LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Wieder der Schwarze Fleck

Die Beratung der Seeräuber hatte schon einige Zeit gedauert, als einer von ihnen das Haus betrat. Er bat uns um die Fackel und ging wieder hinaus.

Ich ging zu der nächsten Schießscharte und schaute hinaus. Auf halbem Weg den Abhang hinunter zu den Palisaden standen sie, und ein Mann lag in ihrer Mitte auf den Knien. Ich sah im Mondlicht und im Schein der Fackel, die Klinge eines Messers in seiner Hand blinken. Die übrigen hatten sich alle niedergebeugt, als wollten sie das Tun des Mannes genau verfolgen. Ich konnte erkennen, dass er außer dem Messer auch noch ein Buch in der Hand hielt, worüber ich mich wunderte.

Dann stand er auf, und die ganze Gesellschaft bewegte sich auf das Blockhaus zu. Die Tür wurde geöffnet, und die fünf Männer standen im Eingang. Dann schoben sie einen aus ihrer Mitte nach vorn. Langsam und zögerlich kam er auf uns zu. Dabei hielt er seine geschlossene rechte Hand vor sich hin.

"Na komm schon, mein Junge!" rief Silver. "Ich werde dich nicht fressen. Gib es nur her! Ich kenne die Regeln."

Der Seeräuber trat nun schneller nach vorn. Nachdem er Silver etwas von Hand zu Hand übergeben hatte, flitzte er noch schneller zurück.

Der Schiffskoch schaute sich an, was man ihm gegeben hatte. "Der Schwarze Fleck! Ich habe es mir gedacht. Allerdings wird er euch Unglück bringen, denn ihr habt das Papier dazu aus einer Bibel herausgeschnitten. Ich schätze, ihr werdet am Galgen enden."

Einer der Männer sagte: "John Silver, diese Mannschaft hat dir nach ordentlicher Beratung, wie es vorgeschrieben ist, den Schwarzen Fleck übergeben. Jetzt dreh ihn herum, wie es vorgeschrieben ist, und schau nach, was draufsteht. Dann kannst du reden."

"Vielen Dank, Georg", erwiderte der Schiffskoch. "Du hast die Regeln im Kopf. Das sehe ich gern. Also, was ist es denn nun? Ah, abgesetzt- das ist es. Das ist sehr schön geschrieben. Ist das deine Handschrift, Georg? Würde mich gar nicht wundern, wenn du demnächst hier der Käpt'n wirst. Aber jetzt werde ich so, wie es die Regeln verlangen, hier sitzen bleiben und warten bis ihr eure Beschwerden vorbringt und ich euch antworten werde. Inzwischen ist euer Schwarzer Fleck nicht einen Zwieback wert. Alles Weitere wird sich dann finden."

"Oh", erwiderte Georg, "du meinst wohl, du hättest nichts zu befürchten? Wir sind uns jedenfalls einig, das kann man sagen. Erstens hast du dieses ganze Unternehmen verpfuscht, was du nicht leugnen kannst. Zweitens hast du den Feind umsonst aus dieser Falle hier herausgelassen. Drittens wolltest du uns nicht erlauben, sie auf dem Weg zu überfallen. Wir haben dich durchschaut, Silver. Du hast ein falsches Spiel mit uns getrieben. Und viertens ist da noch dieser Junge."

"Ist das alles?", fragte Silver ruhig.

"Es ist mehr als genug", gab Georg zurück. "Für deine Fehler werden wir alle hängen."

"Also gut, hört zu. Ich werde auf diese vier Punkte antworten. Ich habe also dieses Unternehmen verpfuscht. Hab' ich das wirklich? Ihr wisst alle, was ich wollte, und wenn wir es so durchgeführt hätten, dann säßen wir jetzt wieder an Bord der ‚Hispaniola', und der Schatz läge sicher im Laderaum des Schiffes. Wer hat meine Pläne durchkreuzt? Wer ist daran schuld? Anderson und Hands und du, Georg! Und du bist der letzte von dieser aufsässigen Bande, der noch an Bord ist.

