LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Mowglis Brüder - Teil 1

Es war um sieben Uhr an einem sehr warmen Abend in den Seeonee-Hügeln. Vater Wolf erwachte vom Tagesschlaf, kratzte sich und gähnte. "Uahh!", sagte er. Mutter Wolf lag mit ihrer grauen langen Nase quer auf ihren vier fiependen Jungen. Der Mond schien in den Eingang der Höhle, in der sie alle hausten.

Gerade als Vater Wolf die Höhle verlassen wollte, um sich auf die Jagd zu begeben, tauchte der Schakal - Tabaqui, der Tellerlecker - am Eingang auf. Die Wölfe von Indien verachten Tabaqui, weil er durch die Gegend rennt und Unheil stiftet, Klatschgeschichten verbreitet und Lumpen von den Abfallhaufen des Dorfes verschlingt.

Aber, wenn der Schakal mal wieder seinen Verstand verlieren sollte, fürchteten sich alle vor ihm. Dann hat er vor nichts und niemandem mehr Angst, rast durch den Wald und beißt jeden, der ihm über den Weg läuft. Selbst der Tiger springt vor dem wahnsinnigen kleinen Tabaqui davon. Dieser Wahnsinn ist das Ärgste, was einem wilden Geschöpf zustoßen kann. Wir bezeichnen ihn als Tollwut; die Tiere nennen ihn Dewanee und ergreifen die Flucht.

Missmutig ließ der Wolf den kleinen Tabaqui in die Höhle. Obwohl Vater Wolf betonte, dass er kein Futter übrig hätte, kaute der Schakal nach kurzer Zeit an dem Knochen eines Bocks, an dem noch etwas Fleisch hing. Er leckte seine Lippen und bedankte sich. Bevor er ging, erzählte er boshaft: "Shir Khan der Große hat seine Jagdgründe gewechselt. Er möchte etwa einen Monat lang in diesen Hügeln jagen!"

Shir Khan war der Tiger, der zwanzig Meilen entfernt in der Nähe des Wainganga-Flusses lebte. Vater Wolf war aufgebracht. Nach dem Gesetz des Dschungels hatte Shir Khan nicht das Recht, ohne Ankündigung sein Gebiet zu wechseln. Vater Wolf fürchtete um seine Beute - wo er doch gerade jetzt für zwei töten musste.

Mutter Wolf beruhigte ihn. Nannte man den Tiger auch Lungri, der Lahme. Er war von Geburt an auf einer Pfote lahm, deshalb schlug er nur Herdenvieh. Sie sagte: "Shir Khan hat die Dorfleute von Wainganga gegen sich aufgebracht und wird jetzt die hiesigen Dorfleute in Wut bringen. Sie werden den Dschungel nach ihm durchkämmen. Wenn er weit fort ist und das Gras angezündet wird, müssen wir und unsere Kinder fliehen. Wir sind Shir Khan wirklich dankbar!"

Tabaqui wollte wissen, ob er das dem Tiger ausrichten solle. Daraufhin schmiss Vater Wolf ihn raus.

Vater Wolf lauschte, und unten im Tal, hörte er das heisere, wütende Gejaule eines Tigers, der erfolglos von der Jagd zurückgekehrt ist. Es schien ihn nicht zu kümmern, dass der ganze Dschungel es erfuhr. Mutter Wolf flüsterte: "Pscht! Heute Nacht jagt er weder Bock noch Bullen. Er jagt einen Menschen." Sie hörte es an dem Ton, der Menschen so verwirren konnte, dass sie dem Tiger direkt ins offene Maul rannten.

Vater Wolf ereiferte sich darüber, dass ein Tier einen Menschen fressen wollte. Gab es doch genügend Käfer und Frösche. Das Gesetz des Dschungels verbietet allen wilden Tieren, Menschen zu fressen. Der tiefere Sinn liegt darin, dass ein getöteter Mann in kurzer Zeit die Ankunft von Männern auf Elefanten und mit Gewehren bedeutet. Und dann müssen alle im Dschungel leiden.

Die Tiere selbst glaubten, dass der Mensch verschont werden müsse, weil er das schwächste aller Lebewesen ist und dass es unsportlich sei, sich an ihm zu vergreifen. Außerdem würden Menschenfresser die Zähne verlieren und Krätze bekommen.

Sie hörten von Weitem, dass Shir Khan seine Beute verfehlt haben musste und dass Tabaqui ihn nun erreicht hatte. Die Büsche im Dickicht raschelten leise und Vater Wolf ließ sich auf die angezogenen Hinterläufe fallen und setzte zum Sprung an. Er war losgeschnellt, ehe er sein Ziel genau erkennen konnte; und nun versuchte er, seinen Schwung zu stoppen. Das Ergebnis war, dass er etwa anderthalb Meter steil in die Höhe schoss und fast auf derselben Stelle wieder aufkam, von der er abgesprungen war.

"Ein Mensch!", keuchte er. "Ein Menschenjunges!" Direkt vor ihm, von einem niederen Zweig gehalten, stand ein nacktes, kleines braunes Kind, das gerade erst laufen konnte. Und dieses zarte Wesen mit seinen weichen Grübchen marschierte mitten in der Nacht in eine Wolfshöhle! Es schaute direkt in Vater Wolfs Gesicht und lachte ihn an.

"So was habe ich noch nie gesehen. Bring es her!", bat Mutter Wolf. Sie war entzückt und sie überlegte, dass es sehr selten war, ein Menschenjunges zwischen jungen Wölfen zu haben. Vater Wolf sagte: "Er hat kein Haar am Leibe und ich könnte ihn mit einer einzigen Berührung meiner Pfote töten. Aber sein Blick ist ohne Furcht."

