LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der alte Seebär

Ich möchte euch die Geschichte der Schatzinsel erzählen, auf der sich noch jetzt ungehobene Schätze befinden. Aus diesem Grund werde ich ihre Lage verschweigen.

Beginnen möchte ich aber mit der Zeit, als mein Vater das Gasthaus ‚Zum Admiral Benbow' bewirtschaftete und ein alter sonnengebräunter Seemann mit einem Säbelhieb quer über die Wange sein Quartier zum ersten Mal unter unserem Dach aufschlug. Schon am ersten Tag sang er das Seemannslied:

"Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste,
jo-ho, jo-ho - und ' ne Buddel voll Rum!",

das auch später noch oft aus seinem Munde erklang.

Unser Gasthaus gefiel ihm, da nicht viele Leute herkamen und er vom Hügel aus das Meer beobachten konnte. Er trug zwar schäbige Kleider, aber bezahlte sofort mit 2 oder 3 Goldstücken und sein Auftreten war das eines Menschen, der Gehorsam gewohnt ist. War er vielleicht ein alter Steuermann oder Kapitän, der nicht erkannt werden wollte?

Der Alte, den ich fortan bei mir Kapitän nannte, war meist schweigsam und beobachtete mit seinem Fernrohr das Meer. Ich sollte ihn alarmieren, wenn ein Matrose mit nur einem Bein auftaucht.

Wenn er am Abend zu viel Rum getrunken hatte, sang er laut seine verrückten, wilden Seemannslieder, und alle Gäste hatten Angst vor ihm. Am meisten fürchteten sie aber seine schrecklichen Erzählungen vom Hängen und Ertrinken, von fürchterlichen Stürmen auf dem Meer und von der Seeräuberinsel Tortuga. Welch interessantes, abenteuerliches Leben er geführt haben musste!

Woche für Woche, Monat für Monat blieb er in unserem Haus.

Als mein Vater sehr krank wurde, kam oft unser Arzt Doktor Livesey, der gleichzeitig der Richter war, zu uns. Er hatte ein sehr angenehmes Wesen und stand rein äußerlich mit seiner gepflegten Kleidung und seiner gepuderten schneeweißen Perücke im krassen Gegensatz zum Kapitän.

Als dieser mit dem Doktor einen Streit beginnen wollte, stellte der sich mutig gegen ihn, ohne einen Funken von Angst zu zeigen. Er machte dem alten Seebären klar, dass er ihn im Auge behalten werde.

Nicht lange danach kam es zu einem ersten geheimnisvollen Vorfall.

Wir hatten einen bitterkalten Winter mit schweren Stürmen. Da es meinem Vater immer schlechter ging, mussten sich meine Mutter und ich allein um die Wirtschaft kümmern.

An einem dieser frostigen Tage war der Kapitän sehr früh aufgestanden und zum Strand gegangen. Ich war in der Gaststube und deckte schon den Tisch für ihn, als ein Mann herein kam, den ich noch nie vorher gesehen hatte. Er war ein blasser, aufgeschwemmter Kerl, dem zwei Finger an der linken Hand fehlten, und er trug ein Entermesser.

Er wollte ein Glas Rum trinken und winkte mich an seinen Tisch. Mit lauernder Stimme fragte er mich, ob der gedeckte Frühstückstisch für seinen Maat Bill sei. Als ich ihm sagte, dass ich diesen Maat nicht kenne, antwortete er, dass man diesen auch Kapitän nennen kann, und seine Beschreibung traf genau auf unseren Gast zu. Ich erzählte ihm, dass dieser spazieren gegangen ist und zeigte ihm den Weg zu den Felsen. Er wartete aber in der Gaststube, und auch ich durfte nicht nach draußen gehen.

Endlich kam der Kapitän zurück und trat ein. "Bill", sagte der Fremde. Der Kapitän drehte sich auf dem Absatz um und stand uns mit kreidebleichem Gesicht gegenüber. Er sah aus wie ein Mensch, der einen Geist oder den Teufel oder etwas noch Schlimmeres erblickt.

"Komm, Bill, du kennst mich doch", sagte der Fremde. "Du erinnerst dich doch sicher an deinen alten Schiffskameraden?" Der Kapitän schnappte nach Luft. "Schwarzer Hund!", sagte er. "Wer sonst?", entgegnete der andere und sprach von ihrer gemeinsamen Zeit.

Schließlich setzten sie sich an den Tisch, und ich lauschte gespannt, ob ich etwas von ihrem Gespräch verstehen könnte. Als ihre Stimmen lauter wurden, hörte ich einige Worte des Kapitäns. "Nein, nein, nein, nein - und jetzt Schluss damit!", schrie er einmal, und dann: "Wenn es zum Hängen kommt, dann sollen alle hängen, sage ich!"

Dann folgten plötzlich Flüche und andere Geräusche, Stühle und Tische krachten übereinander, Stahl klirrte, und dann erscholl ein lauter Schmerzensschrei. Im nächsten Augenblick sah ich den schwarzen Hund in voller Flucht und den Kapitän dicht hinter ihm. Beide hatten die Messer gezogen, und dem Flüchtenden tropfte Blut von der linken Schulter. Schließlich verschwand er mit nicht geahnter Schnelligkeit hinter dem Hügel.

Kurz darauf brach der Kapitän in der Gaststube zusammen. Sein Gesicht hatte eine entsetzliche Farbe, sein Atem ging schwer und seine Augen waren geschlossen. Zum Glück kam gerade in diesem Moment Doktor Livesey zur Tür herein. Er stellte fest, dass der Kapitän einen Schlaganfall hatte, versorgte ihn, und wir brachten ihn ins Bett. Als ich gegen Mittag mit frischen Getränken und Medizin zu ihm kam, schimpfte er auf den Doktor, der ihm den Rum verboten hatte, und fluchte vor sich hin.

