LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Rikki-tikki-tavi - Teil 1

Vor dem Loch, in das er floh, rief das kleine Rotaug so - hört nur, wie er Runzelhaut droht: Nag, komm raus, tanz mit dem Tod!

Aug in Aug und Kopf an Kopf, (Nimm nur Maß, Nag.)

Endet erst, wenn einer tot; (Fang nur an, Nag.)

Drehn und Wenden, Schritt für Schritt - (Schleich dich weg, Nag.)

Runzelhaut, du hast verspielt! (Es ist aus, Nag.)

Dies ist die Geschichte von der großen Schlacht, die Rikki-tikki-tavi ganz alleine durch die Badezimmer des großen Bungalows von Segowlee ausgetragen hat. Darzee, der Schneidervogel, hat ihm zwar geholfen. Und Chuchundra, die ängstliche Moschusratte, hat ihm gute Ratschläge gegeben. Aber den eigentlichen Kampf, den hat Rikki-tikki-tavi alleine ausgefochten.

Rikki-tikki-tavi war ein Mungo. In seinem Fell und seinem Schwanz ähnelte er einer Katze, sein Kopf und seine Lebensgewohnheiten glichen eher denen eines Wiesels. Er war überaus gelenkig, konnte seinen Schwanz aufplustern, als wäre er eine Flaschenbürste und wenn er durch das hohe Gras flitzte, stieß er seinen Kriegsruf aus: "Rikk-tikk-tikki-tikki-tchk!"

Eines Tages schwemmte ihn ein sommerliches Hochwasser aus dem Haus, in dem er mit seinen Eltern gelebt hatte. So sehr er auch strampelte, verlor er im Sog des Wassers irgendwann das Bewusstsein. Er erwachte erst wieder, als ein großer Mann ihn zwischen Daumen und Zeigefinger klemmte, ihn hochhob und erklärte, dass er wirklich nicht tot sei. Jemand wickelte ihn in Watte und wärmte ihn, bis er die Augen öffnete und nieste. "Na also", sagte der Mann. "Jetzt jagt ihm keinen Schrecken ein."

Allerdings ist es ganz unmöglich, einen Mungo zu erschrecken. Dazu ist er viel zu neugierig. Der Wahlspruch aller Mungos lautete: "Lauf los und schau nach!" Und weil Rikki-tikki ein waschechter Mungo war, schaute er sich erst mal die Watte an, fand sie ungenießbar und rannte um den ganzen Tisch herum. Zuletzt sprang er dem Jungen auf die Schulter.

"Du brauchst keine Angst zu haben, Teddy", sagte sein Vater, "das ist seine Art, Freundschaft zu schließen." Der kleine Teddy kicherte, weil der Mungo ihn am Kinn kitzelte.

Rikki-tikki inspizierte den Jungen genauer. Dann verspeiste er mit großem Appetit das kleine Stück rohes Fleisch, das sie ihm gaben. Danach flitzte er auf die Terrasse und ließ sein Fell trocknen. Nun fühlte er sich besser. Inzwischen war ihm klar geworden, dass es in diesem Hause mehr zu entdecken gab, als eine Familie in einem ganzen Mungo-Leben entdecken kann. So beschloss er, zu bleiben.

Den ganzen Tag stöberte er ihm Haus herum. Er ertrank fast in Badewannen, steckte die Nase in ein Tintenfass und verbrannte sich an der glühenden Zigarrenspitze des großen Mannes. Nachts huschte er in Teddys Kinderzimmer und kletterte in dessen Bett. Jedoch musste er bei jedem Geräusch aufstehen und nachsehen, woher es kam.

Teddys Mutter war noch beunruhigt. Sie hatte Angst, dass der Mungo ihren Teddy beißen könnte. Doch der Vater zerstreute ihre Bedenken. Er war sich sicher, dass sein Sohn nun besser bewacht wäre, als mit einem Bluthund. Wenn er nur daran dachte, dass eine Schlange ins Zimmer kommen könnte …

Am nächsten Morgen ritt Rikki-tikki auf Teddys Schulter zum Frühstück auf die Veranda. Er bekam etwas Banane und ein weich gekochtes Ei. Dann setzte er sich reihum jedem auf den Schoß, denn jeder wohlerzogene Mungo hoffte, eines Tages ein Hausmungo zu werden. Und Rikki-tikkis Mutter hatte ihm genau erklärt, wie er sich dann zu verhalten hätte.

Als Nächstes erkundete er den riesigen Garten und freute sich ob des hervorragenden Jagdgebietes. Er schnüffelte hier und da, bis aus dem Dornbusch jämmerliche Stimmen zu hören waren. Es waren Darzee, der Schneidervogel und seine Frau. Sie beklagten, dass eines ihrer Kinder gestern aus dem Nest gefallen war und von Nag gefressen wurde.

