LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Rikki-tikki-tavi - Teil 2

Teddy nahm ihn mit ins Bett und bestand darauf, dass der Mungo unter seinem Kinn schlief. Rikki-tikki war zu wohlerzogen, um sich zu wehren. Aber als Teddy eingeschlafen war, begab er sich auf seinen nächtlichen Ausflug durchs Haus. In der Dunkelheit prallte er auf Chuchundra, die Moschusratte, die sich an der Wand entlangdrückte.

Er ist ein jämmerlich kleines Tier, der die ganze Nacht winselt. Natürlich hatte er Angst vor dem Mungo. Doch Rikki-tikki erklärte nur verächtlich: "Glaubst du etwa, dass ein Schlangentöter Moschusratten umbringt?"

Da sagte Chuchundra: "Wer Schlangen tötet, der kommt durch Schlangen um. Und was, wenn Nag mich in der Nacht verwechselt?"

Rikki-tikki winkte verächtlich ab. Doch Chuchundra hatte zuvor erfahren, dass Nag überall ist. Die Ratte fürchtete sich sogar, Genaueres zu erzählen und forderte den Mungo auf, der nächtlichen Stille zu lauschen. Und tatsächlich hörte Rikki-tikki ein winziges Geräusch … schrapp, schrapp. So leise wie … das trockene Scharren von Schlangenhaut auf Mauerwerk. Das ist Nag oder Nagaina, dachte er sich, und er kriecht in den Abfluss vom Badezimmer.

Schnell huschte Rikki-tikki in Teddys Badezimmer - nichts. Aber im Badezimmer von Teddys Mutter, da hörte er Nag und Nagaina draußen im Mondlicht miteinander flüstern. "Wenn das Haus menschenleer ist", sagte Nagaina zu ihrem Mann, "dann wird auch er verschwinden und dann gehört der Garten wieder uns. Kriech leise hinein und denk daran, dass du den großen Mann zuerst beißen musst. Dann komm wieder heraus, sag mir Bescheid, dann jagen wir zusammen den Mungo."

Nag fragte, weshalb er alle Menschen im Haus töten solle. Da erwiderte Nagaina: "Zuerst waren die Menschen da, dann der Mungo. Sobald das Haus leer steht, verzieht sich Rikki-tikki und wir sind wieder König und Königin des Gartens. Und vergiss nicht, sobald unsere Kinder aus den Eiern im Melonenbeet schlüpfen, brauchen wir viel Platz und Ruhe."

Daran hatte Nag noch gar nicht gedacht. Deshalb schob Nag den Kopf durch das Abflussloch und der anderthalb Meter lange Schlangenleib folgte nach. Rikki-tikki begann es am ganzen Leibe vor Wut zu kribbeln. Er war sehr aufgebracht, trotzdem erschrak er für einen Moment, als er die Schlange in ihrer ganzen Länge erblickte.

Nag wiegte sich hin und her. Dann beschloss er, im Badezimmer zu warten, bis am nächsten Morgen der große Mann kommen würde. Im Badezimmer hätte er sicher keinen Stock dabei. Nag teilte Nagaina sein Vorhaben mit. Als sie keine Antwort gab, wusste Rikki-tikki, dass sie fortgegangen war.

Nag wand sich um den Wasserkrug und schlief. Rikki-tikki überlegte in der Zwischenzeit, an welcher Stelle er am besten zubeißen könnte. Wenn ich ihm nicht beim ersten Biss das Rückgrat breche, dann kann er noch kämpfen. Oh je, er sah den dicken Nacken an.

Dann sprang er. Rikki schlug seine Zähne in den Feind hinein, gleichzeitig stemmte er seinen Rücken gegen den gewölbten Tonkrug, damit er den Schlangenkopf fest nach unten drücken konnte. Doch das verhalf ihm nur für einen Moment Luft, dann wurde er schon geschüttelt und gezerrt wie eine Ratte, die von einem Hund hin und hergebeutelt wird. Trotzdem, dass er in wilden Kreisen durchs Zimmer geschleudert wurde, blieben Rikkis Augen rot und er hielt sich verbissen fest. Während sein Körper herumgewirbelt wurde, flogen Seifenschale, Blechschöpfer und Badebürste herunter und schließlich krachte er gegen die Zinkwand der Badewanne.

Doch Rikki ließ nicht locker. Inzwischen war er endgültig davon überzeugt, diesen Kampf nicht gewinnen zu können; dann wollte er wenigstens mit zusammengebissenen Zähnen aufgefunden werden - schon wegen der Familienehre.