Inzwischen war Shir Khan am Höhleneingang aufgetaucht und direkt hinter ihm Tabaqui. Der Tiger suchte seine Beute. Doch Vater Wolf wusste, dass der Höhleneingang für ein so großes Tier zu schmal war. Shir Khan war an Schultern und Vorderpfoten so eng eingeklemmt, wie ein Mann, der in einem Fass zu kämpfen versucht.

Vater Wolf verteidigte den Jungen. Shir Khans Gebrüll rollte wie ein Donner durch die Höhle. Da machte Mutter Wolf einen Satz nach vorne und ihre wutfunkelnden Augen richteten sich auf Shir Khan: "Das Menschenjunge gehört mir, Lungri! Es soll leben und mit dem Rudel jagen; und am Ende - hüte dich, du Jäger von nackten kleinen Kindern, du Froschfresser - am Ende wird es dich jagen! Jetzt scher dich fort!"

Vater Wolf schaute sie fassungslos an. Dem Tiger aber war klar, dass er es mit Mutter Wolf nicht aufnehmen konnte; mit Vater Wolf hätte er es vielleicht versuchen können. Er arbeitete sich rückwärts zum Höhleneingang hinaus und brüllte: "Jeder Hund bellt auf seinem eigenen Hof! Wir werden ja sehen, was das Rudel zu diesem Menschenjungen sagen wird. Das Junge wird zwischen meinen Zähnen landen, ihr puschelgeschwänzten Diebe!"

Vater und Mutter Wolf war klar, dass sie das Menschenjunge dem Rudel vorführen mussten. Doch Mutter Wolf hatte sich schon in den Kleinen verguckt und sagte: "Lieg still, kleiner Frosch, Mowgli - denn so will ich dich nennen: Mowgli, der Frosch."

Das Gesetz des Dschungels legt unmissverständlich fest, dass jedes Wolfsjunge, sobald es auf eigenen Füßen stehen kann, dem Rudelrat vorgestellt werden muss. Gewöhnlich findet dieses Treffen einmal im Monat bei Vollmond statt. So können die anderen Wölfe die Jungen kennen lernen und wieder erkennen. Nach dieser Musterung steht es den Jungen frei, sich einen neuen Aufenthaltsort zu wählen. Doch bevor ein junger Wolf getötet werden durfte, musste er selbst seinen ersten Bock erlegt haben. So lautet das Gesetz.

Als seine Jungen etwas laufen konnten, führte Vater Wolf sie und Mowgli und Mutter Wolf in der Nacht des Rudeltreffens zum Ratsfelsen. Jede Wolfsfamilie stellte seine Jungen in der Mitte der Felsblöcke vor. Akela, der Leitwolf, pflegte zu rufen: "Ihr kennt das Gesetz! Schaut gut hin, o Wölfe!" Als es an der Zeit war, stieß Vater Wolf Mowgli in die Mitte, wo er sich lachend hinplumpsen ließ und mit ein paar Kieselsteinen spielte. Akela bemerkte das Menschenjunge erst, als das dumpfe Gebrüll von Shir Khan die Felsen erbeben ließ: "Das Junge gehört mir. Was hat das Menschenjunge mit euch zu tun!"

Das Gesetz des Dschungels besagte, dass wenn einem Jungtier das Recht auf die Aufnahme in das Rudel strittig gemacht wurde, so müssen zwei Angehörige des Rudels für das Junge eintreten. Es dürfen weder Vater noch Mutter sein. Mutter Wolf bereitete sich schon auf alles vor, als sich die Stimme des trägen braunen Bärs Baloo erhob. Er war das einzige fremde Geschöpf, das im Rudelrat geduldet ist. Er kann kommen und gehen, wie es ihm passt, weil er sich nur von Nüssen, Wurzeln und Honig ernährt. Baloo grunzte: "Ich spreche für das Menschenjunge! Lasst ihn mit dem Rudel laufen, nehmt ihn mit den anderen auf. Ich selbst will ihn unterrichten. Er tut doch keinem was zuleide."

Nun fehlte noch die zweite Stimme. Da ließ sich ein schwarzer Schatten in den Kreis fallen. Es war Bagheera, der schwarze Panther. Er war schlau wie Tabaqui, kühn wie ein wilder Büffel und so tollkühn wie ein Elefant. Seine Stimme aber klang so sanft wie wilder Honig, der von einem Baume tropft und sein Fell war weicher als Daunen. Er unterstützte Baloo und hielt die Wölfe an, das Menschenjunge im Rudel zu akzeptieren. Er erleichterte ihnen die Entscheidung mit einem Angebot: "Ich will noch einen Bullen hinzufügen - einen fetten, frisch getötet, nicht weit von hier entfernt."

Und dann erklang Akelas tiefes Bellen: "Schaut gut hin, schaut gut hin, o Wölfe!" Mowgli war immer noch mit den Steinen beschäftigt und merkte gar nicht, dass die Wölfe ihn nacheinander in Augenschein nahmen. Schließlich sprangen sie den Hügel hinunter zu dem toten Bullen. Nur Akela, Bagheera, Baloo und Mowglis Wölfe blieben zurück. Shir Khan brüllte immer noch wütend durch die Nacht. Bagheera murmelte: "Brüll nur weiter. Die Zeit wird kommen, da dieses nackte Ding dich in einem anderen Ton brüllen lassen wird, oder ich verstehe nichts von Menschen."

Akela sagte zu Vater Wolf: "Nimm ihn mit und erzieh ihn so, wie es sich für einen vom freien Volk gehört." Und so wurde Mowgli in das Seeonee-Wolfsrudel aufgenommen, zum Preis eines Bullen und mit der Fürsprache von Baloo.





Der Klassiker DAS DSCHUNGELBUCH von Rudyard Kipling (1865-1936) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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