Rikki-tikki erfuhr, dass Nag eine Brillenschlange war, die von der Zunge bis zum Schwanz über anderthalb Meter maß. Schon zischte Nag im hohen Gras. Doch Rikki-tikki erschrak; aber nur kurz. Denn obwohl er noch nie eine lebendige Brillenschlange gesehen hatte, so wusste er genau, dass es der Lebenszweck eines erwachsenen Mungos war, die Nattern zu jagen und zu fressen. Immerhin hatte seine Mutter ihn schon mit toten Nattern gefüttert. Und Nag wusste das auch. Im Grunde seines Herzens hatte er fürchterliche Angst.

Und weil er genau wusste, dass die Anwesenheit dieses Mungos für seine Familie über kurz oder lang den sicheren Tod bedeutete, wollte er Rikki-tikki dazu verleiten, die Wachsamkeit zu lockern. Doch Darzee warnte ihn. Und anstatt sich umzudrehen, sprang Rikki-tikki hoch in die Luft und sah, wie unter ihm der Kopf von Nagaina vorbeischoss. Sie war Nags böse Frau, die ihm hinterrücks den Garaus machen wollte.

Er landete fast auf ihrem Rücken. Nagaina verdankte ihr Leben nur seiner Unerfahrenheit. Ein alter, erfahrener Mungo hätte ihr mit einem einzigen Biss das Rückgrat gebrochen. Aber er fürchtete sich vor dem gefährlichen Peitschenhieb, biss zwar zu, aber sprang mit einem Satz dem herumwirbelnden Schwanz aus dem Wege und ließ Nagaina verletzt und wütend zurück. Nag zischte Darzee an, der sich in seinem Nest verkroch. Er hatte es in weiser Voraussicht außer Reichweite von Schlangen gebaut.

Während Rikki-tikki mit rot unterlaufenen Augen - das ist bei Mungos immer ein Zeichen von Wut - vor Zorn keckerte, waren Nag und Nagaina im hohen Gras verschwunden. Wenn eine Schlange ihr Ziel verfehlt, so zieht sie sich schweigend zurück und lässt nicht verlauten, was sie als Nächstes plant. Deshalb hoppelte er zum Haus und ließ sich nieder, um nachzudenken. Die Lage war ernst.

Wenn ein Mungo im Kampf mit einer Schlange ist, dann liegt sein Sieg nur an der schnellen Reaktion von Auge und Fuß. Schlangenstoß gegen Mungosprung - und nur weil kein Schlangenkopf beim Angriff folgen kann, siegt in der Regel der Mungo. Und weil Rikki-tikki noch ein junger Mungo war, konnte er besonders stolz darauf sein, einem Angriff aus dem Hinterhalt entkommen zu sein.

Als Teddy den Gartenweg entlanglief, ließ Rikki-tikki sich bereitwillig streicheln. Er hatte jetzt großes Selbstvertrauen. Doch als Teddy sich bückte, sagte eine feine Stimme: "Gib Acht, ich bin der Tod!" Es war Karait, die staubfarbene kleine Schlange, die am liebsten in der Erde liegt. Ihr Biss war ebenfalls tödlich.

Rikki-tikkis Augen wurden wieder rot und er umtanzte Karait so, wie Mungos es eben taten. Dem Mungo war in diesem Moment die Gefahr nicht bewusst, die von der besonders kleinen, wendigen Schlange ausging. Während er nach einer Stelle zum Zubeißen suchte, schaukelte er vor und zurück. Da stieß Karait vor. Rikki sprang zur Seite und versuchte anzugreifen. In der Zwischenzeit kam Teddys Vater mit einem Prügel in der Hand angelaufen. Aber Karait war schon zu weit vorgestoßen und Rikki-Tikki hatte ihn in die obere Nackenpartie gebissen, so fest er nur konnte. Dieser Biss betäubte Karait und Rikki-tikki begann nach Familiensitte, die Schlange vom Schwanz an aufzufressen. Doch dann fiel ihm ein, dass ein voller Bauch einen langsamen Mungo aus ihm machen würde, und er beschloss, sich in den Eukalyptusbüschen auszuruhen.

Teddys Mutter hob ihn aus dem Staub auf die Arme. Sie rief unter Tränen, er habe Teddy das Leben gerettet und Teddys Vater sagte, er sei von der Vorsehung geschickt. Rikki-tikki fand die ganze Aufregung eher erheiternd und amüsierte sich köstlich. An diesem Abend spazierte er auf dem Tisch zwischen den Tellern hin und her und hätte sich dreimal den Bauch vollschlagen können. Doch er dachte nebenbei an Nag und Nagaina; und obwohl er sehr verwöhnt wurde, bekam er doch von Zeit zu Zeit rote Augen und stieß dann seinen langen Kriegsruf aus: "Rikk-tikk-tikki-tikki-tchk!"





Der Klassiker DAS DSCHUNGELBUCH von Rudyard Kipling (1865-1936) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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