LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry und Jim suchen Cairo

Am nächsten Tag schliefen wir und gondelten erst abends wieder los. Wir trieben einen großen Flussbogen runter. Am Nachthimmel kamen Wolken auf und es wurde schwül. An beiden Ufern zogen sich dichte Wälder hin, der Fluss war sehr breit. Wir sprachen über Cairo und fragten uns, ob wir die Stadt überhaupt erkennen würden.

Ich sagte, wir würden es wahrscheinlich nicht erkennen. Es gäbe da nur ein Dutzend Häuser und wenn die nicht anständig beleuchtet wären, würden wir vermutlich daran vorbeifahren.

Jim meinte, er würde es sicher nicht verpassen. Cairo war für ihn ein anderes Wort für Freiheit. Wenn er Cairo verfehlen würde, wäre er bald wieder im Land der Sklaverei. So sprang er alle Augenblicke auf und rief: "Eine Stadt!"

Jim sagte, er würde ganz zittrig, so nahe bei der Freiheit zu sein. Ich selbst bekam ein schlechtes Gewissen. Ich war dabei, einem Neger zur Freiheit zu verhelfen. Ja klar, ich hätte nur an Land gehen müssen und alles erzählen. Aber was wäre dann aus Jim geworden. Dann überlegte ich mir, was Miss Watson mir getan hat, dass ich zusehe, wie ihr Neger fortläuft.

Ich fühlte mich erbärmlich und wünschte, ich wäre tot. Ich lief auf dem Floß hin und her, klagte mich an. Jim lief mit. Keiner von uns fand mehr Ruhe. Ab und zu rief er: "Das ist Cairo!" Und ich machte mir bittere Vorwürfe.

Jim machte Pläne. Als erstes wollte er Geld sparen, um seine Frau freizukaufen. Auch seine Kinder wollte er freikaufen. Falls die weißen Herren sie nicht rausrückten, dann wollten sie einen Weißen aus dem Norden bitten, sie zu stehlen.

Mir wurde heiß und kalt. Jim hatte nie zuvor gewagt, so zu reden. Mir kam das Sprichwort in den Sinn: "Gib einem Neger den kleinen Finger und er wird den ganzen Arm nehmen!"

Ich war ganz traurig, dass Jim so einen Blödsinn quatschte. Mein Gewissen plagte mich schlimmer als je zuvor. Ich könnte ja noch ans Ufer fahren und alles erzählen, überlegte ich. Endlich zeigte sich ein Licht und Jim jauchzte: "Cairo, das ist Cairo!"

"Ich will doch erst mal mit dem Boot rüberfahren, vielleicht stimmt es gar nicht.", schlug ich vor.

Jim sprang auf und machte das Kanu fertig. Als ich abstieß sagte er, dass er nun bald in Freiheit wäre. "Huck, du bist der beste Freund, den Jim in seinem Leben je gehabt hat." Nun fühlte ich mich endgültig miserabel. Jim rief mir nach: "Du bist der einzige weiße Mann, der seine Versprechen gehalten hat."

In dem Augenblick kam ein Boot mit zwei Männern drin. Sie hatten Flinten und wollten wissen, was auf dem Floß wäre. Sie suchten fünf Neger, die ausgerissen waren. "Ist der Kerl auf dem Floß weiß oder schwarz?"

Erst versagte mir die Stimme. Endlich brachte ich raus: "Er ist weiß!"

Sie wollten selbst nachsehen. Dann erklärte ich, dass es sehr praktisch wäre. Sie könnten mir helfen, meinen kranken Vater und die anderen Passagiere an Land zu bringen. Die Männer wollten gerade losfahren, da fragten sie, welche Krankheit mein Alter denn hätte. Ich stammelte, dass es nichts Wichtiges wäre. "Ich bin euch so dankbar. Alle die ich bisher gebeten habe, sind einfach weitergefahren." Das machte die Männer misstrauisch. "Sag die Wahrheit, Junge. Was hat dein Vater?"

"Halt John, zurück. Wahrscheinlich hat sein Alter die Blattern. Bleib uns bloß vom Leib! Armer Teufel - aber wir haben keine Lust, die Blattern zu kriegen!" Sein schlechtes Gewissen veranlasste ihn, mir zwanzig Dollar auf eine Planke zu legen, die ich mir beim vorbeitreiben wegnehmen sollte. Der zweite Mann legte auch noch einen Zwanziger dazu.

Sie ruderten davon und ich machte wieder am Floß fest. Aber Jim war nicht da. Er hing im Fluss und hielt sich unten am Steuer fest. Er sah nur mit der Nasenspitze zum Wasser raus. Erst als er sicher war, dass die Männer weg waren, kam er wieder an Bord.

