LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry und Mary Jane

Allmählich wurde es Zeit zum Aufstehen. Als ich die Treppen runterkletterte kam ich am Zimmer der Mädchen vorbei. Mary Jane hockte vor ihrem alten Koffer und packte ihre Sachen. Sie machte sich fertig für die Reise nach England. Sie hielt gerade ein zusammengelegtes Kleid auf ihrem Schoß und weinte. Mir war hundeelend bei diesem Anblick.

Ich ging ins Zimmer und fragte, was los wäre. Sie sagte es mir. Sie weinte wegen der Neger. Die Reise nach England wäre ihr ganz verleidet, wo sie doch wüsste, dass die Negermutter ihre Söhne nie wieder sehen würde. Sie weinte jetzt noch heftiger, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und rief: "Ach, wenn ich daran denke, dass sie sich nie mehr wieder sehen werden!"

"Aber sie werden sich wieder sehen. Das weiß ich sicher." Oh je, jetzt war es mir rausgerutscht. Nun saß ich in der Patsche. Ich bat sie, sie solle mich schnell mal nachdenken lassen. Sie setzte sich, war aufgeregt und wirkte wieder glücklich und erleichtert. Dabei kam es mir vor, als würde ich auf einem Pulverfass sitzen. Ich überlegte mir die Sache gründlich und beschloss, die Wahrheit zu sagen.

"Miss Mary Jane, kennen Sie jemanden draußen vor der Stadt, zu dem sie drei oder vier Tage gehen könnten?"

"Ja, zu den Lothrops. Aber weshalb?"

"Fragen Sie nicht weshalb. Aber ich verspreche Ihnen, dass die Neger sich in spätestens vierzehn Tagen wieder sehen. Wenn ich Ihnen erzähle, woher ich das weiß, wollen Sie dann zu den Lopthrops gehen und vier Tage da bleiben?"

"Aber ja. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Ich würde auch ein Jahr bleiben!"

"Schön. Ihr Wort ist mir mehr wert als wenn andere Leute auf die Bibel schwören."

Sie lächelte und wurde rot. Ich machte die Tür zu, zur Sicherheit. Dann bat ich sie, nicht zu schreien oder laut zu sein. "Tragen Sie es wie ein Mann!", sagte ich und erzählte ihr die ganze Wahrheit über die angeblichen Onkels und das versteckte Geld.

Sie trug es mit Fassung. Trotzdem sprang sie auf und schrie: "Diese Schufte! Rasch, wir dürfen keine Minute verlieren. Wir wollen sie teeren und federn und dann in den Fluss werfen!"

"Ja, ich verstehe. Aber wollen Sie nicht erst einige Tage zu den Lothrops? Ich muss nämlich noch einige Tage mit den Halunken reisen. Wenn wir die ganze Stadt auf sie hetzen, dann wäre ich sie los. Das wäre zwar gut für mich aber es gibt da noch eine andere Person, die würde dadurch furchtbar in Not geraten."

"Und die müssen wir retten?"

"Selbstverständlich." Während ich so sprach, hatte ich eine gute Idee. Ich wusste jetzt, wie Jim und ich die Gauner loswerden konnten. Wenn man sie hier ins Gefängnis werfen würde, dann hätten wir genug Vorsprung mit dem Floß.

Ich erklärte Miss Mary Jane, dass sie nur bis am Abend bei den Lothrops bleiben müsse. Sie solle sich so um halb zehn nach Hause bringen lassen, dann eine Kerze ans Fenster stellen und bis elf Uhr warten. "Wenn ich bis dahin noch nicht zurück bin, befinde ich mich in Sicherheit. Und dann müssen sie überall die Wahrheit erzählen und lassen die Gauner ins Gefängnis werfen."

"Gut, das werde ich tun."

"Wenn ich aber nicht abhauen kann und mit den Kerlen erwischt werde. Dann müssen Sie sagen, dass ich Ihnen die ganze Sache vorher erzählt habe. Sie müssen mir dann helfen."

"Natürlich werde ich dir helfen", sagte sie. Ihre Nasenflügel zuckten dabei und ihre Augen funkelten.

"Ich muss dringend beweisen, dass diese Halunken nicht Ihre Onkels sind." Dazu erzählte ich die Geschichte von der Theatervorstellung in Bricksville "Das Königliche Non plus ultra". Ich schrieb es ihr auf einen Zettel und sagte, dass wenn das Gericht Beweise bräuchte, müssten sie nur einen Boten in diese Stadt schicken. Die Leute dort wären sehr wütend auf die beiden Halunken.

Ich empfahl ihr, die Versteigerung ruhig stattfinden zu lassen. So lange würden die Kerle bestimmt in der Gegend bleiben. Erst wenn sie das Geld hätten, dann… Aber sie werden es nicht bekommen, denn der ganze Verkauf ist ungültig. Es ist dasselbe wie mit den Negern, die werden auch bald wieder kommen. Nicht mal das Geld für die Schwarzen können sie bei der Bank einlösen. Sie sitzen ganz schön in der Klemme.

Dann fragte Mary Jane noch nach dem Geldbeutel. Sie bereute es sehr, wie sie den beiden Halunken das Geld geradezu geschenkt hatte. Doch ich konnte sie beruhigen. "Ich habe ihn versteckt, aber ich kann nicht sagen wo."

Sie bat mich, es auf einen Zettel zu schreiben, was ich auch tat: Ich habe ihn in den Sarg gelegt. Er lag schon drin, wie Sie in der Nacht dort geweint haben." Ich faltete den Zettel zusammen und gab ihn ihr. Wir schüttelten uns kräftig die Hand, ihre Augen wurden feucht und dann war sie auch schon fort.

Susan und Joanna erklärte ich, dass ihre Schwester zu kranken Leuten gerufen wurde, deren Namen ich vergessen hatte. "Ich glaube, dass es nur einige Stunden dauern wird.", beruhigte ich die beiden.

Zur Versteigerung wird sie sicher wieder da sein. Am gleichen Nachmittag fand dann die Versteigerung statt und sie wollte gar kein Ende nehmen. Schließlich war alles verkauft, bis auf einen kleinen Platz auf dem Kirchhof. Aber auch den wollten die beiden Halunken noch verscherbeln. Der König war so raffsüchtig.

Während sie noch feilschten, legte ein Dampfer an und eine Menge Menschen kamen schreiend und johlend die Straße rauf: "Hier kommt die Konkurrenz. Die zweite Garnitur der Erben vom alten Peter Wilks!"





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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