LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der Dolch

Die Neugier trieb uns weiter und nach einer weiteren Meile kamen wir an den Rand eines großen Waldes. Die Vegetation des Tertiärs war in ihrer ganzen Pracht erhalten. Hohe Palmen, Fichten, Zypressen, Thujas und Eiben standen auf einem Teppich aus Moos und Efeu. Bäche durchzogen den Wald, an den Ufern mit baumhohen Farnen bewachsen. Alle Pflanzen waren seltsam farblos. Ihnen fehlte das Sonnenlicht.

Mein Onkel und ich betrachteten noch die uns umgebende Landschaft, als ich plötzlich das Gefühl hatte, etwas zu sehen. Was war das? Ich sah genauer hin und hielt den Atem an. Riesige Gestalten bewegten sich unter den farblosen Bäumen. Eine Herde Mastodonten - und zwar lebende Exemplare - wühlte mit langen Rüsseln im Laub der Bäume. Die Stoßzähne durchbohrten die Baustämme und große Haufen abgerissener Blätter verschwanden in den gierigen Mäulern dieser Monstren. Ich dachte nur an Flucht. Weg von hier. Aber mein Onkel starrte die Herde fasziniert an. "Axel, siehst du das? Siehst du das auch? Ist das nicht ein lebendes Wesen? Ein lebendes Wesen, wie wir? Ist das nicht - ein Mensch?"

Voller Entsetzen starrte ich in die Richtung, in die mein Onkel deutete. Und wirklich. Am Stamm einer imposanten Fichte lehnte ein Wesen, das menschlich aussah. Kein Fossil, nein ein lebendiges menschliches Wesen, das offensichtlich die Herde der Riesenelefanten hütete. Dieses Wesen war groß, sehr groß. Ich schätze es auf ungefähr zwölf Fuß. Der Kopf war dick wie der eines Büffels. Es hatte eine lange struppige Mähne und trug in der Hand einen Stab, der einem vorsintflutlichen Hirten würdig war. Der Riese bewegte den Kopf. Hatte er in unsere Richtung geblickt? Nun war auch meinem Onkel klar, dass uns nur die Flucht blieb.

Wir rannten so schnell wir konnten. Ungefähr fünfzehn Minuten später waren wir dem Blickfeld des Riesen entkommen. Jetzt, Monate nach dieser furchtbaren Begegnung, bin ich mir nicht sicher, ob das was wir sahen, wirklich ein Mensch war. Vielleicht hatten wir uns täuschen lassen. Vielleicht hatte uns die Angst einen Streich gespielt. Oder unsere überreizten Nerven machten uns glauben, einen Menschen gesehen zu haben. Ich bin eigentlich fast sicher, dass kein menschliches Wesen in diesen unterirdischen Höhlen leben kann. Vielleicht war es eher ein affenähnliches Tier, das sehr groß geraten war. Ja, ich bin sogar ganz sicher, dass es ein Riesenaffe war, der uns in Angst und Schrecken versetzte. Was sonst sollte da unten in der Höhle hausen?

Wir verließen den Wald. Ich betrachtete die Küste, die sich uns darbot und war fast sicher, dass wir uns nun an der Stelle befanden, an der Hans das Floß gebaut hatte. Wo war der Gretehafen? Mein Onkel suchte das Ufer mit den Augen nach Spuren von uns ab. "Bist du sicher, Axel, dass der Gretehafen hier in der Nähe ist? Ich kann nichts finden, dass darauf hinweisen würde, dass wir schon einmal hier gewesen sind."

Ich bückte mich und hob einen verrosteten Dolch auf. "Hier Onkel. Der gehörte sicher Hans!" Mein Onkel untersuchte den Dolch. "Nein. Hans hatte keinen solchen Dolch bei sich. Und weder du noch ich hatten ein Werkzeug dieser Art dabei. Dieses Messer stammt nicht von uns." Ich war verwundert. "Bist du sicher? Glaubst du, es gehört einem Weggefährten des riesigen Hirten? Aber nein, dies ist keine Waffe der Steinzeit. Die Klinge ist aus Stahl." Mein Onkel nahm mir den Dolch aus der hand und betrachtete ihn. "Axel, dieses Messer ist aus dem sechzehnten Jahrhundert. Edelleute trugen Dolche dieser Art am Gürtel und ich bin fast sicher, dass er spanischen Ursprungs ist. Sieh dir die Rostschicht an, Axel. Diesen Dolch liegt schon Jahrhunderte hier unten. Und er ist schartig. Jemand ist vor uns hier gewesen. Vielleicht hat der Mann seinen Namen in einen Felsen geritzt. Vielleicht ist der Dolch davon so schartig geworden."

Gespannt sahen wir uns um. Wir gingen an der Felswand entlang und musterten jede Spalte. So gelangten wir an eine Stelle, an der das Ufer schmaler wurde. Das Meer umspülte den Fuß des Felsens und ließ einen ungefähr zwei Klafter breiten Weg frei. Schließlich entdeckten wir zwischen zwei Felsvorsprüngen den Eingang zu einem dunklen Tunnel. "A.S.!", rief mein Onkel. "Arne Saknussemm. Immer wieder Arne Saknussemm."





Der Klassiker DIE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE von Jules Verne (1828-1905) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Édouard Riou (1838-1900) hergestellt.

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