Ihm war schwindlig und alles tat ihm weh, als hinter ihm ein Donnerschlag loszugehen schien. Ein heißer Windstoß raubte ihm beinahe die Besinnung und rote Hitze versengte ihm das Fell. Der große Mann war von dem Lärm wach geworden und hatte eine volle Ladung seiner Flinte auf Nag abgefeuert.

Rikki-tikki ließ immer noch nicht locker, denn jetzt hielt er sich endgültig für tot. Aber der Kopf der Schlange bewegte sich nicht mehr. Der große Mann hob Rikki-tikki hoch und sagte: "Das war wieder dieser Mungo, Alice. Diesmal hat er uns das Leben gerettet." Da wankte die Frau herein und wurde beinahe ohnmächtig, als sie die zerfetzte Schlange sah.

Rikki-tikki schleppte sich in Teddys Schlafzimmer und verbrachte den Rest der Nacht damit, sich vorsichtig alle Knochen abzutasten. Er war davon überzeugt, dass er sie sich an mindestens vierzig Stellen gebrochen hatte. Am nächsten Morgen war der Mungo noch ziemlich steif, mit seinen Taten aber recht zufrieden. Jetzt muss ich nur noch Nagaina den Garaus machen, dachte er; und die ist gefährlicher als fünf Nags. Und dann noch die Jungen, keiner weiß genau, wann sie schlüpfen. Himmel! Ich muss unbedingt mit Darzee sprechen.

Ohne sein Frühstück rannte Rikki-tikki zu Darzee, der aus Leibeskräften einen Triumphgesang schmetterte. Die Nachricht von Nags Tod hatte sich schon im Garten herumgesprochen. Doch Rikki-tikki schimpfte mit ihm. "Das ist ja alles schön und gut, aber wo ist Nagaina?" Und das musste er dreimal fragen, bevor der Vogel endlich den Schnabel hielt.

"Auf dem Abfallhaufen neben den Ställen. Dort trauert sie um Nag."

Rikki-tikki fragte sogleich nach den Eiern. Und Darzee wusste tatsächlich das Versteck. Nagaina legte ihre Eier vor drei Wochen im Melonenbeet ab, dicht bei der Mauer, dort wo den ganzen Tag die Sonne hinbrennt. Der Vogel erschrak: "Riki-tikki, du wirst doch nicht ihre Eier fressen?"

"Nein, eigentlich nicht, Darzee", antwortete der Mungo. Er befahl dem Vogel, Nagaina so lange abzulenken, bis er zum Melonenbeet gelaufen war. Und weil Darzee ein Vogelhirn hatte, mit nichts als Flausen im Kopf, und deshalb immer nur Platz für einen Gedanken. Im ersten Moment dachte er, dass es gemein wäre, die Kleinen zu töten. Aber seine Frau war vernünftiger. Sie wusste genau, wo Schlangeneier waren, gab es in kürzester Zeit auch ausgewachsene Schlangen. So überließ sie es ihrem Gatten, das Nest warm zu halten und flog vom Nest fort. Darzee ähnelte in gewisser Weise den Menschen.

Aber seine Frau flog vor Nagaina hin und her, flatterte aufgeregt und rief: "Oh, meine Flügel sind gebrochen. Der Junge hat einen Stein nach mir geworfen." Zur Bekräftigung ruderte sie noch verzweifelter mit ihren Flügeln herum. Doch Nagaina hatte ihr noch nicht verziehen, dass sie die Schlangen an den Mungo verraten hatten. Deshalb wollte sie den Vogel töten. Doch Darzees Frau war klug genug, der Schlange nicht in die Augen zu schauen. Dann wäre sie nämlich verloren gewesen.

Während dieser kurzen Zeit flitzte Rikki-tikki zum Rande des Melonenbeets. Dort entdeckte er fünfundzwanzig Eier, etwa so groß wie Eier von Junghühnern, aber mit einer weißen Haut umhüllt statt mit einer Kalkschale. Und durch die Haut hindurch konnte man bereits die winzigen zusammengerollten Brillenschlangen erkennen. Und Rikki-tikki wusste genau, dass so eine kleine Schlange sofort nach dem Ausschlüpfen in der Lage war, einen Menschen oder einen Mungo zu töten.

In Windeseile biss er die Spitzen der Eier ab und zerdrückte die jungen Nattern sorgfältig. Als schließlich nur noch drei Eier übrig waren, hörte er Darzees Frau kreischen: "Rikki-tikki, Nagaina ist zur Terrasse gekrochen und - komm schnell - sie will ihn töten!"

Rikki-tikki zerdrückte zwei weitere Eier und taumelte rücklings aus dem Melonenbeet und raste zur Terrasse. Dort saßen Teddy und seine Eltern beim Frühstück. Aber sie aßen nichts, sondern saßen wie zu Stein erstarrt da. Nagaina lag zusammengerollt neben Teddys Stuhl, in bequemer Bissweite. Sie wiegte sich hin und her und sang einen Triumphgesang.