Und du hast die Unverschämtheit, aufzustehen und dich als Käpt'n über mich zu setzen? Gerade du, der viele von uns ins Unglück gestürzt hat? Bei allen Teufeln, das ist das stärkste Stück, das ich je erlebt habe!"

An den Gesichtern von Georg und seinen Leuten konnte ich ablesen, dass er nicht vergeblich gesprochen hatte.

"Das war schon eine ganze Menge, was? Ihr sagt, dieses Unternehmen sei verpfuscht. Wenn ihr nur begreifen könntet, wie sehr es verpfuscht ist, ihr würdet staunen! Wir sind dem Galgen so nahe, dass mir der Hals steif wird, wenn ich nur daran denke.

Wenn ihr etwas über Nummer vier hören wollt, über diesen Jungen da. Ist er nicht eine Geisel? Sollen wir eine Geisel vernichten? Nein, er kann unsere letzte Rettung sein, und das sollte mich nicht wundern.

Und Nummer drei? Dazu gibt es eine ganze Menge zu sagen. Vielleicht zählt es für euch nichts, wenn ein studierter Doktor jeden Tag zu euch kommt, um nach euch zu sehen - nach dir John, mit deinem zerschlagenen Schädel, oder nach dir Georg, den noch vor sechs Stunden das Fieber schüttelte und der Augen hat so gelb wie eine Zitrone.

Und nun zu Nummer zwei und warum ich einen Handel gemacht habe." Er warf ein Stück Papier auf den Boden, das ich sofort erkannte. Es war die Karte auf dem gelben Papier mit den drei roten Kreuzen, die ich in dem Wachstuch auf dem Boden der Kiste des Kapitäns gefunden hatte. Ich konnte mir einfach nicht denken, warum der Doktor sie ihm gegeben hatte.

Das Auftauchen der Karte war für die Meuterer ganz und gar unglaublich. Sie sprangen darauf wie Katzen nach einer Maus. Sie ging von Hand zu Hand, einer entriss sie dem anderen. Man hätte denken können, nicht nur das Gold befinde sich schon in ihren Händen, sondern sie seien schon in Sicherheit und auf See damit. An der Unterschrift auf der Karte hatten sie erkannt, dass es wirklich Flints Plan war.

"Alles schön und gut", sagte Georg, "aber wie sollen wir mit dem Schatz wegkommen? Wir haben kein Schiff!"

"Georg, durch eure Meuterei haben wir das Schiff verloren, aber ich habe den Schatz gefunden. Wer ist also der bessere Mann? Und jetzt trete ich zurück, zum Donnerwetter. Jetzt wählt zu eurem Käpt'n, wen ihr wollt, ich habe genug davon!"

"Silver!", schrien sie. "Silver soll unser Kapitän sein!"

"Ich schätze also, Freund Georg, du wirst auf eine andere Gelegenheit warten müssen", sagte der Koch. "Und nun, Kameraden, was ist mit dem Schwarzen Fleck?" Silver schenkte ihn mir als Andenken an diese Nacht, und ich habe ihn bis heute aufbewahrt.

Nach diesen Ereignissen gab es noch einen Umtrunk für alle, und dann legten wir uns zum Schlafen nieder. Silver rächte sich an Georg, indem er ihn als Wache aufstellte und ihm den Tod androhte, falls er sich als unzuverlässig erweisen sollte.

Es dauerte lange, bis ich die Augen schließen konnte. Ich dachte über Silver nach, der einerseits die Meuterer im Zaum halten wollte und andererseits versuchte, Frieden zu schließen, um sein eigenes Leben zu retten. Ich hatte Mitleid mit ihm, so schlecht er auch war.





Der Klassiker DIE SCHATZINSEL von Robert Louis Stevenson (1850-1894) wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Georges Roux (1850 - 1929) hergestellt.

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