LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry und sein Vater

Als ich in mein Zimmer kam, war er da! Ich hatte eine solche Angst vor ihm, weil er mich so oft vertrimmt hatte. Für einen Moment war ich geschockt, aber dann sah ich, dass kein Grund dazu war.

Er war fast fünfzig. Sein Haar war lang, wirr und schmierig; dazwischen schauten seine Augen hervor. Es war schwarz, sein langer, struppiger Bart auch und im Gesicht war er ganz weiß. Nicht gewöhnlich weiß, sondern weiß, dass einem die Gänsehaut überlief. Da saß er, in Lumpen gekleidet, ein Loch im Stiefel, dass man die Zehen sehen konnte.

Ich stand da und guckte ihn an; er guckte zurück, mit dem Stuhl ein bisschen nach hinten gekippt. Am offenen Fenster konnte ich erkennen, dass er übers Scheunendach reingeklettert sein musste. Er musterte mich von Kopf bis Fuß. "Piekfeine Kleider, was? Bist ein aufgeblasener Kerl geworden, oder?"

"Vielleicht ja, vielleicht nein!"

Da regte sich der alte tierisch über mich auf. Am Meisten ärgerte es ihn, dass ich lesen und schreiben konnte. Er blaffte mich an: "Das konnte noch nie einer in der Familie, auch deine Mutter nicht. Meinst jetzt wohl, du wärst was Besseres als ich! Das lasse ich mir nicht gefallen. Mit der Schule ist es jetzt vorbei, verstanden? Den Leuten werde ich zeigen, was es heißt, einen Bengel dazu zu bringen, auf den eigenen Vater runterzusehen und was Besseres werden zu wollen, als der ist! Lass dich bloß nicht noch einmal bei der Schule erwischen! Und jetzt lies mal!"

Ich nahm ein Buch und fing an, was über George Washington und den Krieg zu lesen. Nach kurzer Zeit schlug er mir das Buch aus der Hand und sagte: "Es stimmt, du kannst wirklich lesen. Ich wollte es nicht wirklich glauben. Nun pass auf: Du hörst jetzt mit dem Firlefanz auf. Ich will das nicht!"

Er zerriss mein buntes Bildchen, das ich für gutes Lernen gekriegt hatte. Dann drohte er mir mit Prügel und haderte noch eine Weile damit, dass ich im Bett schlafen dürfe und er mit den Schweinen schlafen müsse. Und dann ließ er die Katze aus dem Sack. "Und reich sollst du sein! Ich habe es in der ganzen Stadt gehört. Alle Leute reden darüber. Morgen wirst du mir das Geld geben, ich will es haben!"

Ich versuchte, alles zu leugnen und verwies ihn an Richter Thatcher. Er sagte nur: "Na gut, ich werde ihn fragen. Und blechen soll er… Sag, wie viel hast du in der Tasche?"

Und dann nahm er mir den Dollar ab, den ich noch in meiner Hosentasche hatte. Er wollte runter in die Stadt, um Whisky zu kaufen. Vorher befahl er mich noch einmal, von der Schule fortzubleiben.

Am nächsten Tag ging er betrunken zu Richter Thatcher und wollte ihn einschüchtern. Aber er kriegte das Geld nicht und da schwor er, er würde ihm einen Prozess anhängen. Richter Thatcher und die Witwe gingen zum Gericht, um mich von dem Alten loszukriegen.

Aber es war ein neuer Richter da, der meinen Alten noch nicht kannte. Der sagte, es wäre nicht richtig, wenn das Gericht Familien auseinander bringen würde. Er hätte noch nie einem Vater sein Kind weggenommen. Da freute sich der Alte. Er sagte, er würde mich prügeln, bis ich schwarz und blau wäre, wenn ich nicht ein paar Dollar für ihn auftreiben könnte. Da borgte ich drei Dollar von Richter Thatcher und der Alte ging und besoff sich. Er strolchte schimpfend und schreiend durch die ganze Stadt. Mit einer Pfanne machte er Spektakel bis fast um Mitternacht. Daraufhin wurde er vors Gericht gebracht und für eine Woche eingesperrt.

Aber er war ganz zufrieden mit sich. Er wäre doch Herr über seinen Sohn und würde es schon richtig machen. Als er rauskam, kümmerte sich der neue Richter um ihn. Er nahm ihn in sein Haus und kleidete ihn anständig und sauber. Ließ ihn an Frühstück, Mittag- und Abendessen teilnehmen; war wie ein Vater zu ihm.

Der Alte tat so, als würde er sich bekehren lassen, wollte fortan ein rechtschaffener Kerl sein. Erklärte, dass er bislang missverstanden war und heulte. Der Richter und seine Frau glaubten es und waren mehr als gerührt. Sie wollten ihm die Sympathie geben, die ihm bisher angeblich verwehrt worden war. Sie führten den Alten in ein wundervolles Zimmer und glaubten an seine guten Absichten.

In der Nacht bekam der Alte aber wieder furchtbaren Durst, kletterte aufs Dach von der Vorhalle und rutschte den Pfosten runter. Dann verscherbelte er seinen neuen Rock für einen Krug Schnaps und kletterte wieder hinauf und machte sich eine fidele Nacht. Gegen Morgen krabbelte er noch einmal raus, voll wie eine Haubitze, rollte vom Vorhallendach herunter und brach sich den linken Arm zweimal und war fast erfroren. Nach Sonnenaufgang fand ihn einer.

Der Richter war verteufelt trübsinnig hinterher. Seiner Meinung nach könnte man den Alten nur mit dem Schießgewehr kurieren; einen anderen Weg wüsste er nicht.





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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