LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Vorwort

Einst lebte ein Straßenräuber im Sherwood-Forest unweit der Stadt Nottingham als König Heinrich II. England regierte. Sein Name war Robin Hood. Er war der geschickteste Bogenschütze weit und breit. Sieben Gefährten durchstreiften mit ihm die Wälder und es hatte nie freiere Männer gegeben als diese. Sie lebten tief im Sherwood-Forest. Sie ernährten sich von des Königs Wild, tranken frisches Bier und übten sich im Bogenschießen und im Stockkampf.

Sie alle waren Strauchdiebe. So wie sie gemeinsam lebten, so raubten und plünderten sie gemeinsam. Doch sie wurden vom Volk geliebt, da sich ein jeder Hilfe suchend an Robin Hood und seine Männer wenden konnte.

Robin war nicht immer ein Geächteter und Gesetzloser gewesen. Er zählte gerade einmal achtzehn Jahre, als es ein Wettschießen gab, das der Sheriff von Nottingham ausrichtete. Der beste Schütze sollte ein Fass Bier gewinnen und Robin fand, dass dies gerade das Richtige für ihn war. So machte er sich mit seinem Eibenholzbogen und gut zwei Dutzend Pfeilen auf, um von Locksley nach Nottingham zu wandern.

Wie junge Burschen es oft tun, war Robin in Gedanken an sein Mädchen versunken als er mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen in den warmen Maitag hineinwanderte. Auf seinem Weg nach Nottingham stieß er auf einige Förster, die unter einem großen Baum saßen und sich an Fleischpastete und Bier erfrischten. Sie waren gut gekleidet und als Robin herankam, sprach einer der Männer ihn an. "Na Kleiner? Hast du deinen Spielzeugbogen dabei? Wo willst du denn damit hin?" Die Männer lachten über den plumpen Scherz ihres Gefährten. Robin wurde wütend und antwortete: "Mein Bogen und meine Pfeile sind genauso gut wie Eure. Ich bin auf dem Weg nach Nottingham, dort will ich als bester Schütze das Fass Bier gewinnen."

Die Männer lachten laut und äußerten Ihre Zweifel, ob Robin überhaupt einen Bogen spannen könne. "Ich wette um zwanzig Taler, dass ich bei einer Zielscheibe auf dreihundert Fuß Entfernung genau das Zentrum treffe.", fauchte Robin. "Das kann jeder sagen.", versetzte einer der Männer. "Nur, dass wir gerade keine Zielscheibe in der Nähe haben." Robin wurde sehr böse und sah sich um. "Seht ihr das Rudel Hirsche dort drüben. Es ist mehr als dreihundert Fuß entfernt. Ich wette um zwanzig Taler, dass ich den besten Hirsch treffe." Einer der Förster sprang auf und rief: "Abgemacht. Ich halte dagegen. Ich wette zwanzig Taler, dass du überhaupt keinen Hirsch triffst." Robin spannte seinen Bogen, zielte und schoss. Mit einem hellen Sirren schnellte der Pfeil durch die Luft und der beste Hirsch des Rudels fiel tot zu Boden.

"Wie hat Euch der Schuss gefallen?", triumphierte Robin. "Schade, dass wir nicht um mehr Geld gewettet haben." Der Förster der Wette verloren hatte, wurde nun seinerseits wütend. "Diese Wette gilt nicht.", schrie er erbost. "Sieh zu, dass du weiterkommst, bevor ich dich windelweich prügele." Ein andere fügte hinzu: "Du hast einen Hirsch des Königs geschossen. Dafür werden dir die Ohren abgeschnitten. Los, Männer. Packt ihn." "Lasst ihn laufen. Er ist doch noch so jung.", mischte sich nun ein dritter Förster ein. Robin sah von einem zum anderen. Dann machte er wortlos kehrt und ging seines Weges.

