LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Das Ende vom Lied

Ja, es war sein eigener Bettpfosten, sein eigenes Bett, sein Zimmer und zu seinem größten Glück gehörte die Zukunft ihm. Er konnte sich also noch bessern! "Ich will in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft leben", wiederholte Scrooge. Aufgeregt schlüpfte er aus seinem Bett.

"Alle drei Geister sollen in mir sein. Oh Jacob Marley - die Weihnachtszeit sei gepriesen! Das rufe ich auf Knien, alter Jacob!", rief Scrooge so aufgewühlt, dass ihm fast die Stimme versagte. Tränen rannen über sein Gesicht.

Er ging zum Fenster, öffnete es und sah hinaus. "Was ist heute für ein Tag?", rief er einem vorbeigehenden Jungen zu.

"Heute? Heute ist Weihnachten!", antwortete der sonntäglich gekleidete Junge.

"Oh, Weihnachten - ich habe das Fest nicht versäumt", sagte Scrooge zu sich selbst, "die Geister haben mich nur eine Nacht lang heimgesucht."

"He, du!", rief Scrooge dem Jungen nochmals zu, "kennst du den Geflügelhändler um die Ecke?"

"Selbstverständlich."

"Guter Junge!", lobte Scrooge. "Weißt du, ob der große Truthahn dort noch hängt?"

"Der, der ungefähr so groß ist wie ich?", fragte der Junge.

"Genau. Du bist ein toller Knabe!"

"Der hängt noch da", antwortete der Junge.

"Tatsächlich! Dann lauf schnell und kaufe ihn."

"Oh. Wer so was glaubt!"

"Nein, wirklich, ich meine es ernst", rief Scrooge, "kauf den Truthahn und lasse ihn herbringen. Ich will ihn verschenken. Komm mit dem Verkäufer her und du bekommst einen Schilling. Wenn ihr schneller als in fünf Minuten wieder da seid, sei dir eine halbe Krone sicher."

Der Junge rannte los, als wäre ein Löwe hinter ihm her. Scrooge murmelte: "Diesen Festtagstruthahn soll Bob Cratchit bekommen, ohne je zu erfahren, wer ihm diesen Braten geschickt hat, der zweimal so groß ist wie Tiny Tim. Oh, wie ich mich freue!"

Mit zitternder Hand schrieb er die Adresse auf einen Zettel, ging die Treppe hinunter, um dem Geflügelhändler die Tür zu öffnen. Das war ein Truthahn! Nie hätte dieser Vogel auf seinen dürren Beinen stehen können; bereits beim ersten Versuch wären sie abgeknickt wie zwei Stangen Siegelwachs. Er schickte den Dienstboten mit einer Droschke zu Bob Cratchit, weil der Truthahn zu schwer war, um ihn diese weite Strecke zu tragen.

Scrooge rasierte sich, obwohl seine Hände immer noch zitterten. Nachdem er seinen besten Anzug angezogen hatte, ging er auf die Straße. Ihm bot sich ein Bild, wie er es in Begleitung der Geister gesehen hatte. Die Menschen strömten an ihm vorbei und Scrooge stand - die Hände auf dem Rücken - mit einem entzückten Lächeln am Straßenrand und beobachtete sie. Dabei wirkte er so freundlich, dass manche Menschen ihm fröhlich: "Guten Morgen, Sir", entgegenriefen. "Frohe Weihnachten." In diesem Moment glaubte Scrooge, es wären die fröhlichsten Laute gewesen, die er je in seinem Leben gehört hatte.

Scrooge ging die Straße hinunter in Richtung Kirche und er blickte in die Küchen der Häuser. Nie hatte er es sich träumen lassen, dass ihn einmal ein Spaziergang so glücklich machen könnte. Nachmittags schlug er den Weg zum Haus seines Neffen ein. Mehr als zwölf Mal ging er am Haus vorbei, bis er mutig genug war, anzuklopfen.

Ein Mädchen öffnete und Scrooge fragte: "Ist Ihr Herr zu Hause, liebes Kind?"

"Ja, Sir!"

"Wo befindet er sich, mein Fräulein?"

