LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die Papiere des Kapitäns

Bei unserer Ankunft sagte uns das Dienstmädchen des Doktors, dass dieser nicht zu Hause ist, dass er auf dem Schloss mit dem Baron speise und dort den ganzen Abend verbringen werde.

"Dann wollen wir dorthin reiten", sagte Inspektor Dance.

Der Diener ließ uns sofort ein und führte uns in die große Bibliothek. Ich hatte den Baron noch nie so nahe gesehen: Er war groß und breit mit einem derben, offenen Gesicht. Seine Augenbrauen waren tiefschwarz und in ständiger Bewegung.

Der Baron, der Mister Trelawney hieß, und der Doktor begrüßten uns und fragten nach dem Grund unseres Kommens. Als sie vom Inspektor die Geschichte hörten, zerbrach der Baron vor Begeisterung seine lange Pfeife, und der Doktor hatte, vermutlich um besser hören zu können, seine gepuderte Perücke abgenommen. Mit seinen kurz geschorenen schwarzen Haaren sah er sehr merkwürdig aus.

Ich gab dem Doktor das in Wachstuch eingewickelte Päckchen, das er von allen Seiten ansah und dann in seine Rocktasche steckte. Inspektor Dance trank ein Bier und ritt dann wieder zum Dienst. Ich durfte mit dem Doktor auf dem Schloss bleiben und nahm ein kräftiges Abendbrot zu mir, denn ich war hungrig wie ein Wolf.

Doktor Livesey sagte: "Baron, Ihr habt sicher schon von diesem Flint gehört, nehme ich an?" "Schon von ihm gehört!", rief der Baron. "Von ihm gehört! Er war der blutdürstigste Seeräuber, der je die Meere befahren hat. Die Spanier hatten eine so entsetzliche Furcht vor ihm. Ich habe mit meinen Augen seine Toppsegel auf der Höhe von Trinidad gesehen, und der Kapitän, auf dessen Schiff ich mich befand, kehrte einfach feige um und fuhr zurück nach Port-of-Spain."

Der Baron war überzeugt, dass Flint sehr viel Geld hatte, denn das Einzige, was diesen Schurken je interessiert hätte, sei Geld gewesen. Schließlich sagte der Doktor: "Nehmen wir an, dass das, was ich hier in meiner Tasche habe, so etwas wie ein Hinweis ist auf den Ort, wo Flint seinen Schatz vergraben hat - kann dieser Schatz sehr viel wert sein?"

"Sehr viel wert, mein Herr?", schrie der Baron. "Er ist so viel wert, dass ich - wenn wir den Hinweis haben, von dem ihr sprecht - sofort im Dock von Bristol ein Schiff ausrüsten und Euch und Hawkins mit auf die Reise nehmen werde. Und ich werde den Schatz finden, und wenn ich ein ganzes Jahr lang danach suchen müsste."

Also beschlossen wir, das Päckchen zu öffnen. Da es zugenäht war, musste der Doktor seine Instrumententasche holen und es mit seiner Operationsschere aufschneiden. Es enthielt zwei Dinge: Ein kleines Buch und ein versiegeltes Papier.

Zuerst schlug der Doktor das Buch auf. Auf der ersten Seite befanden sich nur einige Kritzeleien. Die nächsten zehn oder zwölf Seiten waren mit einer Reihe seltsamer Eintragungen angefüllt. Am Beginn jeder Zeile stand ein Datum und am Ende eine Geldsumme wie in einem gewöhnlichen Kontobuch, aber anstelle einer Erklärung waren dazwischen immer nur Kreuze.

Diese Buchführung erstreckte sich über fast zwanzig Jahre, wobei die eingetragenen Summen immer höher wurden. Am Ende stand eine Summe und darunter die Worte "Bones sein Anteil".

"Das ist mir ganz und gar unverständlich", sagte Doktor Livesey.

"Aber es ist doch alles sonnenklar!", rief der Baron. "Es ist das Kontobuch dieses finsteren Kerls. Diese Kreuze stehen für die Namen der Schiffe oder Städte, die sie versenkt oder geplündert haben. Die Beträge sind der Anteil des Schurken." Der Doktor bemerkte, dass die Beträge immer höher wurden, je weiter Bills Rang stieg. Sonst stand nur wenig in dem Buch.

"Doch nun zu dem anderen Papier", sagte der Baron. Dieses Papier war an mehreren Stellen versiegelt. Sehr vorsichtig öffnete es der Doktor und heraus fiel die Karte einer Insel mit Längen- und Breitengraden, Lotungen, Namen von Bergen, Buchten und Einfahrten, also allen Einzelheiten, die nötig waren, um ein Schiff an ihren Küsten zu einem sicheren Ankerplatz zu bringen. Sie maß etwa neun Meilen in der Länge und fünf in der Breite und hatte ungefähr die Form eines aufrecht stehenden, fetten Drachens.

Es gab zwei schöne, vom Land geschützte Häfen und im mittleren Teil einen Berg, der mit "Das Fernrohr" bezeichnet war. Außerdem befanden sich auf der Karte Angaben aus späterer Zeit und vor allem drei Kreuze mit roter Tinte, zwei im nördlichen Teil der Insel und eins im Südwesten. Bei diesem letzten Kreuz standen in sauberer Schrift, die sich deutlich vom Gekritzel des Kapitäns unterschied, die Worte: "Hauptteil des Schatzes liegt hier".

Auf der Rückseite hatte die gleiche Person folgende Informationen geschrieben:

‚Hoher Baum, Abhang des Fernrohrs, deutet auf einen Punkt in Nordnordost zu Nord.
Skelettinsel Ostsüdost und bei Ost.
Zehn Fuß.
Das Barrensilber befindet sich im nördlichen Versteck.
Es ist am östlichen Abhang des Hügels zu finden, zehn Faden südlich von dem schwarzen Felsen,
mit dem Gesicht ihm zugekehrt.
Die Waffen sind leicht zu finden, in dem Sandhügel,
Nordspitze der nördlichen Landzunge, an der Einfahrt, Richtung Ost und ein Viertel Nord. J.F.'

Diese wenigen Worte, die ich nicht verstand, erfüllten den Baron und den Doktor mit Entzücken. Der Baron sagte: "Livesey, Ihr gebt sofort Eure elende Praxis auf. Morgen reise ich nach Bristol und in zwei Wochen oder zehn Tagen werden wir das beste Schiff und die ausgesuchteste Mannschaft haben, die es in England gibt. Hawkins wird als Schiffsjunge mitkommen. Ihr, Livesey, werdet Schiffsarzt, ich selbst der Admiral. Wir werden bei herrlichem Wind eine schnelle Reise ohne Schwierigkeiten haben und an dem Platz so viel Geld finden, damit wir uns darin wälzen können, solange wir wollen."

Der Doktor war sofort bereit mitzukommen, aber er äußerte seine Bedenken, weil er der Meinung war, dass Mister Trelawney zu schwatzhaft sei, weil wir ja nicht die einzigen waren, die von dem Papier wussten. Die Kerle, die die Wirtschaft angegriffen hatten, und andere, die mit dem Kapitän an Bord gewesen waren, würden auf jeden Fall versuchen, in den Besitz des Schatzes zu gelangen. Wir alle gelobten, stumm wie ein Grab zu sein.





Der Klassiker DIE SCHATZINSEL von Robert Louis Stevenson (1850-1894) wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Georges Roux (1850 - 1929) hergestellt.

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