Alles wäre gut gegangen, wenn die Förster nicht so viel Bier getrunken hätten. Der Erste, der das Wort an Robin gerichtet hatte, fühlte sich durch seinen guten Schuss bloßgestellt. Er griff nach seinem Bogen und sagte: "Dir werde ich Beine machen." Er schickte mit unsicherer Hand einen Pfeil dem davongehenden Robin hinterher. Er verfehlte ihn, aber Robin drehte sich um und schickte einen Pfeil zurück. "Auch ich bin ein Bogenschütze!", rief er. Der Förster sank getroffen zu Boden und war auf der Stelle tot. Robin verschwand so schnell er konnte im Wald, ehe die anderen Förster überhaupt zur Besinnung kamen. Sie verzichteten darauf, ihm nachzusetzen und legten stattdessen ihren Toten auf eine Bahre, um ihn nach Nottingham zu bringen.

Robin lief durch den Wald. Er hatte einen Menschen getötet. Dieses Wissen lag ihm nun schwer auf der Seele. "Wenn sie das Wort nicht an mich gerichtet hätten, wäre nichts geschehen. Nun muss ich hier im Wald bleiben, denn manche Dinge kann man einfach nicht mehr ändern."

Robin blieb also im Wald, der im Laufe der Jahre seine Heimat werden sollte. Er war nun geächtet und die fröhlichen Tage mit den jungen Mädchen und Burschen aus Locksley gehörten der Vergangenheit an. Er war ein Wilderer und ein Mörder dazu. Auf seinen Kopf wurde ein Kopfgeld von zweihundert Pfund ausgesetzt. Derjenige, der Robin vor das königliche Gericht brächte, würde dieses Geld erhalten. Es war der Sheriff von Nottingham, der Robin höchstpersönlich ergreifen wollte, denn der getötete Förster war ein Verwandter von ihm gewesen. Außerdem wollte er gern das Kopfgeld in seinen Beutel füllen.

Ein Jahr hielt Robin sich im Sherwood-Forest versteckt. In dieser Zeit kamen immer mehr Männer in die Wälder, die wie Robin geächtet und ausgestoßen waren. Sie scharten sich um Robin und machten ihn zu ihrem Anführer. Sie leisteten einen Schwur, den Bedrückern alles abzuknöpfen, was diese den Armen durch ungesetzliche oder ungerechte Steuern oder Strafen abgenommen hatten. Alle Armen jedoch sollten bei ihnen Hilfe und Schutz finden. Diesem Schwur blieben die Männer treu und das Volk merkte bald, dass es von Robin und seinen Männern nichts zu befürchten hatte. Diese halfen ihm sogar in Notzeiten mit Geld oder Nahrung. So wurden die Männer vom Sherwood-Forest die Helden des einfachen Volkes.

Eines Morgens rief Robin Hood seine Gefährten zusammen und verkündete: "Ich mache mich auf, um ein Abenteuer zu suchen. Seit 14 Tagen ist nichts mehr passiert und ich bin unruhig. Ihr bleibt hier. Achtet auf meinen Ruf. Vielleicht brauche ich Hilfe und dann werde ich dreimal in mein Horn stoßen." Damit ging er davon und wanderte durch den Wald. Er suchte ein Abenteuer, aber zunächst traf er nur ein dralles Mädchen an einem Feldweg, dem er flüchtig zulächelte. Auch eine feine Dame hoch zu Pferd und ein fetter Mönch mit einem Esel mit vollen Satteltaschen, die er von Ferne sah, reizten seine Abenteuerlust nicht. Ein Ritter in glitzernder Rüstung und ein Bürger aus Nottingham kreuzten ebenso seinen Weg, aber ein Abenteuer waren auch sie nicht.

Schließlich schlug Robin einen schmalen Pfad ein, der hinunter zu einem Bach führte. Ein Baumstamm diente als Brücke, um das andere Ufer zu erreichen. Robin betrat eben den Baustamm, als er von der anderen Seite einen hoch gewachsenen Fremden auf den Baustamm zukommen sah. Robin ging schneller, ebenso der Fremde, denn jeder wollten als Erster über den Bach.

