeichen zum Einverständnis. Aber bevor ich den Mast erreicht habe, schlägt plötzlich eine Feuerkugel auf das Floß auf. Sie reißt Segel und Mast fort. Wir sind entsetzt. Die Kugel ist so groß wie eine Kanonkugel. Halb weiß, halb azurblau rollt sie über unser Floß. Wird sie etwa unsere Pulvervorräte in Brand setzen? Die Kugel rollt weiter und Salpetergeruch erfüllt sie Luft. Man erstickt schier. Die Kugel magnetisiert alles Eisen an Bord und ich kann meinen Fuß nicht von einer ins Holz eingelassenen Eisenplatte zurückziehen. Die magnetischen Nägel halten den Fuß wie angeklebt auf der Platte fest.

Mit großer Anstrengung bewege ich meinen Fuß als die Kugel platzt. Ein grelles Licht blendet mich, wir sind wie mit Feuer übergossen. Dann versinkt das Floß um mich herum. Wo ist mein Onkel? Wo ist Hans? Wie soll es weitergehen?

Dienstag, 25. August: Vorsichtig öffne ich die Augen. Wo bin ich? Da, die Blitze zucken immer noch vom Himmel. Wo sind wir? Sind wir unter Europa hindurch gefahren? Was ist das für ein Lärm? Brechen da die Wellen an einer Felswand? Was wird mit uns geschehen?





Der Klassiker DIE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE von Jules Verne (1828-1905) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Édouard Riou (1838-1900) hergestellt.

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