LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry in Gefahr

Danach war der Alte wieder fit und lief zum Gericht, um Richter Thatcher zur Herausgabe des Geldes zu zwingen. Auf mich passte er auf, dass ich nicht in die Schule ging. Ein paar Mal prügelte er mich, aber ich ging trotzdem zur Schule; gebrauchte Ausreden und entwischte ihm. Zwar war ich vorher nicht gerne zur Schule gegangen, aber jetzt wollte ich es tun, um meinen Alten zu ärgern.

Das Gericht arbeitete sehr langsam. So musste ich immer wieder einige Dollars für den Alten beim Richter Thatcher holen, damit er mich nicht verprügelte. Immer wenn er Geld bekommen hatte, war er besoffen und machte einen Heidenkrach in der Stadt. Danach wurde er jedes Mal eingesperrt. Er war aber ganz vergnügt dabei.

Schließlich wurde er der Witwe zu lästig. Sie sagte ihm, wenn er nicht aufhörte, um ihr Haus rumzulungern, würde sie ihm die Hölle heiß machen. Doch der Alte ließ sich das natürlich nicht gefallen und verschleppte mich kurzerhand in einem Boot. Ungefähr drei Meilen stromaufwärts landeten wir am Illinois-Ufer. Dort war dichter Wald und nur eine alte Blockhütte, die wirklich Keiner finden konnte.

Er war immer um mich und ich konnte nicht weglaufen. Er hatte eine Flinte, die er wahrscheinlich gestohlen hatte, und wir fischten und jagten. Davon ernährten wir uns. Alle Augenblicke sperrte er mich ein, ging drei Meilen weit zur Fähre und tauschte Fische und Wild für Whisky ein. Damit besoff er sich, sobald er wieder in der Hütte war und prügelte mich. Schließlich kam die Witwe dahinter, wo ich war, und schickte einen Mann vorbei, der mich mitnehmen sollte. Aber der Alte verjagte ihn mit seiner Flinte. Mit der Zeit hatte ich mich an alles gewöhnt, außer den Prügeln, und es gefiel mir hier ganz gut.

Mehr als zwei Monate war ich faul und fidel, lag den ganzen Tag rauchend und fischend herum und musste nichts lernen. Meine Kleider waren inzwischen wieder dreckige Lumpen und ich konnte mir gar nicht mehr vorstellen, dass es mir bei der Witwe mal gefallen hatte. Ich hatte sogar aufgehört, ein widerborstiger Kerl zu sein, weil die Witwe es nicht leiden konnte. Jetzt fing ich wieder damit an, weil mein Alter nichts dagegen hatte.

Doch mit der Zeit nahm der Alte die Haselnussgerte zu häufig. Ich war über und über mit Striemen bedeckt. Er sperrte mich immer öfter ein, einmal sogar für drei Tage, dass ich glaubte, der Alte wäre ersoffen. Ich wollte ausbrechen, fand aber keine Möglichkeit. Außerdem war der Alte verteufelt drauf aus, dass kein Messer oder was Ähnliches liegen blieb, wenn er fort war. Er hatte immer wieder alles gefilzt. Trotzdem versuchte ich immer wieder auszubrechen, weil es der einzige Zeitvertreib war.

Einmal fand ich eine verrostete alte Handsäge ohne Griff. Ich machte mich an die Arbeit. An der Wand war eine alte Pferdedecke angenagelt, damit der Wind nicht durch die Ritzen blies. Darunter sägte ich aus dem untersten Stamm ein Stück heraus, durch das ich schlüpfen konnte. Doch da hörte ich den Alten im Wald mit der Büchse knallen. Ich beseitigte schnell die Spuren meiner Arbeit und ließ die Decke wieder runter. Die Säge versteckte ich.

Als der Alte reinkam, war er wie immer schlecht gelaunt. Seine Geschäfte in der Stadt waren nicht gut gelaufen. Er sagte, dass er den Prozess gewinnen könnte, wenn der Richter Thatcher nicht immer Mittel und Wege finden würde, das Ganze auf die lange Bank zu schieben. Außerdem wäre noch ein anderer Prozess im Gang, um mich von ihm wegzunehmen und mir die Witwe als Vormund zu geben. Und die Leute meinten, dass sie diesmal damit durchkommen würden.

Das jagte mir natürlich einen tüchtigen Schrecken ein. Ich konnte mir inzwischen nicht mehr vorstellen, bei der Witwe zu wohnen. Der Alte fing an zu fluchen, er verfluchte den ganzen Ort. Er wüsste ein neues Versteck, sieben Meilen weit weg, wo er mich verstecken könnte. Dann könnten sie suchen, bis sie schwarz würden! Da fühlte ich mich wieder ziemlich unbehaglich, aber nur für eine Minute. Ich dachte mir, dass ich nicht mehr da sein würde, wenn er mich wieder verschleppen wollte.