"Halt!", rief der Fremde mit lauter Stimme. "Mach du Platz, und lass den besseren Mann zuerst hinüber." , versetzte Robin. "Mach selber Platz! Warte, denn der bessere Mann bin ich!", antwortete der Fremde. "Wir werden gleich sehen, wer der bessere Mann ist. Bleib da stehen, oder ich schieße dir einen Pfeil zwischen die Rippen." sagte Robin. "Was bist du doch für ein Feigling! Du hast einen Bogen und ich nur einen Stock, mit dem ich dir gleich das Fell gerben werde." Robin zuckte zusammen. "Niemand nennt mich einen Feigling! Warte nur, ich hole mir einen Stock und dann können wir kämpfen." "Ich bin gespannt.", rief der Fremde. "Ich warte auf dich." Robin eilte davon und schnitt sich einen ungefähr sechs Fuß langen Eichenstock. "Nun komm, Großmaul.", schrie er zu dem Fremden hinüber, der pfeifend auf seinen Stock gestützt wartete. Robin fand, dass er noch nie einen kräftigeren Mann gesehen hatte. Er überragte ihn selbst um Haupteslänge und obwohl Robin breitschultrig war, war der Fremde bestimmt um eine Elle breiter. "Wer zuerst im Bach liegt, hat verloren.", rief Robin.

Hart schlugen die Stöcke aufeinander. Robin hatte keine Angst, denn er war mit dem Stock fast so geschickt, wie mit dem Bogen. Er hatte aber seinen Gegner unterschätzt. Der Fremde war ein großartiger Kämpfer und so standen die beiden wohl eine Stunde und keiner wich auch nur einen Fingerbreit zurück. Jeder dachte für sich, dass der andere wahrlich ein guter Stockfechter sei, aber keiner bat um Gnade oder dachte daran, in den Bach zu fallen. Es gelang Robin, den Fremden zwischen den Rippen zu treffen. Er taumelte und wäre fast ins Wasser gestürzt, fing sich aber wieder und schlug heftig zurück. Der Stock krachte auf Robins Kopf, so dass das Blut spritze. Robin stürzte in den Fluss und versank. "Wo bist du?", rief der Fremde lachend in den Bach hinab. "Im Wasser.", antwortete Robin, der gerade wieder auftauchte und über sich selbst lachen musste. "Komm, hilf mir heraus.", forderte er den Fremden auf. "Mein Schädel brummt und ich muss zugeben, dass du ein tapferer Kämpfer bist."

Robin kroch ans Ufer und setzte sein Horn an die Lippen. "Du bist aber auch ein guter Stockfechter.", sagte der Fremde, als es plötzlich im Unterholz raschelte und knackte.

Robins Männer eilten herbei, allen voran Will Stutley. "Robin, ist dir was passiert? Du bist ja ganz nass. Hat er dich verletzt?" "Dieser Bursche hier hat mich verprügelt und mich dann ins Wasser geworfen.", erklärte Robin gut gelaunt. "Dann soll ihm das Gleiche geschehen.", rief Will und stürzte sich mit seinen Gefährten auf den Fremden. Robins Männer waren geschickt und schnell, aber der Fremde wehrte sich wacker und so mussten alle eine Menge Hiebe einstecken, bevor sie ihn überwältigen konnten.

Robin lachte so sehr, dass ihm der Bauch wehtat. "Lasst gut sein. Ihm soll nichts geschehen. Wie sieht es aus, Fremder. Willst du dich uns anschließen? Wir bieten dir ein grünes Wams und vierzig Taler. Dazu Wildbret und Bier. Sei meine rechte Hand. Du bist wahrlich ein besonderer Stockfechter." Der Fremde sah Robin böse an, denn es passte ihm nicht, dass man ihm das Fell gegerbt hatte. "Beim Stockfechten kannst du mir nicht das Wasser reichen. Unter einem Freibauern verstehe ich etwas anderes. Ich bleibe nur, wenn einer von euch besser mit dem Bogen umgehen kann als ich."

