LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der Mahlstrom

Die Läden fuhren vor die Fenster, aber im Salon blieb es finster. Ich rannte auf der Flucht vor Nemo in mein Zimmer.

Die Nautilus schoss mit hoher Geschwindigkeit Richtung Norden. Ich schätze, dass diese Fahrt ungefähr zwanzig Tage dauerte. In dieser Zeit ließ sich weder die Besatzung noch der Kapitän blicken.

Waren Nemo doch Selbstzweifel wegen seines abscheulichen Handelns gekommen? Dass sein Herz kein Eisblock war, hatte ich auf unserer Reise immer wieder beobachten können. Hatte er erkannt, dass er mit seiner Rache zu weit gegangen war?

Als ich eines Morgens aus quälenden Träumen erwachte, erkannte ich Ned Land über mich gebeugt. Er flüsterte:

"Wir fliehen!"

"Wann?"

"Heute Nacht. Es scheint an Bord keine Überwachung mehr zu geben. Alles macht mir einen sehr verstörten Eindruck. Die Gelegenheit ist günstig. Ich habe beim Auftauchen Land gesehen. Ich weiß nicht, wo wir sind, aber die zwanzig Seemeilen schaffen wir."

"Ja, das schaffen wir. Und selbst, wenn das Meer uns zu sich holt - ich will heute fliehen!", sagte ich.

"Lebensmittel und Wasser habe ich bereits auf das Beiboot gebracht."

"Gut, ich bin dabei!"

Wir verabredeten uns für 22 Uhr beim Boot, um die Dunkelheit zu nutzen. Der Tag wurde unendlich lange. Ich ging durch den Salon und die Bibliothek und betrachtete noch einmal die wertvollen Schätze. Würde sie je ein anderer Mensch zu sehen bekommen?

Zurück auf meinem Zimmer, zog ich feste Kleidung an und verbarg meine Aufzeichnungen an meiner Brust. Mein Herz klopfte aufgeregt. Jetzt durfte mich Nemo nicht sehen. Ich trat an die Tür zu seinem Zimmer und vernahm Schritte.

Für einen Moment war ich versucht, ihm entgegenzutreten. Doch dann warf ich mich auf mein Bett und wartete ab. Gegen 21:30 hörte ich plötzlich Orgelklänge. Mich durchfuhr ein eisiger Schreck. Nemo befand sich im Salon! Durch den musste ich gehen, um zum Boot zu gelangen.

Er würde mich sehen! Würde er mit mir reden? Erkennen, was wir vorhatten?

Es war gleich 22 Uhr. Ich musste los. Ich stand auf, öffnete die Tür, ging durch den Gang zum Salon. Dort war es dunkel. Nemo spielte, als wäre er nicht von dieser Welt und bemerkte mich nicht. Als ich an der Türe zur Bibliothek angelangt war, hörte ich den Kapitän plötzlich seufzen. Ich drehte mich um und sah, wie er auf mich zukam. Er schien zu schweben wie ein Gespenst.

Er schluchzte und murmelte: "Mach-end-o-herr-mach-ende!" Ich floh.

"Kommen Sie", rief der Kanadier leise.

Wir zwängten uns durch die Luke ins Boot. Gerade lockerte Ned die Schraube, mit der das Boot und die Nautilus verbunden waren, da hörten wir Stimmengewirr. Waren wir aufgeflogen?

Es wurde lauter unter uns und aus all dem Rufen erkannte ich ein fürchterliches Wort heraus: Mahlstrom!

Wir befanden uns also an der gefährlichsten Stelle des Meeres, vor der norwegischen Küste. Ein gigantischer Wasserwirbel riss hier alles in die Tiefe. Noch nie ist ihm ein Schiff entkommen. Es ist ein fünfzehn Kilometer breites Feld, das aus zwei Strömungen entstand, die hier zusammenfließen.

"Wir müssen noch an der Nautilus hängen bleiben", schrie Ned Land. Da wurden wir bereits vom Strudel mitgerissen. Der Sog drückte uns an die Wände des Bootes. Der Kanadier wollte die Schraube wieder festziehen, doch da rissen wir vom Leib der Nautilus ab.

Ich schlug mit dem Kopf auf und verlor die Besinnung.





Der Klassiker 20000 MEILEN UNTER DEM MEER von Jules Verne (1828-1905) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Alphonse de Neuville (1836-1885) hergestellt.

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