LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Tiger! Tiger! - Teil 2

Mowgli schüttelte den Kopf über die Dummheit des Tigers. "Der bildet sich wahrscheinlich noch ein, dass ich warte, bis er ausgeschlafen hat. Wo rastet er jetzt?", fragte er seinen Grauen Bruder. "Die Büffel greifen erst an, wenn sie ihn wittern. Können wir auf seine Fährte kommen, damit sie die Witterung aufnehmen?"

"Er ist ein ganzes Stück den Fluss hinabgeschwommen, um das zu verhindern", antwortete Grauer Bruder.

Mowgli war klar, dass dies nur die Idee Tabaquis gewesen sein konnte, von alleine wäre Shir Khan nie darauf gekommen. Sie besprachen verschiedene Möglichkeiten, wie sie Shir Khan in die Enge treiben konnten. Doch zu zweit würde das schwierig werden. "Ich habe dir einen klugen Helfer mitgebracht", sagte Grauer Bruder. Er schlüpfte in eine Grube. Daraus tauchte gleich darauf ein mächtiger Kopf auf. Es war Akela! Mowgli klatschte in die Hände.

"Du hast mich nicht vergessen! Wir haben eine schwere Arbeit vor uns. Teil die Herde in zwei Gruppen, Akela. Haltet die Kühe und die Kälber zusammen und trennt sie von den Bullen und den Ackerbüffeln."

Die beiden Wölfe stürzten los und in kürzester Zeit teilten sich die Tiere in zwei Gruppen. Nicht mal sechs Männer hätten eine Herde so sauber trennen können. Akela war außer Atem.

Mowgli rief: "Treibe sie dorthin, wo die Wände der Schlucht höher sind, als Shir Khan springen kann. Halt sie dort zusammen bis wir von oben kommen." Die Bullen galoppierten davon, als Akela bellte.

Grauer Bruder blieb vor der Herde mit den Kühen stehen. Sie griffen ihn sofort an. Auf diese Weise lockte er sie zum Ausgang der Schlucht. So trieb jeder seine Herde in eine andere Richtung. "Hüüja!", rief Mowgli, "das ist eine wildere Jagd, als Schwarzhirsche zu treiben!"

Die Bullen, getrieben von Akela, drangen nun ins Unterholz ein. Die anderen Hütejungen, die eine halbe Meile entfernt standen und alles beobachteten, rannten jetzt zum Dorf. Sie schrien, die Büffel seien verrückt geworden und davongerannt.

Dabei wollte Mowgli nur in einem großen Bogen auf den Hügel kommen, und dann die Bullen hinunterjagen und sich Shir Khan zwischen den Kühen und den Bullen schnappen. Shir Khan wäre nach einer Mahlzeit nicht in der Lage, zu kämpfen oder die Steilwand der Schlucht hinaufzuklettern.

Sein Plan ging auf. Erst ließen sie die Tiere kurz verschnaufen. Um Shir Khan zu sagen, wer zu ihm kommen würde, legte er die Hände um den Mund und schrie in die Schlucht hinunter. Es klang, als riefe er in einen Tunnel hinein. Das Echo sprang von Felsen zu Felsen.

Nach einer langen Weile antwortete Shir Khan mit dem schläfrigen Knurren eines voll gefressenen Tigers. "Wer ruft da?", fragte Shir Khan.

"Ich, Mowgli. Viehdieb, deine Zeit ist gekommen. Du erinnerst dich an den Schwur, den wir beim Ratsfelsen abgelegt haben? Los Akela, jage die Büffel runter." Die Herde hielt einen kurzen Moment am Rande des Abhangs inne, aber als Akela den heulenden vollen Jagdruf ausstieß, stürzten sich nacheinander die Büffel über die Kante. Sand und Steine spritzten nach allen Seiten. Jetzt nahm Rhama, der Leitbüffel, die Witterung von Shir Khan wahr und brüllte los.

Shir Khan hörte den Donner ihrer Hufe und rappelte sich schwerfällig auf. Er suchte auf allen Seiten nach einem Fluchtweg. Aber die Wände der Schlucht waren zu steil. Der Tiger wusste ganz genau, dass es besser war, sich den Bullen zu stellen als den Kühen und Kälbern. Dann strauchelte Rhama, stolperte und galoppierte weiter über etwas Weiches. Die Herden stürmten aufeinander zu und Mowgli passte den richtigen Moment ab, die tobenden Tiere auf die Ebene hinaus zu befördern. Akela zerstreute sie, bevor sie sich gegenseitig angreifen konnten.

Es war nicht nötig, noch einmal über Shir Khan hinwegzutrampeln. Der Tiger war tot und die Geier schon im Anflug. "Brüder, das war der Tod eines Hundes", sagte Mowgli, "aber er hätte sich nie zum Kampf gestellt. Sein Fell wird auf dem Ratsfelsen gut aussehen. An die Arbeit."

