LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry lässt sich die Zukunft voraussagen

Es vergingen ungefähr drei Monate und wir waren schon mitten im Winter. Die meiste Zeit war ich zur Schule gegangen und ich konnte schon ein wenig buchstabieren, lesen und schreiben. Außerdem wusste ich das Einmaleins bis sechsmal sieben ist fünfunddreißig und glaubte, dass ich niemals noch mehr lernen konnte, auch wenn ich ewig leben würde.

Anfangs hasste ich die Schule, aber allmählich merkte ich, dass ich es aushalten könnte. Wenn ich die Nase voll hatte, dann spielte ich Blinde Kuh. Am nächsten Tag bekam ich Prügel dafür, die mich aber eher aufmöbelten. Auch die Witwe fand ich mit der Zeit gar nicht mehr so schrecklich. Und in einem Haus zu wohnen und in einem Bett zu schlafen, das gibt einen hübschen Sinn für Sauberkeit.

Vor Einbruch der kalten Jahreszeit brannte ich nur noch wenige Male durch und schlief im Wald - zur Erholung. Die alte Art war mir nun mal die liebste. Die Witwe war zufrieden mit mir. Sie meinte, ich "mache mich" langsam aber sicher und sie müsse sich nicht mehr so viel schämen wegen mir.

Einmal schmiss ich ein Salzfass um. Ich kratzte einen Teil vom Salz so schnell ich konnte zusammen und wollte es über meine linke Schulter werfen, um Unglück abzuhalten. Doch Miss Watson ertappte mich und hielt mich davon ab. Die Witwe legte zwar ein gutes Wort für mich ein, aber das Unglück konnte jetzt nicht mehr aufgehalten werden, das wusste ich zu gut. Danach lief ich fort und fühlte mich bedrückt und traurig. Es blieb mir nichts anderes übrig, als trübsinnig rumzustrolchen und abzuwarten, was kommen würde.

Ich ging in den Garten und kletterte über den Zaun. Ein paar Zentimeter frisch gefallener Schnee bedeckte den Boden und es waren Spuren darin. Es musste ein Kerl gewesen sein, der vom Steinbruch gekommen war. Am Zaun hatte er eine Weile still gestanden und dann war er um den Garten herumgegangen. Seltsam, dass er den Garten nicht betreten hatte. Sehr seltsam. Ich bückte mich, um mir die Spuren genauer anzusehen, bevor ich ihnen folgte. Im linken Absatz war ein Kreuz, aus dicken Nägeln gemacht, um den Teufel abzuhalten.

Im Nu war ich auf dem Weg zu Richter Thatcher. Während ich den Hügel runter rannte, schaute ich alle Augenblicke über meine Schulter; aber niemand verfolgte mich. Richter Thatcher fragte: "Na, Junge, du bist ganz außer Atem."

Da fragte ich ihn, ob was für mich hier wäre. Er sagte, dass die Zinsen von einem halben Jahr da wären; über hundertfünfzig Dollar. Und dass ich das Geld am besten zu den sechstausend dazugeben sollte. Am liebsten hätte ich dem Richter alles geschenkt, aber der wollte das natürlich nicht annehmen. Obwohl ich ihn sehr drängte. Dann dachte er eine Weile nach, bevor er sagte: "Gut, du kannst mir dein Eigentum anvertrauen, aber geschenkt will ich nichts." Er schrieb diese Abmachung auf ein Stück Papier. Dann gab er mir den wöchentlichen Dollar und ließ mich das Papier unterzeichnen. Schließlich rannte ich wieder davon.

Am Abend stattete ich Jim, Miss Watsons Neger, einen Besuch ab. Er hatte einen Haarknäuel aus dem vierten Magen eines Ochsen rausgeholt und gebrauchte diesen Knäuel zu allerhand Zauberei. Er behauptete, er könne damit in die Zukunft sehen.

Ich sagte Jim, dass der Alte wieder hier wäre. Ich hatte ja seine Spuren im Schnee gesehen. Ich wollte wissen, was er vorhatte, ob er hier bleiben würde. Jim zog sein Knäuel heraus, murmelte was, hielt es hoch und ließ es auf den Boden fallen. Es fiel ruhig und rollte einen Zoll weit. Das versuchte er mehrmals, horchte daran. Aber das Knäuel wollte einfach nichts sagen. Jim sagte, dass ohne Geld überhaupt nichts passieren würde.

So bot ich Jim ein falsches Vierteldollarstück an. Meinen richtigen Dollar verschwieg ich lieber. Er sagte, dass er es mit dem Geld probieren würde, auch wenn es ziemlich schlecht wäre. Er legte den Vierteldollar unter das Knäuel, bückte sich und horchte wieder. Diesmal wäre alles in Ordnung, sagte er, und dass er mir mein ganzes Schicksal erzählen könnte. Ich sagte natürlich ja.

"Dein Alter weiß selber noch nicht was er will. Am besten lässt du ihn seiner Wege gehen. Zwei Engel fliegen immer um ihn rum. Der weiße will, dass er das Rechte tut und der schwarze kommt und wirft alles wieder übern Haufen. Wer gewinnt, kann keiner sagen. Bei dir ist alles in Ordnung. Du wirst im Leben einen Haufen Plackerei haben und dann viel Freude. Mal wirst du dich verletzen und einmal wirst du krank. Aber es wird immer alles wieder gut. Da sind noch zwei Mädchen um dich. Das eine ist hell und arm und das andere reich und dunkel. Die arme heiratest du zuerst, dann die Reiche. Halte dich möglichst weit vom Wasser weg. Und außerdem musst du sehr vorsichtig sein, denn es steht fest, dass du sonst gehängt wirst."

Als ich meine Kerze anmachte und in mein Zimmer raufstieg, saß mein Alter da in Lebensgröße!





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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