LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry, Tom und die Räuberbande

Am nächsten Morgen ging alles gut mit Miss Watson und meinen schmutzigen Kleidern. Die Witwe machte allerdings so ein trauriges Gesicht, dass ich mir vornahm, eine Weile anständig zu sein; wenn ich es fertig brächte.

Dann musste ich mit Miss Watson jeden Tag beten. Worum ich auch bitten würde, das bekäme ich dann. So versuchte ich drei oder vier Mal durchs Beten einen neuen Angelhaken zu bekommen, aber es wollte nicht klappen. Als ich Miss Watson bat, es für mich zu versuchen, nannte sie mich einen Idioten. Weshalb, das wollte sie nicht sagen.

Einmal setzte ich mich in den Wald und überlegte, weshalb denn alle so viel beteten, wenn sie doch nie das bekamen, was sie wollten. Später erklärte mir die Witwe, dass man nur "geistige Güter" durchs Beten bekommen würde. Ich müsste für andere Menschen was tun und immer nur an sie denken und niemals an mich. Ich überlegte mir das noch einmal, kam aber zu dem Schluss, dass dies nur ein Vorteil für die anderen Leute sein konnte. Deshalb wollte ich mir in Zukunft nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen.

Seit mehr als einem Jahr hatte ich von meinem Alten nichts mehr gehört. Ich wollte ihn auch nicht mehr sehen, wenn er nüchtern war verprügelte er mich bloß. Als die Leute ungefähr zwölf Meilen Fluss aufwärts einen Ertrunkenen fanden, passte die Beschreibung genau auf meinen Alten. Aber das Gesicht konnten sie nicht erkennen, es war schon zu lange im Wasser gewesen. Sie zogen ihn aus und begruben ihn am Ufer.

Trotzdem ließ mir die Geschichte keine Ruhe, bis ich raus hatte, dass es gar nicht mein Alter war sondern ein Weib in Männerkleidern. Da wurde mir wieder unbehaglich.

Einen Monat lang spielten wir manchmal Räuber, dann mochte ich nicht mehr und der Rest der Bande auch nicht. Wir hatten niemanden wirklich beraubt oder umgebracht sondern nur so getan. Wir hatten Schweinetreiber und alte Weiber erschreckt aber nie ausgeplündert. Tom Sawyer nannte deren Schweine "Goldbarren" und das Gemüse "Geschmeide". In unserer Höhle prahlten wir damit, was für tolle Räuber wir wären. Aber ich konnte den Sinn dieses Spiels nicht verstehen.

Tom ließ sich noch einige Male etwas einfallen aber immer war es nur ein Spiel. Er behauptete, es wären Spanier und Araber auf der Wiese, dabei war es dann eine Gruppe Sonntagsschüler, die wir auseinander trieben. Wir erwischten aber nichts weiter als ein paar Krapfen, Marmelade, eine Puppe und ein Gesangbuch. Und als der Lehrer kam ließen wir alles fallen und hauten ab.

Als ich Tom fragte, weshalb denn keine Diamanten da gewesen wären, sagte er, dass ich blöd sei. Hätte ich Don Quichotte gelesen, würde ich wissen, dass alles durch Zauberei geschehen wäre. Die Elefanten, die Soldaten und der Schatz wären in die Kinder-Sonntagsschule verwandelt worden. Daraufhin wollte ich den Zauberern auf den Pelz rücken. Doch Tom Sawyer sagte, ich wäre ein Rindvieh.

Tom erklärte mir, dass ein Zauberer ganz viele Geister rufen könnte und die würden uns verprügeln wie nichts. Ich erwiderte, dass wir uns halt auch ein paar Geister holen müssten. "Wie stellen die das denn an", fragte ich.

"Wenn man eine alte Zinnlampe oder einen eisernen Ring reibt, dann kommen die Geister an mit Donner und Blitz; alles was ihnen gesagt wird, das tun sie dann auch. Sie würden sogar einem Sonntagsschullehrer eins über die Birne knallen."

"Wer befiehlt denen denn, so rumzutoben?"

"Na, der die Lampe oder den Ring gerade reibt. Wenn der ihnen sagt, sie sollen einen Palast bauen, vierzig Meilen lang und aus Diamanten oder was du sonst willst, dann müssen sie es tun. Und zwar vor dem nächsten Sonnenaufgang. Außerdem müssen sie den Palast dorthin tragen, wohin du gerade willst."

"Was du wieder quatschst! Du müsstest kommen und tun, was sie wollen; ob du willst oder nicht!"

"Ach was, mit denen würde ich schon fertig werden!"

"Mit dir kann man über so etwas nicht reden. Du bist ein richtiger Saftkopp!"

Zwei oder drei Tage dachte ich über all das nach. Und dann dachte ich, ich würde schon dahinter kommen, wenn was dran wäre. So suchte ich mir eine alte Zinnlampe und lief in den Wald. Ich rieb, bis ich schwitzte wie ein Affe, um mir einen Palast bauen zu lassen und ihn dann zu verkaufen. Doch es half nichts, es kam keiner von den Geistern. Schließlich dachte ich, dass es nur eine von Tom Sawyers Schwindeleien wäre. Es kam mir so vor, weil er an die Araber und Elefanten geglaubt hatte. Aber ich hatte die Sonntagsschulkasse zu deutlich gesehen.





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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