"Er sitzt mit seiner Gattin im Speisezimmer", antwortete das Mädchen.

"Darf ich hereinkommen?", fragte Scrooge freundlich. "Er kennt mich." Ohne Umstände ging er hinein und drückte sachte auf die Klinke. Er streckte vorsichtig den Kopf ins Zimmer und rief: "Fred!"

Seine Nichte zuckte zusammen. Fred aber rief: "Meine Güte, wer ist denn das?"

"Dein Onkel Scrooge! Ich bin zum Essen gekommen - gilt die Einladung noch?"

"Natürlich!", rief Fred hocherfreut und es war ein Wunder, dass er seinem Onkel nicht vor Freude den Arm aus dem Leib riss. Scrooge fühlte sich innerhalb kürzester Zeit wohl und herzlich aufgenommen. Seine Nichte strahlte freundlich und Topper war ebenso erfreut, als er kam. Auch die rundliche Schwester und alle Gäste, wie sie nacheinander eintrafen - waren fröhlich, genau so wie er es in der Nacht, in Begleitung des Geistes, beobachtet hatte. Oh, es war eine wundervolle Gesellschaft, lustige Spiele, himmlische Harmonie und ein wundervolles Glücksgefühl!

Am nächsten Tag begab er sich früh in sein Büro - sehr früh. Er wollte unbedingt vor Bob Cratchit eintreffen, um ihn beim Zuspätkommen zu ertappen. Und es gelang! Sein Gehilfe kam volle achtzehn und eine halbe Minute zu spät. Scrooge hatte seine Tür weit offen gelassen, um die verspätete Ankunft ja nicht zu versäumen.

Bob warf Schal und Hut über den Haken und saß schnurstracks an seinem Schreibtisch. Sein Stift flog nur so übers Papier, als wolle er die versäumte Zeit wieder einholen.

"Hallo!", rief Scrooge, der sich bemühte, in seiner gewohnt barschen Stimmlage zu rufen. "Hallo, weshalb erscheinen Sie so spät", grollte er.

"Es tut mir leid, dass ich mich verspätet habe", stotterte Bob, "doch es ist nur einmal im Jahr Weihnachten. Es soll nicht wieder vorkommen. Wir waren gestern Abend so lustig beisammen." Bob stand jetzt vor Scrooges Schreibtisch.

"Nun will ich Ihnen aber mal was sagen, Freundchen", donnerte Scrooge, "so kann es nicht weitergehen. Und weil es so nicht geht", er gab Bob einen freundschaftlichen Schubs, "habe ich mir vorgenommen … Ihr Einkommen zu erhöhen."

Bob bebte; gleichzeitig zerrte er verlegen an seinem Pullover herum.

"Frohe Weihnachten, Bob", setzte Scrooge unmissverständlich hinzu, und klopfte ihm auf den Rücken. "Ich hoffe, diese Weihnachten sind besser als die, die ich Ihnen in den letzten Jahren geboten habe. Sie sollen mehr Gehalt bekommen und ich will Ihre Familie unterstützen. Wie wäre es, wenn wir diese Angelegenheit heute Nachmittag bei einem Punsch besprechen, Bob. Machen sie ein wärmendes Feuer, kaufen Sie noch einen zweiten Kohlenkasten, damit wir es recht gemütlich haben, Bob."

Scrooge hielt sein Wort - und mehr. Für Tiny Tim, der nicht sterben musste, war er wie ein zweiter Vater. Er wurde ein so freundlicher Mensch und ein so guter Vorgesetzter, wie ihn die Stadt zuvor nie gesehen hatte. Zwar machten sich einige Leute über ihn lustig, doch das verunsicherte ihn nicht.

Mit Geistern hatte er fortan keinen Kontakt mehr. Doch lebte er in Bescheidenheit und man sagte ihm nach, dass niemand sonst auf Erden es so verstünde, Weihnachten zu feiern, wie Ebenezer Scrooge. Es wäre schön, man würde das von uns auch behaupten können. Deshalb möge, wie Tiny Tim so schön betonte, Gott jeden von uns segnen!


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Der Klassiker EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE von Charles Dickens (1812-1870) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von John Leech (1817-1864) erstellt.

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