Jim dankte mir überschwänglich und nannte mich seinen Liebling. Dann redeten wir von dem Geld. Er meinte, ich hätte die Männer ganz schön an der Nase rumgeführt. Jim meinte, bis Cairo wären es noch höchstens zwanzig Meilen mit dem Floß. Bei Tagesanbruch machten wir fest und versteckten das Floß. Dann packte Jim den ganzen Tag unseren Kram. Nochmals eine Nacht fuhren wir flussabwärts und mit der Zeit überlegten wir, ob wir schon vor einigen Nächten an Cairo vorbeigefahren wären.

Jim wurde trübselig. "Armer Neger hat kein Glück. Jim fürchtet immer, dass die Sache mit der Schlangenhaut noch nicht erledigt ist."

"Jim, ich wollt, ich hätte die Schlangenhaut nie gesehen!" Zum Glück war Jim klar, dass ich das ja nicht wissen konnte.

Als es hell war, sahen wir ganz deutlich das klare Wasser vom Ohio. In der Mitte war noch dass dreckig-gelbe Wasser des Mississippis. Also waren wir an Cairo vorbeigefahren. Der einzige Ausweg war, auf die Dunkelheit zu warten und dann im Kanu zurückzufahren. Wir legten uns ins Baumwollgestrüpp und schliefen den ganzen Tag. Als wir zum Fluss zurückkamen war das Kanu weg.

Zuerst sagten wir kein Wort. Wir wussten, dass das auch noch mit der Schlangenhaut zusammenhing. Dann sprachen wir aber doch darüber, was am besten zu tun wäre. Wir fanden keinen anderen Weg, als mit dem Floß weiterzutreiben, bis wir uns irgendwo ein Kanu kaufen könnten. Wir stießen also nach Einbruch der Dunkelheit mit dem Floß ab.

Falls jetzt noch einer nicht glaubt, dass es reiner Selbstmord ist, wenn man eine Schlangenhaut anfasst… dann soll er weiterlesen.

Wir fanden nirgends eine Stelle am Ufer, an der man ein Kanu kaufen konnte. Wir fuhren weiter, man kann die Entfernungen nur schwer schätzen. Später kam ein Dampfer flussaufwärts. Normalerweise hielten sie sich mehr am Ufer. Aber in so einer dunklen Nacht fahren sie mitten in der Fahrrinne gegen den Strom. Wir hörten den Dampfer keuchen. Er hielt direkt auf uns zu. Das machen sie oft so, um zu zeigen, wie gut sie ausweichen können. Und nach dem Schreck steckt der Steuermann dann seinen Kopf raus, lacht und fühlt sich wie ein Held. Also der Dampfer kam näher und wir dachten, das wäre wieder einmal so ein Spaßvogel.

Aber er war wie ein mächtiges Vieh, er fuhr mit voller Geschwindigkeit. Die Glocken schrillten, man schrie uns was zu, ein grässliches Durcheinander vermischte sich mit dem Pfeifen des Dampfers. Jim sprang auf der einen Seite ins Wasser und ich auf der anderen. Dann fuhr der Dampfer krachend auf unser Floß.

Ich versuchte möglichst tief unten zu bleiben, weil doch das Schaufelrad eines Dampfers so riesig ist. Als ich wieder auftauchte, wurde ich von der Strömung mitgerissen und der Dampfer setzte seine Maschinen wieder in Gang. Ich rief verzweifelt nach Jim. Dann packte ich eine Planke und schwamm aufs Ufer zu. Die Strömung ging nach dem linken Ufer zu. Ich ließ mich treiben und hoffte, dass Jim genauso schlau ist und nicht mit aller Gewalt ans rechte Ufer geschwommen ist.

Es dauerte eine Weile, bis ich an Land kam. Ich kletterte ans Ufer und machte mich auf den Weg. Länger als eine Viertelstunde musste ich auf ziemlich steinigem Boden vorwärtstappen. Ich konnte den Weg immer nur ein kleines Stück übersehen, deshalb bemerkte ich sehr spät, dass ich bei einem großen altmodischen Blockhaus angekommen war. Ein Rudel Hunde stellte mich, bellte mich an. Da gab es nichts Klügeres, als sich nicht zu rühren.





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

Artikel versenden

Einfach Karte ausfüllen und per E-Mail an Freunde verschicken!

Dein Name:

Deine E-Mail:

Name des Empfängers:

E-Mail des Empfängers:

Deine Nachricht:



Artikel versenden

Sorry!
Beim Versenden ist leider ein Fehler aufgetreten:




Artikel versenden

Vielen Dank!
Deine Nachricht an wurde erfolgreich versendet. Wenn du möchtest, kannst du noch eine weitere Mail versenden:


Shop
Shop
Shop
Shop
Shop
Shop