Der Alte befahl mir, zum Boot zu gehen. Er hatte Lebensmittel und Whisky besorgt. Ich brachte einen Teil zur Hütte, ging zurück und setzte mich ins Boot. Ich überlegte und beschloss, mit dem Gewehr und ein paar Angelschnüren durch den Wald abzuhauen. Ich wollte nirgendwo lange bleiben, vor allem nachts vorwärts kommen und mit jagen und fischen wollte ich mich ernähren. Ich war so in Gedanken, dass ich gar nicht hörte, dass der Alte nach mir rief und fragte, ob ich eingeschlafen oder ersoffen wäre. Da schleppte ich die restlichen Sachen noch zur Hütte.

Während ich Abendessen kochte, nahm der Alte ein paar tüchtige Schlucke. Langsam wurde er wieder besoffen. Dann fing er immer an über die Regierung zu schimpfen und über seine schlechte Lage. Er fand, dass das Leben und die Gesetze sehr ungerecht zu ihm waren. Mit jedem Schluck wurde es schlimmer. Er schimpfte über die Neger, darüber dass sie jetzt wählen durften. So ging es in einer Tour weiter. Und weil er nicht aufpasste, wohin ihn seine Beine trugen, viel er über das Fass mit dem gesalzenen Schweinefleisch und schlug sich beide Schienbeine auf. Da hüpfte er um die Hütte rum, erst auf einem Bein und dann auf dem anderen. Dazwischen schimpfte er weiter und holte zur Bekräftigung seiner Aussagen mit dem linken Fuß aus und verpasste dem Fass einen ordentlichen Tritt. Das war ein Fehler, es war der Fuß mit dem löchrigen Schuh, wo die Zehen rauslugten. Da fing er ein Geheul an, dass einem die Haare zu Berge standen, rollte sich herum und hielt sich an den Zehen.

Nach dem Abendessen soff er weiter. Ich dachte, dass ich nun bald abhauen könnte. Er soff und soff und nach einer Weile taumelte er auf sein Bett. Aber ich hatte kein Glück. Er schlief sehr unruhig, grunzte und stöhnte. Dann schlief ich auch ein.

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen hatte. Aber plötzlich gab es einen furchtbaren Schrei. Ich war hellwach. Der Alte sprang kreuz und quer durch die Hütte, schrie was von Schlangen. Sie würden ihm die Beine hochklettern und ihn beißen. Er wurde immer wilder. "Nimm sie weg!", schrie er. Nie hatte ich einen Menschen so wild die Augen rollen sehen. Er wurde schlapp, fiel hin und japste; gleichzeitig trat er nach allem was ihm vor die Füße kam. Er war regelrecht wahnsinnig geworden. Er meinte, den Tod zu hören, seine Schritte. Dann kroch er auf allen Vieren herum und bettelte, sie sollten ihn doch in Ruhe lassen.

Nach einer Weile holte er sein Klappmesser, und jagte mich durch die Hütte. Er nannte mich den Engel des Todes und wollte mich umbringen, damit ich ihm nichts mehr tun könne. Als er mich am Jackenkragen erwischte, schlüpfte ich schnell wie der Blitz aus der Jacke und brachte mich in Sicherheit.

Bald war der Alte müde geworden und fiel mit seinem Rücken gegen die Tür. Das Messer legte er unter sich und er meinte, wenn er ausgeschlafen hätte, dann würde er mich umbringen. So döste er bald hinüber.

Nach einer Weile stieg ich auf den alten Stuhl mit dem zerbrochenen Sitz, so leise wie ich nur konnte und nahm die Flinte von der Wand. Ich sah nach, ob sie geladen war und legte sie quer über meine Beine, die Mündung nach dem Alten gerichtet und wartete darauf, dass er sich bewegte. Wie langsam die Zeit doch verstrich.





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

Artikel versenden

Einfach Karte ausfüllen und per E-Mail an Freunde verschicken!

Dein Name:

Deine E-Mail:

Name des Empfängers:

E-Mail des Empfängers:

Deine Nachricht:



Artikel versenden

Sorry!
Beim Versenden ist leider ein Fehler aufgetreten:




Artikel versenden

Vielen Dank!
Deine Nachricht an wurde erfolgreich versendet. Wenn du möchtest, kannst du noch eine weitere Mail versenden:


Shop
Shop
Shop
Shop
Shop
Shop