LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Was ich im Apfelfass hörte

"Nein, nicht ich", sage Silver. "Flint war der Käpt'n. Ich war nur Quartiermeister, wegen meines Holzbeines. Dieselbe Breitseite, die mich mein Bein kostete, nahm dem alten Pew sein Augenlicht." Dann erzählte er weiter, dass man den Namen eines Schiffes niemals ändern soll, wenn es einmal getauft ist, sonst geht es unter wie "Das alte Wahlross", Flints erstes Schiff. Silver sprach: "Ich habe es gesehen, triefend von Blut und bis zum Absaufen mit Gold beladen."

"Ha!", rief eine andere Stimme. Es war die des jüngsten Matrosen an Bord, und sie war voller Bewunderung. "Flint war eben doch der Tollste von allen!"

Der lange John erzählte ihm noch, dass er zuerst mit England, dem großen Piraten, gefahren sei und dann mit Flint. Diesmal fahre er sozusagen auf eigene Rechnung. Unter England legte er sich neunhundert Pfund zurück und unter Flint zweitausend. Er erklärte dem jungen Matrosen, wie wichtig es sei zu sparen. Er sagte zum Beispiel: "Der blinde Pew gab in einem Jahr zwölfhundert Pfund aus. Aber in den letzten zwei Jahren seines Lebens ging er betteln und hat gestohlen und hat den Leuten den Hals durchgeschnitten und dabei hat er gehungert. Zum Teufel!"

Dann sprach er mit dem jungen Burschen so freundlich, wie er es sonst mit mir tat. Ich hätte ihn dafür umbringen können. Durch seine Reden überzeugte er diesen ansonsten anständigen Burschen, sich mit ihm zu verbünden.

Er erzählte ihm, dass seine Frau inzwischen das "Fernrohr" verkauft hat und sich mit seinem ganzen anderen gesparten Geld aus dem Staub gemacht hat. Nach dieser Reise würden sie sich treffen, und er würde sich als Gentleman zur Ruhe setzen.

Mit einem leisen Pfiff begrüßte Silver einen weiteren Mann. Es war Dick und auch die Stimme unseres Schiffszimmermannes Israel Hands vernahm ich. Er sagte: "Smutje, eines möchte ich wissen: Wie lange sollen wir noch hin und her kreuzen wie ein verdammtes Proviantboot? Ich habe langsam die Nase voll von Käpt'n Smollett! Zum Donnerwetter, er hat mir lange genug zugesetzt. Ich möchte selbst gern in die Kajüte! Ich möchte ihren Wein und all das andere!"

"Israel", sagte Silver, "du hast keinen Verstand in deinem Kopf! Aber ich nehme an, dass du mir zuhören kannst, wenigstens sind deine Ohren dazu groß genug. Ich sage dir also folgendes: Du wirst weiter vorne schlafen und ein hartes Leben haben, du wirst leise sprechen, und du wirst nüchtern bleiben, bis ich das Zeichen gebe. Darauf kannst du dich verlassen, mein Alter."

Der Zimmermann knurrte: "Ich fragte ja nur, wann? Weiter sag' ich nichts."

"Wann! Hol' s der Teufel!", rief Silver. "Wenn du es genau wissen willst, werde ich es dir sagen. Im allerletzten Augenblick! Wir haben einen erstklassigen Seemann, Käpt' n Smollett. Er fährt dieses gesegnete Schiff für uns. Und dann haben wir den Baron und den Doktor mit einer Karte.

Ich weiß nicht, wo der Schatz liegt. Du sagst, dass du es auch nicht weißt. Schön, und deshalb meine ich, dieser Baron und der Doktor sollen das Zeug finden und uns helfen, es an Bord zu bringen, zum Teufel! Dann werden wir weitersehen. Wenn ich mich auf euch alle verlassen könnte, ihr Hundesöhne, dann sollte uns Käpt' n Smollett noch den halben Weg wieder zurückbringen, ehe ich losschlage. Aber ich weiß ja, was ihr für Kerle seid! Deshalb werde ich sie alle erledigen, sobald die Moneten an Bord sind, wenn es auch schade drum ist."

"Aber was wollen wir mit ihnen anfangen, wenn wir sie uns vornehmen?", fragte Dick.

"Nun, wie denkst du darüber?", rief der Koch. "Sollen wir sie wie Meuterer irgendwo aussetzen? So hätte es Käpt'n England gemacht. Oder sollen wir sie wie Schweine abschlachten? Das wäre Flints oder Billy Bones Art gewesen."

"Billy war der Mann dafür", erwiderte Israel. "Er sagte immer: ‚Tote können nicht mehr beißen.'

Nun ist er selber tot. Wenn je ein harter Bursche in den Hafen gefahren ist, so war es Billy."

"Du hast recht", sagte Silver. "Er war hart und schnell bei der Hand. Ich bin zwar ein Gentleman, aber diesmal ist es ernst und deshalb stimme ich für - Tod. Wenn ich erst einmal im Parlament sitze und in der Kutsche fahre, dann soll mir keiner von ihnen in die Quere kommen. Warum sollten wir sie also laufen lassen?"

"John", rief der Schiffszimmermann, "du bist ein ganzer Kerl!"

"Das kannst du erst sagen, wenn du es erlebt hast, Israel", sagte Silver. "Eine Bedingung habe ich noch: Trelawney gehört mir! Ich werde ihm seinen Kalbskopf mit diesen Händen herunterschlagen." Dann unterbrach er seine Rede und sagte: "Spring doch mal auf, sei ein guter Junge und hol mir einen Apfel aus dem Fass!"

Ihr werdet euch vorstellen können, wie ich erschrak! Wenn ich die Kraft dazu gefunden hätte, wäre ich bestimmt aus dem Fass gesprungen und davon gelaufen. Aber meine Glieder ließen mich im Stich, und mein Herz versagte mir den Dienst. Ich hörte schon, wie Dick aufstand, aber dann erklang die Stimme von Hands: "Lass das doch, du wirst doch nicht aus diesem Fass saufen wollen, John. Gib uns lieber eine Runde Rum!"

Silver gab Dick den Schlüssel, damit dieser eine Kanne abfüllen konnte. Während seiner Abwesenheit sprach Israel leise mit dem Koch. Ich konnte davon nur wenige Worte verstehen, doch einen Satz hörte ich genau: "Keiner von ihnen will sich uns anschließen." Also waren doch noch zuverlässige Männer an Bord!

Als Dick zurückkehrte, nahm jeder einen Schluck aus der Kanne und trank - der Eine "auf gutes Gelingen", der Andere "auf den alten Flint".

Schließlich fiel ein heller Lichtschein in das Fass, der Mond war aufgegangen. Fast im selben Augenblick rief die Stimme vom Ausguck: "Land ahoi!"





Der Klassiker DIE SCHATZINSEL von Robert Louis Stevenson (1850-1894) wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Georges Roux (1850 - 1929) hergestellt.

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