LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die Fahrt im Lederboot

Es war heller Tag, als ich aufwachte. Ich trieb in meinem Boot an der Südwestecke der Schatzinsel. Ich war knapp eine Viertelmeile vom Ufer entfernt, und mein erster Gedanke war, dorthin zu paddeln und an Land zu gehen.

Dieses Vorhaben musste ich aber bald wieder aufgeben, denn zwischen den herabgestürzten Felsen brüllte und schäumte die Brandung. Wenn ich da hineingeriet, dann würde mein Fahrzeug an der rauen Küste zerschellen.

Inzwischen hatte ich eine andere Möglichkeit erkannt. Ich erinnerte mich, was Silver über die Strömung gesagt hatte, die an der ganzen Westküste der Schatzinsel entlang nach Norden lief. An meiner Position erkannte ich, dass ich mich bereits in ihrem Bereich befand. Mein kleines Boot trieb überraschend ruhig und sicher dahin. Allerdings hatte ich keine Möglichkeit, meine Position zu beeinflussen, denn schon eine kleine Gewichtsveränderung erzeugte einen heftigen Wechsel im Verhalten des Bootes.

Aber welche Hoffnung hatte ich, jemals wieder an Land zu kommen, wenn ich den Kurs des Bootes nicht beeinflussen konnte? Schreckliche Angst überfiel mich, aber ich verlor nicht den Kopf. Ich beobachtete das Verhalten des Bootes und merkte, dass es sich sozusagen seinen Weg durch die Wellen suchte.

Ich beschloss, das Paddel über die eine Seite zu legen, um mit ihm an glatteren Stellen ein oder zwei Schläge in Richtung Land zu geben. Mit diesem Vorhaben begann ich sofort. Ich lag zwar sehr unbequem, und es war eine ermüdende und langwierige Arbeit, aber ich machte sichtlich Fortschritte. Ich kam dem Land sehr nah. Da änderte sich abermals die Strömung und vor mir breitete sich wieder das offene Meer aus.

Gerade vor mir, etwa eine halbe Meile entfernt, sah ich die ‚Hispaniola' unter Segel. Sie fuhr unter dem Großsegel und zwei Klüversegeln, und das herrliche weiße Tuch leuchtete in der Sonne. Allerdings fielen mir die seltsamen Manöver des Schiffes auf: Hin und her, vorwärts und zurück, nach Norden, Süden, Osten und Westen. Mir wurde klar, dass das Ruder nicht besetzt war. Wenn das stimmte, wo befanden sich die Männer? Entweder waren sie stockvoll betrunken oder sie hatten das Schiff verlassen. Wenn ich an Bord gelangen könnte, vielleicht würde es mir gelingen, das Schiff seinem Kapitän zurückzubringen.

Die Strömung führte uns beide, das Lederboot und den Schoner, gleichmäßig vorwärts. Ich fasste den Entschluss, zum Schiff zu paddeln. Ich setzte mich auf und wurde sofort von einem Wasserguss begrüßt. Ich ließ mich aber nicht von meinem Vorhaben abbringen. Mit aller Kraft paddelte ich auf die steuerlose ‚Hispaniola' zu.

Ich näherte mich dem Schoner ziemlich schnell. Ich musste annehmen, dass das Schiff verlassen war, denn keine Seele erschien an Deck. Es dauerte eine ganze Zeit, bis meine Position und die des Schiffes so günstig waren, dass ich auf dem Gipfel einer Welle den Klüverbaum fassen konnte und mein Fuß zwischen den Tauen Halt fand. Allerdings hatte ich bei dieser Aktion das Lederboot unter Wasser gedrückt, und der Schoner zermalmte es später.

Ich befand mich also auf der ‚Hispaniola', aber es gab keinen Rückzug mehr für mich.





Der Klassiker DIE SCHATZINSEL von Robert Louis Stevenson (1850-1894) wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Georges Roux (1850 - 1929) hergestellt.

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