LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry schlängelt sich durch

Leise schlich ich an die Tür und lauschte. Die beiden Halunken schnarchten. Auf Zehenspitzen ging ich nach unten. Es war still. Ich guckte durch die Ritze in der Esszimmertür und sah, dass die Männer, die die Totenwache halten sollten, allesamt eingeschlafen waren. Die Verbindungstür zum Wohnzimmer, wo die Leiche lag, war offen und überall brannten Kerzen.

Die Haustür war verschlossen. Gerade als ich überlegte, was ich tun sollte, kam jemand die Treppe herunter. Ich konnte gerade noch ins Wohnzimmer flüchten. Ich versteckte den Beutel im Sarg, gleich daneben, wo die gefalteten Hände des Toten lagen. Sie waren so kalt, dass mir ein Schauer über den Rücken lief. Dann rannte ich aus dem Raum und versteckte mich hinter der Tür.

Es war Mary Jane, die ich kommen gehört hatte. Sie kniete leise vor dem Sarg nieder und weinte. Diesen Augenblick nutzte ich, um aus dem Zimmer rauszuschlüpfen. Ich ging wieder in mein Bett und ärgerte mich, dass die Geschichte so blöd gelaufen war. Obwohl ich mir so viel Mühe gegeben hatte.

Ich überlegte: Es wird so sein, dass sie das Geld finden, wenn sie den Sargdeckel anschrauben. Dann bekommt es der König zurück und das wars. Am liebsten wäre ich wieder runtergeschlichen und hätte das Geld herausgeholt. Aber dazu fehlte mir der Mut. Wenn ich dann mit den sechstausend geschnappt würde… Mit so einer Sache wollte ich nichts zu tun haben.

Am nächsten Morgen strömten die Leute ins Wohnzimmer. Die beiden Gauner und die Mädchen setzten sich in die vorderste Reihe am Kopfende des Sarges und ließen die Leute im Gänsemarsch vorbeimarschieren. Die Leute weinten und es war alles sehr feierlich. Dann kam der Leichenbestatter ins Zimmer und legte letzte Hand an. Eine Frau bearbeitete das geliehene Harmonium. Was da rauskam war schrill und kreischend. Zum Glück musste der tote Peter das nicht mehr hören.

Der Pastor begann langsam und feierlich zu reden. Danach gab der König den üblichen Unsinn zum Besten. Schließlich ging der Leichenbestatter mit einem großen Schraubenzieher zum Sarg. Er schob nur den Deckel drüber und schraubte ihn fest. Da stand ich nun! Ich wusste nicht, ob das Geld noch drin war oder nicht.

Ich hatte die Sache besser machen wollen und nun war sie hundertmal schlimmer. Mein Gott, hätte ich nur die Finger von dem Geld gelassen. Peter wurde begraben und wir kamen bald zurück. Ängstlich guckte ich in die Gesichter. Aber niemand schien was bemerkt zu haben.

Der König schmeichelte sich weiterhin ein und am Abend sagte er, dass sie die Mädchen selbstverständlich nach England mitnehmen würden. Die Mädchen waren Feuer und Flamme. Sie sagten, er sollte alles so rasch als möglich verkaufen, dann wären sie reisefertig. Die armen Dinger waren froh und glücklich, dass mir das Herz wehtat. Wenn ich daran dachte, wie sie belogen und betrogen wurden…

Tatsächlich ließ der König das Haus und die Neger, überhaupt allen Besitz zur öffentlichen Versteigerung ausschreiben. Wer wollte, konnte schon vorher privat kaufen.

Am Tag nach der Beerdigung kaufte der erste Sklavenhändler einige Neger; allerdings gegen einen Wechsel. Die Mutter musste nach New Orleans, die beiden Söhne nach Memphis. Ich dachte, den armen Mädchen und den Negern würde das Herz brechen. Sie weinten vor Trennungsschmerz. Und wenn ich nicht gewusst hätte, dass der Handel nicht rechtsgültig war, dann hätte ich den Mund aufgemacht. Aber die Neger würden in spätestens zwei Wochen wieder nach Hause zurückkommen.

Den beiden Gaunern schadete diese Aktion gewaltig. Weder die Mädchen noch die Leute konnten das radikale Vorgehen verstehen.

Am nächsten Tag war die Auktion. Bereits vor Sonnenaufgang kamen König und Herzog in meine Kammer. Sie wollten wissen, ob ich je in ihrem Zimmer gewesen wäre. Natürlich verneinte ich. Dann fügte ich noch hinzu, dass ich mal gesehen hätte, wie die Neger reingegangen wären. Am Tag der Beerdigung. Die beiden Gauner wurden ganz aufgeregt. Ich erzählte, dass ich geglaubt hatte, sie hätten das Zimmer frisch gemacht. Ein bisschen eingeschüchtert fragte ich: "Ist was schief gelaufen?"

Der König brüllte los: "Das geht dich nichts an. Halt dein Maul und kümmere dich um deine Angelegenheiten!" Als sie die Treppe hinuntergingen, sagte der Herzog höhnisch: "Schnelles Geschäft und kleiner Profit, was!" Der König schimpfte sofort zurück. Dann drehte er sich um und machte mich runter, weil ich das mit den Negern nicht sofort gemeldet hätte. Dann gingen sie weg.

Ich war heilfroh, dass ich alles auf die Neger abgewälzt hatte. Denen konnte jetzt ja nichts mehr passieren.





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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