LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der dritte Geist - Teil 2

Der Geist führte Scrooge durch mehrere Straßen, die er bereits kannte. Schließlich standen sie vor dem Haus des armen Bob Cratchit, das Scrooge früher schon einmal besucht hatte. Mrs. Cratchit saß mit ihren Kindern ums Feuer. Stille beherrschte den Raum.

Selbst die sonst lärmenden jüngsten Cratchits saßen still in der Ecke und lauschten Peter zu, der ein Buch vor sich hatte. Die Mutter und ihre Töchtern beschäftigten sich mit ihren Näharbeiten und lauschten ebenfalls.

"Und er nahm ein Kind und stellte es in ihre Mitte."

Wo nur hatte Scrooge diesen Satz schon einmal gehört? Geträumt hatte er es nicht. Wahrscheinlich hatte der Knabe gerade gelesen, als er mit dem Geist über die Schwelle getreten war. Weshalb las Peter nicht weiter?

Mrs. Cratchit legte ihre Arbeit nieder und stützte den Kopf mit ihrer Hand ab. "Die Farbe schmerzt in meinen Augen", sagte sie. "Das Kerzenlicht schwächt sie. Doch um nichts auf der Welt möchte ich, dass euer Vater meine rot geränderten Augen sieht. Er wird bald nach Hause kommen."

"Es ist schon an der Zeit", sagte Peter, der gerade das Buch schloss. "Doch während der letzten Abende ist er langsamer gegangen als sonst, Mutter."

Wieder war es still im Raum. Peter sprach weiter: "Früher, als er immer mit Tiny Tim auf seiner Schulter galoppiert ist, war er schneller. Ich habe es oft beobachtet."

Die anderen bestätigten das und die Mutter murmelte: "Tiny Tim war aber auch sehr leicht zu tragen. Und sein Vater liebte ihn so sehr, dass es keine Mühe machte … Hört, Vater kommt!"

Sie eilte ihrem Mann entgegen, die Kinder taten es ihr nach. Der Tee stand bereit, die kleinen Cratchits kletterten auf ihres Vaters Knie und legten ihre Wangen an sein Gesicht mit den Worten: "Gräm dich nicht so, Vater. Sei nicht traurig."

Bob sprach liebenswürdig und frohgemut mit seiner Familie, lobte die fleißigen Frauen und meinte, dass die Näharbeiten sicher bis Sonntag fertig sein würden.

"Sonntag?", fragte seine Frau. "Du warst also heute dort, Robert?"

"Ja und ich wollte, du wärest dabei gewesen. Es hätte dir gut getan zu sehen, welch ein schöner grüner Platz es ist. Ich habe ihm versprochen, ihn jeden Sonntag zu besuchen. Mein armes kleines Kind." Bob schluchzte auf. "Mein armer kleiner Tiny Tim."

Er brach zusammen, denn die Verbindung zwischen ihm und seinem Sohn war so herzlich gewesen. Er ging ins obere Zimmer, in dem Kerzen leuchteten und alles mit weihnachtlichem Grün geschmückt war. Es war nicht zu übersehen, dass kurz zuvor noch jemand da gewesen war, bei dem Kind, das hier lag.

"Geist", rief Scrooge, "ich fühle, dass wir uns bald trennen werden. Sag mir zuvor, wer dieser tote Mann war, den wir sahen." Der Geist der künftigen Weihnacht gab keine Antwort, er brachte Scrooge wieder in die belebtere Gegend der Stadt.

Sie gingen zum Friedhof. Es war ein würdiger Platz, an dem der unglückliche Mann lag, dessen Namen Scrooge immer noch nicht kannte. Sie gingen durch die Gräberreihen, bis der Geist stehen blieb und mit dem Finger auf einen Stein zeigte.

Scrooge machte einen Schritt auf das Grab zu, zögerte und fragte: "Geist, ehe ich diese Grabstätte genauer ansehe. Sag mir, ob du mir die Ereignisse gezeigt hast, die noch eintreten werden, oder jene, die eintreten könnten?"

Das Gespenst hatte den Finger immer noch in Richtung Stein gerichtet als Scrooge sich selbst antwortete. "Die Taten der Menschen führen unweigerlich zum beabsichtigten Ziele, wenn der Mensch sein Leben nicht verändert. Wenn der Lebensweg sich aber ändert, muss auch das Ziel ein anderes werden. Sag, soll dies der Zweck unserer Reise sein?"

Der Geist antwortete nicht. Scrooge kniete vor dem verwahrlosten Grab, kroch zitternd näher und las auf dem Stein seinen eigenen Namen - EBENEZER SCROOGE.

Scrooge erschrak. "Nein, Geist. Nein! Hör zu, ich will mich ändern. Was ich gesehen habe, hat mich verändert. Weshalb zeigst du mir das alles, wenn es doch keine Hoffnung mehr für mich gibt."

Scrooges Hand bebte, doch er redete weiter: "Ich will Weihnachten künftig von Herzen ehren und es stets würdevoll feiern. Mein Leben soll aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schöpfen. Alle drei Geister sollen mich innerlich lebendig halten; auch ihren Lehren will ich folgen. Bitte Geist, sag mir, ob ich diese Inschrift auf dem Stein wieder auslöschen kann?"

Scrooge versuchte in seiner Panik den Arm des Geistes zu fassen, doch er griff ins Leere, der Geist hatte ihn zurückgestoßen. Und während er bittend die Arme hob, in der Hoffnung, das schreckliche Schicksal noch einmal von sich abwenden zu können, erkannte er, dass die Kopfbedeckung und das Gewand des Geistes sich veränderte. Das Gespenst wurde kleiner und verschwand wie durch einen Nebelschleier im Bettpfosten.





Der Klassiker EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE von Charles Dickens (1812-1870) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von John Leech (1817-1864) erstellt.

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