"Bleib ruhig, Teddy!", flüsterte der große Mann verzweifelt. Da fegte Rikki-tikki auf die Terrasse und forderte Nagaina auf, mit ihm zu kämpfen. Sie reagierte sehr erhaben. Als Rikki-tikki aber sagte, sie solle sich umdrehen und nach ihren Eiern sehen …

… da drehte die große Schlange sich halb um und sah das Ei auf der Veranda liegen, das Rikki-tikki im Maul getragen hatte. "Ah!", zischte sie. "Gib es sofort her!" Als Nagaina erfuhr, dass dies das letzte Ei war, schnellte sie herum. Teddys Vater nutzte die Gelegenheit und zog den Jungen quer über den Tisch. Nun war Teddy vor der Schlange erst einmal sicher. Währenddessen versuchte die Schlange den Mungo zu bezirzen: "Gib mir das Ei, dann will ich fortgehen und niemals zurückkehren!"

"Ja, du wirst fortgehen und niemals zurückkehren. Weil, du wirst auf dem Abfallhaufen landen, neben Nag. Kämpf jetzt, große Witwe!" Und das taten sie auch. Bis Rikki-tikki das Ei beinahe vergessen hatte; es lag inzwischen alleine auf der Terrasse. Einmal rief er: "Beeile dich, der große Mann holt schon sein Gewehr. Kämpfe!" Doch in einem kurzen Moment der Unaufmerksamkeit schnappte sich Nagaina ihr Ei und flüchtete in Richtung Grasgestrüpp. Darzees Frau versuchte noch, die Schlange aufzuhalten, konnte sie aber nur kurz ablenken. Das genügte, dass Rikki-tikki noch ihren Schwanz erwischte, und dann mitsamt der Schlange in ein Erdloch hinuntergezogen wurde.

Nur sehr wenige Mungos, egal wie erfahren sie auch waren, sind daran interessiert, einer Brillenschlange in ihren Bau zu folgen. Rikki-tikki hatte keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen sollte, hielt aber wild entschlossen fest und stemmte die Pfoten nach vorn, um sich im finsteren Erdreich abzustützen.

Als sich am Eingang des Lochs kein Grashalm mehr bewegte, begann Darzee ein herzzerbrechendes Klagelied zu singen. Als er gerade den rührseligen Höhepunkt erreichte, bewegte sich das Gras und Rikki-tikki schlüpfte aus dem Loch, von oben bis unten mit Erde bedeckt. Darzee blieb der letzte Ton direkt in der Kehle stecken.

"Es ist vorbei", sagte Rikki-tikki. "Die Witwe wird nie wieder herauskommen." Dann fiel der kleine Mungo erschöpft ins Gras und schlief den Rest des Tages. Als er wieder aufwachte, fingen alle Vögel im Garten an zu singen und alle Frösche quakten, denn Nag und Nagaina hatten Vögel wie Frösche gleich gern gefressen.

Als Rikki-tikki zum Haus kam, stürzte die ganze Familie heraus und weinte vor Freude. Am Abend aß Rikki alles auf, was ihm angeboten wurde, bis er fast platzte. Dann ging er auf Teddys Schulter zu Bett. Als die Eltern in der Nacht noch einmal hereinschauten, wachte Rikki-tikki auf, denn Mungos hatten einen leichten Schlaf. Er fragte sich, worüber sie sich jetzt schon wieder aufregten. Es waren doch alle Schlangen tot, und wenn nicht, dann wäre er ja noch da.

Rikki-tikki war so stolz auf sich, dass er fast platzte - und das mit Recht. Trotzdem wurde er nie eingebildet, sondern hielt weiterhin den Garten so in Ordnung, wie ein Mungo das kann: mit scharfen Zähnen und hohen Sprüngen, sodass sich keine einzige Brillenschlange jemals wieder über die Mauer wagte.





Der Klassiker DAS DSCHUNGELBUCH von Rudyard Kipling (1865-1936) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

Artikel versenden

Einfach Karte ausfüllen und per E-Mail an Freunde verschicken!

Dein Name:

Deine E-Mail:

Name des Empfängers:

E-Mail des Empfängers:

Deine Nachricht:



Artikel versenden

Sorry!
Beim Versenden ist leider ein Fehler aufgetreten:




Artikel versenden

Vielen Dank!
Deine Nachricht an wurde erfolgreich versendet. Wenn du möchtest, kannst du noch eine weitere Mail versenden:


Shop
Shop
Shop
Shop
Shop
Shop