LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Toomai von den Elefanten - Teil 2

Kleiner Toomai aber war glücklich. Er fragte seine Mutter noch einmal nach dem Elefantentanz. Großer Toomai hörte ihn jedoch und brummte: "Dass du nie so ein Fährtenleser werden sollst, das hat er damit gemeint."

Dann wurden die Elefanten schon wieder unruhig. Ein Treiber aus Assam, zwei oder drei Elefanten weiter vorn, drehte sich ärgerlich um. Es ging ein Streit los, wer denn nun wahrlich die wilden Elefanten gefangen hat. Die Treiber, die Jäger oder die Mahout... Ein Treiber rief: "Die Elefanten wissen ganz genau, wann die Treibsaison vorüber ist. Heute Nacht werden alle wilden Elefanten …"

"Was werden sie tun?", rief Kleiner Toomai neugierig.

"Na gut, dir will ich es verraten. Heute Nacht müsst ihr Kala Nag besonders gut anketten. Denn heute Nacht werden die Elefanten tanzen."

Da stritten sie weiter. Denn seit Generationen hatten die Mahouts noch nie derart mondsüchtiges Geschwätz von Elefantentänzen gehört. So ging es mit viel Zank und Spott über Stock und Stein und durch den Fluss weiter, bis sie gegen Abend ein Zwischenlager für die Elefanten erreichten. Die waren ohnehin kaum noch zu beruhigen. Nachdem die Treiber die Elefanten gewissenhaft gefesselt hatten, die neuen Elefanten sogar mit Extrastricken, wurde Futter vor ihnen aufgehäuft. Dann liefen die Treiber zurück zu Petersen Sahib, ermahnten die anderen aber vorher, heute Nacht besonders wachsam zu sein.

Kleiner Toomai kümmerte sich um Kala Nags Abendessen und schlenderte durch das Lager. Er war unbeschreiblich glücklich und suchte ein Tom-Tom. Wenn ein indisches Kinderherz nämlich voll ist, läuft es nicht ziellos herum und lärmt. Es lässt sich vielmehr nieder und genießt sein Glück ganz für sich. Zum Glück fand Kleiner Toomai ein Tom-Tom, das ist eine Trommel, die mit den Handflächen geschlagen wird - und als die Sterne am Himmel standen, setzte sich der Kleine Toomai im Schneidersitz vor Kala Nag, mitten auf die Reste des Futters, und trommelte drauflos. Er brauchte keine Melodie und keine Worte, der Trommelklang alleine stimmte ihn glücklich.

Die neuen Elefanten zerrten unruhig und trompeteten hin und wieder. Toomais Mutter sang leise seinen kleinen Bruder in den Schlaf. Sie sang das sehr alte, einschläfernde Wiegenlied vom großen Gott Shiva, der allen Tieren befiehlt, was sie essen sollen. Kleiner Toomai beendete jede Strophe mit einem fröhlichen Trommelwirbel, bis auch er müde wurde und sich neben Kala Nag ins Heu legte.

Bald kehrte Ruhe ein und die Luft war erfüllt von vielerlei leisen Nachtgeräuschen, die alle zusammen ein tiefes Schweigen ergaben. Kleiner Toomai schlief eine Weile. Als er erwachte, schien der Mond strahlend hell. Kala Nag stand immer noch mit aufgeklappten Ohren da und lauschte. Kleiner Toomai war noch in diesen Anblick versunken, als er das Trompeten eines wilden Elefanten hörte. Alle Elefanten schreckten hoch. Die durch das Schnauben aufgeweckten Inabjouts kamen und schlugen die Pflöcke tiefer in den Boden. Sie zurrten den Strick fester, bis alles wieder ruhig war.

Ein neuer Elefant hatte seinen Pflock fast herausgerissen. Da nahm Großer Toomai Kala Nags Beinkette ab und band dem Neuen damit die Vorder- und Hinterbeine zusammen. Dann schlang er eine Kordel aus Grashalmen um Kala Nags Fuß und befahl ihm, nicht zu vergessen, wie fest er angebunden war. So hatten er und sein Vater und sein Großvater es schon Hunderte Male gemacht. Doch diesmal antwortete Kala Nag nicht wie sonst. Er stand reglos da, hatte den Kopf leicht in den Nacken gelegt und die Ohren wie Fächer abgespreizt und schaute ins Mondlicht hinauf.