"Jim", sagte er schließlich, "du hast doch jenen Seemann heute gesehen?"

"Den schwarzen Hund?", fragte ich.

"Ja, den schwarzen Hund. Er ist ein Bösewicht, aber es gibt noch schlimmere Kerle, und die haben ihn angestiftet. Sie haben es auf meine alte Seekiste abgesehen.

Reite zu dem Waschlappen von einem Doktor und sage ihm, dass er mit allen seinen Beamten herkommen soll, denn bald wird er hier alle die antreffen, die von der Mannschaft des Kapitän Flint übrig geblieben sind. Ich bin der Einzige, der den Platz seines Schatzes kennt. Er sagte ihn mir, als er im Sterben lag, so wie ich jetzt."

Aber du darfst nichts verraten, solange sie mir nicht den Schwarzen Fleck geschickt haben oder bis du den Schwarzen Hund wieder gesehen hast oder einen Seemann mit einem Bein - ihn ganz besonders, Jim!"

"Aber was ist denn der Schwarze Fleck, Käpt´n?", fragte ich.

"Das ist eine Vorladung, mein Junge. Ich werde dir das erklären, wenn sie es tun. Aber halt nur die Augen offen, und - bei meiner Ehre - ich werde dir die Hälfte abgeben."

Er nahm seine Medizin wie ein Kind und fiel dann in einen tiefen, einer Ohnmacht ähnlichen Schlaf.

An diesem Abend starb mein Vater, und das drängte alle anderen Gedanken in den Hintergrund.

In den nächsten Tagen kam der Kapitän die Treppe wieder bis in die Gaststube herunter und nahm seine Mahlzeiten wie gewöhnlich ein, allerdings aß er sehr wenig, trank dafür aber umso mehr Rum und sang sein hässliches altes Seemannslied.

Manchmal steckte er seine Nase zur Tür hinaus, um die Seeluft einzuatmen. Dabei stützte er sich auf die Mauer des Hauses und atmete tief und schwer wie ein Mann, der einen steilen Berg bestiegen hat.

Da er mich nie ansprach, glaubte ich, er habe sein Geständnis so gut wie vergessen.

Trotz seiner Schwäche sah er in der Trunkenheit gefährlich aus, wenn er sein Entermesser zog und es blank vor sich auf den Tisch legte.

Am Tag nach dem Begräbnis meines Vaters sah ich auf der Straße einen Mann langsam näher kommen. Er war offenbar blind, denn er tastete mit einem Stock vor sich hin. Er ging gebückt und trug einen weiten, alten und zerfetzten Matrosenmantel mit einer Kapuze, der ihn geradezu entstellte. Nie in meinem Leben habe ich eine abstoßendere Gestalt erblickt.

Vor dem Gasthaus blieb er stehen und fragte, wo er sei. Ich antwortete ihm, dass er sich in der Bucht von Black Hill beim ‚Admiral Benbow' befinde. Als ich ihm meinen Arm reichte, um ihn auf seinen Wunsch hin hereinzuführen, zog er mich plötzlich mit einem kraftvollen Ruck zu sich und sagte: "Nun, mein Junge, führe mich hinein zum Kapitän!" Als ich ablehnte, drohte er, mir den Arm zu brechen und verdrehte mir diesen augenblicklich so, dass ich vor Schmerz laut aufschrie.

"Genug jetzt, marsch!", befahl er mir mit grausamer, kalter Stimme, die mich noch mehr einschüchterte als seine Misshandlung. "Führe mich geradeaus zu ihm hin, und wenn er mich sieht, dann rufst du: ‚Hier ist ein Freund von euch, Bill!' " Nachdem er mich noch einmal schmerzhaft zwickte, hatte ich solche Angst vor dem Blinden, dass ich gehorchte.

Der Kapitän schaute hoch und war augenblicklich nüchtern. Er wollte sich von seinem Stuhl erheben, aber dazu fehlte die Kraft. Der Blinde forderte mich auf, die linke Hand des Kapitäns an seine eigene rechte zu führen, und ich sah, wie er etwas in die Hand des Kapitäns schob. Sofort darauf verschwand er.

Als der Kapitän sich von seinem Schreck erholt hatte, rief er: "Zehn Uhr! Sechs Stunden! Die wollen wir noch nutzen!" Damit sprang er auf die Füße, begann aber zu taumeln, schwankte einem Augenblick und fiel dann zu Boden. Meine Mutter eilte herbei, aber ein neuer Schlaganfall hatte dem Leben des Kapitäns ein Ende gesetzt.


<< Zurück blättern



Der Klassiker DIE SCHATZINSEL von Robert Louis Stevenson (1850-1894) wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Georges Roux (1850 - 1929) hergestellt.

Artikel versenden

Einfach Karte ausfüllen und per E-Mail an Freunde verschicken!

Dein Name:

Deine E-Mail:

Name des Empfängers:

E-Mail des Empfängers:

Deine Nachricht:



Artikel versenden

Sorry!
Beim Versenden ist leider ein Fehler aufgetreten:




Artikel versenden

Vielen Dank!
Deine Nachricht an wurde erfolgreich versendet. Wenn du möchtest, kannst du noch eine weitere Mail versenden:


Mellvil
Spielotti
Liederbaum
Mellvil
Mellvil
Zzzebra
Mellvil
Mellvil