"Das ist sicher nicht schwer.", meinte Robin. "Siehst du dort die Eiche? Stutley wird ein Stück Rinde herausschneiden, sagen wir, vier Finger breit. Triffst du dieses Ziel, nenne ich dich einen Schützen." Der Fremde antwortete nicht, suchte sich den besten Bogen aus, zielte und schoss. Er traf das Ziel genau in der Mitte, warf Robin einen Blick zu und sagte: "Kannst du es besser?" Robin schaute zu der Eiche hin und lobte den guten Schuss des Fremden. Dann nahm er selber seinen Bogen und einen Pfeil, zielte und schoss. Er spaltete den Pfeil des Fremden genau in der Mitte. Während Robins Männer jubelten und grölten, trat der Fremde auf Robin zu. "So einen Schuss habe ich noch nie gesehen. Ich bin Euer Mann, wenn Ihr mich noch wollt." "Also ein neuer Mann für unsere Gefolgschaft.", lachte Robin. "Sag' uns nun deinen Namen." "Man nennt mich John Little.", antwortete der Hüne und sah die Männer trotzig an, die in lautes Lachen ausbrachen. Auch Robin musste lachen. "Also, ich glaube, wir werden dich Little John nennen.", grinste Will Stutley. "Ich werde dein Taufpate sein, weil du so klein und zart bist." "Mach dich ja nicht lustig über mich, sonst wird es dir noch Leid tun.", brauste John Little auf. Robin beruhigte die Männer. "Lass gut sein, der Name passt. Du bist Little John und dabei bleibt es. Nun müssen wir dieses unschuldige Kind nur noch taufen. Lasst uns also schnell ins Lager zurückkehren."

Die Männer gehorchten und bald hatten sie das Lager in den Tiefen des Waldes erreicht. Hier hatten die Männer Hütten aus Zweigen und Baumrinden gebaut. Weiche Binsen lagen unter Dammwildfellen. In der Mitte stand eine große Eiche unter deren ausladenden Zweigen Feste gefeiert wurden. Hier saß die andere Hälfte der Gefolgschaft und briet auf einem großen Feuer einige Rehgeißen. Man stach ein Fass Bier an und alle setzten sich. Little John saß zur Rechten Robins, denn er sollte fortan in der Schar der zweite Mann sein. Nach dem Essen rief Will Stutley zur Taufe und suchte sich die sieben kräftigsten Männer aus. Little John sprang auf und röhrte: "Wer mich anfasst, wird es bereuen."

Die Männer lachten und stürzten sich auf Little John. Sie packten ihn an Armen und Beinen und schleppten ihn im Kreis herum. Einer der Männer hatte eine Glatze, deshalb sollte er den Priester spielen. Mit einem Krug Bier in der Hand trat der falsche Priester vor und fragte in salbungsvollem Ton: "Wer bringt dieses Kind und wie soll es heißen?" "Ich bringe es und sein Name soll Little John sein.", grinste Will Stutley. Der Priester nickte. "Nun gut, Little John. Hast du bisher John Little geheißen, ist dies nun vorbei. Von nun an wirst du leben und dein Name sei Little John. So sei es, weil ich dich nun taufe." Mit diesen Worten schüttete er das Bier über Little Johns Kopf. Dieser wollte erst böse sein, aber als er sah, dass alle anderen lachten, konnte er auch nicht anders als fröhlich sein und in ihr Gelächter mit einzustimmen.

Robin nahm Little John beiseite und kleidete ihn in das grüne Tuch der Männer vom Sherwood-Forest. In Little John hatte Robin einen seiner treuesten Weggefährten gefunden, der seine rechte Hand wurde. So kam es also, dass Robin als Geächteter eine Schar Männer um sich im Sherwood-Forest versammelte. Hier endet das Vorwort und ich werde euch nun erzählen, wie der Sheriff von Nottingham dreimal versuchte, Robin einzufangen und dreimal scheiterte.


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Der Klassiker ROBIN HOOD von Howard Pyle (1853-1911) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Howard Pyle hergestellt.

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