"Kümmere dich um ihn, wenn er unruhig wird", sagte Großer Toomai und ging in seine Hütte zurück. Als Kleiner Toomai gerade am Einschlafen war, hörte er, wie die Grasfessel mit einem leisen Knall riss und er sah, wie Kala Nag langsam das Lager verließ. Der Kleine Toomai lief ihm barfuß nach und beschwor ihn leise: "Nimm mich mit! Bitte!"

Der Elefant drehte sich lautlos um und umfasste den Jungen mit seinem Rüssel und schwang ihn auf den Nacken. Bevor Kleiner Toomai sich mit dem Knie festgeklemmt hatte, glitt Kala Nag schon in den Wald. Es war ein langer Weg und der Kleine Toomai schmiegte sich ganz eng an Kala Nags breiten Rücken. Heimlich wünschte er sich ins Lager zurück. Bei jedem Schritt schmatzte das Gras. Doch auf einmal war von allen Seiten Getrampel zu hören. Und plötzlich waren überall die Nebelschwaden von dunklen Schatten erfüllt.

"Oh!", rief Toomai leise. "Heute Nacht ist das ganze Elefantenvolk unterwegs. Sie tanzen also doch!" Endlich blieb Kala Nag am Rande einer Lichtung stehen. Innerhalb dieser Lichtung gab es keinen einzigen grünen Halm mehr. Nur festgetrampelte Erde. Das Mondlicht ließ alles grau erscheinen. Mit angehaltenem Atem sah Kleiner Toomai sich alles an. Immer mehr Elefanten traten zwischen den Baumstämmen heraus auf den freien Platz.

Da waren wilde Bullen mit langen weißen Stoßzähnen, pralle Elefantenkühe mit ihren kleinen zappeligen Kälbern und junge Elefanten, denen gerade die Stoßzähne wuchsen und noch viele andere. Sie standen Kopf an Kopf, andere bewegten sich paarweise über den Platz - es waren hunderte und aberhunderte von Elefanten.

Toomai wusste, dass ihm hier nichts geschehen würde, solange er reglos auf Kala Nags Nacken lag. Und in dieser Nacht dachten die Elefanten überhaupt nicht an Menschen. Nur einmal fuhren sie zusammen, als sie das Klirren einer Fußkette hörten. Es war Pudmini, Petersen Sahibs Lieblingselefant, die noch schnaubend den Berg hinaufkeuchte. Sie musste sich von ihren Pflöcken gerissen haben.

Endlich wurde es still im Wald. Dann trat Kala Nag zwischen den Bäumen hervor; nun begannen alle Elefanten, aufeinander zuzugehen und sich in ihrer Sprache zu unterhalten. Kleiner Toomai blieb reglos liegen. Er schaute auf die vielen breiten Rücken hinunter, auf flatternde Ohren und die tanzenden Rüssel. Er fürchtete sich ein wenig ob der unheimlichen Finsternis.

Doch dann trommelte ein Elefant los und fünf oder sechs höllische Sekunden lang fielen sie alle ein. Es begann ein dumpfes Dröhnen. Toomai wusste nicht, was es zu bedeuten hatte. Immer lauter wurde das Dröhnen, immer lauter. Auch Kala Nag stampfte jetzt abwechselnd mit seinen Vorderbeinen auf den Boden. Eins-zwei, eins-zwei - wie ein Schmiedehammer, so gleichmäßig.

Durch die fortwährenden Erschütterungen wurden jetzt auch die allerletzten Tautropfen von den Bäumen geschüttelt. Neben Toomai begann ein Baum zu ächzen. Er streckte die Hand aus, konnte die Rinde spüren, doch Kala Nag trampelte schon weiter. Der Boden bebte und schwankte und Kleiner Toomai hielt sich die Ohren zu. Als die ersten Sonnenstrahlen nicht mehr fern waren, verstummte schlagartig das Stampfen der wuchtigen Elefantenfüße.

Bevor Kleiner Toomai wieder einigermaßen klar im Kopf war, war kein Elefant mehr zu sehen. Nur Kala Nag und Pudmini standen noch auf der Lichtung. Und die war über Nacht größer geworden. In ihrer Mitte standen zwar immer noch die Bäume, doch das Unterholz und das Dschungelgras am Rande waren niedergewalzt. Nun verstand der Junge das Trampeln. Die Elefanten hatten sich eine größere Fläche geschaffen.

