LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huck und Jim auf der Flucht

Kurz vor eins hatten wir die Insel hinter uns gelassen. Die Strömung trieb uns langsam voran. Wir hatten die Flinte und die Angelhaken vergessen und auch die Lebensmittel. Es war alles so schnell gegangen.

Wenn die Männer wirklich auf die Insel kommen würden, dann würde das Feuer am alten Lagerplatz sie erst Mal eine Weile ablenken. In einer Bucht am Illinois-Ufer legten wir in einer Bucht an. Wir versteckten Kanu und Floß so gut wir konnten.

Ich erzählte Jim die ganze Sache mit der Frau von gestern Abend. Jim meinte, das wäre eine ganz Schlaue; die würde bestimmt nicht die ganze Nacht am Feuer sitzen bleiben. Die hätte bestimmt einen Hund dabei. Aber die Männer, so glaubte Jim, die hätten ja keine Ahnung. Ich sagte, es wäre mir egal, warum sie uns nicht gekriegt haben.

Als es dunkel wurde, haben wir noch einmal die ganze Gegend mit Blicken abgesucht. Aber wir entdeckten nichts. Jim nahm die stärksten Planken vom Floß und baute daraus eine Hütte. Einen Bretterboden zimmerte er auch noch, so dass die Hütte ungefähr einen Fuß höher lag als das Floß. So waren die Decken und der ganze Kram geschützter gegen das Spritzwasser. Wir machten noch ein zweites Steuerruder, für den Fall, dass eines zerbrechen sollte. In der Mitte des Floßes hatten wir eine Astgabel festgemacht, in die wir eine alte Laterne hängten. Wenn ein Dampfer kam, mussten wir nämlich immer eine Laterne anmachen, damit wir nicht überrannt wurden.

In der nächsten Nacht fuhren wir sieben oder acht Stunden. Wir fingen Fische und erzählten uns was. Ab und zu schwammen wir neben dem Floß her, damit wir nicht müde wurden. Es war ziemlich feierlich, wenn wir auf dem Rücken lagen und die Sterne über uns strahlten. Das Wetter war gut und es geschah nichts Besonderes in den nächsten beiden Nächten.

Jede Nacht kamen wir an Städten vorbei. Ungefähr um zehn landete ich heimlich in der Nähe von irgendeinem Dorf und kaufte Maismehl oder Speck oder was wir gerade brauchten. Manchmal habe ich auch ein Huhn mitgehen lassen - das war ein Ratschlag von meinem Alten. Manchmal "borgte" ich mir eine Wassermelone oder einen Kürbis. Mein Alter sagte immer, dass "borgen" nichts Schlimmes wäre. Die Witwe aber hatte gesagt, dass dies nur ein mildes Wort für "stehlen" wäre. Jim meinte das auch und wir strichen ein paar Dinge aus unserer "Borgliste". Alles in Allem lebten wir ganz prima.

In der fünften Nacht gab es nach Mitternacht einen schweren Sturm. Das Wasser kam runter wie aus Eimern gegossen. Wir hatten uns in unsere Hütte verkrochen und überließen das Floß sich selbst. Bis wir in unserer Nähe einen Dampfer entdeckten, der auf einen Felsen gefahren war. Und wir trieben direkt auf ihn zu. "Jim, lass uns am Dampfer anlegen.", bat ich.

Er war erst furchtbar dagegen, hatte Angst vor den Wachposten. Doch ich konnte ihn überreden; erzählte ihm von wertvollen Schätzen, Zigarren, vielleicht sogar aus der Kapitänskajüte. "Komm, Jim. Tom Sawyer würde sich so eine Gelegenheit nicht entgehen lassen! Er würde das Abenteuer nennen, auch wenn es sein Leben kostete. Ach, wenn nur Tom Sawyer hier wäre."

Jim gab brummend nach. Beim nächsten Blitz konnten wir das Wrack genau sehen und machten unser Floß am Ladebaum fest. Wir kletterten das schräg stehende Wrack hinauf, bis zum Deckfenster. Noch ein Schritt und dann waren wir bei der Kapitänskajüte. Die Tür stand offen… und um Himmels willen: In der Kajüte war Licht und wir hörten Stimmen!

Jim wollte flüchten und ich am Liebsten hinterher. Doch ich sagte mir, dass Tom Sawyer bei so einer Gelegenheit auch nicht auskratzen würde. Ich wollte wissen, was hier los war. Auf Händen und Füßen kroch ich den schmalen Gang entlang. In der Kajüte sah ich einen gefesselten Mann am Boden liegen und zwei Männer standen über ihm. Sie bedrohten ihn mit einer Pistole. Sie wollten den Mann umbringen.

Damit ich nicht entdeckt werden konnte, kroch ich rückwärts in eine Kabine. Doch dann hörte ich: "Komm hier rein." Und sie kamen. Die Männer namens Bill und John. Ich hatte mich in die äußerste Ecke der obersten Koje gedrückt und hielt den Atem an. Es roch nach Whisky. Bill wollte Turner umbringen, weil er sie verraten wollte.

Doch John Packard wollte erst das Schiff leerräumen und die Beute an Land verstecken. Er meinte, in zwei Stunden würde das Wrack eh auseinander brechen und den Fluss runtertreiben. "Er wird einfach ersaufen und man kann keinem einen Vorwurf machen, verstehst Du?", sagte er zu Bill.

Bill haderte noch kurz, aber gab dann nach. Die beiden gingen weg. Ich verduftete auch, ganz in Schweiß gebadet. Draußen war es duster und ich kroch dahin, wo wir mit dem Floß angelegt hatten. "Jim!", flüsterte ich. "Los, Jim. Da ist eine Mörderbande auf dem Schiff. Und wenn wir nicht ihr Boot finden und es losmachen, dann ist einer von ihnen in der Klemme. Wenn wir das Boot finden, dann sitzen sie alle in der Patsche, weil der Sheriff sie dann kriegt. Komm, beeil dich. Und dann gehen wir aufs Floß!"

"Mein Gott, da ist kein Floß mehr. Es hat sich losgerissen und ist weg. Wie stehen wir jetzt da?"





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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