LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry und die beiden Halunken

Am nächsten Tag legten wir wieder bei einer Insel an. Der König und der Herzog überlegten bereits, wie man am besten was aus den nahe liegenden Ortschaften rausholen konnte. Jim lag wieder gefesselt da, weil wenn ihn jemand frei gesehen hätte, dann hätte man ihn für einen weggelaufenen Neger gehalten. Er fand das sehr unangenehm und sagte es auch.

Da hatte der Herzog eine Idee. Er zog Jim das Kostüm von König Lear an, das wie ein langes Nachthemd aussah. Dazu setzte er ihm eine weiße Perücke auf und machte ihm einen Bart. Den Rest von Jims Gesicht bemalte er mit blauer Farbe, die Hände und die Ohren auch. Er sah aus, als wäre er vor acht Tagen bereits ersoffen. Der Herzog schrieb noch ein Schild: Kranker Araber - aber ungefährlich, wenn bei Sinnen.

Damit war Jim zufrieden, wenn er nur nicht wieder gefesselt würde. Sie meinten, wenn jemand sich der Hütte näherte, solle Jim ein wenig rumtoben, aus der Hütte rausbrüllen. Dann würden die Leute ausreißen und ihn in Ruhe lassen.

Die beiden Halunken wollten es dann noch einmal mit dem "Non plus Ultra" versuchen, weil damit am meisten Geld zu machen war. Sie mussten lange überlegen. Als ihnen nichts Konkretes einfiel, gingen sie ohne festen Plan in die nächste Ortschaft. Die Vorsehung würde ihnen schon den Weg weisen.

Wir mussten uns alle umziehen. Das machte ich gerne. Der König sah in dem schwarzen Zeug furchtbar fein aus. Kleider verändern Menschen so von Grund auf. Man konnte meinen, er käme direkt von der Arche Noah und hätte das dritte Buch Mose selber geschrieben. Jim machte das Kanu fertig. Wir ruderten ans Ufer. Es dauerte nicht lange, da sahen wir einen netten Bauern auf einem Baumstamm sitzen. Er hatte zwei Reisetaschen bei sich. Wir fragten ihn, ob wir ihm behilflich sein könnten. Er sagte, er wolle zum Dampfer nach New Orleans. Da nahmen wir ihn mit. Der König war voll in seinem Element; ich war diesmal Adolphus - der Diener!

Wir fuhren zu dritt wieder los. Der junge Bursche war sehr dankbar. Er fragte den König, wohin er reiste. Der erzählte, dass er einen Freund besuchen wolle auf seiner Farm. Der Bauer vermutete, dass der König ein gewisser Mr. Wilks wäre. Doch der König klärte ihn auf, dass er Reverend Alexander Blodgett wäre. Aber dieser Mr. Wilks täte ihm außerordentlich leid, vor allem wenn er etwas verlöre durch sein Zuspätkommen.

Der Bauer sagte: "Na, das Vermögen verliert er bestimmt nicht. Aber seinen Bruder kann er nicht mehr am Sterbebett sehen." Und er erzählte die gesamte Wilksche Familiengeschichte gleich dazu. Sehr tragische Geschichte; bis auf die vier Frauen, die noch in dem Haushalt lebten.

"Warum nehmen Sie an, dass dieser Harvey Wilks nicht kommt? Wo ist er zu Hause?"

"In England. Er ist Prediger und noch nie hier gewesen. Vielleicht hat er den Brief auch gar nicht bekommen."

Dann erzählte der junge Mann, dass New Orleans nur ein kurzer Stopp auf seiner langen Reise wäre. Am nächsten Mittwoch ginge es mit dem Schiff weiter nach Rio de Janeiro, wo sein Onkel lebe.

Der König fragte ihn nochmals über die Familie aus. "Sagen sie mal, ist Mary Jane die älteste Tochter?"

"Ja, sie ist neunzehn, Susan ist fünfzehn und Joanna - die mit der Hasenscharte - ist vierzehn. Aber Sie müssen sich keine Gedanken machen. Die Familie hat viele Freunde, die sich schon um alles kümmern werden."

Der Alte fragte immer weiter, bis nichts mehr aus dem jungen Mann rauszuholen war. Es gab nichts in dem Ort, über das er ihn nicht ausgefragt hätte. Er erfuhr noch, dass am nächsten Tag das Begräbnis dieses Peter Wilks sein sollte. Als wir den Dampfer erreichten, war er fast voll beladen und fuhr bald ab. Der König sagte kein Wort mehr von Mitfahren, so kam ich wieder um meine Dampferfahrt.

Ich ruderte noch eine Weile flussabwärts, bis zu einem einsamen Platz. Da ging er an Land und schickte mich, den Herzog und die zwei neuen Reisetaschen zu holen. Ich wusste, was er vorhatte, aber ich sagte nichts.

Als ich mit dem Herzog wieder an Ort und Stelle war, versteckten wir das Kanu und der König erzählte ihm alles haarklein. Er schloss ab mit den Worten: "Na, Bridgewater, liegt dir das Taubstumme?"

"Da bin ich am Besten drin!", erwiderte der. So warteten sie denn auf einen Dampfer. Sie nahmen uns ungern mit, weil wir nur ein kurzes Stück mitfahren wollten, aber der König setzte sich wieder forsch durch. Im Städtchen angekommen, fragte der König: "Kann mir einer von den Herren sagen, wo Mister Peter Wilks wohnt?"

Die Leute erklärten ihm, dass er zu spät käme. Da klappte der Halunke einfach zusammen, heulte und schluchzte. "Ach mein Gott, unser lieber Bruder!" Damit drehte er sich um und gab dem Herzog idiotische Zeichen mit der Hand. Dieser ließ die Reisetasche fallen und begann ebenfalls zu schluchzen.

Die Leute versammelten sich um die beiden und bemitleideten sie. Sie schleppten ihnen die Reisetaschen den Hügel rauf und erzählten dem König alles über die letzten Augenblicke seines (angeblichen) Bruders. Der König übersetzte dem Herzog alles per Handzeichen und sie stellten sich an, als hätten sie weiß Gott was verloren. Man konnte sich richtig schämen, wenn man das mit ansah!





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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