"Wah!", sagte Kleiner Toomai, "Kala Nag, lass uns mit Pudmini in das Lager von Petersen Sahib gehen, sonst fall ich dir noch vom Rücken." Zwei Stunden später, als Petersen Sahib gerade beim Frühstück saß, wurden die angeketteten Elefanten im Lager unruhig. Und plötzlich schlurfte Pudmini, schlammbespritzt bis zu den Schultern, mit dem erschöpften Kala Nag daher. Kleiner Toomai war erschöpft, versuchte aber trotzdem vor Petersen Sahib zu salutieren. Mit schwacher Stimme rief er: "Der Tanz! Ich habe den Elefantentanz gesehen … ich sterbe!" Während Kala Nag sich niederließ, rutschte der Junge ohnmächtig von seinem Nacken.

Der Junge schlief den ganzen Nachmittag bis in die Abenddämmerung. Währenddessen folgten Petersen Sahib und Machua Appa der Spur der beiden Elefanten etwa fünfzehn Meilen weit quer über die Hügel. Petersen Sahib war seit achtzehn Jahren Elefantenfänger, aber so einen Tanzplatz hatte er erst einmal gesehen. Sie untersuchten den Platz genau und sahen, was vorgegangen war.

"Das Kind hat die Wahrheit gesagt!", sagte Machua Appa. "Ich habe siebzig frische Fährten gezählt. Schau nur, Sahib, da drüben hat Pudminis Fußkette die Rinde vom Baum gekratzt. Ja, sie ist auch hier gewesen!"

Die beiden Männer sahen einander an, blickten noch einmal in die staunende Runde; denn die Wege der Elefanten sind mit dem Verstand der Menschen nicht zu begreifen.

"Fünfundvierzig Jahre bin ich meinem Herrn, dem Elefanten gefolgt. Aber ich habe noch nie von einem Menschen gehört, der etwas Ähnliches erlebt hat wie dieser Junge. Was soll man dazu nur sagen?", sagte Machua Appa kopfschüttelnd.

Als sie ins Lager zurückkamen, speiste Petersen Sahib alleine in seinem Zelt. Aber er ordnete an, dass das Lager zwei Schafe und einige Hühner zum Abendessen bekommen solle. Denn er wusste, dass sie heute ein Fest feiern würden.

Großer Toomai war überstürzt aus der Ebene heraufgekommen, um nach seinem Sohn und seinem Elefanten zu suchen. Nun aber starrte er sie an, als fürchtete er sich vor ihnen.

Am lodernden Lagerfeuer wurde der Kleine Toomai wie ein Held gefeiert. Sie reichten ihn von einem zum anderen und zeichneten ein Kreuz auf seine Stirn mit dem Herzblut eines frisch geschlachteten Dschungelhahns. So zeigten sie, dass er nun zum Waldvolk gehörte und sich frei in allen Dschungelgebieten bewegen durfte.

Zuletzt flackerten die Flammen nur noch müde. Da sprang Machua Appa auf und stemmte den Kleinen Toomai hoch in die Luft und rief: "Brüder, hört her. Dieses Kind soll nicht mehr Kleiner Toomai heißen sondern Toomai von den Elefanten, so wie sein Urgroßvater einst genannt worden ist." Und er sagte dem Jungen noch eine erfolgreiche Zukunft als Fährtenleser voraus und überaus großes Glück. Er sauste die Reihe der Pflöcke entlang und rief zu den Elefanten: "Hier ist das Kind, das eure Tänze an dem verborgenen Ort gesehen hat. Erweist ihm die Ehre, meine Herren! Pudmini - du hast ihn beim Tanz gesehen! Kala Nag, meine Perle unter den Elefanten - du auch! Ahaa! Ein Salaam dem Toomai von den Elefanten!"

Auf diesen letzten Schrei hin warfen alle Elefanten ihren Rüssel hoch, krümmten ihn, bis ihre Spitzen die Stirn berührten, und trompeteten einen ohrenbetäubenden Salut, den normalerweise nur der Vizekönig von Indien zu hören bekommt.

Und das alles geschah zu Ehren des Kleinen Toomai. Nur er allein hatte gesehen, was noch kein Mensch zuvor erblickt hatte: den Tanz der Elefanten.


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Der Klassiker DAS DSCHUNGELBUCH von Rudyard Kipling (1865-1936) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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