Gar nicht lange, da stand Buldeo mit der Muskete neben ihm. Die Kinder hatten im Dorf von den durchgegangenen Büffeln berichtet. Da hatte er sich gleich auf den Weg gemacht, Mowgli zu bestrafen. Die Wölfe hatten sich beim Anblick der fremden Menschen unsichtbar gemacht.

Buldeo glaubte natürlich nicht, dass Mowgli einen Tiger alleine häuten könnte. Außerdem wollte er das Fell des lahmen Tigers selbst haben. Es waren hundert Rupien darauf ausgesetzt. "Wo haben die Büffel den Tiger denn getötet?", fragte er ungeduldig, "ich gebe dir vielleicht einen Rupien von der Belohnung ab."

Während Mowgli souverän den Tiger häutete, ließ Buldeo nicht locker. Er wollte unbedingt an das Fell und schwatzte Mowgli voll; bis es diesem zu dumm wurde und er rief: "Muss ich den ganzen Mittag mit einem alten Affen schwatzen? Hierher, Akela, dieser Mann ist mir lästig."

Buldeo, der eben noch über Shir Khans Kopf gebeugt war, fand sich ausgestreckt im Gras wieder; unter einem grauen Wolf. Mowgli erklärte seinem Widersacher, dass er hier nur eine alte Rechnung beglichen hätte. Buldeo blieb mucksmäuschenstill liegen. Immerhin hatte er es hier mit einem Wolf zu tun, der sich von einem Jungen befehlen ließ, der wiederum eine Fehde mit einem Menschen fressenden Tiger hatte… Dies war Hexerei der schlimmsten Art für ihn. Er hoffte, dass sich Mowgli nun nicht vor seinen Augen in einen Tiger verwandelte.

Bewundernd sagte Buldeo: "Maharadscha. Großer König! Ich konnte ja nicht ahnen, dass du kein gewöhnlicher Hirtenjunge bist. Darf ich jetzt aufstehen, oder reißt mich dein Diener in Stücke?"

"Geh und Friede sei mit dir. Misch dich nicht mehr in meine Angelegenheiten. Lass ihn laufen, Akela."

Als Buldeo glücklich das Dorf erreicht hatte, erzählte er seine Geschichte. Der Priester schaute sehr bedenklich drein.

Es war schon Abend, als Mowgli und die Wölfe dem Tiger das große, schimmernde Fell vom Leibe gezogen hatten. Sie versteckten es, damit sie erst einmal die Büffel zusammentreiben konnten. Als sie in die Nähe des Dorfes kamen, hagelten Steine auf Mowgli nieder. Die Dorfbewohner wollten diesen Wolfsbalg und Dschungelgeist nicht bei sich haben.

Messua rannte zu ihm. "Mowgli, du hast Nathoons Tod gerächt." Sie umarmte ihn. Doch Mowgli schickte sie zurück zu den Dorfbewohnern. Dann trieben er und Akela die Büffelherde in die Menschenmenge hinein. "Zählt gut nach!", rief er verbittert, "damit ich euch auch ja keines gestohlen habe!" Er drehte sich um und ging mit dem einsamen Wolf davon. Sie holten Shir Khans Fell und gingen fort.

Als der Mond über die Ebene stieg, sahen die entsetzten Dorfbewohner, wie Mowgli über die Felder ging, begleitet von zwei Wölfen. Während die Tempelglocken läuteten, schmückte Buldeo die Geschichten von seinen Dschungelabenteuern immer weiter aus.

Als der Mond gerade unterging, kamen die beiden Wölfe mit Mowgli bei Mutter Wolfs Höhle an. Sie erzählten, von Mowglis Sieg über Shir Khan. Sie war stolz auf ihren kleinen Frosch. Und Bagheera, der aus dem Dickicht angeschlichen kam, umarmte Mowgli. Gemeinsam kletterten alle auf den Ratsfelsen und spannten Shir Khans gestreiftes Fell auf die Steinplatten. In diesem Moment fiel Mowgli ein Lied ein, ohne jeden Reim. Es stieg wie von selbst aus seiner Kehle. Grauer Bruder und Akela stimmten zwischen den Strophen ihr Geheul an.

So hatte Mowgli sein Wort gehalten. "Menschenrudel und Wolfsrudel haben mich ausgestoßen", sagte Mowgli, "jetzt will ich alleine im Dschungel jagen."

Die Wolfsjungen wollten mit ihm kommen. So ging Mowgli ab diesem Tag seiner Wege und jagte mit den vier Wolfsjungen alleine im Dschungel. Aber er blieb nicht immer alleine. Im Lauf der Jahre wurde er ein Mann und heiratete. Aber das ist eine Geschichte für Erwachsene.





Der Klassiker DAS DSCHUNGELBUCH von Rudyard Kipling (1865-1936) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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