LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberrys Freunde wollen erben

In kurzer Zeit war die Neuigkeit in der ganzen Stadt herum. Bald waren wir alle mitten in einer Menschenmenge. Die Leute fragten: "Sind sie es?"

Und die Menge raunte: "Natürlich!"

Als wir am Haus ankamen, standen die drei Mädchen in der Haustür. Mary Jane hatte wirklich rote Haare und ihr Gesicht leuchtete vor lauter Freude darüber, dass ihre Onkels gekommen waren. Der König breitete die Arme aus und Mary Jane warf sich hinein. Das Mädchen mit der Hasenscharte warf sich dem Herzog in die Arme. Fast alle weinten vor Freude, dass sich nun alle gefunden hatten.

Dann bemerkten sie den Sarg, der in der Ecke auf zwei Stühlen stand. Sie umarmten sich wieder alle und ich habe vorher noch nie jemanden so weinen sehen. Der Boden war ganz nass von den Tränen. Schließlich schluchzte der König eine Rede runter, die er mit einem frommen Amen beendete. Dann sangen alle noch "Großer Gott wir loben dich"; mir wurde ganz warm ums Herz. Es war wie in einer richtigen Kirche. Das Lied klang richtig stark und ehrlich.

Der König lud die nächsten Freunde der Familie ein, mit ihnen Abend zu essen und bei den sterblichen Überresten des Toten zu wachen. Er nannte die Namen, die er unterwegs zufällig erfahren hatte.

Dann brachte Mary Jane den Brief, den ihr Onkel hinterlassen hatte und der König las ihn laut vor und weinte dabei. In dem Brief stand, dass er das Wohnhaus und dreitausend Dollar den Nichten vermachen würde. Die Gerberei, ein paar Häuser und Grundstücke die ungefähr siebentausend Dollar wert waren, und dreitausend Dollar in Gold sollten Harvey und William kriegen. Außerdem nannte er noch das Versteck des Geldes, nämlich unten im Keller.

Die beiden Betrüger gingen nach unten, ich musste eine Kerze mitnehmen. Wir machten die Kellertür hinter uns zu. Sie fanden das Gold gleich und ließen es mit leuchtenden Augen durch die Finger gleiten. Dann fingen sie an zu zählen. Als sie fertig waren, kamen vierhundertfünfzehn Dollar zu wenig raus. Sie ärgerten sich und suchten überall. Damit ihnen niemand etwas Schlechtes unterstellen konnte, legten sie das fehlende Geld aus eigener Kasse drauf.

Sie gingen nach oben und alle versammelten sich am Tisch. Der König schichtete das Geld in Häufchen zu je dreihundert Dollar auf. Es waren zwanzig Häufchen, auf die die Leute gierig guckten. Im Rahmen einer geschwollenen Rede verteilte er das Geld zwischen Mary Jane, Susan und Joanne auf. "Nehmt alles; es ist eine Gabe von dem der da liegt, kalt und tot, aber im Besitz der Seligkeit", endete sein Vortrag.

Unterdessen arbeitete sich ein Mann mit großen Kieferknochen durch die Menge. Er stand da und hörte und sah sich alles an. Der König war gerade mittendrin:

"… weil Sie besonders gute Freunde des Toten sind, deshalb haben wir Sie für heute Abend eingeladen. Die Begräbnisorgie soll öffentlich stattfinden."

Er quasselte weiter, denn er hörte sich gerne reden. Der Herzog steckte ihm einen Zettel zu mit den Worten: Es heißt nicht Orgie sondern Obsequien, du Esel! Der König lud nochmals alle zur Begräbnisfeier ein. Schließlich sagte er: "Ich sag nicht etwa Orgie, weil das der richtige Ausdruck ist. Obsequien wäre besser. Aber wir Engländer nennen das Orgie. Das Wort kommt aus dem Griechischen - Orgo, was so viel heißt wie "draußen" und "jiesumi" heißt mit Erde bedecken. Also sind Begräbnisorgien öffentliche Beerdigungen."

So etwas Unverschämtes hatte ich vorher noch nie gehört. Der Mann mit den großen Kieferknochen lachte ihn auch direkt aus und alle waren entsetzt. "Aber Herr Doktor!", sagte jeder. Sie erklärten ihm, dass dies doch Harvey Wilks wäre, der Bruder des Verstorbenen.

Der König streckte schon eifrig seine Pranke aus, da sagte der Doktor: "Fassen Sie mich nicht an!" Dann beschimpfte er ihn, dass er nie und nimmer Engländer wäre und Wilks Bruder wäre er schon gar nicht. Dann entlarvte er ihn als Betrüger.

Die Diskussion um die Glaubwürdigkeit der Halunken ging noch eine Weile hin und her. Bis Mary Jane dem Ganzen ein Ende bereitete. Sie nahm den Beutel mit den sechstausend Dollar und sagte: Hier, nimm das Geld und leg es für mich und meine Schwester so an, wie du es für richtig hältst. Eine Quittung brauchen wir nicht!"

Die Leute klatschten. Der König stand da mit stolz erhobenen Kopf und schwieg lächelnd. Der Doktor sagte: "Ich wasche meine Hände in Unschuld. Aber es wird eine Zeit kommen, da wird euch übel werden, wenn ihr an den heutigen Tag denkt!" Dann ging er weg.

"Klar, Doktor!", rief der König, "dann werden wir nach Ihnen schicken." Und alle lachten und sagten, es wäre eine anständige Parade gewesen.





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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